Traktat über den Spießer

31. März 2012 2

Rezension zu Herfried Münkler: Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung

Ewiges Mittelmaß? – Bild: Petra Urbahn / pixelio.de

Spießer, Kleinbürger, Realpolitik, Mittelmaß – alles typisch deutsch? „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, sagte einst der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. CDU, SPD und FDP, sie alle proklamieren für sich eine Politik der Mitte. Die Mitte bedeutet Sicherheit, Wohlstand, Frieden. Doch wo genau liegt sie eigentlich? Und wie kann man sie definieren, wirtschaftlich, sozial, kulturell oder über Bildung?

Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler wagt mit Mitte und Maß einen ideengeschichtlichen Überblick von Aristoteles bis in die Bonner Republik. „Die Mitte [ist] ein genuin deutsches Thema“, so Münkler. „In den letzten zwei Jahrhunderten waren die Deutschen fortwährend mit der Mitte beschäftigt. Wenn sie nicht auf der Suche nach ihr waren, trieb sie die Vorstellung um, sie müssten sich vor den mit ihr verbundenen Gefahren schützen.“

Doch wer die populärwissenschaftliche Aufarbeitung der neueren deutschen Geschichte betrachtet, wird schnell feststellen, dass der Fokus auf der Zeit des Nationalsozialismus und der RAF liegt. Für die ruhigen Nachkriegsjahre etwa interessiert sich keiner, führt Münkler gewissermaßen als Rechtfertigung seines Projektes an. Auch die mediale Aufmerksamkeit ist immer den Unruhigen gewiss, die aufgebauschten Proteste um das Bahnhofsbauprojekt Stuttgart 21 bestätigen den Politikwissenschaftler.

Doch diese Ignoranz des Normalen ist gleichermaßen logisch wie kurzsichtig. „Die gesellschaftliche Mitte begriff sich als Maßstab der Gesellschaft und das Maß hatte in der gesellschaftlichen Mitte einen Träger“, führt Münkler aus. Dieses Maßhalten lässt sich dabei aus zwei verschiedenen Blinkwinkeln betrachten: Versteht man die Mitte als statisches Maß, besagt sie, dass die Ränder kein Übergewicht bekommen dürfen. Der Ausgleich zwischen arm (klassisch durch link Politikakteure vertreten) und reich (durch rechts vertreten) erfolgt durch Besteuerung letzterer und sozialstaatlicher Subvention der anderen. Die dynamische Mitte versucht hingegen das Spannungsverhältnis der Extreme politisch fruchtbar zu machen. Wenn etwa linke Akteure den Fortschritt um seiner selbst willen fordern, rechte Akteure hingegen in der Vergangenheit das Heil suchen und sich keiner von beiden in eine Politik der Mitte einbinden lassen will, muss die Mitte oft zu außerordentlichen Mitteln greifen, die ihr gewissermaßen selbst widersprechen.

Die Mitte ergötzt sich an den Extremen des gesellschaftlichen Randes und sieht deren regelmäßiges Scheitern als Bestätigung des selbstgelebten rechten Maßes. Andersherum gesehen, erhält die Mitte ihren Glanz erst durch die Existenz der Extreme. Ja, ihre gesamte Existenz ergibt sich nur aus dem Spannungsverhältnis der Außenseiter und „ihre Kraft schmilzt wie Schnee in der Sonne, sobald sie die alleinige Deutungshoheit in der Gesellschaft erlangt hat. Ist die Mitte erst an der Macht, verfällt sie der Ohnmacht.“

Das Unbehagen all jener, die die Gesellschaft verändern wollten, liegt freilich genau in dieser beruhigenden, geradezu lethargischen Wirkung der Mitte. Denn sie verhindert die Dialektik der Extreme, wie sie etwa Marx und Engels forderten. Der Mitte fehlen die großen Erzählungen, die der Orientierung dienen können, wenn es um das Lösen sozialer und politischer Probleme geht, ja sie hält diese Erzählungen – egal ob sie auf die historische Herkunft zielen oder utopischer Natur sind – für quasi-religiöse Ansichten. Die Mitte ist immer schon angekommen.

Doch „Gesellschaften, in denen alles zur Mitte strebt, entwickeln keine oder nur unzureichende Alternativen zum Bestehenden und können nicht auf unerwartete Veränderungen reagieren.“ Wie sehr Münkler mit dieser Aussage recht hat, sieht man insbesondere an der deutschen Politik der letzten Jahrzehnte, deren Akteure nicht einmal fähig sind, auf relativ gut vorhersehbare Probleme der Massenzuwanderung innerhalb der globalisierten Weltordnung angemessen zu reagieren – ganz zu schweigen von der derzeitigen Euro-Krise.

