Seit wann gibt es den Islam?

31. Januar 2012 6

Norbert G. Pressburg über einen prominenten Forscher, der die Tradition verlässt

Mohammeds Aufruf zum Prophetentum und die erste Offenbarung; Blatt aus einer Kopie des Madschma at-tawarich (Maǧmaʿ at-tawārīḫ), ca. 1425, timuridisch (Quelle: Wikipedia)

Für alle Gläubigen und die meisten Ungläubigen schien die Sache vollkommen klar: Mohammed (570 – 632) verkündete den Koran und gründete damit den Islam, der sich in der Folge fast explosionsartig über die halbe damalige Welt verbreitete. Ganze Bibliotheken mit Millionen von Bänden erzählen uns selbst die kleinsten Details dieser Geschichte.

Nun soll das Alles ganz anders sein.

Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts, einer geisteswissenschaftlich ungemein produktiven Zeit, regten sich Zweifel an der traditionellen islamischen Darstellung, namentlich vorgetragen von Ignac Goldziher. Er nannte die Hadithe, die “Taten und Sprüche des Propheten”, auf denen das gesamte Konstrukt des Lebens Mohammeds basiert, Erfindungen späterer Zeiten.

Dann erschöpfte sich Islamforschung im deutschen Sprachraum ein Jahrhundert lang im wesentlichen in der Imitation traditioneller islamischer Positionen. Bewegung kam erst wieder in die Szene, als im Jahr 2000 Christoph Luxenberg sein Buch Die Syro-Aramäische Lesart des Koran herausbrachte. Es erregte so großes Aufsehen, dass es dieses Fachbuch in deutscher Sprache auf die Titelseite der New York Times schaffte – und auf den Index in Pakistan. Luxenberg, das Pseudonym(!) eines in Deutschland(!) forschenden Arabers(!) behauptete, die Originalsprache des Koran sei nicht das  Koran-Arabische gewesen, sondern ein aramäisch-arabischer Mischdialekt. Die spätere Übersetzung ins Arabische habe aus Unkenntnis zu oft haarsträubenden Fehllesungen geführt, wie das Kopftuch oder die Himmelsjungfrauen für Märtyrer, was Luxenberg detailliert begründet.

Das Kopftuch ist eine Fehlübersetzung

Andere Forscher berichteten aus ihrem Spezialgebiet von Ergebnissen, die ebenfalls nicht mit dem traditionellen Islambild vereinbar sind. Sie schlossen sich zum Forschungskreis Inarah zusammen, der bislang fünf Bände herausgab, in denen neueste Arbeiten zur islamischen Frühgeschichte zusammengestellt sind. Tenor: Der ursprüngliche Islam ist ein spezielles arabisches Christentum. Die Ursprünge des Korans gehen auf Zeiten weit vor Mohamed zurück, die bekannten Gründungsgeschichten sind erst nachträglich entstandene Legenden. Mohamed selber ist eine literarische Integrationsfigur ohne historische Existenz.

Zwar versuchte der Hauptstrom diejenigen, die solche unerhörten Meinungen vertraten, in die wissenschaftliche Schmuddelecke zu stellen, aber argumentativ gelang keine überzeugende Replik. Auch erhielt dieser Kreis immer mehr wissenschaftlichen Zuspruch aus aller Welt, wenn auch nicht von den großen Namen klassischer  Islamkunde.
Das änderte sich, als vor einigen Monaten im ifa-Magazin (Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart) ein Interview mit Josef van Ess erschien. Van Ess, emeritierter Professor aus Tübingen ist einer der weltweit bedeutendsten Islamforscher, sein Hauptwerk  Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra umfasst sechs Bände. Allerdings sorgte van Ess in Teilen der Fachwelt für Kopfschütteln, denn er klammerte das erste islamische Jahrhundert aus, also justament die Zeit, in der Mohammed gelebt und den Koran in die Welt gebracht haben soll.

Es gibt keine zeitnahen Berichte über Mohammed

Im besagten Interview liefert van Ess erstmals die Begründung für die Unterschlagung der Ereignisse im 1. islamischen Jahrhundert nach: Wir wissen nichts darüber.
In der Tat stammen selbst die frühesten islamischen Berichte erst aus dem 9. Jahrhundert. Auf die Frage seit wann es den Islam gebe, antwortet van Ess: “Diese Frage ist überhaupt nicht zu beantworten”, denn “Eines ist klar: Als es den Koran gab, gab es noch lange nicht den Islam.”

