Deutsche können keine Führungsrolle einnehmen

10. April 2012 2

Europäische Vorurteile gegenüber Deutschland und den Deutschen (IV)

Bild: Gerd Altmann/Shapes:AllSilhouettes.com / pixelio.de

Deutsche Topmanager werden im europäischen Ausland gerne belächelt. In seiner Artikelserie über die Deutschen beleuchtet der Niederländer Jeroen Zandberg warum das auch nachteilig für deutsche Unternehmen ist.

Topmanager setzten sich in England eher mit strategischen Problemen, als mit dem Tagesgeschäft auseinander, während dies in Deutschland genau anders herum war. […] Strategische Probleme, die grundsätzlich unstrukturiert sind, fordern eine größere Toleranz gegenüber Unklarheit, als operationelle Probleme. [Deutschland] ist im Bereich der Innovation langsamer. In Deutschland fühlten die Mitarbeiter sich öfter durch bestehende Regeln und Vorschriften behindert.“ 1

Die Aussagen in diesem Absatz beziehen sich auf die deutsche Elite und ihren vermeintlichen Mangel an Führungsqualitäten. In gewisser Weise wird dies von dem Bild des ängstlichen Deutschen abgeleitet, der zu kreativem Denken und dem Meistern neuer Herausforderungen nicht in der Lage ist.

In dem ersten Satz wird ein direkter Vergleich zwischen den Führern in England und Deutschland hergestellt. Es wird gesagt, dass Deutsche sich vor allem auf alltägliche Geschäftigkeiten richten, während britische Topmanager dahingegen ihre Zeit dem Entwickeln von Visionen widmen und sich mit großen und wichtigen Fragen beschäftigen. Bei der Formulierung der Eigenschaften eines Topmanagers denkt man eher an eine Person mit Visionen, die über das Unternehmen, den Markt und die Möglichkeiten die Übersicht behält, als an einen Bürokraten, der das Tagesgeschäft regelt. Das Regeln und Lösen alltäglicher Probleme ist vielmehr Aufgabe des mittleren oder unteren Managements. Dies ist daher auch die Schlussfolgerung, die hieraus gezogen werden kann: Britische (und andere europäische und amerikanische) Manager verfügen über die Eigenschaften in einem großen internationalen Unternehmen Führungseigenschaften zu übernehmen, während deutsche Manager lediglich dazu in der Lage sind, kleine Dinge zu regeln und Befehle (z.B. von ausländischen Topmanagern) auszuführen. Ein deutscher Topmanager ist also ein Widerspruch, denn deutsche Manager sind nicht zu strategischem Denken imstande.

Die Idee, dass deutsche Topmanager kein großes Unternehmen führen können, Personen aus anderen Ländern jedoch schon, hat schwerwiegende Auswirkungen. Ob deutsche Manager zu strategischem Denken in der Lage sind, ist hierbei von untergeordneter Bedeutung. Es geht hierbei vor allem um die Auswirkungen, die dieses Bild des deutschen Topmanagers auf Deutschland, sowie den einzelnen Deutschen hat. Das Bild des Deutschen, der keine Führungsqualitäten besitzt, hat global die folgende Konsequenz: 1. Mangelnde Karrieremöglichkeiten für Deutsche, 2. kein Anschluss im internationalen „old-boys-network“ im Rahmen von Kooperationen und Übernahmen, und 3. eine Benachteiligung deutscher Unternehmen, da Hauptgeschäftssitze und führende Forschungslaboratorien einflussreicher Unternehmen sich nicht in Deutschland niederlassen.

Die moderne, kapitalistische Welt mit ihren starken internationalen Verbindungen kennzeichnet sich einerseits durch schnelle Kapitalströme und weltweite Niederlassungsmöglichkeiten, andererseits durch eine starke geographische Konzentration der Großen der Industrie. Große, weltweit operierende multinationale Unternehmen neigen dazu, ihre Hauptniederlassungen in gegenseitiger Nähe anzusiedeln. Auch Unternehmen, die sich auf einen gleichen Markt, z.B. Computersoftware richten, gruppieren sich gemeinsam. Auf diese Weise entstehen führende Regionen, in denen alle wichtigen Entscheidungen mit Auswirkungen auf den gesamten Weltmarkt gefällt werden. Ein gutes Vorbild hierzu bietet das Silicon Valley in Kalifornien in den USA, wo eine große Anzahl tonangebender Technologieunternehmen in direkter Nähe zueinander angesiedelt sind. Das gleiche gilt für London, welches das weltweit wichtigste Zentrum für Finanzdienstleistungen ist. Deutschland profitiert, trotz seines hohen technologischen Niveaus, deutlich weniger von dieser Regionalisierung innerhalb der Globalisierung. Es droht die Gefahr, dass Deutschland in Zukunft übergangen wird, und ausschließlich noch ein Land ist, das Waren und Dienste im Auftrag von anderen erzeugt, statt selbst ein internationaler Marktführer zu sein, der Gruppierungen tonangebender Unternehmen beheimatet.

