Hinter der Fassade der Arabellion

16. Januar 2012 0

Katar: Der bedrohliche Siegeszug des Wahhabismus

Die Lage Katars am persischen Golg (Bild: TUBS; Quelle: Wikipedia)

Nach wie vor wird im Westen von den meisten Medien ein überwiegend falsches Bild von den Ereignissen rund um den so genannten „arabischen Frühling“ gezeichnet. So meldete sich jüngst beispielsweise Bundesaußenminister Guido Westerwelle in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu Wort und forderte darin, der Westen müsse den Wandel in der arabischen Welt als Chance begreifen. Tatsächlich könnte sich die Entwicklung schon sehr bald als höchst bedrohlich erweisen, denn nicht freiheitlich-demokratische Kräfte übernehmen in den Staaten Nordafrikas die Macht, sondern Islamisten.

„Das falsche Spiel des islamistenfreundlichen Katar“

Und das ist kein Zufall, wie Welt-Online Redakteur Alfred Hackensberger in seinem Artikel vom 10. Januar 2012 schilderte. Unter dem Titel „Das falsche Spiel des islamistenfreundlichen Katar“ beschreibt Hackensberger den Einfluss, den das kleine Emirat am persischen Golf ausübt.

Genauso wie im benachbarten Saudi-Arabien hat sich auch in Katar der Wahhabismus, eine streng-religiöse, fundamentalistische Form des Islam, durchgesetzt. Und: wie die allermeisten Staaten in der islamischen Welt ist auch Katar weit davon entfernt, ein freier Rechtsstaat zu sein. Im Gegenteil: Premierminister und Kabinett werden vom monarchischen Herrscher, Emir Hamad Bin Khalifa al-Thani, bestimmt.

Außerordentlich reich und mächtig

Katar ist klein, doch es ist auch außerordentlich reich und mächtig. Mächtig ist ebenfalls al-Dschasira, der mit Abstand populärste arabische Fernsehsender, der seinen Sitz in Katar hat und freilich der Königsfamilie gehört. Und nicht zufällig war es dieser Fernsehsender, der an den Entwicklungen rund um den arabischen Frühling einen gewichtigen Anteil hatte: al-Dschasira veröffentlichte Handyvideos und lieferte erste Bilder des Widerstands gegen das Regime in Tunesien, noch bevor es zu ersten Massendemonstrationen gekommen war. „Der Sender aus Katar trug somit entscheidend zum Sturz von Ben Ali bei“, schlussfolgert Alfred Hackensberger.

Damit nicht genug: Katar lieferte Waffen an Widerstandskämpfer in nordafrikanischen Ländern und beteiligte sich an Lufteinsätzen der NATO gegen das Gaddafi-Regime in Libyen. Zudem lieferte es luxuriöse Unterkünfte für Flüchtlinge. Und als es in verschiedenen Ländern Nordafrikas zu Neuwahlen kam, unterstützte Katar islamistische Parteien beim Wahlkampf.

„Den Wahlkampf von Ennahda finanziert“

„In Tunesien ist es ein offenes Geheimnis, dass Katar den Wahlkampf von Ennahda finanzierte“, erklärt TV-Journalistin Moufida Abassi. Und so wie die islamistische Ennahda-Partei in Tunesien soll Katar auch die ebenfalls streng-religiöse, dem Wahhabismus zugewandte Muslimbruderschaft in Ägypten finanziell unterstützt haben. Hinzu kam die mediale Macht: wurden auf al-Dschasira während des arabischen Frühlings noch „Freiheit und Demokratie“ glorifiziert, durften sich nach dem Sturz der jeweiligen Regimes vor allem islamistische Parteien der Aufmerksamkeit (und Unterstützung) des Senders erfreuen. Die tunesische Ennahda-Partei beispielsweise bekam „auf al-Dschasira im Vergleich zu anderen vielmehr Sendezeit“, berichtet Moufida Abassi.

Tatsächlich scheint sich hinter diesen Entwicklungen ein Konzept zu verbergen. Die streng-religiösen Kräfte in Saudi-Arabien und Katar verfügen über sprudelnde Ölquellen und gigantische Vermögen, mit denen sie dem Wahhabismus nun auch in anderen Ländern zum Erfolg verhelfen wollen – möglicherweise sogar über die arabische Welt hinaus. Auch in Europa betreiben und fördern Organisationen wie die Muslimbruderschaft in Kooperation mit saudischen Geldgebern Moscheen und Koranschulen.

Ein völlig weltfremdes, unrealistisches Bild

Besonders beängstigend ist dies angesichts der Tatsache, dass der Wahhabismus unter den verschiedenen islamischen Strömungen wohl zu den Freiheits- und Menschenfeindlichsten Varianten zählt: er folgt strikt der Scharia, Männer und Frauen sind rechtlich nicht gleichgestellt, Muslime gelten gegenüber „Ungläubigen“ als priviligiert. Damit ähnelt die gesellschaftliche Umsetzung des Wahhabismus auf erschreckende Weise dem deutschen Nationalsozialismus.

Umso unverständlicher also, dass in westlichen und insbesondere in deutschen Medien nach wie vor überwiegend ein völlig weltfremdes, unrealistisches Bild von den Vorgängen im Norden Afrikas gezeichnet wird. Sehr wahrscheinlich spielen allerdings auch in diesem Zusammenhang das große Vermögen Katars und seine mediale wie politische Macht eine entscheidende Rolle.

Fußball-WM 2022

Wie groß der Einfluss Katars im Westen tatsächlich ist, hat sich unlängst auch in einem ganz anderen Zusammenhang gezeigt: im vergangenen Jahr entschied die Fifa zur Verwunderung von Millionen Fußballfans weltweit, dass im Jahr 2022 die Fußballweltmeisterschaft in dem kleinen Emirat ausgetragen werden soll.

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Artikelbild: Wikipedia

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