Josef van Ess weist  die traditionelle Sicht der Dinge mit und um Mohammed zurück. Die Wende zum Islam sieht er unter dem Herrscher Abd al-Malik (um 700). Die Wissenschaftler des Inarah-Kreises setzen zwar die Wende nochmals 100 Jahre später an, aber die Konsequenzen sind dieselben: Die Nachfolger des Propheten, Abu Bakr, Umar und sogar Othman, der Herausgeber des einzig autorisierten Korans, waren keine Muslime, auch der Nachfolgestreit Alis, die Grundlage der Schiiten, hätte sich somit  erledigt.  Ebenfalls können die berühmten Omayaden  zumindest bis Abd-al Malik  keine muslimischen Kaliphe gewesen sein (was auch archäologische Funde belegen), sondern waren arabisch-christliche Herrscher.

Auch van Ess koppelt den Koran von der Person Mohammeds ab. Für ihn ist es überdies  “sehr wahrscheinlich, dass der Islam von Muhamad noch gar nicht intendiert war.”  Wenn man aber die Rolle des Propheten auf eine Marginalie zurückstutzt, ist die Frage nach seiner historischen Existenz schon fast zweitrangig. In etwa zur selben Zeit nennt die Berliner Professorin Neuwirth in einer Kehrtwendung den Koran “eine spätantike Schrift in vormohammedanischer Tradition.”

Es scheint nunmehr Einigkeit darin zu bestehen, dass die Wurzeln des Koran in die Zeit  vor Mohammed reichen, dass der Koran nicht notwendigerweise mit der Person Mohammeds verknüpft ist und dass sich der Islam nach einer jahrhundertelangen Entwicklungsgeschichte erst deutlich nach dem „Propheten“ als eigene Religion manifestierte.

Theologisch- und historisch-kritische Sicht hat nun den Islam erfasst. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber doch ein Novum für die Religion, die sich aus den verschiedensten  Gründen lange Zeit  historischer Kritik entziehen konnte.

N. G. Pressburg ist Autor des Buches: Good Bye Mohammed. Das neue Bild des Islam. Auf seiner Webseite finden sich weitere Texte, vor allem zur islamischen Frühgeschichte.

Van Ess Josef (1991-1997): Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra.

Neuwirth Angelika (2010): Der Koran als Text der Spätantike. Berlin

Barbara Köster (2010): Der Missverstandene Koran. Berlin

Passend dazu auf Citizen Times:

6 Comments »

  1. Rationalist64 31. Januar 2012 at 16:50 - Reply

    Die neuere Forschung geht ja wohl von einem “Einsickern” der Araber in die byzantinischen und persischen Gebiete in Syrien/Ägypten/Mesopotamien etc. aus, also nicht von einer gewaltsamen Eroberung innerhalb nur weniger Jahre. (Insbesondere einer freiwilligen Aufgabe Ägyptens, Palästinas und Syriens durch den byzantinischen Kaiser Heraklios nach seinem Sieg über die Perser im Jahr 622 (!) n.u.Z. und Übertragung der Macht auf formelle arabische Vasallen als Statthalter [pers. Statthalter = koraisch !]).

    Bat Ye’or (Giséle Littman) unterstützt in ihrem Werk “Der Niedergang des orientalischen Christentums unter dem Islam” die Eroberungshese, wobei sie sich auf Berichte von Johannes von Nikiu, Michael dem Syrer und Pseudo-Dyonisius bezieht. Im Quellenteil ihres Buches wird jedoch deutlich, dass Bat Ye’or diese Autoren ihrerseits aus Sekundär-Literatur zitiert, so u.a. Chronique de Michel le Syrien, trad.par. Jean-Baptiste Chabot, 4 Bde., Paris, 1899 – 1905, , II 403 f, 413; Fred McGraw Donner, The Early Islamic Conquests, Princeton 1981, S. 20 – 49, 168 ff.; Francois Nau, L’expansion nestorienne en Asie, Paris 1914; Michael G. Morony, Iraq after the Muslim Conquest, Priceton 1984; Hugh Kennedy, The Prophet and the Age of the Caliphates, London/New York 1986, S. 18 – 21.

    @ Redaktion

    Könnten Sie den Autor, Herrn Pressburg, um eine Stellungnahme bitten, wie die o.g. Quellen zu beurteilen sind, und ob sie die Eroberungstheorie stützen?

