Deutsche sind bürokratisch und labil

30. März 2012 0

Europäische Vorurteile gegenüber Deutschland und den Deutschen (III)

Bürokratie macht unflexibel und wächst immer exponentiell an – Bild: berlin-pics / pixelio.de

Die Deutschen haben bei ihren europäischen Nachbarn schon immer Verwunderung und auch Unbehagen ausgelöst – nicht erst seit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Dies schlägt sich auch in der wissenschaftlichen Kulturperspektive nieder, wie die Analyse des Standardwerkes vom Niederländer Geert Hofstede zeigt. Eines der beliebtesten Vorurteile: Die Deutschen sind Bürokraten (Teil 1: Intoleranz & Faschismus, Teil 2: Rassismus & Demokratiefeindlichkeit).

Die Notwendigkeit von Gesetzen und Vorschriften hat keinen logischen, sondern einen psychologischen Hintergrund. Das Bedürfnis an Regeln […] in Deutschland […] ist von emotionaler Natur, […] dies aufgrund eines emotionalen Bedürfnisses an Struktur, selbst nutzlose Vorschriften zu befolgen. Ob diese umsetzbar sind, ist von untergeordneter Bedeutung.“ 1

Die oben genannten Sätze und ihr Kontext sind wiederum eine Verurteilung Deutschlands, der Deutschen und der deutschen Kultur. In dem ersten Satz wird behauptet, dass die Einführung und Umsetzung von Vorschriften „psychologische Hintergründe“ hat, und daher nicht auf Tatsachen oder der wirklichen Situation beruht. In dem zweiten Satz wird darauf direkt eingegangen, indem behauptet wird, dass die Vorschriften, die dazu dienen, die Gesellschaft in gute Bahnen zu lenken, eigentlich auch nur eingebildet sind. Die Deutschen und Deutschland als Ganzes sind also nicht besonders rational, sondern eher emotional, wenn es darum geht, Gesetze zu erfinden und anzuwenden. In diesem Kontext entspricht das Wort „labil“ wohl eher dem Gemeinten. Dies wird in den beiden weiteren zitierten Sätzen deutlich, welches einen umfassenden Eindruck der Vorurteile gegenüber unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, z.B. der Deutschen vermittelt.

Ineffektive Vorschriften (=Vorschriften die nicht funktionieren) werden von den Deutschen akzeptiert und sind sogar erwünscht, da sie einem (kindlichen) Bedürfnis an Struktur entgegenkommen. Ob Vorschriften tatsächlich wirksam sind, ist nicht relevant, solange sie Trost und Struktur spenden. Diese Aussagen zeugen nicht von viel Respekt vor dem emotionalen Gleichgewicht der Deutschen: Sie seien emotional labil und kindlich und benötigen überflüssige Vorschriften um sich daran festzuklammern.

Die Verbindung zwischen der deutschen Kultur und (ineffektiver) Vorschriften ist sehr weit verbreitet, was darin zum Ausdruck kommt, dass die Europäer die Deutschen als bürokratisch und formal ansehen. Das stereotype (negative) Bild von Bürokratie lässt sich schlicht zusammenfassen als „das unpersönliche Ausführen überflüssiger Regeln“.

Die negative Bedeutung von Bürokratie

Doch warum ist der Begriff bürokratisch eigentlich negativ und was bedeutet es für Deutschland, damit identifiziert zu werden? In einer Bürokratie verläuft alles gemäß einer vorbestimmten Planung und strengen deutlichen Regeln. Alles dreht sich um obsessive Kontrolle, um keine Abweichungen zuzulassen. Ein bürokratisches System kommt vor allem in einem Umfeld vor, in dem es wichtig ist, dass keine Unsicherheiten entstehen können, beispielsweise in einem Atomkraftwerk, in dem Sicherheit und Vorhersehbarkeit lebenswichtig sind. Darüber hinaus kommt eine Bürokratie auch ganz allgemein in Umgebungen vor, in denen allen die gleiche Behandlung zuteil kommen muss, wie beispielsweise bei Behörden.

