Zur Freiheit, zurück und wieder zur Freiheit

24. Februar 2012 2

Rezension zu Anton & Thomas Pototschnik (2011): The hidden blueprint of freedom

Cover des Buches: The Hidden Blueprint of Freedom

Freie Gesellschaften entstehen nicht aus dem Nichts. Stattdessen gibt es einen versteckten Bauplan der Freiheit. Versteckt ist er, weil die meisten Menschen, die sich ihre Freiheit nicht selbst erkämpfen mussten, nicht wissen, welche zahlreichen Bedingungen dafür zusammenkommen müssen. Sechs unverzichtbare und aufeinander aufbauende Stufen haben die österreichischen Brüder Anton und Thomas Pototschnik (CT-Interview) aus der Geschichte kondensiert. An ihnen lässt sich die Entwicklung von einer unfreien zu einer freien Gesellschaft festmachen – und auch wieder zurück.

Denn Gesellschaften entwickeln sich keineswegs linear-evolutionär, sondern vielmehr zyklisch, argumentieren die Autoren. So hat das antike Griechenland vergleichbare Schritte zu einer freien Gesellschaft durchlaufen, wie wir es in der Neuzeit in Europa beobachten konnten. Die Fehler der Griechen von damals, die letztlich im dunklen Mittelalter mündeten, können uns auch heute Warnung für den Verfall der Freiheit sein. Denn der steht unmittelbar bevor.

High-cultures do not come to a fall because of pressure from the outside, they are much too developed as to be threatened by outer influences. Instead they are always weakened from within. Only after some sort of inner debilitation do they succumb to pressure from the outside. […] The main cause is always ignorance […], we are not aware of the functions of our security mechanisms and without knowing or realizing it; we took these mechanisms out of action.”

Bis der Leser zu diesem Fazit der beiden Autoren gelangt, hat er den Kreislauf von der unfreien zur freien und wieder zur unfreien Gesellschaft mehrmals durchlaufen. Denn zunächst mutet das Büchlein an, wie ein Band aus der berühmten für Dummies-Reihe des Wiley Verlages, wimmelt es doch von kleinen Grafiken, Icons und Figuren. Doch von Runde zu Runde verdichten die Pototschniks ihre Ideen, bei jedem Schritt vom Mythos zum Logos und zurück werden sie textlastiger und steigen tiefer ein in die zweieinhalb Jahrtausende währende Ideengeschichte der freien Gesellschaft.

Dem philosophisch Versierten mag diese Verkürzung 1 zunächst unzulässig vorkommen, erscheint sie doch allzu frech und modern. Er wird jedoch für seine Geduld bei der Lektüre belohnt, wenngleich das Buch bei der Essenz der jeweiligen Epoche verharren muss. Doch genau hierin liegt das Verdienst der beiden Autoren, nur das für die Frage nach den Ursachen der Freiheit Bedeutsame zu beleuchten. Was dem Buch dadurch vollkommen abgeht, ist die Trockenheit und Biederkeit der meisten konservativen Publikationen, der verstaubte Pathos philosophisch hochgestochener Werke. Es ist vor allem durch seine Aufmachung ein Lehrbuch, wie die Generation-Web2.0 es braucht und zugleich keinesfalls oberflächlich.

Die sechs Stufen des Bauplans für die Freiheit

Um der Verkürzung noch einmal Rechnung zu tragen, sollen dem eiligen Leser die sechs Stufen auf dem Weg zur freien Gesellschaft hier nicht vorenthalten werden:

Das antike Griechenland war im Gegensatz zu vielen anderen Weltregionen dieser Zeit vor allem durch den (See-)Handel geprägt und deswegen durch das Prinzip des freien Wettbewerbs. Eine wesentliche Voraussetzung für den ersten Schritt, das humanistische Denken: “As they had much time, open minds and were simply free to do so, they started to think, wonder and question; moreover, they were searching for answers to these questions not out of necessity but simply because they were interested in knowledge for its own sake. […] Philosophy was therefore an activity of free men who did not expect solutions for all their problems; no life solace was sought by them, as was the case later on in history. Their only aim was to find explanations for phenomena they were amazed by but unable to understand.”

Wie auch heute, war also der Kapitalismus bzw. der freie Markt die beste Voraussetzung zur Entfaltung freien Gedankengutes, eben „weil die Marktwirtschaft die einzige Wirtschaftsform ist, die mit dem individuellen Grundrecht der Freiheit in Übereinstimmung steht und die besten Rahmenbedingungen für eine selbstverantwortliche Lebensgestaltung bietet“, wie es der Kieler Philosophieprofessor Wolfgang Kersting in seinem hervorragenden Buch Verteidigung des Liberalismus gewissermaßen modern ausdrückte. 2

Mit den großen Erzählungen Homers folgte der zweite Schritt: Die Rationalität. Die griechischen Götter nicht nur verwundbar, sondern auch kritisierbar. Odysseus stellte dann den großen Sprung zum selbstständig denkenden Menschen dar und die Philosophie des Thales von Miletus entwickelte in Mathematik, Geometrie und Astronomie das, was wir heute naturwissenschaftliche Methoden nennen würden.

