Lehrbuch der Geschlechtertrennung

13. März 2012 1

Dr. Thomas Tartsch über ein nahezu verfassungsfeindliches Islamlehrbuch

Das Kopftuch als Symbol für die Unterdrückung der Frau im Islam – Foto: Christoph S. / pixelio.de

Im Rahmen meiner Arbeit wurde ich auf das offensichtlich für den Islamunterricht in NRW ausgelegte Buch Lernstraße Islam – 15 Stationen für den Unterricht in der Sekundarstufe I von Friederun Rupp-Holmes aufmerksam gemacht. Nach Durchsicht des Inhaltes ergeben sich zahlreiche Anhaltspunkte für die Propagandierung von islamisch-fundamentalistischen bzw. islamistischen Positionen: 1

  1. Durch den Einsatz des Islamlehrbuchs im Rahmen des Schul- bzw. Islamunterrichts an einer staatlichen Schule wird eine Form der Da’wah unterstützt, die der Propagandierung eines als sakrosankt vermittelten Verhüllungsgebots der Frau und der Förderung einer strikten Geschlechtertrennung und geschlechterspezifischen Erziehung als Ausdruck einer „islamischen Lebenshaltung“ dient, die sich insbesondere an „glaubensschwache“ islamische Schülerinnen und Schüler richtet.
  2. Diese sollen sich durch die Nachahmung der genannten Verhaltensweisen bruchlos in eine in den Texten explizit überhöhte und als Gegenentwurf zur säkularisierten und wertepluralistisch verfassten Gesellschaft beworbene „islamische Gesellschaft“ einfügen, deren Zusammenleben durch den rechtlichen Teil der Scharia – in diesem Fall wird der zur al-muʿāmalāt gehörende Bereich der Moral und Sittlichkeit (Achlaq) durch die Propagierung eines Verhüllungsgebots und rigider Geschlechtertrennung ausdrücklich behandelt – geregelt und bei Fehlverhalten gemaßregelt wird.
  3. Damit wurde sich durch die Zulassung dieses Lehrbuchs in Widerspruch zum verfassungsrechtlich geschützten Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nach Art. 2I GG gesetzt, das vom BVerfG schon 1952 in der Urteilsbegründung zum SRPD-Verbot als eines der die freiheitlich-demokratischen Grundordnung definierenden Prinzipien genannt wurde, das seinen Ausdruck auch im selbstbestimmten, zur Kritik und zur freien Entscheidungsfindung fähigen Individuum findet, zu dessen Ausbildung die „westlich geprägte Pädagogik“ beitragen soll.
  4. Es wurde sich durch Zulassung dieser Art von Da’wah ebenso in Widerspruch zum Gebot der Neutralität in religiös-weltanschaulichen Belangen dieser freiheitlich-demokratisch verfassten Grundordnung gesetzt, was eine dauerhafte Entfremdung muslimischer Schülerinnen und Schüler von eben dieser Grundordnung zumindest fördern kann, wenn eine weitergehende Sozialisation außerhalb der Schule in islamisch-fundamentalistischen bzw. islamistischen Strukturen erfolgt, die mit deckungsgleichen Argumentationsmustern „Bildungsarbeit“ betreiben.

Gerade vor der aktuellen Frage der Einführung eines bekenntnisorientierten Islamunterrichtes an staatlichen Schulen muss geprüft werden, was in Zukunft für Lernmaterialen eingesetzt werden, weil man ansonsten ein Nebeneinander von muslimischen und nichtmuslimischen Schülern fördert und die Einführung von Geschlechtertrennung vorantreibt , die die Basis der islamischen sozialen Grundordnung bildet. Ein Ziel, welches Traditionalisten/Fundamentalisten (eher passiv handelnde Hüter der Tradition mit alleiniger Geltung der mittelalterlichen religiösen Quellen) und Islamisten (ziel- und handlungsorientierte geistliche und weltliche Akteure im Islam mit einem religiös unterfütterten politischen Programm, welches sich durch inhaltliche Formbarkeit der religiöser Quellen und Offenheit für politische Ideologien auszeichnet) verbindet. Wobei im Weiteren eine vertiefende Kategorisierung und Einteilung der einzelnen Gruppierungen notwendig ist, da sich beide Obergruppen in der Regel in Endziel und Mittelanwendung unterscheiden.

