Die deutsche Kultur ist faschistisch

27. März 2012 0

Europäische Vorurteile gegenüber Deutschland und den Deutschen (II)

Demokratie als ständig zu wiederholender Weg zur Wahrheit – aber nicht in Deutschland? – Bild: Wilhelmine Wulff / pixelio.de

Anlässlich der Ehrung des Kulturforschers Geert Hofstedes für sein Lebenswerk untersucht sein niederländischer Landsmann Jeroen Zandberg dessen Deutschenbild. Denn dieses lässt das Volk zwischen Rhein und Oder nicht besonders gut dastehen. Nach dem Vorwurf von Intoleranz und Rassismus, geht es dieses Mal um die vermeintliche Rückständigkeit und anti-demokratische Haltung der Deutschen.

In Deutschland herrscht mehr politischer Konservatismus, sogar innerhalb von Parteien, die sich selbst als progressiv ansehen, wird des Häufigeren nach Recht und Ordnung gerufen.  [...] in Deutschland sind junge Menschen generell verdächtig.“ 1

Faschismus und Rassismus gedeihen in Kulturen mit einer starken Unsicherheitsvermeidung und ausgesprochen maskulinen Werten am besten.“ 2

In Deutschland herrscht die Überzeugung: ‚Es gibt nur eine Wahrheit, und das ist unsere eigene. Alles andere ist Verirrung.‘“ 3

Mit obigen Aussagen wird behauptet, Deutschland sei konservativer als andere Länder. In Deutschland seien Progressive eigentlich nicht progressiv, sondern in Wahrheit „progressive Konservative“. Im vorigen Kapitel wurde bereits behauptet, dass das wichtigste Element des einzigartigen Erfolgs Europas die Offenheit gegenüber der Erneuerung war. Mit der Behauptung, Deutschland sei konservativer (als der Rest Europas), wird also behauptet, Deutschland sei rückständig und in geringerem Maße europäisch. Auch die Behauptung, junge Menschen seien von vornherein verdächtig, schließt hier an. Jugendliche sind in jeder Gesellschaft ein Element der Veränderung und fortschrittlicher Denkbilder, welche also in Deutschland per definitionem gefährlich und unerwünscht sind.

Progressiv zu sein als Person oder Volk bedeutet auch, dass es eine hoffnungsvolle Vision der Zukunft gibt. Träume und Ideale, dass die Zukunft besser sein wird als die Gegenwart und die Vergangenheit. Indem neue Ideen angenommen werden, kann eine solche Vision Wirklichkeit werden, allerdings muss man dann auch zu Veränderungen bereit sein. Durch die Weigerung anzuerkennen, dass die deutsche Kultur über ein progressives Element verfügt, wird auch gesagt, dass das deutsche Volk keine Zukunft hat. Deutschland und die deutsche Kultur sind also aufgrund der eigenen inneren Schwäche zum Untergang verdammt.

Toleranz

Um als Person oder Volk progressiv zu sein, muss neuen, die gegenwärtige Situation in Frage stellenden Ideen, die Möglichkeit gegeben werden, sich zu profilieren. Es ist also ein gewisses Maß an Toleranz notwendig. Toleranz bedeutet, Ideen und Personen die im Grunde als unerwünscht angesehen werden, dennoch die Freiheit zu geben, sich zu entwickeln. Dies alles selbstverständlich innerhalb bestimmter Grenzen: Recht und Ordnung sind notwendig, um ein Minimum an Schutz und Kontinuität zu gewährleisten. Deutschland wird also auch als ein intolerantes Land mit einer intoleranten Kultur angesehen, in dem Menschen unwürdig behandelt und an der eigenen Entwicklung gehindert werden.

Der vermeintliche Mangel an Toleranz in Deutschland trifft auch einen anderen Grundwert der westlichen bzw. europäischen Gesellschaft, nämlich den Humanismus. Wie im ersten Teil bereits diskutiert, kam mit der Aufklärung eine moderne, rationale Denkwelt an die Macht. Der Humanismus bildet hiervon einen integralen Bestandteil. Der Humanismus ist eine Sammlung von Philosophien, bei denen das Wohl des Menschen im Mittelpunkt steht und die Antworten auf Fragen über gut und schlecht auf rationaler, menschlicher Grundlage basieren. Diese Werte berufen sich auf eine universelle Menschlichkeit und Logik und stehen in direktem Gegensatz mit den prä-modernen Werten, wie sie von der Religion oder anderen politisch-moralistischen Systemen auferlegt wurden. Beim Humanismus geht es darum auf der Suche nach der Wahrheit den Mensch und seine Bedürfnisse, und nicht etwa einen transzendentalen Gott oder eine autoritäre Ideologie oder einen Führer in den Mittelpunkt zu stellen. Durch diese Betonung der menschlichen Bedürfnisse und der Rationalität bildet der Humanismus ein wesentliches Element der Renaissance und der Aufklärung und somit auch der europäischen Zivilisation.