Die Tatsache, dass Deutschland kein beliebter Standort für tonangebende Unternehmen ist, bedeutet auch, dass der individuelle Deutsche weniger Karrieremöglichkeiten hat. Obgleich Unternehmen die auf dem Weltmarkt konkurrieren und dadurch Arbeitgeber von Personen unterschiedlichster Nationalitäten sind, werden die höheren Positionen in einem Unternehmen nahezu immer durch Personen einer bestimmten Nationalität besetzt. Dies ist nahezu immer die Nationalität des Landes, in dem das Unternehmen seinen Hauptsitz hat. So sind beispielsweise die meisten Manager großer japanischer Multinationals Japaner und das Gleiche gilt für amerikanische Unternehmen.

Die Sprache und Kultur in großen Unternehmen sind pluriform, tragen jedoch einen deutlichen Stempel des Landes, aus dem das Unternehmen ursprünglich stammt. Ein Deutscher hat einen Nachteil, wenn er oder sie in einem Unternehmen Karriere machen will, dessen Kultur nicht deutsch ist. Noch ganz abgesehen von dem Einfluss der negativen Vorurteile über Deutsche ist es grundsätzlich schwieriger in einer fremden Umgebung erfolgreich zu sein, in der die informellen Regeln nicht eindeutig sind.

Dazu kommt noch, dass Menschen ihren Arbeitsplatz in den meisten Fällen in der Nähe ihres Wohnortes finden. In einem englischen Unternehmen in England arbeiten beispielsweise mehr Engländer als Deutsche und umgekehrt genauso. Dies ist selbstverständlich, führt aber auch dazu, dass Deutsche in einem ausländischen Unternehmen eine zahlenmäßige Minderheit darstellen und dadurch schwieriger von persönlichen Netzwerken, Gewerkschaften und anderen Kooperationsverbänden profitieren können.

Im internationalen Talentwettbewerb gibt es bestimmte Umgebungen, in die es die Elite zieht. Von ambitionierten Studenten und reisenden (Top-)Managern bis hin zu Professoren mit Weltruhm. Ein schlechtes Image hat zur Folge, dass sie nicht nach Deutschland gehen und da ein Teil der Bewertung eines bestimmten Umfelds von der Qualität der Menschen bestimmt wird, ist dies ein sich selbst verstärkender Prozess. Dies hat wiederum entscheidende Auswirkungen auf die Niederlassungsentscheidungen von multinationalen Unternehmen, die Talente anziehen, es aber auch selbst suchen. Ein negatives Image kann durch derartigen gegenseitigen Einfluss zu einem sogenannten Braindrain, der Abwanderung hochgebildeter und hochqualifizierter Menschen in einem Land, führen.

Schließlich kann der Einfluss des vermeintlichen Mangels an strategischer Weitsicht der Deutschen unter strategischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Ein wichtiges Element des wirtschaftlichen Erfolgs eines Landes ist die Position, die es in einem größeren, hierarchischen internationalen System innehält. Das kapitalistische System, wie es in Westeuropa im späten Mittelalter erfunden wurde, stützt sich stark auf der Idee einer diversifizierten und hierarchischen Beziehung zwischen Regionen, Ländern und Völkern, wobei die Elite von der Arbeit der anderen profitiert. Durch den Ausschluss der Deutschen bei Spitzenpositionen und dem Mangel an Agglomerationen tonangebender Unternehmen in Deutschland, stehen die Chancen gut, dass die Position Deutschlands sich im unteren Bereich befindet. Keine angenehme Platzierung. Eine solche Position bringt die junge Generation der Deutschen um ihre Chance ein vollwertiges Leben zu führen und eine erfolgreiche Karriere aufzubauen.

Der vermeintliche Mangel an Führungsqualitäten der Deutschen ist ein klarer Vorteil der Konkurrenten, wie beispielsweise den Engländern, Franzosen, Amerikanern oder Niederländern und Schweden, usw., denen diese Fähigkeiten sehr wohl zuerkannt werden. Dies bietet auch einen Hinweis auf die möglichen Gründe des Bildes, nach dem Deutsche nicht zu strategischem denken fähig sind. Einerseits ist dies eine Ableitung des Bildes vom bürokratischen und formellen Deutschen und andererseits ein Mittel, Deutschland gegenüber der internationalen Konkurrenz zu benachteiligen. Die Tatsache, dass Deutschland mit Abstand das größte Land Europas ist, birgt die Möglichkeit, die anderen Länder zu dominieren. Die Art des modernen kapitalistischen Systems, das aus kleinen Gruppen tonangebender Unternehmen besteht, macht Deutschland zu einem potenziellen Führer Europas. Obgleich es zu weit gehen würde, zu suggerieren, das Bild der inkompetenten deutschen (Top-)Manager würde bewusst mit dem Ziel geschaffen, Deutschland zu benachteiligen, so stellt es doch einen Vorteil für die anderen europäischen Länder dar.

