„Rechte und linke Gewalt lassen sich nicht aufrechnen“

7. Februar 2012 3

CT-Interview mit Karsten Dustin Hoffmann über aktuelle Entwicklungen im Linksextremismus

Linksextremismus-Experte und Polizist Karsten Dustin Hoffmann vor dem linksautonomen Zentrum Rote Flora in Hamburg – Bild: KDH

Linksextreme Gewalttaten haben 2011 weiter drastisch zugenommen, die Linkspartei-Bundestagsfraktion wird vom Verfassungsschutz überwacht und am 13. Februar wird es bei Anti-Nazi-Demonstrationen in Dresden wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen dem sogenannten schwarzen Block und der Polizei geben. Citizen Times Chefredakteur Felix Strüning sprach anlässlich dieser beunruhigenden Entwicklungen mit dem Linksextremismus-Experten Karsten Dustin Hoffmann über das linksautonome Zentrum Rote Flora in Hamburg, den Extremismus in der Linkspartei und die anstehenden Krawalle in Dresden.

Citizen Times: Herr Hoffmann, Sie arbeiten bei der Bereitschaftspolizei in Hamburg, kennen also die Linksextremen aus ganz praktischer Erfahrung. Jetzt haben Sie zur Roten Flora, einem linksautonomen Zentrum in der Hansestadt promoviert. Wie lassen sich Praxis und Forschung vereinbaren?

Karsten Dustin Hoffmann: Naja, die Idee, eine Dissertation über ein Autonomes Zentrum zu schreiben, ist mir gekommen, weil ich im Dienst so häufig mit dieser Szene konfrontiert war. In meiner Arbeit geht es aber nicht allein um die Rote Flora. Ich versuche anhand dieses Beispiels Strukturen und Ideologie der Autonomen zu erklären. Wenn sich die Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung dadurch besser in die Denkweise dieser Bewegung hineinversetzen können, können sie ihre Maßnahmen effektiver gestalten. Das wäre für die Praxis sicher ein Gewinn.

Citizen Times: Unter Linksextremen können sich die meisten noch etwas vorstellen. Aber bitte was sind genau die Unterschiede zwischen Autonomen, Autozündlern und der Antifa?

Karsten Dustin Hoffmann: Da sind tatsächlich große Unterschiede. Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Gleichsetzung von Autonomen mit linken Gewalttätern. Ich will sie gar nicht verharmlosen, aber die Autonomen sind eine selbständige ideologische Strömung im Anarchismus. Ich bin sogar der Auffassung, dass sich Autonome bei Anlässen wie dem 1. Mai eher im Hintergrund halten, denn sie lassen sich nicht gern erwischen. Das offene Begehen von Straftaten überlassen sie dummen Mitläufern.

Ähnlich verhält es sich mit den Autobränden. Die hohe Zahl von Brandstiftungen an Kraftfahrzeugen wird in linksradikalen Kreisen zwar mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, aber eine solche Tat wird in ihren Augen erst dann politisch, wenn ein Bekennerschreiben folgt oder der Zusammenhang offensichtlich ist. Das trifft nur auf wenige Fälle zu.

Das verbindende Element der Antifa ist allein die Gegnerschaft zu Rechtsextremismus, deswegen finden sich hier auch Aktivisten aus dem extremistischen und aus dem demokratischen Spektrum. Trotzdem ist die Gewaltbereitschaft besonders hoch, wenn es gegen Rechts geht. Teilweise bilden sich bandenähnliche Strukturen, die sich als Herrscher ihres Stadtteils verstehen und das Gewaltmonopol des Staates missachten – insbesondere bei Demonstrationen.

Citizen Times: Gutes Stichwort. Am 13. Februar ist es wieder so weit: In Dresden werden sich Linke und Linksextremisten bei Anti-Nazi-Demonstrationen mit der Polizei Straßenschlachten liefern. Wer macht da mehr Probleme: die Nazis oder die Antifa?

Karsten Dustin Hoffmann: Bei diesem Anlass ist es offensichtlich, dass der Großteil der Gewalttaten von militanten Linken ausgeht. Deren Gewaltbereitschaft ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen – das sagen auch die neuesten Zahlen der Kriminalstatistik. Dafür gibt es sicher mehrere Ursachen, aber eine ganz entscheidende ist das Verhalten einiger führender Politiker. Wenn ein Bundestagsvizepräsident wie Wolfgang Thierse meint, er könne sich über die Entscheidung eines obersten Gerichts hinwegsetzen und eine Demonstration auf eigene Faust verhindern, ist das völlig daneben. Wenn Politiker von der Linken bis zur SPD der Polizei in den Rücken fallen, darf man sich nicht wundern, wenn sich Jugendliche animiert fühlen, Steine zu werfen.

