Sieben Mülltonnen für Fukushima

18. April 2012 2

Rezension: Alexander Neubachers: Ökofimmel verfehlt das Ziel

Berliner Hofidyll: Deutsche Mülltrennung als kollektive Psychotherapie? – Bild: Monti Arendt

Es hätte ein wirklich gutes Buch werden können. Ein wichtiges noch dazu. Was sich Deutschland als wichtigster Industriestaat Europas an grünlinkem Schwachsinn leistet, der, in immer neue Gesetze und Verordnungen gegossen, das Volk drangsaliert und zu den absurdesten Verrenkungen zwingt, geht auf keine (Bio-)Kuhhaut. Hohe Zeit also für ein Stück Aufklärung im Wortsinne. Ein Buch, welches die Fakten zum Thema Ökowahnsinn gnadenlos aufdeckt, nicht von Maxeiner und Miersch, noch dazu vom Spiegel verlegt – die nahezu günstigsten Voraussetzungen, auf die der Autor hier traf. Allein, er hat sie nicht genutzt.

Man muß kein Naturwissenschaftler in der Teilchenforschung sein, um den prominentesten Mangel des vorliegenden Werkes schon auf den ersten drei Seiten zu erfassen: Autor Neubacher kommt auf immerhin 270 Seiten ohne eine einzige Fußnote, Zitierung oder Quellenangabe aus. Zwar gibt es am Ende sechs Seiten „Literatur“, doch weiß der Leser nicht, ob das eine Empfehlung zur weiteren Lektüre, eine Sammlung von Schriften zum Thema, oder eben (was zu vermute ist) die Quellen seiner Niederschrift sind. Unter diesem Mangel an wissenschaftlicher Genauigkeit und Sorgfalt leidet das Buch, und es wird konsequenterweise durch diese komplette Abwesenheit von Faktenbelegen angreifbar.

Dabei hat sich Neubacher viel Mühe gemacht. Er nimmt den Leser mit auf eine ausladende Tour d’Horizon durch das Jammertal der deutschen Umweltideologie. In wirklich gut lesbarem Stil beschreibt er die bisweilen kafkaesken Rituale, die wir abzuhalten genötigt werden; angefangen bei Themen wie Mülltrennung, Wassersparen und Energiesparleuchten, weiter über komplexere Aspekte wie etwa Gentechnologie oder DDT-Verbote bis hin zu wirklich existentiell wichtigen Bereichen wie der Kernenergie oder dem sogenannten Klimaschutz. Doch leider bricht das Buch genau bei diesen Themen ein.

Im Grunde bildet der Kampf gegen den Klimawandel den Rahmen für all das, was in Deutschland unter dem Deckmantel des Umweltschutzes an ideologischer Drangsalierung der Bürger betrieben wird. Und Neubacher zählt wie erwähnt sehr umfassend so gut wie alle Folterwerkzeuge auf, die zu diesem Zweck eingesetzt werden. Aber er schafft es nicht, den Bogen zu schlagen zur eigentlich auf der Hand liegenden Erkenntnis: Dass das Ganze ein System hat und auf nicht mehr oder weniger hinausläuft, als das Ziel, unsere Gesellschaft unter der Führung einer selbsternannten Öko-Elite zu transformieren, hin zu einer grünen Planwirtschaft, die sich von Fortschritt und Entwicklung in nahezu allen relevanten Bereichen der modernen Welt verabschiedet.

Dabei bekommen im Buch selbst die Protagonisten dieser Öko-Elite ihr Fett weg, so etwa Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung – einer der schlimmsten grünen Ideologen, die in Deutschland an den Hebeln der (Meinungs-)Macht sitzen. Aber im Grunde ist es nur ein heiseres Anbellen, was der Autor sich hier traut, und das wird ganz und gar offensichtlich, wenn er sich im zweiten Teil des Buches an das sogenannte Klimaparadoxon macht.

