Muslimverbände drängen auf Anerkennung

26. Januar 2012 5

Hamburg will als erstes Bundesland einen Vertrag mit Islamverbänden schließen

Die Centrum-Moschee in der Böckmannstraße in St. Georg (Hamburg) – Bild: Staro 1 / Wikipedia

Wie epd berichtet, will Hamburg will als erstes Bundesland einen staatlichen Vertrag mit drei muslimischen Dachverbänden schließen: dem Schura (Rat der islamischen Gemeinschaften), der DITIB (Türkisch-Islamische Gemeinde) und dem Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ). Geregelt werden sollen darin Fragen wie Moscheebau, religiöse Bestattungen, islamischer Religionsunterricht und der Trägerschaft von Kindertagesstätten. Es sei das gemeinsame Ziel, den Vertrag noch vor der Sommerpause in Kraft treten zu lassen, sagte Hamburgs stellvertretender Senatssprecher Jörg Schmoll.

Der Vertrag geht zurück auf Anregungen aus Oktober 2006 und den damaligen Bürgermeister Ole von Beust (CDU). Doch im Gegensatz zu den beiden großen Kirchen und der Jüdischen Gemeinde sind die Muslime nicht in einer Körperschaft öffentlichen Rechts organisiert. Damit gibt es für den Senat bisher keinen Vertragspartner, der für alle Muslime sprechen kann.

Umstrittene Islam-Verbände

„Wir sehen uns als Repräsentanten nahezu aller Muslime in Hamburg und als solche würden wir gerne die Rolle des Verhandlungspartners übernehmen“, sagt Zeceriya Altug, Vorsitzender der DITIB-Nord zu Welt Online. Genau dies wird aber von offizieller Seite und vor allem von vielen Muslimen immer wieder angezweifelt bzw. bestritten. So gilt beispielsweise die DITIB als religiös-politischer Arm des türkischen Premiers Erdogan in Deutschland. Auch bei der Deutschen Islamkonferenz (DIK) werden deswegen neben den islamischen Verbänden auch immer prominente Einzelpersonen muslimischer Herkunft hinzugezogen.

Ob aus den jetzigen Gesprächen ein Vertrag werden könne, sei denn auch noch fraglich, so Kazim Abaci, integrationspolitischer Sprecher der SPD. Rechtlicher Knackpunkt bleibt, ob die Verbände als Religionsgemeinschaften im Sinne des Grundgesetzes qualifizierbar sind. Weiteres Problem: Sunniten, Schiiten und Aleviten tun sich schwer damit, einen theologischen Konsens zu finden.

Gleichberechtigung innerhalb und außerhalb?

Seit gestern liegt nun den Fraktionen der Hamburgischen Bürgerschaft ein Vertragsentwurf der Verbände vor. Ein Welt Online-Kommentar berichtet von einem „symbolische[n] Meilenstein auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung“, spreche das Papier doch von Akzeptanz aller Ausrichtungen innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft, explizit auch von Homosexuellen. Was der Welt-Autorin Eva Eusterhus offensichtlich nicht auffällt: Diese Lesart lässt Anerkennung von Homosexuellen nur innerhalb der Umma, der Gemeinschaft der Muslime zu.

Auf den Webseiten der genannten Islamverbände kann der normale Bürger das Papier indes nicht einsehen, Transparenz wird hier wohl nicht als Teil der Integration verstanden. 

Hamburger Muslime erscheinen wenig integrationsbereit

In den letzten Tagen waren die Hamburger Muslime mehrfach negativ in die Schlagzeilen gekommen: Zum Einen wurde die Gründung einer rein islamischen Mitfahrzentrale Muslimtaxi bekannt, die entgegen der hier beschriebenen Gleichberechtigung eine strikte Geschlechtertrennung vorsieht und die Bekehrung von ungläubigen Deutschen Mitfahrern ermöglichen soll. Zum Anderen hatte eine Hamburger Muslima bekannt gegeben, ein rein islamisches Geschäftszentrum eröffnen zu wollen.

