Über eine bittere Erfahrung

20. Februar 2012 2

Über die sträfliche Unwissenheit von Mitgliedern in Parteineugründungen

Was bringen Energiesparlampen wirklich? Eine Diskussion, der sich auch neue Parteien stellen müssen – Bild: wrw / pixelio.de

Auf dem seinem Weblog Bissige Liberale ohne Gnade (B.L.O.G.) schreibt Autor Rayson ein gutes Stück über die nicht besonders rosige Zukunft liberaler bzw. libertärer Parteien und Bewegungen in Deutschland angesichts des Niedergangs der FDP. Die dort auftauchende Phrase „wer, wenn nicht wir?“, und ihre sämtlichen Derivate klingen dabei leider schon ein wenig abgenutzt, im Kern der Sache liegt er da aber richtig.

Rayson empfiehlt jedem, der sich über die Gründung einer neuen Partei im liberalen Spektrum (oder was man dafür hält) Gedanken macht, die probeweise Mitarbeit oder gar Mitgliedschaft in einer solchen Neugründung. Dieser Rat ist es, der meine vollste Unterstützung findet und dessentwegen ich seinen Artikel zur vollständigen Lektüre empfehle. Ich kann da nämlich mitreden und gebe hier ohne Scham und Reue zu: Ich habe es getan! Ich war für ein paar Monate Mitglied einer freiheitlichen Parteineugründung. Ich habe erlebt, wer sich da tummelt, und warum.

Einer meiner Lieblingssprüche lautet: „Wer nichts weiß, muß alles glauben.“ Und was ich an Erfahrungen und Erlebnissen bei der bewußten Neugründung sammeln durfte, war – auch wenn hier auf den ersten Blick kein Zusammenhang besteht – geprägt von der Erkenntnis, dass die meisten Kernfragen, vor denen unsere Gesellschaft steht, von so hoher Komplexität geprägt sind, dass der Durchschnittsbürger ihnen nicht folgen kann, geschweige denn eine Antwort auf sie finden könnte.

Von den meisten Dingen hat der Deutsche schlicht keine Ahnung. Dies ist natürlich a priori kein Faktor, der für neugegründete Parteien, die als Alternative zu den Etablierten reüssieren, besonderes Attraktivitätspotential bereithält (etwa weil Kenntnisfreiheit schließlich auch und vor allem in den großen Volksparteien ein durchaus karriereförderndes Attribut sein kann), aber er erweist sich meiner Meinung nach als mitentscheidend für das Schicksal von Neugründungen, so wie ich es erlebte.

Nur wenige Bereiche der Politik, die unsere Gesellschaft sozusagen ausmachen, die das ihr innewohnende Mark bilden, kann der deutsche Normalbürger auf Anhieb und mit wenigstens ausreichender Klarheit erfassen und sich zu ihnen positionieren. Dies gelingt ihm in solchen Fällen dann dank seines gesunden Menschenverstandes, und davon hat er umso mehr, je bodenständiger er ist. Die Bürger, die sich in der Urzelle der erwähnten neugegründeten Partei zusammenfanden, waren fast ausschließlich von diesem Schlag. Dies ist in meinen Augen Fluch und Segen zugleich.

Die von mir so bezeichnete Urzelle entstand aus einer Bürgerbewegung gegen einen Moschee- Neubau in einem Stadtteil, in dem es so gut wie keine moslemische Bevölkerung gab. Die Leute, die ich auf den ersten Versammlungen der Partei, die ich besuchte, traf, waren sämtlich ganz normale Bürger aus den typischen, eher kleinbürgerlichen Schichten des Bezirks: Handwerker, kleine und mittelständische Unternehmer, Angestellte etc. Kein Extremist, Rassist oder gar Nazi weit und breit.

Etwas pathetisch ausgedrückt: alles anständige Leute. Das gefiel mir. Was mir aber auch auffiel, war die (am Anfang) noch sehr singuläre Ausrichtung der Partei auf das Thema Islam/Islamismus und der ihm zugeordneten potentiellen Bedrohung der freien Gesellschaft. Auch wenn es ziemlich arrogant klingt, muß ich es mal so ausdrücken: Dieses Problem versteht jeder, es bedarf keiner großen intellektuellen Leistung, hier Wählerpotential zu aktivieren (und das hat nichts zu tun mit dem hier lauernden Vorwurf, dass man da am tumben rechten Rand fische, notabene).

Daher versuchte ich, auch wenn ich das Thema Islamismus für wichtig hielt (und halte), auch andere, in meinen Augen durchaus wichtige Themenfelder in das Bewusstsein der Leute zu heben. Dies waren in erster Linie Umwelt- Energie- und Technikfragen. Und hier nun taten sich zwei Haupterkenntnisse für mich auf, die ich im Folgenden etwas intensiver beleuchten möchte.

