Unbildung ist aller Laster Anfang

28. Februar 2012 0

Wenn sich das Wissen bei den Bürgern eine Bahn bricht, sind sie nicht mehr zu halten

Beantworten Sie folgende Frage: Wie gut sind Energiesparlampen wirklich für uns? – Bild: Tobias Bräuning / pixelio.de

Wir erinnern uns: Ich hatte in meinem letzten Beitrag zwei Eckpfeiler aufgestellt, die als Basisgrößen für die Bewertung politischer Arbeit gelten können, wenn es um die Frage geht: Welches Potential hat ein politisches Programm einer beliebigen Partei für die Aktivierung möglichst großer Wählerschichten?

  1. Der Bürger weiß wenig.
  2. Er will aber mehr wissen.

Während meiner aktiven Phase in der freiheitlichen Parteineugründung bekam ich die Gelegenheit, diese beiden Thesen auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Der für meinen Bezirk zuständige Koordinator gab mir das Podium unserer Versammlungen, um einen populärwissenschaftlichen Vortrag zu halten. Das war ein guter Vorsatz, den ich dem Betreffenden gar nicht hoch genug anrechnen kann.

Hier tut sich bereits ein weiteres Nebenthema auf, nämlich die Frage nach dem Willen und der Fähigkeit von Führungspersonal in Parteien, ihren eigenen Themenhorizont zu erweitern bzw. eine solche Erweiterung zuzulassen, auch wenn man selbst dazu nichts beitragen kann. Hier gibt es auch Parallelen zu anderen Bereichen des täglichen Lebens, etwa der Berufswelt, aber dies bedarf einer gesonderten Betrachtung (auch wenn hier natürlich ein weiteres schlagendes Argument für die Beachtung des Themas Bildung wartet; hierzu evtl. an anderer Stelle mehr). Die Folgen dieser Horizonterweiterung (oder des Erkenntnisgewinns) habe ich erfahren und ich komme weiter unten darauf zurück.

Ich plante zunächst eine lockere Folge von Vorträgen zu diversen Themen aus dem Bereich Technik/Energie. Die Vorbereitung des Nährbodens für meinen ersten Vortrag war ein Kinderspiel: Die Tatsache, dass unsere Regierung einerseits ihr Volk – also uns – in vielerlei Hinsicht für dumm verkaufen will, uns also über grundlegende Zusammenhänge im wirtschaftlich-technischen Bereich nicht umfassend aufklärt (honi soit, qui mal y pense), und uns andererseits fast täglich vorführt, dass selbst an entscheidenden Führungspositionen oft die unfassbarsten Amateure und Dilettanten sitzen (das Beispiel Röttgen drängt sich auf), ist evident und geht auch und vor allem denjenigen auf die Nerven, die diese Defizite schon aufgrund ihres gesunden Menschenverstandes erkennen (oder zumindest erahnen).

Ich hatte also leichtes Spiel dabei, die Aufmerksamkeit meines Publikums zu bekommen. Die schon fast nach Sottise klingende Eröffnungssentenz: „Die Regierung hält uns zum Narren, und ich kann es beweisen!“, öffnete mir alle Augen und Ohren. Als Beispiel für meinen ersten Angriff auf die Ignoranz des Volkes (diese Bezeichnung habe ich bewusst provokant gewählt, und sie stellt keine Abwertung meines Publikums dar, ich kann das nicht oft genug wiederholen) wählte ich ein Thema, das sowohl von tagesaktueller Brisanz war, als auch von sinnbildlicher und symbolischer Kraft – und zwar gleichermaßen für das oben erwähnte Dilemma politischer Verdunkelung, wie für einen meiner persönlichen Grundsätze und humanistischen Leitlinien: Erhelle die Finsternis! Dieses Thema war die Glühlampe.

Ich will hier nur stichpunktartig die technisch-physikalischen Fakten anreißen, welche ich auf leicht verständliche Weise (so etwas nennt man im allgemeinen Sprachgebrauch populärwissenschaftlich) in Form meines Vortrags dem interessierten Publikum von etwa zwei Dutzend Mitstreitern der neuen Partei darbot.

Im Übrigen tat ich das ganz ohne Powerpoint: Eine Tafel und farbige Kreide reichten. Ich kam mir ein wenig vor wie Professor Bömmel: „Wat is ne Glühlampe? Da stelle mer uns janz dumm…“ In solchen Momenten ahne ich, warum so viele junge Menschen davon träumen, Lehrer werden zu wollen: Es macht Spaß!

Ich begann also, meinen Zuhörern ein paar Grundlagen beizubringen: Über das Spektrum des Lichts, über natürliche und künstliche Spektren, über den Vergleich zwischen den Spektren unterschiedlicher Lichtquellen. Ich berichtete über den Einfluss der unterschiedlichen Spektren elektromagnetischer Strahlung auf die belebte Natur, wie etwa auf Pflanzen oder auch auf den Menschen, bei letzterem insbesondere auf sein seelisches Wohlbefinden und den wissenschaftlich gut belegten Zusammenhang zwischen schlechtem Licht und Depressionen. Bereits hier wurden die Ohren meiner Zuhörer deutlich spitzer.