Doch die Mitte ist auch im Wandel. War sie noch im 18. und 19. Jahrhundert ein abgeschlossener Mittelstand, ist die Mittelschicht des 20. Jahrhunderts das Versprechen der Aufstiegsmöglichkeit schlechthin. Sie wird zum Fahrstuhl für die Fleißigen und Ehrgeizigen und verliert dadurch auch die sie bestimmenden Werte und Normen des Bürgerlichen. Bis Anfang der 1930er Jahre verliert sie einen Großteil ihrer Bindekraft und erlangt sie nie wieder. „Nicht die vielberedete Epochenzäsur ‚1968‘ ist demnach für den Bedeutungsverlust bürgerlicher Werte in den mittleren Schichten ausschlaggebend, sondern dieser begann bereits in der Zwischenkriegszeit, als das bürgerliche Selbstbewusstsein durch Kriegsniederlage, Inflation und politische Instabilität schwer erschüttert war“, so das Fazit Münklers. Dennoch folgt er in seiner Argumentation den Historikern Paul Nolte und Dagmar Hilpert, die die Mitte bis in die frühen 1970er Jahre „als Bannerträger der Familie, aber auch einer ausgeprägten Individualität, […] politische Träger des Gemeinwohlgedankens“ und bedeutende Vertreter der Religion als „ethischer Selbstvergewisserung“ bezeichnen.

Die in den letzten Jahren extensiv geführten gesellschaftlichen Diskussionen über Verteilungsgerechtigkeit, Steuerbelastungen, Sozialabgaben und mangelnde Solidarität seien hingegen untrügliche Zeichen dafür, dass die stabilisierende Funktion der soziopolitischen Mitte letztlich ganz schön ins Wanken gekommen sei, so Münkler.

Schwächen des vom Autor gewählten Ansatzes scheinen darin zu liegen, dass der nach 1968 festzustellende politische Linksruck der SPD nicht zu erklären ist, Münkler spricht sogar von einer Bewegung der Sozialdemokraten hin zur gesellschaftlichen Mitte. Wäre dies tatsächlich der Fall, blieben die großen zu beobachtenden ideologischen Differenzen von Partei und Mitte der Gesellschaft allerdings unverständlich. 1

Ebenfalls schwer lässt sich abbilden, wie sich politische Akteure auf der Achse zwischen etatistisch-staatsgläubigen und libertär-anarchischen Positionen verhalten, definiert man die Mitte und das rechte Maß wie Münkler zwischen arm + progressiv = links und reich + konservativ = rechts.

Ein aktuelles Phänomen konnte Münkler jedoch präzise vorhersagen: Während es in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten nicht möglich zu sein scheint, dass eine neue Partei am Rand des politischen Spektrums in die Parlamente einzieht (Stichwort: rechts von der CDU), könnte sich mit der Piratenpartei eine neue Kraft am (linken) Rand der Mitte etablieren und dann ebenfalls in die Mitte wandern.

Herfried Münkler (2010): Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung. Berlin: Rowohlt, 300 Seiten, 19,95 Euro (gebunden), 9,99 Euro ( Taschenbuch).

Notes:

  1. Vgl. etwa die Studie der Friedrich Ebert Stiftung (2010): Die Mitte in der Krise.

2 Comments »

  1. K.R. 8. April 2012 at 00:02 - Reply

    Ist „die Mitte“ eine ernstzunehmende soziologische Kategorie, wenn man sie nur als Ablehnung von Extremismus definiert? Der Begriff geistert herum, seitdem die CDU die Wahlen „in der Mitte“ gewinnen will, worunter sie in erster Linie das städtische Bürgertum inklusive seiner saturierten libertären Kreise (Ole van Beust) meint. Wo Besitzstände zu verteidigen sind, neigt man jenen Parteien zu, die den Erhalt des status quo zu garantieren versprechen. Das gilt ja auch für die
    SPD und die Grünen. Für die Parteistrategen der CDU ist „die Mitte“ die Schnittmenge des größtmöglichen Wählerpotentials. Für die konservative Wählerschaft geben sie sich als „bürgerliche“ Partei. Vom Bürgertum als der Mitte der Gesellschaft spricht man jedoch ungern, weil ihm der vermeintliche Mief des Wertkonservativismus anzuhängen scheint.

    Es verwundert, dass Wissenschaftler diese Begrifflichkeit übernehmen und nicht mehr von den bürgerlichen Mittelschichten im Sinne einer stratifizierten Gesellschaft sprechen. Fragwürdig ist auch, wenn Münkler seine These des von Existenzangst zur Mitte (?) getriebenen Deutschen über zwei Jahrhunderte verfolgt. Waren nicht Millionen deutscher Männer bereit, in
    den Weltkriegen ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Waren die Nationalsozialisten eine Partei der Mitte? Daß aus den Erfahrungen mit Diktaturen und Kriegen eine Vorsicht gegenüber Extremismus, inbesondere von rechts resultiert, versteht sich doch von selbst.

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