Das Islamlehrbuch steht für eine Entwicklung, die schon 2008 begonnen hat, als während der CDU/FDP Regierung in Nordrhein-Westfalen eine Handreichung für den Umgang mit muslimischen Schülern und Islam im Schulunterricht unter Mittarbeit der Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor erstellt wurde, die etwa in der Frage der Verhüllung der Muslima dieselben Positionen vertritt wie das Islamlehrbuch. 2 Der Kritik der Islamwissenschaftlerin Dr. Rita Breuer muss man nichts hinzufügen:

Ein trauriges Beispiel dafür ist die ‚Handreichung‘ von 2008 des nordrheinwestfälischen Integrationsministeriums, die den Umgang mit Islam und MuslimInnen in den Schulen lösungsorientiert unterstützen soll. Denn leider geht es darin wieder einmal nicht um die Vermittlung und Vertretung hierzulande gültiger unveräußerlicher Werte und Normen für alle SchülerInnen, sondern um die Sonderbehandlung und einseitige Privilegierung der MuslimInnen, deren religiös begründeten Sonderwünschen im Schulalltag so weit wie möglich Rechnung getragen werden soll. So verhindert man Integration und verfestigt Parallelgesellschaften – zum einseitigen Nachteil der muslimischen Mädchen.

Im Kapitel über die Kleidungsvorschriften wird der Eiertanz geradezu grotesk. “Von Unterdrückung keine Spur!”, so lautet das grundlegende Credo der Broschüre zum Kopftuch. Dass es auch das erzwungene Kopftuch gibt, wird eingeräumt. Die LehrerInnen hätten in solch einer Situation allerdings besondere Sensibilität aufzuweisen für die Zerrissenheit zwischen zwei Welten und sollten das Gespräch mit den Eltern, gerne auch bei einem Hausbesuch (!) suchen, um die Folgen für die Jugendlichen zu mildern. Dabei werden gerade diese Eltern einem solchen Gespräch wohl kaum aufgeschlossen sein und dem Lehrer oder der Lehrerin eher die kalte Schulter zeigen.

In jedem Fall, so die NRW-Handreichung weiter, sei die religiöse Bekleidung von Musliminnen zu akzeptieren und nicht-muslimischen MitschülerInnen zu vermitteln – mit Ausnahme der Ganzkörperverhüllung (mit Handschuhen, Gesichtsschleiern oder gar Burkas).

Hier und da schlagen inzwischen Grundschulen und sogar Kindergärten Alarm, die in Ermangelung einer rechtlichen Handhabe der Verhüllung und Sexualisierung der kleinen Mädchen hilflos zusehen müssen. Unsere Broschüre aus NRW beruhigt diesbezüglich mit der Feststellung, es handele sich hier von Elternseite keinesfalls um den Versuch das Kind zu unterdrücken, im Gegenteil: Die Verschleierung der kleinen Mädchen sei Ausdruck besonderer Liebe und Fürsorge.” 3

Friederun Rupp-Holmes (2003): Lernstraße Islam – 15 Stationen für den Unterricht in der Sekundarstufe I. Calwer, Seiten.

Notes:

  1. Eine offizielle Anfrage mit ausführlicher Darstellung zweier exemplarisch ausgewählter Textstellen wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit Verweis auf die föderale Struktur und die Verantwortung des betreffenden Bundeslandes abgewiesen. Derzeit läuft eine entsprechende Anfrage beim zuständigen Ministerium in NRW.
  2. Vgl.: http://issuu.com/ufuq.de/docs/nrwbroschuere
  3. Quelle: http://www.emma.de/ressorts/artikel/islam-islamismus/mobbing-gegen-kopftuchfreie-maedchen/

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