Vergnügte Notenbänker

13. Januar 2012 2

CT-Leitartikel: Über das Versagen der US-Notenbank FED

Das „Eccles Building“, Hauptsitz der Federal Reserve in Washington, D.C. (Bild: Dan Smith; Quelle: Wikipedia)

Die New-York-Times (NYT) berichtet in einem aktuellen Artikel aus internen Dokumenten der US-Notenbank Federal Reserve (FED) aus dem Jahr 2006. Darin zeigt sich, dass die Notenbänker seinerzeit völlig blind waren und nicht ansatzweise ahnten, was für eine gewaltige Krise sich am US-Häusermarkt zusammen braute.

„Durch die Decke“

Vielmehr wurde in den regulären, alle sechs Wochen stattfindenden Sitzungen sogar über die Auswüchse der Immobilienblase gescherzt. So amüsierten sich die Führungskräfte offenbar darüber, dass manch ein Akteur am Markt seine Kunden mit geschenkten Neuwagen zum Hauskauf ködern wollte und Immobilienfirmen Anstrengungen unternahmen, leer stehende Objekte auf eigene Kosten so herzurichten, als seien sie vermietet, um das Überangebot zu verbergen.

Sie lachten sogar über einen Bauunternehmer, der warnte, dass das Immobilienangebot „durch die Decke“ schieße. Für Warnungen von Experten, dass das Wachstum längst den Zustand einer Blase erreicht hatte, waren die Notenbänker indes offenbar nicht empfänglich.

Nie dagewesene Wachstumphase

„Wir denken, die Grundlagen des derzeitigen Wachstums sehen nach wie vor gut aus“, sagte der damalige Präsident der New Yorker FED, Timothy F. Geithner, zu seinen Kollgen in einer Sitzung auf Führungsebene in der Washingtoner FED-Zentrale. Das war im Dezember 2006. Bis dahin hatten die Vereinigten Staaten eine nie dagewesene Wachstumphase erlebt. Doch Ende 2006 sank bereits ein wichtiger, volkswirtschaftlicher Indikator: das Gesamteinkommen.

Infografik: Die Gremen der US Notenbank FED

Anstatt Warnungen vor einem Zusammenbruch des Wachstums und einer drohenden Rezession, gar einer Wirtschaftskrise wahrzunehmen, sorgten sich die Notenbänker bis zuletzt darum, die Wirtschaft könne zu schnell wachsen und somit die Inflation in die Höhe treiben. Das wiederum erscheint ebenfalls höchst merkwürdig angesichts der Tatsache, dass die FED selbst das starke Wachstum mit niedrigen Leitzinsen über Jahre hinweg befeuert hatte.

„Das ist wirklich peinlich für die Fed“

Die Dokumente und Sitzungsprotokolle der FED, die regulär nach fünf Jahren veröffentlicht werden, belegen laut NYT deutlich, dass einige der wichtigsten Akteure der US-Wirtschaftspolitik grundlegende Mechanismen der Ökonomie nicht verstanden hatten oder nicht erkennen wollten. „Das Problem war nicht ein Mangel an Informationen, sondern ein Mangel an Verständnis, begründet im tiefen Vertrauen in ökonomische Vorhersagemodelle, die sich nachträglich als fehlerhaft erwiesen haben“, schlussfolgert NYT-Redakteur Binyamin Appelbaum.

„Das ist wirklich peinlich für die Fed“, stellt Justin Wolfers, Wirtschaftsprofessor an der University of Pennsylvania fest. Es habe Erkenntnisse gegeben, dass der Immobilienmarkt zu bröckeln begann, doch es habe offensichtlich das Bewusstsein dafür gefehlt, wie eng der Immobilienmarkt mit dem Finanzsektor verknüpft ist.

Versäumnisse der FED

Nur ein Jahr später, Ende 2007, war den Notenbänkern das Lachen längst vergangen und sie versuchten verzweifelt, den Zusammenbruch des US-Finanzsystems zu vermeiden. In den vergangenen Jahren wurden die Versäumnisse der FED in der Zeit vor der Krise häufig öffentlich thematisiert. Mit den nun veröffentlichten Dokumenten lässt sich jedoch zum ersten mal bis ins Detail nachverfolgen, wo genau die Notenbänker versagt haben.

2 Comments »

  1. Michemm 13. Januar 2012 at 15:57 - Reply

    Meine Güte… ist das krass. Die sitzen da beisammen und machen sich noch über das kommende Unheil lustig. Schade eigentlich, dass es in Deutschland kein Gesetz gibt, solche Sitzungsprotokolle zu veröffentlichen. Da würde sicher auch so einiges interessantes bei rumkommen…

  2. Torsten Werner 15. Januar 2012 at 22:21 - Reply

    Auch in Deutschland gibt es ein Informationsfreiheitsgesetz. Es müsste wahrscheinlich nur intensiver genutzt werden.

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