Eine Bürokratie ist effizient, rational, ehrlich, formal und lässt sich gut planen, hat allerdings auch große Nachteile. Einer dieser Nachteile liegt an dem menschlichen Wesen. Im Gegensatz zu einem bürokratischen System ist der Mensch nicht effizient und rational. Menschen sind vor allem kreativ und informell. Um Menschen dennoch in einem bürokratischen System funktionieren zu lassen, müssen diese ungewünschten Eigenschaften von Menschen, wie beispielsweise Eigeninitiative, unterdrückt und beherrscht werden. Dies führt zu menschlichen Problemen, die das gute Funktionieren von Demokratie untergraben. Wenn in einer Bürokratie ein unerwartetes Ereignis eintritt, kommt es unmittelbar zu großen Spannungen und Konflikten, da diese nicht informell gelöst werden können. Ein bürokratisches System ist also ausschließlich in einem stabilen Umfeld möglich, in der die Abläufe im Vorfeld minutiös geplant und vorhergesagt werden können.

Ein bürokratisches System ist auf Vorschriften und Abläufe ausgerichtet und nicht auf die Menschen, die sie ausführen müssen. Die Systemorientiertheit lässt sich nicht mit den modernen gesellschaftlichen Werten des Humanismus und der Demokratie vereinbaren. Obgleich bürokratische Systeme in allen modernen Ländern als notwendig angesehen werden, um bestimmte Arbeiten auszuführen, haben Sie einen niedrigen Status und wird die Bürokratie soweit möglich aus dem demokratischen Prozess herausgehalten. Indem nun suggeriert wird, die deutsche Kultur sei von formalen Vorschriften und bürokratischen Strukturen durchtränkt, wird auch (wieder) gesagt, Deutschland sei anti-demokratisch, anti-humanistisch und anti-europäisch.

Wann wird ein bürokratisches System eingeführt?

Außer der unumstößlichen Tatsache, dass verschiedene Arbeiten nur in einer Bürokratie gut ausgeführt können werden, gibt es noch andere Faktoren, welche die Einführung bürokratischer Organisationsformen stimulieren. Eine Bürokratie bietet den Menschen, die in ihr Arbeit finden und mit ihr in Kontakt kommen, ein großes Maß an Sicherheit.

Besonders in Situationen, in denen Menschen Angst vor einer (existierenden oder fiktiven) Bedrohung haben, wird eine Bürokratie in Betracht gezogen und oftmals sogar gewünscht. Bürokratische Regeln können die drohende Unsicherheit mindern und stehen auf diese Weise stark im Zusammenhang mit der Vermeidung von Unsicherheit, wie diese im vorigen Absatz behandelt worden ist. Die formalen und für alle gleich geltenden Regeln bieten einen gewissen Schutz gegen die Willkür einer mächtigeren Gruppe oder Person. Unglücklicherweise ist das Mittel im Endeffekt schlimmer als das Übel selbst, weil ein bürokratisches System von sich aus schon ein unmenschliches System ist, zu dem noch hinzukommt, dass die bürokratischen Regeln nicht für die Oberen gelten. Letzteres kommt dadurch zustande, dass sich ein bürokratisches System durch seine formale und planmäßige Natur nicht an unerwartete Geschehnisse anpassen kann. Dies liegt in der Natur eines jeden bürokratischen Systems. Solche Probleme können nur außerhalb des Systems gelöst werden und geben den Oberen sehr viel Macht. Falls sich das Umfeld, in dem sich eine Organisation befindet, drastisch verändert und die Probleme nicht mehr ad hoc gelöst werden können, bietet das Zerschlagen der gesamten Bürokratie die einzige verbleibende Lösung, um so wieder eine neue Strategie wählen zu können.

In einer Bürokratie kann Veränderung nicht durch Evolution, sondern ausschließlich durch Revolution zustande kommen. Dazu bedarf es einen starken Führers (=Diktator) mit einer klaren Vision, der die neuen Regeln formuliert und vorschreibt. Ein bürokratisches System ist also sehr anfällig für eine Machtübernahme durch einen Diktator. Im Blick auf die Situation in Deutschland, wird in diesem Zusammenhang deutlich, dass hiermit unter anderem auch die Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahre 1933 gemeint ist. Indem jetzt behauptet wird, dass Deutschland und die deutsche Kultur in ihrem Wesen bürokratisch sind, wird also auch suggeriert, dass die Machtübernahme der Nazis eine unvermeidbare Folge der deutschen Kultur war.

