Deutsche, Türken, Genozide

24. Januar 2012 8

Frank-Furter Schnauze: Die Türken sollten sich was schämen!

Französisches Nationalsymbol "Marianne": offenbar meint es der ein oder andere Politiker in Frankreich noch ernst mit "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"

Sie haben es getan: trotz heftigster Drohungen aus der Türkei hat der französische Senat das zuvor bereits im Parlament beschlossene Genozid-Gesetz bestätigt. Respekt, liebe Franzosen! Von nun an kann in Frankreich jeder mit bis zu einem Jahr Haft bestraft werden, der Völkermorde wie den Holocoust der Deutschen an den Juden leugnet – oder eben den Völkermord der Türken an den Armeniern. Letzterer hat zwischen 1915 und 1917 bis zu 1,5 Millionen Menschen das Leben gekostet. Nicht genug für einen Volkermörd, meinen türkische „Historiker“ und „Politiker“. Und es seien ja ohnehin „nur“ 500.000 Opfer gewesen…

So ließ die Reaktion der Türken auf die finale Bestätigung des Genozid-Gesetzes freilich nicht lange auf sich warten. Wie Spiegel-Online berichtet, sprach der türkische Justizminister Sadullah Ergin unmittelbar nach dem Votum im französischen Senat von einer „Respektlosigkeit” gegenüber der Türkei und sagte: „Wir verurteilen diese Entscheidung, die in jeder Hinsicht problematisch und ein Beispiel für Verantwortungslosigkeit ist.“ Noch deutlicher wurde der türkische Botschafter in Paris, Tahsin Burcuoglu: „Jetzt wird jeder einen Preis bezahlen, die Türkei, Frankreich und Armenien.” Sogar vom Einfrieren der diplomatischen Beziehungen und von Sanktionen der Türken gegen Frankreich ist die Rede. An dieser Stelle sei angemerkt: dieses Land will allen Ernstes in die EU!

Wie krass, um nicht zu sagen: primitiv, der Umgang der Türkei mit dem Thema tatsächlich ist, scheint derweil im politisch-korrekten Deutschland gar keiner mehr wirklich wahrzunehmen. Im Gegenteil: man ist es wohl schon gewohnt. So entpuppen sich selbst ultra-linke Gazetten ungewollt als „Gewohnheits-Rassisten“: so sind sie halt, die Türken, ob auf dem Schulhof oder in der Außenpolitik, wenn sie sich beleidigt fühlen – und das geht verdammt schnell – dann rasten sie fürchterlich aus und holen gleich all ihre Brüder. Als wäre es genetisch bedingt und völlig unveränderbar.

Dabei genügt ein simples Gedankenexperiment um vorzuführen, wie die Reaktion der Türkei moralisch einzuorden ist. Man stelle sich nur einmal vor, die Bundesrepublik hätte auf das französische Gesetz vergleichbar reagiert: Außenminister Guido Westerwelle hätte es eine „Respektlosigkeit  gegenüber Deutschland“ genannt, dass in Frankreich Holocoust-Leugner bestraft werden sollen; Kanzlerin Merkel hätte die Entscheidung „verurteilt“ und sie als „Beispiel für Verantwortungslosigkeit“ bezeichnet; der deutsche Botschafter in Paris hätte mit dem Einfrieren der diplomatischen Beziehungen und Sanktionen gegen Frankreich gedroht und behauptet: „Jetzt wird jeder einen Preis bezahlen, Deutschland, Frankreich und Israel” – und deutsche Historiker und Politiker würden ohnehin stets behaupten, der Holocoust sei gar kein Völkermord gewesen, denn es seien ja gar nicht sechs Millionen Juden ermordert worden, sondern „eher nur zwei Millionen“, und damit „nicht genug“ für einen Genozid.

Dieses widerwärtige und – Gott sei Dank! – fiktive Beispiel zeigt: die Türken sollten sich was schämen für ihre „Historiker“ und „Politiker“. Zudem stellt sich die Frage: ist ein Land, das sich weigert, derart gravierende historische Verbrechen anzuerkennen, überhaupt im Stande, vergleichbar große Verbrechen in Zukunft zu  vermeiden? Ist Einsicht nicht der erste Schritt zur Besserung?

