Islam, Kollektivismus und des Pudels Kern

26. März 2012 0

Rezension zu Necla Kelek: Chaos der Kulturen. Die Debatte um Islam und Integration

Islamkritikerin mit türkischen Wurzeln: Necla Kelek – Bild: Medienmagazin pro / Wikipedia

„Wie viel Freiheit hält unsere Gesellschaft aus, wenn Menschen andere Werte, andere Traditionen leben, ein anderes Gesellschaftsmodell anstreben?“ Mit dieser Frage leitet Necla Kelek, die wahrscheinlich bekannteste deutschsprachige Islamkritikerin ihr neues Debattenbuch ein. Es bündelt Artikel, Reden und Rezensionen aus den Jahren 2005 bis 2011 sowie einige erstmals in dieser Form vorgelegte Texte.

Keleks titelgebendes Chaos der Kulturen spielt dabei viel weniger als man annehmen mochte auf Samuel P. Huntingtons Clash of Civilizations an, also den Zusammenstoß verschiedener Kulturen. Es ist für die Autorin vielmehr die selbst geschaffene Beliebigkeit der europäischen Selbstvergewisserung, die Relativierung der eigenen Kultur und Geschichte zugunsten einer scheinbaren Gleichberechtigung aller Kulturen und damit die Aufgabe eines Orientierungssystems symbolischer Bedeutungen:

Die Debatte um den Islam ist auch ein Ausdruck der Verunsicherung der Bürger, weil sie auf diese Entwicklungen keine praktikablen Antworten finden und auch niemand sich hinstellt und sagt, was Europa im Kern ausmacht, welche Werte es zusammenhält.“

Kelek weiß ihren Einfluss auf die deutschsprachige Islamdebatte durchaus richtig einzuschätzen, hat sie doch selbige mit ihren Büchern wie zuletzt Himmelsreise, vor allem aber Fremde Braut und Allahs verlorene Söhne auf Seite der Islamkritiker nicht unerheblich geprägt. Auch widmet sie einen ganzen Bereich des Buches ihrer eigenen Verteidigung, um die Kritik der Islamkritik zurückzuweisen und vor allem dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit entgegenzutreten. Dennoch könnte man meinen, dass nach den auflagenstarken emotionalen Sachbüchern der letzten Jahre eine sozialwissenschaftliche Monographie durchaus wünschenswert gewesen wäre, in der Kelek ihre Sichtweise des Islams als Kultur systematisch erörtert.

Denn in diesem zweiten, vielleicht eigentlichen Schwerpunkt des Buches, liegt Keleks tatsächliches Verdienst für die nicht abreißende Debatte: „Der Islam ist, was in seinem Namen gelebt wird“, ist als sozialwissenschaftliche Ausgangshypothese vielversprechend, zeigt, dass die theologische Diskussion darüber, was im Koran steht oder nicht, völlig belanglos ist und entbindet letztlich von der nicht haltbaren Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus.

Kelek betont zu Recht die vollständige Auflösung des Individuums in der kollektivistischen Kultur des Islams und berührt damit den eigentlichen Unterschied zur westlichen Welt. Denn was zunächst banal klingt, hat weitreichende Konsequenzen. Der Islam degradiert den Menschen zum Sozialwesen, das der Gemeinschaft nicht nur angehört sondern auch vollständig gehört. Somit steht das soziale Konzept der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen dem westlichen, selbstverantwortlichen Individuum diametral gegenüber.

Kelek hat gegenüber den westlichen Islamwissenschaftlern und auch Islamkritikern einen riesigen Vorteil: Ihre Perspektive ist gewissermaßen nicht auf logische Erkenntnisprozesse beschränkt, sondern kann sich gleichfalls der (emotionalen) Lebenserfahrung bedienen, denn sie kennt beide Welten – die des Islams, wie die des freien Westens. Es wäre zu begrüßen, wenn sie die dadurch möglichen Synergieeffekte noch ertragreicher nutzen würde.

Keleks Kenntnisse der und Erkenntnisse aus der islamischen Geschichte und religiösen Literatur überzeugen. Wer sich intensiv mit dem Islam als Kultur bzw. Ideologie auseinandergesetzt hat, weiß, dass ihre Argumente auf des Pudels Kern zielen. Was wir aber noch brauchen, sind sozialwissenschaftliche und psychologische Beweise des Gesagten, mehr noch müssen wir im vorpolitischen, unbelasteten Raum die ganz grundlegenden Verhaltensweisen von Muslimen entschlüsseln. Nur dann können wir letztlich auch handlungsleitende Konsequenzen ziehen.

Necla Kelek (2012): Chaos der Kulturen. Die Debatte um Islam und Integration. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 255 Seiten, 9,99 Euro.

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