Kampfzone Straße – Zuckerbrot und Peitsche

26. April 2012 1

Buchvorstellung in Neukölln mit Karlheinz Gaertner und Fadi Saad

Buchvorstellung in der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln – Bild: Michael Leh

Am Neuköllner Himmel haben sich an diesem Donnerstagabend graue, schwere Wolken zusammengezogen. Schwül-warme Luft hängt in der Aula der Rütli-Schule im Norden Neuköllns. An die 220 Menschen drängen sich in den völlig überfüllten Raum. Das LKA und ein Mann mit langem, dunklem Bart sorgen für die Sicherheit. Im Publikum sitzen Jugendarbeiter, Lehrer, Polizisten und junge Mädchen mit Kopftüchern.

Seit Tagen ist diese Veranstaltung ausgebucht, schrieb der Tagesspiegel-Journalist und heutige Moderator, Gerd Nowakowski. Vorgestellt wird hier ein Buch, dessen Autoren kaum unterschiedlichere Lebensläufe haben können:

Auf der einen Seite sitzt Karlheinz Gaertner, seit Jahrzehnten Polizist, auf der anderen Seite Fadi Saad. Er hatte sich mit Messern bewaffnet, stand vor Gericht und endete im Jugendarrest. Erst dieses Erlebnis, wird er später sagen, habe ihn auf die richtige Spur geleitet. Der Familienvater arbeitet heute als Streetworker im Berliner Problembezirk Wedding. Gemeinsam wollen die beiden Lösungsansätze gegen Jugendgewalt liefern.

Heinz Buschkowsky, seines Zeichens Bürgermeister von Neukölln (SPD), kommt gerade von einer Veranstaltung, die er nur kopfschüttelnd verlassen konnte, sagt er in seiner Eröffnungsrede. Thema war das Problem der Armutswanderung aus südosteuropäischen Staaten. Es fehlte bei Veranstaltungsteilnehmern an der Fähigkeit, überhaupt erst Probleme einzugestehen. Genau das aber haben die beiden Autoren getan. Ihr Buch beschäftigt sich mit der Gewalt, die in Städten entsteht, die sich selbst überlassen werden.

Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Religionen, unterschiedlicher Wertvorstellungen, unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Bildungsstände zusammen träfen, das sei die Keimzelle für Probleme, sagt Buschkowsky. Die Gesellschaft zieht sich in eine beobachtende Rolle zurück und fragt sich nach Jahren der Fehlentwicklung, wie das passieren konnte. Doch ohne die Fähigkeit, sich Probleme einzugestehen, muss man auch keine Lösung liefern, sagt der wohl bekannteste Bezirksbürgermeister Deutschlands in dem über 100 Jahre alten Gebäude.

Die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig habe gegen solche Zustände aufbegehrt, so wie die beiden Autoren, die jetzt an seiner Seite sitzen. Sie würden ihren Beitrag dazu leisten, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlicher Religionen und unterschiedlicher Bildungsstände in Frieden zusammenleben könnten.

Die Rütli-Schule sei der Beweis, dass die Anstrengungen einer intervenierenden und lenkenden Gesellschaft Änderung herbeiführen können. Noch vor einigen Jahren war hier kein Abschluss der häufigste Schulabschluss. Im vergangenen Jahr verließen nur noch zwei Schüler die Schule ohne einen solchen. Von den 120 Schulabgängern haben im vergangenen Jahr immerhin 35 die Berechtigung erhalten, die gymnasiale Oberstufe zu besuchen. Auch das in Nord-Neukölln gelegene Albert-Schweizer-Gymnasium sei mittlerweile sehr begehrt bei Eltern und Schülern. Es gebe bereits Wartelisten. Diese Entwicklung habe es nicht umsonst gegeben, warnt Buschkowsky. 220.000 Euro kosten die Maßnahmen jährlich. Oder anders gerechnet, sagt er, fünf Knastplätze.

Zum Ende richtet er einen leidenschaftlichen Appell an die Jugendlichen im Raum: Die Gesellschaft bietet einen Raum und eine Chance für die jungen Menschen aus Neukölln. Ein gelungenes Beispiel sei Fadi Saad, der auf dem Podium sitzt.

Gaertner liest aus seinem Buch vor, das es in dem kleinen Vorraum zu kaufen gibt. Bis zu viermal täglich setzen Jugendliche und Kinder in Neukölln ein Messer bei Straftaten ein. Zugestochen wird selbst dann noch, wenn beispielsweise die abgezogene Jacke erbeutet ist. Die Motive seien eine gewisse Gruppendynamik oder einfach das Verlangen nach einem Machtgefühl. Wirtschaftliche Gründe spielen seltener eine Rolle, betont Gaertner.

Die Justiz, kritisiert Gaertner, greife nicht hart genug durch. Er schildert einen Fall: Zwei türkischstämmige Männer verlangten in der Notaufnahme eines Neuköllner Krankenhauses sofort von einem Arzt wegen ihrer Kopfschmerzen behandelt zu werden. Eine Krankenschwester erläuterte freundlich, dass zunächst die Patienten behandelt werden, die schon am längsten warten. Daraufhin setzten die beiden Männer zu übelsten verbalen Ausfällen an.