Immer wieder waren die Hamburger Moscheen in den letzten Jahren im Fokus des Verfassungsschutzes, weil sie rege Treffpunkte von Islamisten waren. So wurde etwa die Al-Quds-Moschee, wo sich die Attentäter des 11. September 2001 trafen, im August 2010 durch die Sicherheitsbehörden geschlossen, weil dort permanent islamistische Umtriebe beobachtet wurden.

5 Comments »

  1. Walter M 27. Januar 2012 at 00:07 - Reply

    „Was der Welt-Autorin Eva Eusterhus offensichtlich nicht auffällt: Diese Lesart lässt Anerkennung von Homosexuellen nur innerhalb der Umma, der Gemeinschaft der Muslime zu.“

    Dieser Einwand von CitizenTimes ist vor allem deshalb gerechtfertigt, weil die Schura – die zu den drei muslimischen Dachverbänden gehört, mit denen der Hamburger Senat einen Vertrag abschließen will – von der zu Milli Görüs gehörenden Gemeinde der Centrum-Moschee dominiert wird, die berüchtigt wegen schlimmer Angriffe auf Homosexuelle ist. Man kann davon ausgehen, dass es sich bei den Opfern dieser Angriffe immer um Nichtmuslime gehandelt hat. In einem Artikel, der vor knapp 5 Jahren in der „Hamburger Morgenpost“ erschienen ist, steht folgendes:

    „Denn diese Woche beendete die Centrum-Moschee einen von den Grünen initiierten Stadtteildialog. „Wir wollen uns nicht von Schwulenaktivisten auf der Nase herumtanzen lassen“, sagte Ahmet Jazici, Vize-Chef der Centrum-Moschee.

    Irgendwo zwischen der Langen Reihe und den Seitenstraßen des Steindamms verläuft die imaginäre Trennlinie zwischen den beiden Welten. Der Bankkaufmann André H. (33) und der Student Christopher N. (30) haben sie übertreten. Sie sind verheiratet und lieben sich. Allein das unschuldige Händchenhalten in Sichtweite der Centrum-Moschee führt zu einem Menschenauflauf. Ältere Ladeninhaber und muskelbepackte Türstehertypen in Bomberjacken bauen sich vor ihnen auf, bedrängen die beiden. „Vor einer Moschee haben Schwule nichts zu suchen“, schreien sie. „Wenn die sich geküsst hätten, hätte jeder Einzelne in dieser Straße sie angegriffen“, droht Ahmed Kajhy (18) unverhohlen. Ein anderer brüllt: „Ihr beleidigt den Islam.““
    http://www.mopo.de/news/st–georg-moslems-gegen-schwule,5066732,5527648.html

  2. Rationalist64 27. Januar 2012 at 12:42 - Reply

    Der Fehler war, dass 1919 das Staatskirchentum de facto nicht sbgeschafft und kein klarer Trennungsstrich zwischen Kirche und Staat gezogen wurde. Damals konnte man sich – ebenso wenig wie 1948/49 bei der Abfassung des Grundgesetzes – vorstellen, dass einmal eine mit unserer Kultur nicht kompatible Religion dieselben Privilegien beanspruchen würde wie die christlichen „Amtskirchen“.

    Das Beste wäre, die vielen fragwürdigen Privilegien, die mit einer Trennung von Kirche und Staat nicht vereinbar sind, endlich abzuschaffen.

    Überhaupt sind „Verträge“ des Staates mit Religionsgemeinschaften generell abzulehnen. Auf diese Weise werden sie auf eine Augenhöhe mit dem Staat gehoben und erhalten einen gleichsam quasi-staatlichen Status.

    • Felix Strüning 27. Januar 2012 at 12:48 - Reply

      Ja, Verträge zwischen Staat und Glaubensgemeinschaften sind schwierig, werden doch zwei unterschiedliche Funktionslogiken zusammengebracht: Die der Konsenssuche und die der Transzendenz (nicht Wahrheit, Religionen suchen nicht nach Wahrheit, das macht die Wissenschaft).

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