Die letzte Aussage dieses Abschnitts behandelt der Tatsache, Deutschland sei im Bereich Innovationen deshalb langsamer ist, weil die Deutschen bürokratisch sind und durch zu viele (überflüssige) Regeln in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Die Innovationskraft von Unternehmen ist maßgeblich für deren Erfolg auf dem Weltmarkt. Um seine Führungsrolle zu behalten und konkurrenzfähig zu bleiben, muss ein Unternehmen innovativ sein; Stillstand ist ein Rückschritt. Da Deutschland und deutsche Unternehmen im Bereich der Innovationen langsamer sind, können sie mit den Marktführern nicht mithalten und müssen mit einem mittelmäßigen Dasein Genügen nehmen. Es ist die deutsche Kultur, die Deutschland daran hindert dem internationalen Wettbewerb standzuhalten, und diese Kultur führt dazu, dass Deutschland keine Führungsposition einnehmen kann. Stattdessen wird es immer weiter sinken, bis Deutschland schließlich nichts anderes mehr ist, als eine Produktionsfabrik ausländischer Unternehmen. Diese Vorurteile im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands tragen dazu bei, dass Deutschland mit Stillstand und Verlust assoziiert wird. Hochqualifizierte Menschen wollen in einem Umfeld arbeiten, in dem sie sich entfalten können und in dem Innovation stimuliert wird. Niemand will mit Verlierern assoziiert werden, womit dieses Bild mangelnder Konkurrenzkraft dazu führt, dass hochqualifizierte Menschen sich von Deutschland und deutschen Unternehmen abwenden.

Es wird oft gesagt, dass in Vorurteilen eine Funken Wahrheit steckt, aber wenn Deutschland und die deutschen Unternehmen nicht innovativ sind, weshalb sind deutsche Firmen dann so oft Opfer internationaler Wirtschaftsspionage aus Amerika und China? Hinzu kommt noch, dass die erste Aussage in diesem Absatz auch positiv ausgelegt werden kann. Ein Führer kann nur dann strategisch denken und Visionen haben, wenn er mit der Realität vertraut ist, was in einem Unternehmen unter anderem bedeutet, dass er darüber informiert ist, was in dem Unternehmen geschieht. Ohne diese Verbindung zur Realität ist nicht von einer Vision die Rede, sondern von einem Traum. Strategische Pläne ohne Bezug zur Wirklichkeit sind nicht umsetzbar und verlieren sich in guten Absichten. So gesehen ist die Aussage, dass deutsche Topmanager sich auch mit dem Tagesgeschäft auseinandersetzen, im Grunde ein Pluspunkt, der sie in die Lage versetzt große Pläne zu entwerfen, die auch umsetzbar sind.

Lesen Sie im kommenden letzten Teil der Serie über europäische Vorurteile gegenüber Deutschen, warum sie angeblich nur wenig zur Wissenschaft beitragen.

Notes:

  1. Geert Hofstede und Gert Jan Hofstede (1991, hier 21. Auflage von 2006): Allemaal andersdenkenden, omgaan met cultuurverschillen, Seite 188. Englisches Original: Cultures and Organizations – Software of the Mind: Intercultural Cooperation and Its Importance for Survival, auf Deutsch: Lokales Denken, globales Handeln: Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management, München: dtv 2011.

2 Comments »

  1. Schlosser 10. April 2012 at 17:22 - Reply

    „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ (Helmut Schmidt)

    Sonst hätten die Engländer wohl nicht ihre traditionsreiche, fähige Industrie achtlos auf den
    Müllhaufen der Geschichte geschmissen, um fortan vom Handel mit heißer Luft (Credit-Default-Swaps) zu leben.

    Seit 100 Jahren versucht England die deutsche Wertarbeit zu diskreditieren.
    Ohne Erfolg bisher. Der Export von den dummen Krauts ist 3 mal so hoch.

    Und wem gehört heute die englische Autoindustrie.
    Die „größere Toleranz“ war wohl eher das Problem, denn die Lösung.

    Warum will die Welt deutsche Wertarbeit?
    Etwa, weil seinen Managern die „British Inefficiency“ beigebracht wurde?
    Hoffentlich bemerken die Kunden der Welt nicht, das „Made in Germany“ vielfach nur noch eine hohle Phrase ist.

    Zum Glück haben wir nicht so viele Konzerne, die mit einem Federstrich tausende von Arbeitsplätzen atomisieren.
    Wir haben eine starke mittelständische Industrie, sog. „Hidden Champions“. Davon haben andere Null.

    Leider untermauern die realen Auswirkungen, wenn angelsächsische Investoren in deutschen Unternehmen
    herum pfuschen, nicht gerade die Feststellungen dieses Berichts.

  2. Alexander 6. Oktober 2012 at 15:26 - Reply

    @ Zandberg

    Sagen Sie, guter Mann – welches Spiel spielen Sie eigentlich ?
    Schon der erste Satz Ihres Traktats ist eine faustdicke Lüge. Deutschland ist das ökonomische Powerhouse des Kontinents – wollen Sie das etwa bestreiten ?

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