Im  dritten Schritt, der Säkularisierung, folgte das politische System dem schnellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel des antiken Griechenlands. Die göttliche Legitimation des politischen Herrschers verlor zunehmend an Bedeutung, auch, weil in Griechenland eine entsprechende religiöse Kaste fehlte. “At a certain point however, there was a crucial mass of people who had gained a certain prosperity in trade and discontent with their situation, decided to take responsibility into their own hands by forgoing divine assistance. They chose the most appropriate of their group to find rules for social life and organization of the citizens. […] It were the Greeks who invented reason, simply out of a lack of other possibilities to create a sound political system which would correspond to the social conditions.”

Als geradezu logische Konsequenz ergab sich daraus als vierter Schritt die Entwicklung einer Rechtsstaatlichkeit, die zumindest halbwegs gleiche Rechte für freie Männer schuf und eine gewisse Gewaltenteilung etablierte. Ulrike Ackermann, Heidelberger Professorin für Freiheitsforschung zufolge stellt dieses Moment sogar die eigentlich herausragende Entwicklung des antiken Griechenlands dar, waren die von Menschen gemachten Gesetze nun einerseits änderbar (weil nicht göttlich-ewig) und andererseits galten sie auch für den Souverän selbst. 3

Dass auch der fünfte Schritt, eine volle Demokratie (für freie Männer) um 461 vor Christus erreicht wurde, ist zwar folgerichtig und hängt mit der philosophischen Schulung, dem Übergang vom Mythos zum Logos zusammen; dennoch: “Historians are still discussing why the Greeks in particular had such talent for reasoning and philosophy. Not only did they dare to overthrow rulers as happened in every ancient society but what made the Greeks special was their attempt to create a system without a monarch or a ruling class of aristocrats.”

Den krönenden Abschluss stellen die (allgemeinen) Menschenrechte als sechste Stufe dar. Sie wurden im antiken Griechenland niemals vollständig erreicht, blieben alle politischen Rechte doch den freien Männern vorbehalten, während Sklaven und Frauen sich mit weniger Möglichkeiten der Selbstverwirklichung begnügen mussten. Dennoch prägte diese Zeit die Debatte über allgemeine Grundrechte und bei den Stoikern entwickelte sich erstmals der Gedanke der Gleichberechtigung aller: “Therefore, Stoics changed their focus from the collective to the individual and created a theory that became fundamental to the development of human rights, as they claimed that the inherent equality of all human beings is based upon reason, which is then a part of an all-pervading universal reason, the ‘logos’.”

… und zurück zum Mythos

Doch ebenso, wie eine Entwicklungsstufe auf die andere aufbaut und nur in dieser Reihenfolge möglich ist, so kann man den stufenweisen Abbau der Freiheitsgrade am Zerfall der antiken griechischen Demokratie beobachten, so die Autoren.

Der Weg zurück vom Logos zum Mythos begann mit der Machtübernahme durch das Römische Reich, das selbst keine Demokratie darstellte, aber immerhin noch rechtsstaatlich organisiert war. Doch moralischer Verfall (der Eliten), zunehmende Politikverdrossenheit und Nicht-Beteiligung an politischen Prozessen zersetzten das Reich innerhalb weniger Jahrhunderte von innen. Herrschende Klassen klammerten an ihren Posten und der Kaiser wurde de facto zum alleinigen Machthaber, auch gerechtfertigt durch die zunehmenden Bedrohungen von außen. In der Folge vermischten sich Religion und weltliche Macht, bis dass das Christentum zur Staatsreligion wurde und neben der Vielgötterei auch die Vernunft verbannte. Wissen wurde nur noch in den Klöstern weitergegeben bzw. dort verschlossen, während anwachsende Unterschichten (Sklaven, Leibeigene) dem Kreuz bedingungslos folgten. Weltliche Macht wurde schließlich wieder durch die Kirche verliehen, aus Bürgern wurden Untertanen.

Die Geschichte wiederholt sich

Es hat fast 2.000 Jahre gedauert, bis von diesem Tiefpunkt aus die mit der Renaissance beginnenden Entwicklungen schließlich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinen Nationen im Jahr 1948 gipfelten. Die dafür notwendigen Schritte waren genau die gleichen, wie im antiken Griechenland.

Doch ebenso wie damals, zeigen sich schon jetzt wieder Zerfallserscheinungen: ob dies die in den letzten 20 Jahren erodierten Regularien für den Finanzmarkt seien, der demokratisch nicht legitimierte EU-Apparat in Brüssel oder aber der zunehmende Einfluss islamischer (und auch christlicher) Ideologie auf Gesetzgebung und Freiheiten. Europa steht am Scheideweg, meinen Anton und Thomas Pototschnik, denn der moderne Mensch sei zwischen Mythos und Logos geboren: “Myth stands for the trust in authorities to solve our problems. It is the belief in a positive force of fate paired with the hope of being delivered by others.”