Wie auch immer: diese Türkei hat in Europa nichts verloren. Das mag unlängst etwas zynisch klingen, da die Mitgliedschaft in dieser EU bald eher wie eine Strafe als wie ein Lohn erscheint. Das ist allerdings die deutsche Perspektive, die eines Dauer-Netto-Zahlers.

Doch ungeachtet der Ökonomie ist Europa vor allem eins: ein gemeinsamer Kultur- und Wertekreis, geprägt von Christentum, Aufklärung und Humanismus. Dass das Christentum entgegen Christian Wulffs „Visionen“ aktuell nicht zur Türkei gehört, ist offensichtlich. Dass selbiges auch für Aufklärung und Humanismus gilt, haben die Türken nun einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

8 Comments »

  1. Birgits 24. Januar 2012 at 21:10 - Reply

    Seit 1965 haben 22 Staaten die durch den osmanischen Staat begangenen Deportationen und Massaker offiziell als Genozid entsprechend der UN-Völkermordkonvention von 1948 anerkannt – darunter auch Frankreich. 2001 wurden die Verbrechen an den Armeniern von 1915 bis 1917 in Frankreich per Gesetz als Völkermord eingestuft. Der kurze Gesetzestext lautet: „Frankreich erkennt den Genozid an den Armeniern von 1915 öffentlich an. Worüber genau regt sich Erdowahn eigentlich auf? Frankreich hat den Genozid seit Jahren anerkannt – die Bestrafung der Leugnung ist die logische Konsequenz – was sind das für taktische Spielchen von Sarkozy? Deutschland bzw. Merkel laviert sich mit der Wortblase “Annäherungsprozess der beiden Staaten” um eine eindeutige Positionierung zu diesem Thema. “Dies ist keine politische, sondern eine moralische Angelegenheit” – diese Aussage von Rivlin (Parlamentspräsident Likud) tritt es wohl auf den Punkt. Und da sehe ich, was den moralischen Aspekt angeht, bei Erdogan schwarz – aber auch bei Sarkozy erhellt es sich nicht nennenswert.

  2. OWL 24. Januar 2012 at 22:43 - Reply

    Die Türkei in die in die EU aufnehmen?
    Das wäre so als wollte man die Herbrtsstrasse in den Vatikan verfrachten!

  3. Prof.Kantholz 25. Januar 2012 at 07:16 - Reply

    “An dieser Stelle sei angemerkt: dieses Land will allen Ernstes in die EU!”

    Das hast Du falsch verstanden, Marco. Die Türkei hat stets und ausschließlich verhandelt über die Bedingungen, zu denen die EU in die Türkei aufgenommen werden könnte. Alles andere sind Wunschgedanken der Europäer.

    Aber man kann die Aufregung Erdogans ja verstehen. Immerhin sind ja nicht die Türken, sondern die Deutschen schuld am Völkermord in Armenien:
    http://sosheimat.wordpress.com/2012/01/22/turkenblog-kundet-die-grosten-minderheiten/

  4. Ole Teeson 25. Januar 2012 at 11:18 - Reply

    nur ein Gedanke …
    Vielleicht hilft dieses Gesetz im Wahlkampf ja auch gegen den Front National, dessen Mitglieder gelegentlich durch Holocaust-Leugnung aufgefallen sind?

  5. Prof.Kantholz 26. Januar 2012 at 06:56 - Reply

    Bin ich mit meinem gestrigen Kommentar eigentlich im Spamfilter gefangen?
    Nicht, dass der sonderlich wichtig gewesen wäre, aber interessieren täts mich doch :-)

    • Felix Strüning 26. Januar 2012 at 09:05 - Reply

      Hallo Professor,
      ja, merkwürdiger Weise war der Kommentar im Spam-Ordner hängen geblieben, ist jetzt aber freigeschaltet :-)
      Herzliche Grüße

      • Prof.Kantholz 26. Januar 2012 at 13:41 - Reply

        Schönen Dank!

        Ebenfalls herzliche Grüße zurück.

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