Citizen Times: Gerade hat der hessische Landtag die Immunität der beiden Linkspartei-Fraktionsvorsitzenden aufgehoben, weil sie an einer illegalen Demonstration in Dresden teilgenommen haben. Wie extrem ist denn die Linkspartei wirklich?

Karsten Dustin Hoffmann: Ich wundere mich manchmal, warum das überhaupt so kontrovers diskutiert wird, denn die Fakten liegen auf dem Tisch. Die Linke hat knapp 70.000 Mitglieder. Denen allen Linksextremismus zu unterstellen, ginge zu weit. Es hat aber auch niemand behauptet, dass alle Mitglieder der Partei linksextrem wären. Die Linke ist eine Sammlungsbewegung von unterschiedlichsten Strömungen links der SPD. Natürlich finden sich hier engagierte Gewerkschafter, die nur die Lebensbedingungen der Einkommensschwachen verbessern wollen. Aber es finden sich eben auch Leute, die unsere Demokratie abschaffen wollen.

Wie kann es sein, dass ein Gewaltrapper wie David Schultz alias Holger Burner in Hamburg für Die Linke zur Bürgerschaftswahl kandidiert (Listenplatz 14)? In seinen Texten ruft er dazu auf, Uzis zu verteilen und Banken-Chefs zu lynchen. Wie kann es sein, dass sich eine ganz Ortsgruppe der Linken-Studentenorganisation SDS mit der Sowjetflagge ablichten lässt? Es gibt eine ganze Reihe von Extremisten in der Partei, und das Problem ist, dass sie sich als Ganzes nicht davon distanziert. Stattdessen erklären sich die Vorsitzenden Klaus Ernst und Gesine Lötzsch solidarisch mit der Diktatur auf Kuba und suchen ganz offen nach Wegen, um den Kommunismus in Deutschland einzuführen.

Citizen Times: Und halten Sie die Verfassungsschutzüberwachung auch der Bundestagsfraktionsmitglieder von Die Linke für rechtens und notwendig?

Karsten Dustin Hoffmann: Grundsätzlich hat der Verfassungsschutz das Recht, Abgeordnete zu überwachen. Das ist zumindest die Auffassung führender Staatsrechtler. Deswegen ist eine Klage der Linken ziemlich dumm. Immerhin besteht für sie die Gefahr, dass ihr ein Gericht schwarz auf weiß bescheinigt, linksextrem zu sein. Das Engagement des Verfassungsschutzes halte ich im Übrigen auch für notwendig, denn bis auf wenige Ausnahmen hat die Politikwissenschaft im Themenfeld Linksextremismus in den vergangenen zwanzig Jahren total versagt. Haben sie mal die Trefferzahlen der Begriffe Rechtsextremismus und Linksextremismus in Suchmaschinen verglichen?

Citizen Times: Nein…

Suchergebnisse für Linksextremismus und Rechtsextremismus – Bild: KDH (Klicken, um zu Vergrößern)

Karsten Dustin Hoffmann: Rechtsextremismus kommt bei den meisten Suchmaschinen etwa zehnmal so häufig vor wie Linksextremismus. Das gilt nicht nur für Google und Yahoo, sondern auch für wissenschaftliche Bibliotheken. Gehen sie doch mal zu einer beliebigen Universität. Zum Thema Rechtsextremismus werden sie dort etliche Regalmeter finden – zum Linksextremismus häufig nur wenige Bücher. Weite Themenfelder sind hier noch völlig unbearbeitet, insbesondere der Bereich der Autonomen. Das wäre im Bereich Rechtsextremismus unvorstellbar.

Citizen Times: Warum wird der Linksextremismus in der Forschung so wenig beachtet?

Karsten Dustin Hoffmann: Das liegt in erster Linie an der Präsenz des historischen Nationalsozialismus im Bewusstsein der Menschen. Ich halte es auch für richtig, dass die Öffentlichkeit sensibler auf Rechtsextremismus reagiert. Aber das Verhältnis stimmt hinten und vorne nicht. Allein der Bund stellt pro Jahr knapp 24 Millionen Euro für Projekte gegen Rechtsextremismus bereit. Im Bereich Linksextremismus sind es 2 Millionen – und auch erst seit 2010, vorher gab es gar nichts.

Es ist durchaus lobenswert, dass Bundesfamilienministerin Kristina Schröder Unterrichtsprojekte gegen Linksextremismus an die Schulen bringt. Aber das Unterrichtsmaterial kann nur gut sein, wenn der Forschungsstand ausreicht. Es ist allerdings zu befürchten, dass im Falle eines Regierungswechsels auf Bundesebene die bescheidenen Mittel für die Linksextremismusforschung wieder gestrichen werden – gerade im Hinblick auf die aktuellen Erkenntnisse aus dem rechtsextremen Bereich.