Um sich diesen Entwicklungen entgegenzustellen, haben Anton und Thomas Pototschnik den Verein teamfreiheit gegründet, reisen durchs Land und halten Vorträge. Sie wollen das Wissen über den versteckten Bauplan der Freiheit verbreiten, damit die Bürger Europas sich wieder dafür einsetzen:

So far Europe continues to be the symbol for free societies, but we are at a crossroad. Many people sense a kind of discomfort, something in our society seems to be out of order. Do you know this feeling? Most people who are brave enough to take the effort and dare to look at things come to the conclusion that a boxing world champion is not invincible. Neither is Europe and all it stands for.“

Anton & Thomas Pototschnik (2011): The hidden blueprint of freedom. Free societies don’t appear out of thin air. 148 Seiten, 16,30 Euro. Kaufen bei Amazon oder direkt bei BoD. Derzeit wird das Buch ins Deutsche übertragen. 

Lesen Sie auch das CT-Interview mit den beiden Autoren.

Notes:

  1. Selbst eine der Hauptquellen der Autoren, die dreibändige, knapp 1.600 Seiten umfassende und gleichsam geniale Geschichte der Philosophie im Überblick von Franz Schupp, wird in universitären Philosophenkreisen wegen ihrer Verkürzung kritisiert. Franz Schupp (2003): Geschichte der Philosophie im Überblick. Hamburg: Meiner Verlag. Band 1: Antike, 444 Seiten, 19,90 Euro. Band 2: Christliche Antike und Mittelalter, 548 Seiten, 22,90 Euro. Band 3: Neuzeit, 584 Seiten, 28,90 Euro.
  2. Wolfgang Kersting (2009): Verteidigung des Liberalismus. Hamburg: Murmann Verlag, 234 Seiten.
  3. Ulrike Ackermann (2008): Eros der Freiheit. Plädoyer für eine radikale Aufklärung. Klett-Cotta, 167 Seiten, 19,95 Euro.

2 Comments »

  1. cicero 26. Februar 2012 at 12:52 - Reply

    Ach ach: Wer die üblichen, uralten, stinknormalen, so sehr geschmähten antiken Texte gelesen hat, weiß das alles schon und noch viel mehr. Es gibt einen Grund, warum diese Texte überlebt haben: Selbst im tiefsten Mittelalter gab es immer jemanden, der sie für wertvoll hielt. Warum wohl …

    Deshalb plädiere ich immer und immer wieder dafür: Wir brauchen statt des konfessionellen Religionsunterrichtes einen Humanismus-Unterricht, in dem man u.a. genau diese Texte liest. Mit Religion(en) kann man sich dann auch noch befassen: Auf genau dieser Basis. Auch die moderne Aufklärung versteht man nur dann ganz, wenn man die antike Aufklärung mit in den Blick nimmt. Jeder, der Dan Browns “Verlorenes Symbol” gelesen hat, weiß, dass die Stadt Washington ursprünglich einmal den Namen “Rom” trug … die ersatzlose Abschaffung des Latein-Unterrichtes war ein Riesenfehler. Wenn man meint, dass man auch Übersetzungen lesen könne, dann muss man diese Übersetzungen eben auch lesen!

    Oder dieses Buch hier. Als Einstieg. Der Ansatz des Buches ist natürlich klasse, der Versuch, alles modern darzustellen, obwohl es schon 2500 Jahre alt ist (älter als NT und Koran), ist auch vollkommen zu begrüßen, allerdings zweifle ich ein wenig an den Punkten, an denen die Schritte festgemacht werden:

    Die alten Griechen hatten nicht nur wegen der Marktwirtschaft Zeit zum Denken, sondern auch wegen ihrer Sklaven. Der Artikel streicht aber gut heraus, dass die Antike den Gedanken der allgemeinen Menschenwürde und Sklavenbefreiung ebenfalls hervorbrachte – danke dafür. Aufklärung ist eben ein Prozess, bei dem nicht alles von Anfang an ideal ist. – Homer als Beginn der Rationalität ist zumindest fraglich, wird doch gerade Homer von den späteren griechischen Philosophen wegen seiner Mythen heftig kritisiert; ein Anfang hier höchtens im embryonalen Zustand. Nun gut. Das Römische Reich war anfangs durchaus eine Art von Demokratie. Gerade deshalb kann man am Römischen Reich ja auch den Verfall deutlich machen. Aber Schwamm drüber: Die zentrale Message ist goldrichtig.

    Dieses Buch habe ich soeben gekauft. Sofort. Ohne zu zögern. Das passiert selten. Und ich habe es auch sofort weiterempfohlen. Ran an den Speck!

  2. cicero 26. Februar 2012 at 14:43 - Reply

    Ich habe mich ein wenig auf der Homepage von Team Freiheit umgesehen, und dort (u.a.) folgende Ideen gefunden:

    (1) Eine Kriterienliste, was eine Religion erfüllen muss, damit sie in der modernen Gesellschaft akzeptabel ist. Wunderbar!

    (2) Die Idee, dass man mit dem Islam jetzt eben genau das machen muss, was auch schon mit dem Christentum geschehen ist, und dass man dazu mit den wenigen aber vorhandenen Euro-Muslimen zusammen arbeiten muss.

    Volltreffer! Wo die geistige Grundlage stimmt, stimmt auch das erzielte Denk-Ergebnis.

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