Ein Krankenpfleger wurde auf die Situation aufmerksam, mischte sich ein. Einer der beiden Männer zog daraufhin ein Messer, stach dem Krankenpfleger in den Rücken. Auch als dieser am Boden lag, traten die beiden weiter auf ihn ein. Das Opfer verbrachte mehrere Wochen auf der Intensivstation. Die beiden Täter waren nach vier Stunden ihrer polizeilichen Vernehmung bereits auf freiem Fuß. Die Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Tiergarten fand erst anderthalb Jahre später statt. Nachdem einer der Angeklagten sich ordnungswidrig von der Hauptverhandlung entfernte, erließ der Vorsitzende Richter einen Haftbefehl. Gaertner schüttelt den Kopf. Für die Stiche und Tritte gab es keinen Haftbefehl, aber das Fernbleiben von einer Hauptverhandlung sei ein ausreichender Grund für einen Haftbefehl und Untersuchungshaft.

Fadi Saad, einer der beiden Autoren – Bild: Michael Leh

Auch sogenannte Experten – wie Politiker und Kriminologen – kritisiert Gaertner: Sie würden Fakten nennen, die nur bestätigen, dass Probleme bestehen – gelegentlich liefern sie auch Erklärungsansätze. Selten aber Lösungen. Deswegen mahnen die beiden Autoren eine engere Vernetzung von Behörden, und Eltern an, auch die Jugendlichen müssten mit einbezogen werden. Allerdings stellen die beiden ebenso fest, dass Patentrezepte nicht vorhanden seien, weil nicht alle Jugendlichen gleich sind. Von der Politik fordern die Autoren ein generelles Waffen-, zumindest aber ein Messerverbot. Saad betont aber, dass seine Jungs ganz gut wissen würden, was für Messer sie haben dürfen, und welche nicht. Feststehende Klinge sei allen Jungs auf der Straße ein Begriff. In ihrem Buch schlagen Gaertner und Saad ferner kleinere Klassengrößen vor, um die individuelle Betreuung zu verbessern.

Die beiden können allerdings bisher nur auf eine negative Bilanz zurückblicken: Die Zahl der brutalen Taten hat stetig zugenommen, sagt Gaertner. Das Intensivtäterprogramm – bei dem ein Polizist und ein Staatsanwalt dauerhaft für denselben Täter verantwortlich sind – reicht dabei noch nicht aus. Es sei noch viel mehr nötig. Gaertner kritisiert vor allem den scharfen Datenschutz. So könne er über Facebook mehr über den Täter herausfinden, als über das polizeieigene System.

Saad weist auf die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe: So gäbe es im arabischen nicht das Siezen, und auch das Bitte so wie wir es kennen, gebe es im arabischen Sprachraum nicht. Deshalb schlage er immer vor, Jugendliche, die wie Männer auftreten, auch als solche zu behandeln.

Eine Lehrerin aus dem Publikum widerspricht. Selbst Schüler haben sie dazu aufgefordert, auch einmal im Unterricht, wenn es nicht mehr anders geht, zu brüllen. Doch sie möchte das nicht. Schüler, die sie einmal an der Schulter gezogen hat, um sie zu einem Gespräch zu leiten, drohten ihr mit einer Anklage. Einer Kollegin sei es bereits passiert, dass die Eltern eines Schülers zum Anwalt gegangen sind. Saad fordert sie auf, die Schüler anfangs anzubrüllen, denn die würden von zu Hause nichts anderes kennen. Sie müsste die Schüler dort abholen, aber mit der Zeit zeigen, dass das nicht der richtige Weg ist. Höflichkeit, erläutert Saad, gilt bei den Berliner Arabern als Schwäche. Nur wer laut und stark ist, verdient Respekt. Auch müsse den Jugendlichen das Machogehabe ausgetrieben werden, es bringt zwar hübsche Mädchen, aber keinen Abschluss, sagt Saad.

Gaertner wiederum verlangt, dass Jugendliche viel schneller angesprochen werden. „Das Gutmenschentum“, wie er sagt, dürfe nicht so lange fortgeführt werden, bis der Jugendliche ins Wasser gefallen sei. So ginge er immer wieder sprachlos aus Schulkonferenzen. So forderten die Eltern von Schülern auch nach zwei- oder dreijähriger Betreuung weitergehende Betreuung, auch wenn das in der Vergangenheit nicht gewirkt habe. Zwei bis drei Schüler seien in jeder Klasse ohnehin nicht beschulbar. Gaertner fordert diese zusammenzufassen in ein bisschen geschlosseneren Einrichtungen.

Über Neukölln haben sich mittlerweile die Wolken noch dichter zusammengezogen. Vor der Schule stehen zwei Polizisten, die die Veranstaltung schützen sollen. Blaulicht ist in einer Seiten Straße zu sehen. Außerhalb der Rütli-Schule ging der Neuköllner Alltag unterdessen weiter. Ob die Forderungen der beiden in der Realität ankommen werden, weiß noch niemand. Es liefert aber gute Denkanstöße, die aus der Realität zweier Männer stammen, die unsere Gesellschaft hoffentlich verändern.

Karlheinz Gaertner, Fadi Saad (2012): Kampfzone Straße. Jugendliche Gewalttäter jetzt stoppen. Freiburg: Herder, 220 Seiten, 14,99 Euro.

Publikum bei der Buchvorstellung in Neukölln – Bild: Michael Leh

One Comment »

  1. Stefan Wehmeier 27. April 2012 at 17:00 - Reply

    Grundvoraussetzung, um überhaupt – sofern es das menschliche Zusammenleben im weitesten Sinne betrifft – mit dem Denken anfangen zu können, ist die Auferstehung aus der religiösen Verblendung – der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation:

    http://www.juengstes-gericht.net

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