Hofstede behauptet in seinem Buch nun, dass Faschismus und Rassismus am besten in Kulturen mit einer starken Unsicherheitsvermeidung und ausgesprochen maskulinen Werten gedeihen. Aus dem Kontext wird deutlich, dass hier Deutschland gemeint ist, ganz besonders, da Deutschland in dem gesamten Kapitel als Paradebeispiel eines Landes mit starker Unsicherheitsvermeidung und ausgeprägter Maskulinität genannt wird.

Der Begriff Unsicherheitsvermeidung bedeutet hier wörtlich das Vermeiden von Unsicherheit und von Undeutlichkeit. Hierzu müssen Risiken so weit möglich in formalen Regeln aufgefangen werden, die keinerlei Undeutlichkeit über den Prozess und seine Resultate zulassen. Menschen in unsicherheitsvermeidenden Kulturen fühlen sich durch unbekannte, ihnen fremde Situationen bedroht. Die deutsche Kultur ist eine Kultur der Angst. Um dieser Angst zu begegnen, werden alle Unsicherheiten durch formale, bürokratische Regeln eliminiert. In den nachfolgenden Kapiteln wird hierauf näher eingegangen.

Hofstede gibt auch an, dass die deutsche Kultur über ausgesprochen maskuline Werte verfügt und dass diese zu dem vermeintlichen Faschismus innerhalb der deutschen Kultur beitragen. Diese maskulinen Werte kommen in der Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft zum Ausdruck. In einer maskulinen Gesellschaft sollen Männer durchsetzungsfähig, konkurrenzfähig und hart sein, die Frauen dagegen sorgsam und sanft. Darüber hinaus gilt in vielen Bereichen eine Doppelmoral für Männer und Frauen. Männlichkeit ist auch mit einer konservativen Gesellschaft verbunden, wobei abweichende sexuelle Beziehungen abgelehnt und Migranten diskriminiert werden. So betrachtet stammen die maskulinen Werte aus der Zeit vor der Emanzipation der Frauen und anderer Minderheiten und stellen etwas aus der Vergangenheit dar, das niemand vermisst.

Deutschland als Feind der Demokratie

Die letzte Aussage, die hier besprochen wird ist exemplarisch für die Ansichten über Deutschland. Dieses ist das Bild einer dogmatischen, intoleranten und autoritären Kultur, die lediglich sich selbst schätzt und Andere als minderwertig ansieht. Diese unterstellte selbstgefällige Haltung der Deutschen zeugt von einer engstirnigen, intoleranten und konservativen Sichtweise auf das Leben. Ausschließlich die (irrationale) Wahrheit der Deutschen gilt, alles andere ist minderwertig. Das ist praktisch das Gegenteil der modernen europäischen Werte von Humanismus, Toleranz und Demokratie.

Laut der Forschungen von Professor Hofstede ist Deutschland also anti-demokratisch, denn in einer Demokratie gibt es keine Wahrheit. Demokratische Beschlussfassung geschieht auf der Grundlage von Diskussion, wobei es von essentieller Bedeutung ist, dass es kein dogmatisches richtig gibt, das andere Meinungen im Vornherein disqualifiziert. Toleranz im Hinblick auf andere Meinungen ist in einer Demokratie notwendig. Darüber hinaus ist das gute Gelingen eines demokratischen Prozesses abhängig von der Art und Weise, wie man an solch einem Prozess teilnehmen kann. Wenn eine repressive und intolerante Stimmung herrscht, ist das Bestehen eines wirklich demokratischen Prozesses unmöglich.