    • Pressburg 31. Januar 2012 at 18:18 - Reply

      “Einsickern” der Araber in die byzantinischen und persischen Gebiete in Syrien/Ägypten/Mesopotamien ”

      Die dort lebten WAREN die Araber. Die traditionell-islamische Darstellung suggeriert Araber= Bewohner der arabischen Halbinsel. Dies war nicht die Situation der Spätantike. Die “Arabi” waren jene “westlich” des Tigris, sie waren etwas verkürzt ausgedrückt die Grosssyrer, mit mehreren seit langem bestehenden Siedlungsinseln in Persien. Die Araber des 7. und 8.Jahrhunderts sprachen vornehmlich Aramäisch und Griechisch.
      Das durch den Kollaps Persiens und dem Teilrückzug von Byzanz entstandene Vakuum ermöglichte die Bildung des Arabischen Reiches. Dieses war jedoch christlich.
      Die spätere Islamisierung fand bereits ein grosses arabische Verbreitungsgebiet vor. Das Arabische Reich war nicht Folge der Islamisierung sondern bot eine günstige Voraussetzung dafür.
      Natürlich gab es zahlreiche Scharmützel durch die Tatsache, dass sich durch den Machtverlust der beiden Hauptkontrahenten neue Konstellationen mit Macht- und Positionskämpfen einhergehend ergaben. Eine arabische Eroberung aus der Wüste, geschweige denn eine islamische, ist historisch nirgendwo fassbar.
      Dazu folgender Link:
      http://www.inarah.de/cms/Table/Bd.-2-Ohlig-Neue-Religion/
      Das ist die bislang beste Untersuchung zu nichtislamischen zeitgenössischen Quellen. Es geht dabei zwar um den Bekanntheitsgrad von “Islam” und “Mohammed” im 7. und 8. Jh. (er war Null), beantwortet aber indirekt das Thema Eroberungen.
      Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch auf eine ganz hervorragende (relative) Neuerscheinung aufmerksam machen:
      Goetze, Religion fällt nicht vom Himmel.

  2. cicero 2. Februar 2012 at 00:33 - Reply

    Es gibt noch viel Pulverdampf in diesen wissenschaftlichen Kontroversen, der alles im Nebel lässt, aber halten wir doch das EINE fest, was wir mit Sicherheit wissen: So, wie sich die Traditionalisten den Anfang des Islam vorstellen, war es mit Sicherheit nicht. Es war anders.

    Und diese Erkenntnis reicht eigentlich schon, um den entscheidenden Anfang im Denken zu setzen. Die entscheidende Frage ist: Wie bekommt man diese Anfangserkenntnis in die Köpfe der Muslime hinein?

    Denn wenn Muslime erst einmal das Fragen gelernt haben, ist das Wichtigste schon geschafft, dann ist der Stein im Rollen.

  3. Peter Schulze 29. März 2012 at 20:16 - Reply

    Die Forschungsergebnisse der Saarbrücker Professoren Luxenberg, Ohlig und Puin sind hochinteressant und sehr verdienstvoll. Wir haben uns aber mit einem Islam auseinanderzusetzen, der eine Amalgamierung von Religion, politische Ideologie und Recht darstellt und mit einem unerschütterten Sendungsbewusstsein einen Weltherrschaftsanspruch stellt. Das “System Islam” ist mit den modernen westlichen Gesellschaftssystemen, die sich aus dem europäischen Humanismus und der Aufklärung herleiten, inkompatibel. In der Abwehr der Islamisierung Europas müssen wir uns mit der Dogmatik befassen, wie sie sich in den kanonischen Schriften des Islam, darstellt. Denn nur diese leitet das Handeln der einzelnen “Rechtgläubigen”. Die Forschungsergebnisse der Inarahgruppe werden von den Muslimen nicht mal zur Kenntnis genommen. Und sollten einige dies doch mal tun, dann besteht höchste Gefahr. Die Nutzung des Pseudonyms “Luxenberg” ist darin begründet.

  4. air2b 25. Dezember 2012 at 01:25 - Reply

    erst mal muss man die muslime zum lesen des korans überreden, (IMO haben viele angst davor ihn zu lesen, weil er nicht nur nicht verstanden wird (man benötigt ja wieder andere bücher zu seiner deutung), sondern es könnte ja sein das die dem islam entgegengebrachte kritik auch gerechtfertigt sei). in einer muslimisch nicht dominierten umgebung wäre also die reaktion erstmal durchweg ablehnung der kritik ohne ernsthaftes interresse an den tatsachen. dies lässt sich nur durch ich nenn es mal “eine stetige kontrollierte provokation” der muslime ändern, um erst mal eine position zu schaffen mit der sich muslime unweigerlich auseinandersetzen müssen. (übrigens die comic zeichnungen aus dänemark sind nichts neues, jahre davor gab es schon heftige mohamed comics als karikaturen, erstaunlich das kein muslim dagegen aufbegehrt hat.) . religion kann und soll ja frei ausgeübt werden dürfen, ja auch mit muezzin der in deutschen städten das gebet ausruft(wir haben uns ja gesträubt eine vorauswahl bei einwanderern vorzunehmen), aber religion (in diesem fall der islam), darf nicht als vorwand genommen werden um nichtmuslime einzuschränken oder gar falsche toleranz (im sinne von du must darauf verzichten weil es den islam beleidigt) zu fördern.

Leave A Response »