“Die Menschenrechte sind ein Idealgesetz”

1. März 2012 2

CT-Gespräch mit Anton und Thomas Pototschnik über die Grundlagen freier Gesellschaften

Das teamfreiheit aus historischer Perspektive: Sokrates, Aristoteles, Leonardo da Vinci, Galileo Galilei, Immanuel Kant und Sie?

Die Brüder Anton und Thomas Pototschnik enthüllen mit ihrem Buch The Hidden Blueprint of Freedom die Bedingungen, die für eine freie Gesellschaft zusammen müssen – und wie die Freiheit wieder zerfällt. Für Citizen Times sprach Felix Strüning mit den beiden Gründern des teamfreiheit über ihr Buch, ihr Engagement für die Freiheit in Österreich und Europa sowie die Universalität der Menschenrechte.

Citizen Times: Mit Voice for Europe waren Sie unterwegs durch die EU und haben vor einem Beitritt der Türkei gewarnt. Dann haben Sie in Österreich den Verein Europäische Werte gegründet und hauptsächlich Aufklärungsarbeit geleistet. Jetzt kommt teamfreiheit. Was haben wir uns darunter vorzustellen?

Anton Pototschnik: Bei der Kampagne Voice for Europe wurde uns bewusst, dass wir für etwas eintreten, das gemeinhin unter dem Begriff Europäische Werte zusammengefasst wurde. Doch was sind diese grundlegenden Europäischen Werte genau? Verschiedene Experten konnten einzelne Teile davon erklären, doch gab es keinen, der den ganzen Zusammenhang erklären konnte. Bezeichnenderweise gibt es bis heute noch nicht mal einen Wikipedia-Artikel zu diesem Thema.

Thomas Pototschnik: Wir haben uns dann an die Arbeit gemacht, aus 2.500 Jahren europäischer Geschichte die grundlegenden Werte herauszufiltern, aus denen unsere heutigen Freiheiten und Rechte entstanden sind. Dabei hat sich auch ein Muster herauskristallisiert, nach dem jede freie Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit entstanden ist.

Mit unserem Verein Europäische Werte haben wir eine wissenschaftliche Grundlage geschaffen: Die Definition der grundlegenden Europäischen Werte. Auf Basis dieser wissenschaftlichen Grundlage setzt sich unser humanistischer Verein teamfreiheit aktiv für den Erhalt unserer Freiheiten und Rechte in Europa ein.

Citizen Times: Und was wollen Sie im Wesentlichen mit teamfreiheit erreichen?

Thomas Pototschnik: Wir möchten die Grundlage für freie menschliche Entwicklung in Europa erhalten und auch weiterentwickeln und gegen jede Unterdrückung durch politische, religiöse oder wirtschaftliche Institutionen zu verteidigen.

Dazu ist es nötig, dass die Menschen wissen, was diese Grundlage der Freiheit ist. teamfreiheit schafft also ein Bewusstsein für die grundlegenden Europäischen Werte und den Stellenwert der Selbstverantwortung – wer in einer Demokratie schläft wacht in einer Diktatur auf!

Anton Pototschnik: teamfreiheit zeigt negative Entwicklungen, die zu Einschränkungen unserer Freiheit führen auf und setzt sich gemeinsam mit seinen Mitgliedern aktiv für den Erhalt unserer Freiheiten und Rechte ein. Wir vermitteln den Menschen, dass wir gemeinsam wirklich stark sind und die Macht haben, unsere Gesellschaft zu gestalten. Aber wir müssen handeln, uns vernetzen und uns als Team verstehen. Innerhalb von Österreich und auch europaweit.

Citizen Times: Wie können die Bürger sich einbringen?

Thomas Pototschnik: Jeder kann etwas tun! Die einfachste Form besteht darin, sich für unseren Newsletter anzumelden und wichtige Neuigkeiten im eigenen Umfeld zu verbreiten. Es ist auch nützlich unser Buch zu lesen und das Wissen über die grundlegenden Europäischen Werte weiterzugeben.

Oder man entscheidet sich dafür bei Briefe- oder E-mail-Fluten mitzuwirken, die von teamfreiheit organisiert werden. Hierbei können wir direkt und unkompliziert unseren Politikern zu verstehen geben, was wir wollen und was wir nicht wollen. Jeder kann auch Fördermitglied werden und durch seine Spende unseren Einsatz für die Freiheit finanziell unterstützen.