  1. Die Leute haben von den meisten Themen, die irgendwas mit Technik und zivilisatorischem Fortschritt zu tun haben, keinen blassen Schimmer (das trifft auch sicher auf andere Gebiete zu, darüber kann ich aber kein valides Urteil fällen). Sie sind auf diesen Gebieten schlicht völlig ungebildet. Diese (im Übrigen keine Bewertung der genannten Menschen beinhaltende) sachliche Feststellung bedeutet in meinen Augen eine eminente Gefahr für die Zukunft unserer Gesellschaft.
  2. Die Leute lechzen nach Aufklärung, Bildung und Führung. Ich hätte ganze Volkshochschulseminare füllen können, nur mit den wenigen Leuten, die sich in meinem Stadtteil um die neue Partei scharten. Die am meisten gehörte Reaktion auf meine Vorträge war sinngemäß die: „Warum sagt einem das eigentlich keiner? Hab ich noch nie was von gehört.“

Hierin liegt in meinen Augen eine große Chance; vielleicht sogar das größte, noch nicht aktivierte Potential für politischen Erfolg in den nächsten Jahren.

(Hier gilt es eine Klammer aufzumachen: Dieses Potential zu nutzen wird in Deutschland massiv behindert, und zwar von einem staatlich unterlaufenen – weil staatlich finanzierten – Medienkomplex, der in den bewußten Themenbereichen keine im journalistischen Sinne objektive Berichterstattung betreibt, sondern in höchstem Maße tendenziöse Meinungsmanipulation, die auch vor Unwahrheiten und Verschleierungen nicht zurückschreckt. Aber das ist eine andere Baustelle. Klammer zu.)

Auf den Punkt gebracht: Wenn man es einmal schafft, ihnen die Augen zu öffnen, dann spüren unsere Mitbürger, daß sie in vielen Bereichen hintergangen und desinformiert werden, und der spontane Reflex ist, diesen Zustand ändern zu wollen.

Demzufolge liegt das kapitale Versagen des Vorstandes der erwähnten neuen Partei in meinen Augen auch darin begründet, daß sie diese beiden Grundparameter der politischen Disposition des Durchschnittsbürgers entweder nicht erkannten, oder es nicht vermochten, sie zusammenzuführen und zu nutzen (oder es nicht wollten). Man kaprizierte sich, trotz anderslautender Aussagen in diversen Veröffentlichungen und Entwürfen von Parteiprogrammen, in erster Linie auf das Islam-Problem. Das bekam ich auch auf den Parteitagen zu spüren, auf denen ich dann leider auch Leuten begegnete, mit denen ich lieber nichts zu tun haben wollte.

In der Fortsetzung geht es um die Erfahrung, wie schnell sich das Wissen bei den Bürgern (politische) Bahnen brechen kann.

2 Comments »

  1. cicero 22. Februar 2012 at 17:54 - Reply

    Sehr gute und sehr wichtige Beobachtungen. Die Leute wissen ja gar nicht, was sie nicht wissen. Und dass die Leute in diesem Falle sich wissbegierig zeigten, ist noch ein Glücksfall. Meist ist es doch eher so, dass sie den Wissenden als Narren stehen lassen, weil sie nicht begreifen können, dass er Recht haben könnte. Wer keine Bildung hat, kann manipuliert werden. Die größte Manipulation der Medien findet nicht in dem statt, was sie sagen, sondern in dem, was sie nicht sagen. Immer wieder kommt man auf das eine große Thema zurück: Die Medien sind es, die hierzulande Politik machen. Einen Fernsehsender, einen Radiosender zu gründen erscheint mir fast revolutionärer, als eine Partei zu gründen.

  2. Reinhard "Hardy" Rupsch 22. Februar 2012 at 18:14 - Reply

    Ja, diese Erfahrungen mit dieser „libertären Partei“ 😉 kann ich voll und ganz bestätigen. Zusätzlich war es auch noch so, dass all die Erfahrungen, die ich vor 20 Jahren bei den Republikanern gemacht hatte, noch vor den Newcomern lagen: die Ausgrenzung als Rechte oder gar Neonazis – egal was man sagte, die Verweigerung jeden Disputs – und sei er noch so anspruchsvoll eingestielt, die Be- oder Verhinderung von Veranstaltungen – und seien sie noch so legitim.
    All´ diesem kann man durchaus in gewissen Grenzen entgegenwirken, wenn man sich frühzeitig darauf einstellt. Dessen ungeachtet zeigte man sich jedoch völlig beratungsresistent, zumal ja dieser Rat von einem – Pfui, Bäh! – Rechten kam.
    Egal: Jeder hat das Recht auf eigene Fehler!
    Schlau ist nur der, der sie vermeidet… 😉

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