Eine absurde Euphorie

27. Januar 2012 3

Die Meinung der Anderen: Klaus-Jürgen Bremm zum Gedenken an den 300. Geburtstag des Preußenkönigs Friedrich II.

Grabplatte von Friedrich II. (der Große) mit Blumen und Kartoffeln in Sanssouci – Bild: SK49 / Wikipedia

Wie sehr manchen Medien und maßgeblichen Teilen der Öffentlichkeit inzwischen die Maßstäbe abhanden gekommen zu sein scheinen, um Entwicklungen und Persönlichkeiten angemessen zu beurteilen, zeigt wohl der bizarre Hype um den eigenwilligen Hohenzollernmonarchen. Der über den gewöhnlichen Medienkonsumenten hereinbrechende Tsunami aus Buchtiteln und sonstigen Beiträgen über Friedrich II. lässt sich wohl nicht allein durch den gesunden Geschäftssinn der Branche erklären.

Auch gibt es kaum neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder historiographische Deutungen, die diese Flut aus Altbekanntem und Aufpoliertem rechtfertigen könnten. Nicht wenige Buchläden haben dem Monarchen, der Preußen 46 Jahre regierte und mit Geschick, Starrsinn und falschen Tränen zur europäischen Großmacht aufpäppelte, buchstäblich Altäre errichtet und selbst linke Parteigrößen in Berlin und Brandenburg mochten nicht darauf verzichten, ihm anlässlich seines runden Geburtstages öffentlich die Referenz zu erweisen.

Tatsächlich scheinen in der jetzt ausgebrochenen Erinnerungswut einige Koordinaten des gesunden Menschenverstandes kräftig verschoben. Sogar die in ihrer Selbstwahrnehmung kritischen Magazine Spiegel und Stern verliehen ihm ohne erkennbares Bauchgrimmen seinen alten Beinamen der Große. Für die miltärfrommen Jubelfeiern des Jahres 1912 hätte es durchaus noch gepasst, doch als nationaler Heros ist der selbsternannte Erste Diener seines Staates politisch längst nicht mehr vermarktbar.

Was aber ist heute an diesem Monarchen, der 1786 (drei Jahre vor Ausbruch der Revolution in Frankreich!) im Alter von 76 Jahren gestorben ist, tatsächlich so erinnerungswürdig, dass es eine befriedigende Erklärung für den aktuellen Medienrummel bieten könnte? Der Autor des Anti-Machiavell führte vier Kriege (wenn man den so genannten Kartoffelkrieg um die bayerische Erbfolge mitzählt), brach Allianzen, wenn es ihm passte und ruinierte unzählige Leben und Karrieren, ganz zu schweigen von den Zehntausenden armer Teufel, die für seinen Ruhm auf den Schlachtfeldern Schlesiens und Sachsens krepierten oder zu Krüppeln geschossen wurden.

Echte Freunde hatte er nicht, sofern man seine Windspiele außen vor lässt, eine Familie wollte er nicht und wirklich rechtmachen konnte es dem gichtgeplagten Misanthropen von Sanssouci kaum jemand. Er war nur ein mittelmäßiger Literat und Flötenspieler, vielleicht noch ein präsentabler Zeithistoriker, einzig seine Performance als „Roi Connetabel“ ist trotz einiger spektakulärer Niederlagen im Kontext seiner Zeit überdurchschnittlich.

Aber kann und darf das in einer postheroischen Gesellschaft beeindrucken? Seine angebliche religiöse Toleranz stand ganz im Zeichen hohenzollerischer Nützlichkeitserwägungen, als Agnostiker belasteten ihn fremde Bekenntnisse nicht wirklich und das so genannte Judenprivileg von 1756 war ein seltenes Dokument der Diskriminierung. Sein sich selbst und andere schindendes Dienstethos sollte doch heute nicht mehr beeindrucken als die Vita manches zeitgenössischen Fürstbischofs, der Künste und Wissenschaften förderte und es sich ansonsten gut gehen ließ in einem für diese Kreise nicht unglücklichen Zeitalter, von dem uns Stanley Kubricks Barry Lyndon ein kongeniales Bild zu geben versucht hat.

Friedrichs zusammen geraubtes Kunstgebilde ging nur 20 Jahre nach seinem Tod mit Schnelligkeit und Schande zugrunde und auch das 1814/15 um das Rheinland erweiterte Preußen, ein pingeliger Beamtenstaat, wurde 1871 zu Grabe getragen, um dem Wilhelminischen Preußen der Aufschneider und Parvenüs zu weichen. Einzig das rote Preußen, das sich 1918 wie ein kurzer und oft vergessener Epilog dem hohenzollerischen Glanz und Gloria anschloss, könnte in einem demokratischen Gemeinwesen noch Anlass zu historischer Rückbesinnung sein.

