Angespannte Ruhe in Neukölln

18. März 2012 4

Nach dem Tod von Jusef brodelt bei den arabischen Jugendlichen Berlins der Deutschenhass

Zeichen der Trauer für den ermordeten Jusef in Neukölln – Bild: Ehssan Khazaeli

Es ist eine merkwürdige Ruhe, die an diesem Samstagnachmittag über dem Norden von Neukölln liegt. Einer der ersten Frühlingstage, die man genießen möchte, könnte man meinen. Aber in der arabischen Jugend Berlins brodelt es. Vergangene Woche wurde der 18-jährige Jusef El-A. in der Neuköllner Fritzi-Massary-Straße erstochen. Vorausgegangen war ein Streit auf dem nahegelegenen Bolzplatz am Dammweg. Der spätere Tatverdächtige soll dabei versucht haben zu schlichten, als sich der Hass gegen ihn und seinen Begleiter entlud.

Rund eineinhalb Stunden später stand eine Gruppe von 15 bis 20 Jugendlichen vor der Haustür, an der jetzt ein Blumenmeer liegt und Teelichter den Schriftzug Jusef bilden. Auf der Schaukel spielen zwei Kinder und versuchen ihre Schuhe möglichst weit wegzuschleudern. Es riecht nach Essen. In einem Häusereingang spielen Jugendliche ein Murmelspiel. Aus den Wohnungen dringt Lärm, Musik und Geschrei. Arabische Jugendliche sind nicht zu sehen.

Sie spielen auf einem der vielen Bolzplätze an der Sonnenallee Fußball. Einer vorbeilaufenden Nonne wird „Hey Süße“ hinterhergerufen. Bei einer vollverschleierten Muslimin bleibt die Gruppe still. Vermeintliches unfaires Spiel wird mit Beleidigungen beantwortet: „Du Jude“ gehört an diesem Samstagnachmittag fest zu diesem Bolzplatz.

Wenige Tage nach seinem Tod wurde Jusef beerdigt. Rund 3.000 Muslime begleiteten den Trauermarsch. Er erinnerte viel mehr an die inszenierten Beerdigungen im Gaza-Streifen, als an eine Beerdigung in Neukölln. Seitdem entlädt sich der Hass: Auf Facebook wurde zu Hass-Demonstrationen gegen den „Unrechtsstaat Deutschland“ aufgerufen. Die BZ am Sonntag begab sich auf Spurensuche, stieß auf die 16-jährige Selina, die die Freilassung des mutmaßlichen Täters Sven N. nur so erklären konnte: „Nur weil er Deutscher ist.“ Im Kiez herrscht dieser Tage eine klare rassistische Stimmung – gegen Deutsche.

Nur mit dem Vater des Opfers zusammen gelang es der Berliner Polizei die Emotionen zu kontrollieren: Er sprach ein Machtwort, forderte die Jugendlichen dazu auf, auf Gewalt zu verzichten. Die Arbeitsgruppe Migration und Integration suchte kurz nach den tödlichen Messerstichen Jugendclubs und Familien auf, um für Verständnis zu bitten und zu erklären, was Notwehr ist.

Oft sehen sich palästinensische und libanesische Jugendliche in einer fest vorgegebenen Opferrolle. Weltweit seien sie Unterdrückungen und Erniedrigungen ausgesetzt. Egal ob sie von Israel, den USA oder ganz allgemein vom Westen vermeintlich unterdrückt und erniedrigt werden. Jetzt aber haben die Jugendlichen einen konkreten Anlass gefunden, an dem sich ihr Hass entladen kann: Die Freilassung des mutmaßlichen Täters und das „in den Dreck ziehen“, ihres Freundes Jusef.

Kurze Zeit schien es so, als habe die Polizei die Situation unter Kontrolle. Bis die Staatsanwaltschaft Mitte der Woche eine neue Sachverhaltsdarstellung vorlegte: Jusef soll nicht, wie bisher angenommen, als Schlichter aufgetreten sein, sondern als aktiv handelnder Täter. Seitdem haben Polizei und andere Verantwortliche Angst vor der Eskalation. In übelsten deutschfeindlichen Parolen wird auf Facebook Stimmung gemacht.

Davon ist in der Neuköllner Al-Nur-Moschee nichts zu spüren. Eine stickige Wärme hängt in dem großen Gebetssaal. Gerade ist die Koranschule für die jungen Kinder vorbei. An der Kreuzung Haberstraße und Boschstraße ist kaum noch ein Parkplatz zu finden. Eltern holen ihre Kinder ab. Die radikalislamische Al-Nur-Moschee liegt nur wenige hundert Meter von Tatort entfernt. Auch Jusef soll regelmäßig hier gewesen sein.

4 Comments »

  1. Carsten Neumann 18. März 2012 at 18:08 - Reply

    Der Titel des Beitrags ist überschrieben mit “Nach dem Mord an Jusef…”. Es wird gebeten, die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung zu beachten. Ob es sich um “Mord” handelte (oder nicht), wird zunächst in einem außergerichtlichen Verfahren durch die Staatsanwaltschaft ermittelt, und kann, für den Fall einer Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft vor Gericht, erst durch ein rechtskräftiges Urteil festgestellt werden. Ergebnis des Strafverfahrens kann genauso die Feststellung sein, dass Notwehr, Körperverletzung mit Todesfolge oder Totschlag vorlag. Sollte die Staatsanwaltschaft das Vorliegen von Notwehr bejahen, dann kommt es nicht einmal zu einer Anklageerhebung vor Gericht. Wer in Notwehr handelt, begeht keinen Mord.

    Der Titel des Beitrags ist eine Vorverurteilung.

    • Felix Strüning 18. März 2012 at 20:40 - Reply

      Danke für den Hinweis, Mord wurde in Tod korrigiert…

  2. Johann 19. März 2012 at 15:18 - Reply

    Danke für diesen Artikel.

    Die Perser in Deutschland sind in der Regel gebildete Leute, die sehr gut integriert sind und einen direkten Zugang zur Deutschen Gesellschaft gesucht und gefunden haben.

    Dieses vorbildliche Verhalten fehlt leider vielen Muslimen, die die Hauptgruppe der Integrationsverweigerer stellen, in Deutschland. Diese Zuwanderer mit oft geringer Bildung und mit fundamentalistischen Kulturvorstellungen verstehen meist überhaupt nicht, was Integration bedeutet und für Chancen bietet.

    Ohne gesetzeskonforme Sanktionen und gesetzeskonformen Integrationsdruck geht es einfach nicht.
    Man muss sich wohl auch von der fixen Idee lösen, dass nicht jeder, der nach Deutschland kommt, sich auch integrieren möchte.

    Fördern und Fordern sollten im gesunden Verhältnis stehen, sonst zementieren wir uns Parallelgesellschaften auf Dauer.

  3. Genug ist genug 19. März 2012 at 17:37 - Reply

    Da wird mir jetzt aber mulmig. Stehen wir jetzt in Berlin kurz vor französischen Verhältnissen und es wird zu “Riots” wie letztes Jahr in GB kommen?

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