Dieses Vorurteil eines anti-demokratischen Deutschlands hat einen deutlichen Grund. Die Ursache eines derartigen Bildes von Deutschland und der deutschen Kultur kann eigentlich nur verstanden werden, wenn man die anderen Länder Europas betrachtet, und nicht Deutschland. Zuvor wurde dargestellt, dass die europäische Identität stark in den Werten der Rationalität, des Humanismus und der Demokratie verwurzelt ist. Dabei ist auch deutlich geworden, dass der demokratische Prozess von einer offenen, toleranten und progressiven Haltung abhängig ist. Die meisten europäischen Länder betrachten sich selbst als tolerant und demokratisch und stellen dies auch als Bedingung in ihrem Kooperationsverband auf europäischer Ebene. Durch die Behauptung, Deutschland sei anti-demokratisch, wird Deutschland also auch aus internationalen Kooperationsbündnissen ausgeschlossen, die sich (mehr oder weniger) durch demokratische Strukturen kennzeichnen müssen. Toleranz ist ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie, das einzige jedoch, was eine Demokratie nicht tolerieren kann, ist eine anti-demokratische Haltung. Eine solche Haltung bringt den demokratischen Prozess in Gefahr und muss aus diesem Grund bekämpft, und/oder ausgeschlossen werden.

Die Idee eines anti-demokratischen Deutschlands hat seine Wurzeln eher im 17., 18. und 19., als im 20. Jahrhundert. Das 17., 18. und 19. Jahrhundert waren für die europäischen Länder Zeiten enormer Expansion in der ganzen Welt. Besonders Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen und Niederländer bauten gewaltige Kolonialreiche auf, was schließlich dazu führte, dass der größte Teil der Welt von europäischen Ländern besetzt war. Die Expansion war hauptsächlich eine Folge der industriellen Revolution und des dadurch entstandenen Machtungleichgewichts zwischen Westeuropa und dem Rest der Welt. Zu Anfang profitierte Deutschland nur wenig von der industriellen Revolution, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts begann Deutschland jedoch mit einer Aufholjagd, die innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem Staat führte, der mit den größten europäischen Mächten – Frankreich und England – in Augenhöhe stand. Die etablierten europäischen Mächte wurden also mit einem mächtigen Konkurrenten konfrontiert.

Trotz vieler kleinerer Kriege und starker Konkurrenz untereinander hatten die westeuropäischen Länder ein gewisses Gleichgewicht erreicht, in dem die Einflussbereiche mehr oder weniger festgelegt waren. Der Eintritt Deutschlands als große Industriemacht bedrohte diesen Status quo. Um ihre Macht nicht teilen zu müssen, musste Deutschland also der Eintritt in das System verwehrt bleiben. In einer Zeit, in der internationale Legitimität in zunehmendem Maße davon abhängig gemacht wurde, wie demokratisch man war, musste Deutschland also als nicht-legitimer Staat dargestellt werden. Im 19. Jahrhundert musste ein westeuropäischer Staat bereits demokratisch sein, um einen Platz in der so genannten demokratischen Weltordnung zu erhalten, in der Stabilität, Rechtmäßigkeit und Freiheit vorherrschen sollten. In einem demokratischen Prozess ist es von grundlegender Bedeutung, undemokratische Elemente auszugrenzen und zu bekämpfen, da die Demokratie ansonsten daran zugrunde gehen würde. Hierbei sahen die etablierten europäischen Staaten sich selbst als demokratisch und Deutschland als undemokratisch an, was demnach automatisch zum Ausschluss von Deutschland führte, da das demokratische System ansonsten zusammengebrochen wäre. Durch den Ausschluss Deutschlands aus den internationalen politischen Systemen konnten die anderen europäischen Länder untereinander den Rest der Welt in demokratischen Vereinbarungen kolonisieren, ausbeuten und unterdrücken.

Als vorläufige Schlussfolgerung lässt sich also konstatieren, dass die Darstellung Deutschlands als konservativ, undemokratisch und faschistisch vor allem im Sinne der Gruppen ist, die Deutschland die Zugehörigkeit zu internationalen Systemen verweigern möchten, was bedeutet, dass der Wahrheitsgehalt solcher Darstellungen grundsätzlich hinterfragt werden sollte.

Lesen Sie im nächsten Teil der Artikelserie zu Europäischen Vorurteilen gegenüber den Deutschen über deren angebliche Befindlichkeiten und ihren Hang zur Bürokratie.

Notes:

  1. Geert Hofstede und Gert Jan Hofstede (1991, hier 21. Auflage von 2006): Allemaal andersdenkenden, omgaan met cultuurverschillen, Seite 197. Englisches Original: Cultures and Organizations – Software of the Mind: Intercultural Cooperation and Its Importance for Survival, auf Deutsch: Lokales Denken, globales Handeln: Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management, München: dtv 2011.
  2. Ebd. S. 200.
  3. Ebd. S. 202.

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