Citizen Times: Tatsächlich schaut ganz Deutschland derzeit auf die rechtsextremen Massenmörder der NSU. Doch noch im Herbst 2011 brannten nächtlich in Berlin die Autos und es gab zahlreiche linksextreme Brandanschläge auf die Deutsche Bahn. Sicherheitsexperten sprachen damals von einem Zustand, der dem zur Entstehungszeit der RAF ähnle. Droht jetzt die Gefahr, dass der Linksextremismus unterschätzt wird?

Karsten Dustin Hoffmann: Nach dem Bekanntwerden der schrecklichen Morde haben mich diverse Leute angesprochen und gefragt, ob ich immer noch glaube, dass Linksextremismus ein Problem darstellt. Aber ja, das tue ich! Gewalttaten von rechts und links lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Rechtsextremistische Verbrechen schmälern die Gefahr von links kein bisschen. Man darf nicht vergessen: Die RAF hat sich erst 1998 aufgelöst und bis dahin immerhin 34 Menschen umgebracht.

Es gibt zurzeit keine Anhaltspunkte für das Entstehen neuer linksterroristischer Formationen, das ist weitgehend Konsens in der Forschung. Aber wie uns die Geschichte lehrt, können plötzliche historische Ereignisse – wie der Fall Benno Ohnesorg – sehr schnell zu einer dramatischen Radikalisierung der Linken führen. Im Grund muss man den militanten Linken ein Kompliment aussprechen, dass es seit Bekanntwerden der Neonazimorde keine drastischen Vergeltungsaktionen gegeben hat. Aber niemand kann dafür garantieren, dass es so bleibt. Meine Prognose ist: Die Hemmschwelle Gewalt anzuwenden, wird im militanten linken Spektrum weiter sinken.

Karsten Dustin Hoffmann promovierte (2011) zum Thema: Rote Flora. Ziele, Mittel und Wirkungen eines linksautonomen Zentrums in Hamburg. Badan-Baden, 402 Seiten. Auf seiner Webseite BiblioLinX trägt er Literatur zum Linksextremismus zusammen.

3 Comments »

  1. WahrerSozialDemokrat 22. Februar 2012 at 09:45 - Reply

    Ein sehr gutes Interview. Dafür meinen Dank!

  2. NW 15. Juni 2012 at 11:18 - Reply

    Toll das es mal angesprochen wird. Extremismius ist immer schlecht. Da macht es keinen Unterschied ob links oder rechts.
    Weil wir bedauerlicherweise eine Vergangenheit als Deutsche mit sehr rechtsextremer Prägung habe und dies auch NIE vergessen sollten, ist dies kein Grund das andere Extremum zu ignorieren oder zu beschönigen.
    Denn sollten wir nicht aufpassen wird auch das Linksextreme uns ins Verderben stürzen.
    Das hier die Unterschiede der verschiedenen Linkenströmungen herausgearbeitet werden ist wichtig.
    Ich selber bin für mehr soziale Strukturen um der Spaltung zwischen arm und reich weiter entgegen zu wirken. Aber ich bin nicht bereit dafür die Demokratie zu opfern.

    Weiter so.

  3. Dietrich 7. Dezember 2012 at 14:20 - Reply

    Mir ist niemand in der Linkspartei bekannt der unser Grundgesetz in Frage stellt – Da kenn ich eher welche in neoliberalen Parteien die das Grundgesetz permanent zu unterminieren versuchen zbsp. mit H4 zbsp. /Artikel ! (1) Die würde des Menschen – Artikel 3 Gleicheit vor dem Gesetz (1,2,3) A. 3 Meinungsfreiheit.. A.10 Brief,Post und Fernmeldegeheimniss. A.12 (1,2,3) Beruf frei zu wählen /Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden / Verbot der Zwangsarbeit – A. 13(1) Die Wohnung ist unverletzlich u,u. Ich sehe Extreme in der CDU -Report Nov. 2010 unter: ” Nazis in der CDU” überall aufrufbar !! Aufruf zu Gewalt gegen ” Missliebige !” CDU Koch und Schönbohm in rechtsextremen Kreisen mit dabei ! ? VS bezahlt Rechtsextreme, Polizei schaut zu..Ist die Polizei auf dem rechten Auge blind ? Die Frage ist : Was ist Extem ..ismus..?Frage: Ist die CDU extremistisch, wenn ein Mitglied zu Gewalt auzfruft ? eigentlich müßte man es bejahen im Gegensatz zur Linken.. Wo bleibt eine Beobachtung der CDU durch den Verfassungsschutz ???

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