Bauchlandung beim Klimawandel

Beim Lesen des Kapitels, welches diesen Teil des Buches eröffnet, versteht der Leser, warum Neubacher keine Quellenangaben macht. In einem einzigen Absatz schreibt er eine derartige Häufung von völlig unbewiesenen und teilweise unwahren Behauptungen nieder, dass einem die Haare zu Berge stehen. Beispiele gefällig? „Nach Ansicht der Fachleute besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Industrialisierung, der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre und der Erderwärmung.“ (unbewiesene, weil nur auf computergestützten Annahmen beruhende Szenarien). „Unstrittig ist auch, dass es auf der Erde wärmer wird“ (falsch: Das Gegenteil ist der Fall, seit mindestens 10 Jahren wird es kälter). „Die Gletscher in den Alpen sind im Vergleich zum Jahr 1900 um etwa ein Drittel geschrumpft“ (völlig sinnfreie Argumentation: je nachdem, wie weit man in der Zeit zurückgeht, werden die Gletscher weniger oder mehr; außerdem beträgt der Anteil der Alpengletscher nur einen winzigen Bruchteil der weltweiten Gletscher). Zu diesem letzten Aspekt nur ein kurzer Ausflug in das an Quellen überreiche Internet:

Weltweite Verteilung der Gletscher und Eisbedeckungen, Quelle siehe Artikelende

Weiter geht es mit haltlosen und größtenteils widerlegten Behauptungen, etwa über den Anstieg der Meeresspiegel (keine belegbare Veränderung zum vorindustriellen Zeitalter), wie etwa dieser Graph zeigt:

Meeresspiegel-Anstieg in der Deutschen Bucht seit 1840, Quelle siehe Artikelende

Das Ganze verliert jede Seriosität, wenn Neubacher dieses einleitende Kapitel mit Sätzen wie „Die Experten haben ausgerechnet…“ abschließt, ohne selbige auch nur ansatzweise zu nennen. Ein sicherer Indikator für Voodoo-Wissenschaft, wie jeder halbwegs informierte Bürger weiß, der schon einmal die Alpecin-Werbung gesehen hat („In der Tat….“)

Offenbar ist der Autor der Überzeugung, daß das Märchen von der anthropogenen Klimaerwärmung wahr ist, weshalb er erstens Leute wie Rahmstorf schont und zweitens dem Leser klarzumachen versucht, dass wir zwar viele unsinnige Dinge tun, aber eigentlich trotzdem irgendwie das Klima schützen müßten. Dazu verfaßt er eine endlos erscheinende Philippika über den vollkommen irrsinnigen Cap-and-Trade CO2-Zertifikate-Handel und gibt sich größte Mühe, ein Modell für diese verrückte planwirtschaftliche Subventionierung von mafiösen Strukturen auf dem Zertifikatemarkt zu entwerfen, das irgendwie fairer und effektiver wäre – anstatt den ganzen Blödsinn schlicht und ergreifend zu verwerfen und seine Abschaffung zu fordern, was der einzig wirklich durchdachte Lösungsansatz wäre. Auch wenn man dem Autor zugutehalten muss, dass er auf die haarsträubenden Machenschaften des Weltklimarates IPCC aufmerksam macht, bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn er schreibt: „Der Emissionsrechtehandel ist eine gute Idee.“ Tut mir leid, Herr Neubacher, das ist er nicht.

Einen weiteren kapitalen Bock schießt Neubacher beim Thema Atomkraft. Wäre man besonders spitzfindig, so würde man schon kritisieren, dass er nicht Kernkraft schreibt, was der korrekte technische Terminus für die Gewinnung von elektrischem Strom aus der Kernspaltung wäre – in Kernkraftwerken werden nun mal keine Atome gespalten. Aber genug der Abschweifung. Der Ausstieg aus der Kernkraft im Rahmen der merkelschen Energiewende ist, und auch das schreibt Neubacher zutreffend, mehr als nur ein Abenteuer. In seinem Buch werden mehrere ausgesprochen kritische Stimmen aus berufenem Munde zitiert (leider wieder ohne Quellenangaben), die auf die Gefahren dieses Hasardeurstücks hinweisen. Neubacher bleibt aber insgesamt seiner schon beim Klimawandel begonnenen Linie treu: Das was wir in Deutschland im Zuge der Energiewende machen, ist zwar gefährlich bis unsinnig (z.B. bei Solar- und Windenergie, die Neubacher zu Recht als wirkungs- bzw. nutzlos beschreibt), aber irgendwas müssen wir uns einfallen lassen, damit wir vom Atom loskommen. Seiner Meinung nach sei nämlich seit Fukushima klar, dass Kernkraftwerke keine Zukunft hätten. Auweia.