Damit sind die Transformationen und Distanzen benannt, die uns heute von diesem Monarchen und seiner Epoche trennen. Denn mit Demokratie hatte der Autokrat von Potsdam nichts an seinem Dreispitz, er hätte als vormoderner Mensch wohl nicht einmal gewusst, was damit überhaupt gemeint sein könnte. „Räsoniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt, aber gehorcht!“, lautete seine gern zitierte Parole. Zum Erinnerungsinventar einer demokratischen Republik passen allenfalls noch seine Bemühungen, mit dem Allgemeinen Preußischen Landrecht ansatzweise eine Rechtsgleichheit in seinen Ländern zu schaffen.

Als der multimorbide Friedrich am 17. August 1786 frühmorgens endlich starb, war nach dem glaubhaften Bericht des Preußenkenners Mirabeau die allgemeine Erleichterung in Berlin mit Händen greifbar. Benommen, aber ohne Trauer. „Man sieht in kein Gesicht, das nicht den Ausdruck von Erleichterung und Hoffnung trüge. Alle Welt wünschte sich das Ende herbei – alle Welt beglückwünscht sich!“ Hätte man es doch dabei belassen.

3 Comments »

  1. Marco Pino 27. Januar 2012 at 16:19 - Reply

    Hallo Herr Bremm,

    wieder mal eine hervorragende, historisch-fundierte Beleuchtung gegenwärtigen Irrsinns!

    Danke dafür!

    MFG Marco Pino

  2. cicero 1. Februar 2012 at 19:27 - Reply

    Meine Analyse des gegenwärtigen Hypes sieht eher so aus, dass man meint, den „bösen“ Geist von Friedrich dem Großen „bannen“ zu müssen. Die Rede von Wulff war ja wieder ein Peinlichkeit sondersgleichen. Der Geehrte wurde praktisch entehrt. Der Spiegel wiederum hat seinen Titel-Artikel samt DVD-Doku sichtlich nur geschrieben, um Friedrich als Antisemiten hinstellen zu können. Man tut so, als würde man ihn ehren, um ihn niederzumachen. Politische Korrektheit in Reinstkultur.

    Nein, nein, das aufgeklärte Genie von Friedrich II. steht über diesen Dingen und ist unverlierbar, und wie der gegenwärtige Zeitgeist sich so völlig unfähig zeigt, mit ihm umzugehen, entlarvt er sich wieder einmal selbst.

    Genauso übel könnte man Goethe mitspielen, wenn man wollte. Hat er nicht auch antisemitische Passagen im Faust? War er denn Demokrat? Uiuiui … aber da merken selbst die plumpesten Bildungsverächter, dass sie mit dieser Masche etwas falsch machen, also lassen sie es. Statt dessen machen sie Goethe lieber zum Muslim.

  3. Ole Teeson 2. Februar 2012 at 11:42 - Reply

    Für einen Bayern oder einen Sachsen mag es schlecht verträglich sein, an einem preußischen König ein gutes Haar zu lassen, selbst wenn dieser mit seiner Regentschaft einen Teil Deutschlands zumindest so stark gemacht hat, dass er geschichtlich erwähnenswert wurde.

    Was bleibt ist doch aber mindestens eine Figur, auf die man sich besinnen kann und vorgelebte Tugenden, die nicht nur Preußen sondern auch andere deutsche Länder erfolgreich gemacht haben und immer noch machen.
    Warum diese Identitätsfigur, selbst wenn sie Fehler hatte, also runter ziehen? Nur weil er Preusse war und kein bayerischer Schlößchenbauer oder sächsischer Vielfraß?

    Die vordemokratischen Herrscher haben halt auf ihre Weise Grundlagen für unser heutiges deutsches „Gemeinwesen“ gelegt.

    Wenn heute ein Politiker daher kommt und durchsetzt, dass alle die Gürtel enger schnallen, abspecken und schuften, bis die Schwarte kracht, würde er maximal bis zur nächsten Wahl gesellschaftlich überleben. Dann wäre da auch „kein Gesicht, das nicht den Ausdruck von Erleichterung und Hoffnung trüge“ nachdem endlich wieder ein Weichei gewählt wurde.

    Trotzdem!
    Vielleicht nicht laut – aber bestimmt im Stillen – würden die meisten ihm danken, dass er ihren inneren Schweinehund – wenigstens für eine Weile – in Schach gehalten hat und sie an etwas Größerem teilnehmen ließ.

    Gruß aus Preußen

    Ole

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