Anton Pototschnik: Wir sehen uns als Beginn einer europaweiten Bewegung in der sich Bürger wieder aktiv für den Erhalt ihrer Freiheiten einsetzen. Es besteht die Möglichkeit teamfreiheit-Gruppen in der eigenen Umgebung zu gründen. Ein guter Anfang hierfür wäre z.B. auch, uns für einen Vortrag einzuladen.

Citizen Times: In Deutschland ist man schnell als sogenannter Rechtspopulist verschrien, wenn man Religionen und insbesondere den Islam kritisiert. Wie hat es teamfreiheit geschafft sich als Verein in der Mitte zu etablieren?

Anforderungen an Religionen in der freien Gesellschaft – klicken um zu vergrößern

Anton Pototschnik: Wir stehen für einen sehr positiven Ansatz: Jede Religion ist willkommen – wenn sie die Rahmenbedingungen der sechs grundlegenden Europäischen Werte erfüllt.

Das Tolle an unserem Ansatz ist, dass wir keine absurden Forderungen stellen: Im Gegenteil – alles was wir von einer Religion erwarten, steht ohnehin bereits in unseren Verfassungen und in den Menschenrechten festgeschrieben. Und diese sind ja bindend – in Deutschland so wie in Österreich auch. Wichtig ist für uns zudem, dass „gleiches Recht für alle“ gelten muss: unsere Forderungen gelten für jede Religion – kein Moslem muss etwas einhalten, was nicht auch ein Jude oder ein Christ oder Hindu oder ganz einfach ein Staatsbürger in Deutschland oder Österreich einhalten müsste.

Thomas Pototschnik: Besonders stolz sind wir auf unsere Zusammenarbeit mit der Initiative Liberaler Muslime Österreich (ILMÖ). Sie beweist, dass unser Ansatz einen Rahmen bildet, in dem sich jeder gut bewegen kann, der die sechs grundlegenden Europäischen Werte schätzt und dass Integration möglich ist!

Insgesamt erleben wir oft folgende Reaktion: Schön, dass es endlich einen positiven Ansatz der Mitte gibt, der klare praktische Leitlinien beinhaltet, wie ein friedliches Miteinander möglich wird.

Citizen Times: Ihr Buch The Hidden Blueprint of Freedom hat kürzlich den internationalen Passion for Freedom Award erhalten. Worüber haben Sie konkret geschrieben?

Thomas Pototschnik: Die große Frage die wir uns zu Beginn unserer Recherchen gestellt haben war: Wieso haben wir in Europa persönliche Freiheiten und Möglichkeiten, die es in vielen anderen Teilen der Welt nicht gibt? Unser Buch enthüllt den versteckten Bauplan, nach dem jede freie Gesellschaft in der Geschichte der Menschheit geschaffen wurde. Es erklärt die Entwicklungsschritte, die durchlaufen werden müssen, bis eine freie Gesellschaft etabliert ist.

Das Buch macht aber vor allem auch einen Brückenschlag zur Gegenwart und beleuchtet die Frage, ob wir nun dabei sind unsere Freiheiten wieder zu verlieren. Es werden geschichtliche Fehlentwicklungen aufgezeigt, die in der Vergangenheit zum Abbau von persönlichen Rechten und Freiheiten führten. Es konnten auch alarmierende Ähnlichkeiten zu unserer heutigen Situation aufgedeckt werden: Politikverdrossenheit, Parallelgesellschaften, wirtschaftliche Krisen, usw.

Citizen Times: Nun, dann erläutern Sie doch bitte kurz diesen Bauplan der Freiheit, diese hier schon mehrfach erwähnten sechs Entwicklungsstufen, die zur Freiheit führen.

Anton Pototschnik: Wir standen vor der Aufgabe, die man in der Wissenschaft Komplexitätsreduktion nennt: nämlich die grundlegenden Werte Europas aus mehr als 2.500 Jahren europäischer Geschichte herauszuarbeiten. Die Entwicklung vom Mittelalter zu den Menschenrechten und Freiheiten, die uns die heutigen Demokratien in Europa gewähren, vollzog sich historisch über sechs Entwicklungsstufen:

  1. Humanistisches Denken: Das theozentrische Weltbild des Mittelalters, mit Gott im Mittelpunkt, wird durch die Renaissance ab etwa 1450 Schritt für Schritt abgelöst. Die Wiedergeburt des humanistischen Weltbildes der Antike beginnt. Merke: „Der Mensch wird wieder zum Maßstab aller Dinge.“
  2. Rationalität: In einem Weltbild, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht, wird nun der menschliche Verstand mehr und mehr eingesetzt, um zu erkennen, was wahr und was falsch ist. Im Rationalismus ab 1640 wird der menschliche Verstand zum Werkzeug zur letztendlichen Urteilsfindung. Leitsatz: „Die Vernunft wird wichtiger als blinder Glaube.“
  3. Trennung von Politik und Religion: Durch die Widerlegung vieler kirchlicher Dogmen durch die Vernunft kommt es im Zeitalter der Aufklärung ab 1700 zur Trennung von Politik und Religion. Ergo: „Weltliche Gesetze werden über religiöse erhoben.“
  4. Rechtsstaatlichkeit: Durch die Französische Revolution ab 1789 wurden Grundrechte für alle erkämpft. Es entstanden gerechte Spielregeln für ein friedliches Zusammenleben. Das bedeutete: „Vor dem Gesetz sind nun alle Menschen gleich.“ 
  5. Demokratie: Mit einigen Grundrechten im Rücken begannen die Menschen von ihren Herrschern politische Mitbestimmung einzufordern. Dies gipfelte in der ersten demokratischen Verfassung von 1791. Heute: „Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus.“
  6. Menschenrechte: Nach den beiden Weltkriegen forderte man ein Idealgesetz ein, an das sich von nun an jede politische, religiöse und wirtschaftliche Institution halten muss, damit so etwas nicht wieder passieren kann. Dies wurde in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 festgeschrieben.

Citizen Times: Sie sagen die Menschenrechte seien universell, weil alle Menschen ein Anrecht auf sie hätten. Aber hätten sie dann nicht überall entstehen müssen? Was Sie beschreiben klingt eher wie ein wiederholter europäischer Sonderweg…

Thomas Pototschnik: Europäische Werte dürfen sie durchaus genannt werden, da sie zuerst in Europa und Amerika, der Heimat ausgewanderter Europäer verwirklicht wurden und den westlichen Kulturkreis heute prägen. Letztlich gehören diese Werte jedoch nicht den Europäern allein, sondern allen Menschen, die in einer humanistischen Welt leben wollen. Europäische Werte sind universell, d.h. sie können als Einladung für alle Hochkulturen verstanden werden, durch die Umsetzung dieser grundlegenden sechs Schritte eine humanistische Gesellschaft aufzubauen.

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Entwicklung der sechs Stufen einen langen Weg beinhaltet, wobei die sechs Stufen aufeinander aufbauen. Dazu müssen sehr viele Bedingungen zusammenkommen und wenn die erste Stufe nicht entwickelt wurde, kann keine der folgenden Stufen entstehen…

Citizen Times: Sie beschreiben die Menschenrechte als höchste Stufe. Doch liberale Denker des 20. Jahrhunderts würden widersprechen und zu Bedenken geben, dass auch in den westlichen Demokratien unterschiedliche Freiheitsgrade vorliegen.

Thomas Pototschnik: Die Menschenrechte sind ein Idealgesetz – der Grad der Umsetzung in den verschiedenen Staaten Europas ist unterschiedlich. Wesentlich dabei ist, dass wir nicht aufhören, dem Ideal so nahe wie möglich kommen zu wollen. Menschenrechtsverletzungen, wie gering sie vielen auch erscheinen mögen, müssen und sollen geahndet werden. Viele Kritiker ziehen jedoch einen unlogischen Schluss: Sie setzen kleinere Menschenrechtsverletzungen in Europa mit inhumanen Systemen gleich, die Menschenrechte nicht einmal anerkennen, geschweige denn umsetzen. Diese Relativierung ist gefährlich. Es ist positiv, dass wir unsere eigene Geschichte kritisch beleuchten und uns unserer Fehler bewusst sind. Trotzdem bieten unsere freien humanistischen Gesellschaften in Europa allen Menschen ohne Unterscheidung Freiheit, soziale Unterstützung und persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Auf diese außergewöhnlichen gesellschaftlichen Errungenschaften dürfen wir ruhigen Gewissens stolz sein.

Citizen Times: Das Buch – bisher auf Englisch – wird gerade übersetzt. Wann dürfen wir mit einer deutschen Ausgabe rechnen?

Anton Pototschnik: Wir haben bereits eine rege Nachfrage zur deutschen Version erfahren – teamfreiheit arbeitet mit Hochdruck an der Fertigstellung. Wir möchten das Buch Anfang Sommer herausbringen.

Anton & Thomas Pototschnik (2011): The hidden blueprint of freedom. Free societies don’t appear out of thin air. 148 Seiten, 16,30 Euro. Kaufen bei Amazon oder direkt bei BoD. Lesen Sie auch die CT-Rezension.

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