Er schreibt tatsächlich, dass in Fukushima vor einem Jahr eine Atomkatastrophe passiert sei, die weite Teile des Landes auf Jahre unbewohnbar gemacht hätte. Da hätte der Herr Neubacher besser mal die Realität gecheckt. In dieser nämlich, also in der richtigen Welt, gab es in Fukushima ein See- und Erdbeben, gefolgt von einem Tsunami, der Zehntausende das Leben kostete. In der Folge dieser Naturkatastrophen havarierten mehrere Kernkraftwerke, wie wir alle wissen. In keinem der betroffenen Reaktoren jedoch fand eine komplette Kernschmelze statt (also gab es auch keinen GAU), aus keinem der Reaktoren traten signifikant gefährliche Strahlungsmengen aus, keine der Havarien forderte auch nur ein einziges Menschenleben, außer der direkten Umgebung der Reaktoren ist kein Teil des Landes mehr gesperrt. Wenn Fukushima eines gezeigt hat, dann dies: Selbst unter katastrophalsten Bedingungen ist ein Kernreaktor beherrschbar, und zwar aufgrund der Tatsache, daß die verantwortlichen Ingenieure entsprechende Notfallpläne haben und selbst bei deren Versagen in der Lage sind, flexibel und kreativ zu reagieren. Fukushima taugt daher erstens nicht als Fanal, und es taugt schon gar nicht als Begründung für den Ausstieg aus der Kernkraft in Deutschland, wo es bisher noch keinen einzigen Tsunami gab, auch nicht in Baden-Württemberg.

Selbst dann, wenn der Autor ins europäische Nachbarland Frankreich (oder Tschechien, oder Polen) blickt und feststellt, dass die ganze Welt (außer Deutschland) weiterhin auf Kernkraft (Neubacher schreibt konsequent Atomkraft) baut, so wird der Leser das Gefühl nicht los, daß er dies mit einer gewissen beleidigten Frustration tut: Die Welt will wieder mal nicht auf uns hören. Dabei müssen wir doch das Klima retten!

So bleibt der Leser etwas verwirrt zurück und denkt, dass der komprimierte deutsche Öko-Wahnsinn zwar irgendwie blöd und nervig ist, aber mangels tauglicher Alternativen ja schließlich irgendwas getan werden muß, damit den putzigen Eisbärchen nicht die Eisschollen unter den Patschetatzen wegtauen. Das Buch hätte gut daran getan, mehr Augenmerk auf den Faktor zu legen, der bis zum heutigen Tag der eigentliche Grund dafür ist, daß es der Menschheit immer besser geht, es immer weniger Hungernde gibt und die Lebenserwartung weltweit stetig steigt: Der menschliche Erfindungsgeist und Forscherdrang – das Ingenium.

Aber im Ziehen solcher Schlüsse sind dann wohl Wissenschaftler die Besseren. Von denen blieben wir auch vom üblen Nachgeschmack verschont, der sich beim Lesen von Neubachers Buch einstellt, und der zumindest beim Rezensenten darin begründet ist, dass er sich oft an einen typischen linken Kommentar zum Untergang der DDR erinnert fühlte: Der Sozialismus ist eigentlich eine gute Idee, sie wurde bisher nur noch nicht richtig umgesetzt.

Alexander Neubacher (2012): Ökofimmel. Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten. DVA, 272 Seiten, 19,99 Euro.

Bildquellen:

  • Weltweite Verteilung der Gletscher und Eisbedeckungen: Dyurgerov, M.B., und M.F. Meier: Mass balance of mountain and subpolar glaciers: a new global assessment for 1961-1990, 1997, Arctic and Alpine Research 29 (4): 379-391.8 Dyurgerov, M.B., und M.F. Meier: Mass balance of mountain and subpolar glaciers: a new global assessment for 1961-1990, 1997, Arctic and Alpine Research 29 (4): 379-391.
  • Meeresspiegel-Anstieg in der Deutschen Bucht seit 1840: REKLIM, Unser Klima, 2011, S. 9, Polynom ergänzt durch K.E. Puls

2 Comments »

  1. Konrad Fischer 1. Juli 2012 at 13:37 - Reply

    Glänzende Analyse! Präzise und den verschwurbelten Schmonz in ökoerweichten Hirnen schnittig sezierend. Ja, wer solche Freunde wie den Autoren hat, braucht keine Feinde. Warum müssen wir inzwischen Tag und Nacht an Heine denken?

    Jeder weiß es.

    Konrad Fischer
    Ökoketzer

  2. Utz Bahm 29. Januar 2014 at 20:50 - Reply

    Ich fand das Buch v. Neubacher erleuchtend und bin nicht mit der Rezesion zufrieden. Fehlende Nachweise sind kein Argument eine ausgesprochen Meinung abschlägig zu bewerten.

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