Dann spannte ich den Bogen auf, der ein paar wenige physikalische Grundlagen zum Thema Lichterzeugung darlegte; über Glühfäden, Fluoreszenz und Lumineszenz, über die Funktionsweise von Leuchtstoffröhren im Allgemeinen und sogenannten Energiesparlampen im Speziellen. Die Augen des Publikums wurden größer.

Als ich dann die wirklich wichtigen Details herausarbeitete, wie etwa die Inhaltsstoffe von Energiesparlampen, deren Energie- und Umweltbilanz, deren problematische Entsorgung oder die Gefahren bei Glasbruch (Quecksilber!), da war kein Halten mehr: Völlige Entgeisterung beim Publikum. Alle hatten nur die eine Frage: Wie ist es möglich, dass unsere Regierung aktiv daran beteiligt ist, per gesetzlichem Zwang ein Produkt einzuführen, das dem Menschen objektiv schadet, seine Gesundheit gefährdet und sein Wohlbefinden mindert, und gleichzeitig ein seit anderthalb Jahrhunderten existierendes, um Längen besseres Produkt zu verbieten?

Ich beendete meinen Vortrag damit, die Spannung aufrecht zu erhalten und darauf zu verweisen, dass es da so etwas wie einen Masterplan gäbe, der dahinterstecke, und der habe etwas mit dem Thema Klimawandel zu tun. Dies sei ein weiteres, wenn nicht das zentrale Thema heutiger Politik, und ich bräuchte einen weiteren Abend, um das auch nur annähernd umreißen zu können. Dort sähe es aber in Bezug auf die Verdummung des Volkes genau so finster aus wie beim Thema Glühlampe. So weit, so gut.

An diesen Schilderungen meines Vortrages im Kreise der Mitstreiter für eine freiheitliche Parteineugründung lassen sich gleich mehrere Dinge exemplarisch ablesen und dazu Thesen formulieren.

  1. These: Kein Thema ist so kompliziert, dass man es nicht erklären könnte.
  2. These: Die bisweilen enorme Komplexität bestimmter Themenbereiche (wie etwa der Kernenergie) ist ein doppelschneidiges Schwert. Einerseits führt sie beim Bürger zu einer Art Abwehrreflex der Sorte: „Zu hoch für mich“. Andererseits nutzen Politiker diesen Abwehrreflex beim Wähler schamlos aus. Da sie wissen, dass die allermeisten sowieso vor dem Thema kapitulieren, können sie den größten Irrsinn produzieren, wenn sie nur groß genug „Experte der Regierung sagt Doppelpunkt“ draufschreiben. Dem Bürger und Wähler bleibt nur zu hoffen, dass seine Politiker das Richtige tun, und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
  3. These: Dieses Podest der Arroganz, auf dem Politiker (als Folge der These Nr. 2) stehen, bricht sofort zusammen, wenn man es schafft, die Abwehrlinie der Arroganz, die Kruste der Wissensverweigerung zu durchbrechen und eine Kerze ins Dunkel zu stellen. Einmal erkannt, dass man (schönes Wortspiel hier) hinters Licht geführt wurde, und schon steigen Skepsis und Wissensdurst parallel und geometrisch an. Ich vertrete die Auffassung, dass dies der Grund dafür ist, warum unsere Regierung diese Linie der Verdummung konsequent bei allen mögliche Themen durchhält: Sie kann es sich nicht erlauben, in einem Fall plötzlich aufzuklären und dem Volk die Wahrheit zu vermitteln. Es würde dann sofort ahnen, dass das kein Einzelfall ist.

Wie gesagt: Ich hatte nur diesen einen Abend, um das Thema innerhalb einer Stunde möglichst griffig vorzuführen. Ich hätte einen weiteren Abend gebraucht, um das Thema auszuwalzen und entsprechende Schnittstellen zu anderen Themen (Umweltschutz, alternative Energien, Klimawandel, Kernenergie, Elektromobilität etc.) aufzuzeigen. Es hätte sich die Möglichkeit geboten, aus den zwei bis drei Dutzend Mitstreitern in meinem Bezirk vielleicht 200 in der ganzen Stadt zu machen, die man dadurch in die Lage versetzt hätte, als aufgeklärte Menschen in einen Wahlkampf zu gehen, in dem die Bandbreite der möglichen Themen so immens groß ist, dass man schon zu mehr als nur einem etwas sagen können muss. Leider entwickelte sich der Wahlkampf nicht in diese Richtung. Ganz im Gegenteil. Auf dem Wahlparteitag wurde das offensichtlich.

Fortsetzung folgt.

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