In die Trauer mischen sich Vorurteile

13. April 2012 0

Nach einer Schießerei in Berlin Neukölln wissen nur die Türken, wer schuld ist

Der Tatort im Süden Neuköllns ist zu einem Ort der Trauer geworden. Unter die Trauer mischen sich Vorurteile und Vorverurteilungen. Trauernde sprechen davon, dass das Tatmotiv Rassismus gewesen sein soll. Die Polizei hat dies nicht bestätigen können – Bild: Ehssan Khazaeli

Es ist nur wenige Tage her. In den frühen Morgenstunden des Gründonnerstags schoss ein bisher Unbekannter auf eine Gruppe junger Männer, die gegenüber dem Krankenhaus Neukölln standen. Ein 22-jähriger junger Mann starb kurze Zeit später im Krankenhaus. Er hatte einen türkischen Migrationshintergrund – was zunächst nebensächlich erscheinen mag.

Doch der mittelgroße Baum vor der Rudower Straße 51 ist mittlerweile zu einem Ort der Trauer, der Angst, aber auch der Vorurteile geworden. An dem Baum hängt eine türkische Fahne. Freunde des Ermordeten sollen bereits Rache angedroht haben. Erste Reporter, die am Tatort erschienen sollen nach einer Meldung der Nachrichtenagentur dapd beschimpft und mit Steinen beworfen worden sein.

Bild: Ehssan Khazaeli

Wie bei dem jungen Mann, der im Norden Neuköllns durch einen Messerstich zu Tode kam, entlädt sich neben der Trauer auch der Hass. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen den mutmaßlichen Täter keinen Haftbefehl beantragt, weil sie davon ausging, die Tat sei durch Notwehr gerechtfertigt gewesen. Der Hass schlug der Staatsanwaltschaft und pauschal „dem deutschen Unrechtsstaat“ entgegen. Radikale Islamisten versuchten die Deutungshoheit über die Situation zu erlangen, wie der Neuköllner Integrationsbeauftragte sagte.

Obwohl bisher nur wenige Ermittlungsansätze zu dem Täter der Schießerei vor dem Neuköllner Krankenhaus vorliegen (1,80 m groß, schwarz-grüner Kapuzenpullover, über 50 Jahre alt) und noch viel weniger zu seinen Motiven, scheint die türkische Gemeinschaft in Neukölln bereits den Täter ausfindig gemacht zu haben: „Hört auf, gegen die Türken zu hetzen“, steht auf einem der großen Plakat an einem Laternenmast. „Eine Frau mit Kopftuch“ sagt dem Berliner Tagesspiegel: „Hinter dieser brutalen Tat steckt eine Ideologie.“ Um welche Ideologie es sich dabei handelt, sagt sie nicht. Auch nicht, dass die Polizei nach eigenen Angaben in alle Richtungen ermittelt. Seien es ehemalige Beziehungen des Toten, Neonazis oder ein Psychopath.

Bisher hat sich zum Glück aber noch nicht der türkischen Ministerpräsident Erdogan in die Trauer eingemischt, indem er etwa Rechenschaft für jeden vergossenen Tropfen Blut gefordert oder angekündigt hat, eine eigene Ermittlungsgruppe nach Neukölln zu entsenden.

Auch bei der heutigen Beerdigung des 22-jährigen hatten sich Teilnehmer ihre Meinung gebildet: „Rassismus ist ein Verbrechen“, stand auf mindestens einem der Transparente. Dass Rassismus als Tatmotiv in Betracht kommt, hat die Polizei zwar auch nach fast zwei Wochen nach dem Tod nicht dementiert, aber auch nicht bestätigt. Stattdessen wäre es naheliegender gewesen, etwas gegen illegale Waffen auf die Transparente zu schreiben, denn dass der 22-jährige durch eine illegale Waffe getötet wurde, dürfte wohl unzweifelhaft feststehen. Allerdings ist auch davon auszugehen, dass jede Forderung zur Eingrenzung illegaler Waffen bei den bewaffneten arabischen Clans in Neukölln sofort auf heftigen Widerstand stößt. Angesichts einer Schießerei zwischen den Mitgliedern zweier verfeindeter libanesisch-kurdischer Großfamilien in Nord-Neukölln hatte die Polizei lediglich lakonisch erklärt, für die Mitglieder solcher Clans sei es kein Problem sich mit Waffen auszustatten.

Bild: Ehssan Khazaeli

Leave A Response »