Auch die Tatsache, dass in einer Bürokratie die Kontrolle eine zentrale Rolle spielt, gibt den Oberen viel Macht, da sie es sind, die diese Kontrolle ausführen. Dennoch ist der vermeintliche Schutz gegenüber einer mächtigeren Gruppe ein oft wiederkehrendes Argument, eine Organisation zu bürokratisieren, selbst wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass es ein selbst geschaffenes Gefängnis ist.

Indem Beherrschung der alles umfassende Faktor des Systems ist, kann das System auch sehr einfach durch eine externe Gruppe oder Person beherrscht werden. Wenn ein Außenstehender eine Organisation oder eine Gruppe Menschen (oder ein Land) beherrschen will, ist es eine gute Strategie, die Organisation zu bürokratisieren. Der Organisation und den Menschen, die in ihr arbeiten und/oder die von ihr abhängig sind, können danach sehr einfach Vorschriften auferlegt werden, ohne, dass dies zu Protest führt. Indem der Schwerpunkt auf formelle Regeln gelegt wird, und nicht auf menschliche Werte, eignet sich eine Bürokratie auch sehr gut für Diktatoren, die auf diese Weise die Vorschriften gegen die Menschen einsetzen kann. Ein (aufgeklärter) Diktator kann ein geschlossenes bürokratisches System auch mit dem Ziel schaffen, die eigenen Menschen gegen eine externe Gruppe zu schützen, die versucht sie zu beherrschen. In all diesen Fällen sind die Leidtragenden jedoch die Menschen, die in der Bürokratie leben und arbeiten, weil ein bürokratisches System von seinem Wesen her unmenschlich ist. Diese Unmenschlichkeit ist auch ein wichtiges Argument gegen die Einführung bürokratischer Systeme, denn wer will schließlich in einem System leben oder arbeiten, das auf technokratischen Regeln basiert, die das Wesen des Menschen ignorieren?

Die Argumente gegen die Bürokratie basieren nicht ausschließlich auf den persönlichen menschlichen Gefühlen, sondern auch auf der Effektivität von Organisationen in einem kapitalistischen Markt. Die Bürokratie ist zwar effizient, aber nicht effektiv, ganz bestimmt nicht in einer sich schnell verändernden Umgebung. Eigentlich ist die Bürokratie einzig und allein für einfache und stabile Umfelder geeignet. Solche Umfelder sind in einer modernen, schnelllebigen Welt selten, weshalb eine Bürokratie im Grunde ausschließlich zum Ausführen sehr spezifischer Aufgaben, im Rahmen der Unterstützung einer größeren Organisation geeignet ist.

Die Zukunft gehört Organisationen die sich schnell anpassen können, unternehmerisch agieren, sich trauen Risiken einzugehen und innovative Produkte liefern können. Dies alles sind Elemente, die ein bürokratisches System mit starren, formalen Verordnungen ausschließen. Ein bürokratisches System ist ein Übel der Vergangenheit, und das gleiche gilt demnach auch für Deutschland. Während der Rest Europas und aufstrebende Länder wie China und Indien flexible, unternehmerische Gesellschaften sind, die sich den Herausforderungen der Zukunft stellen, bleibt Deutschland als bürokratisches Relikt zurück, das von der Geschichte überholt worden ist. In diesem Bild ist Deutschland gerade noch in der Lage als unterstützender Partner zu dienen, während der Rest von Europa und die Welt auf dem Gebiet ökonomischer, sozialer und politischer Entwicklung der Menschheit die Führungsrolle einnehmen.

Lesen Sie im nächsten Teil der Artikelserie über Europäische Vorurteile gegenüber den Deutschen über die angebliche Unfähigkeit letzterer zur Führung.

Notes:

  1. Geert Hofstede und Gert Jan Hofstede (1991, hier 21. Auflage von 2006): Allemaal andersdenkenden, omgaan met cultuurverschillen, Seite 186. Englisches Original: Cultures and Organizations – Software of the Mind: Intercultural Cooperation and Its Importance for Survival, auf Deutsch: Lokales Denken, globales Handeln: Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management, München: dtv 2011.

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