„Man darf nicht alle in einen Topf werfen!“

12. Januar 2012 3

CT-Interview mit dem deutsch-ägyptischen Politikwissenschaftler, Historiker und Autor Hamed Abdel Samad

Gemeinsam auf Deutschland-Safari: der gebürtige Ägypter Hamed Abdel Samad und der jüdische Publizist Henryk M. Broder (Ausschnitt aus der Sendung in der ARD)

Stefan Behrendt traf sich für CitizenTimes mit dem gebürtigen Ägypter Hamed Abdel Samad zum Gespräch über Islamkritik, Multikulti und Integration. An der Seite Henryk M. Broders brachte Abdel Samad zwei „Deutschland-Safaris“ hinter sich und lernte dabei ein Land kennen, das „extrem liebenswürdig“ sei. Zwar gäbe es auch „viele dumme Deutsche“, aber die seien „das Salz in der Suppe“. Mit Blick auf die islamkritische Szene stellt Abdel Samad fest, dass es eine „große Bandbreite“ gibt und fordert: „Man darf nicht alle in einen Topf werfen!“

Stefan Behrendt: Herr Abdel-Samad, wann werden Sie Bundespräsident?

Hamed Abdel Samad: Das war nur ein Witz. Wenn man meine Bücher liest, erkennt man, dass ich (zu) direkt spreche und kein Diplomat bin.

Insbesondere während der Zeit Anfang 2011 auf dem Tahrir-Platz: Hatten Sie nie die Idee, sich politisch zu engagieren?

Indirekt bin ich engagiert in Ägypten. Als Politiker oder Regierungsmitglied würde ich keiner Partei etwas Gutes tun. Wenn man meine Bücher liest mit der (dort aufgeworfenen) Gesellschafts- und Islamkritik merkt man, dass ich nicht die Sprache eines Politikers spreche, durch mein Polarisieren würde ich eine Partei angreifbar machen.

Gab es in Deutschland oder Ägypten je den Versuch, sie politisch zu vereinnahmen?

Ja.

Stichwort Islamkritik: Insbesondere im Nachgang zu Breivik gerieten Islamkritiker in den Fokus. Haben Sie einen Überblick über die islamkritische Szene in Deutschland? Und wie schätzen sie diese ein?

Es gibt natürlich eine große Bandbreite, von sachlich über unsachlich bis hin zu rassistisch; man darf das nicht in einen Topf werfen. Es gibt Menschen, die Islamkritiker sind, weil sie Reformen erreichen wollen. Es gibt Menschen, die Islamkritik üben weil, sie nichts anderes zu tun haben. Und solche, die Veränderungen in der Gesellschaft herbeiführen wollen und für alle Missstände die „Musels“ verantworlich machen. Wie gesagt, man darf nicht alle in einen Topf werfen!

Was halten Sie vom oft zitierten Euro-Islam?

Islam ist eine Sache und Europa ist eine Sache. Das ist genauso wie das so genannte christlich-jüdische Erbe; eine elegante Entschuldigung, die viele Juden zum Schmunzeln bringt.

Wurden Sie angefeindet, nachdem Sie Bundespräsident Wulff widersprochen haben, der Islam gehöre nicht zu Deutschland?

Es ist nicht Aufgabe eines Politikers, eine Religion ein- oder auszubürgern. Politiker sollen sich um die Belange der Menschen kümmern: Wirtschaft, Arbeitsplätze, Regeln des Zusammenlebens; jedoch soll man da die Religion rauslassen. Ich habe meine Meinung gesagt, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, weil es zwar Einflüsse kultureller Art gibt, dies jedoch mit der Religion nichts zu tun hat.

Sie sind Mitglied der Islamkonferenz; böse Zungen würden sagen: einer Schunkelrunde der Gutmenschen. Was ist Ihre Aufgabe dort?

Ein solcher Vorwurf ist unfair gegenüber den vielen aufrechten Menschen, die dort sitzen. Die Islamkonferenz ist ein einmaliges Forum, in dem alle zusammensitzen: Alewiten, Schiiten, ganz liberale. Bisher hat kein Mensch diese Gruppen zusammengebracht, dies geschieht hier und die Behörden können auch etwas lernen. Meine Aufgabe ist es, ein Gleichgewicht zwischen den Verbänden herzustellen; ich setze mich für die jungen Menschen ein, die sich nicht artikulieren können, deren Stimme nicht gehört wird. Ich halte die Konferenz für wichtig; von außen betrachtet mag die Kritik an ihr wohl berechtigt sein, aber wenn man sich (intern) die Arbeit ansieht, erkennt man, dass es um etwas geht.

Herr Abdel-Samad, in Ihrem 1. Buch „Mein Abschied vom Himmel“ schreiben Sie doch, dass Sie diese deutschen Runden nicht mögen, wo man sich gegenseitig einander versichert, sich zu verstehen, aber am Ende ergebnislos auseinandergeht. Wieso also die Islamkonferenz?

Das ist auch nach wie vor meine Meinung, aber in der Islamkonferenz wird richtig gestritten. Insbesondere versucht man, ergebnisorientiert zu arbeiten. Es ist kein Geheimnis, dass seit dem neuen Bundesinnenminister Konflikte innerhalb der Konferenz ausgebrochen sind. Ich bin allerdings dafür, dass solche Äußerungen (wie: „Islam gehört historisch nicht zu Deutschland“) den Fachleuten überlassen werden sollen, z.B. Kulturwissenschaftlern. Politiker sollen sich um politische Themen kümmern und nicht emotionale Verlautbarungen von sich geben.

In Ihrem ersten Buch sprechen Sie über Istanbul, das Zusammentreffen von Orient und Okzident. Halten Sie Istanbul für das leuchtende Beispiel, den idealen Zustand, da hier die Religion tatsächlich keine Rolle spielt?

Ich wünsche mir, dass die türkische Community, die in Berlin oder München lebt, den Geist von Istanbul lebt, das Leben und Leben lassen.Was man von den Menschen erwarten muss, ist, dass die Kinder deutsche Staatsbürger werden hinsichtlich der Geisteshaltung, nicht bloß auf dem Papier, zum Beispiel durch den Pass. Viele gutausgebildete Türken gehen z.B. nach dem Studium nach Istanbul, die problematischen – die nicht selten in Haftung für die Versäumnisse ihrer Eltern genommen werden – bleiben dann hier. Dies kann nicht die Realität in der Zukunft sein, weder kulturell noch wirtschaftlich.

Als Sie das erste mal nach Deutschland kamen, fühlten Sie sich nicht wirklich wohl, Sie empfanden Land und Leute als nicht sehr offen und haben ihre Zeit nicht sehr genossen. Glauben Sie, dass sich Deutschland mittlerweile den Migranten mehr geöffnet hat?

Deutschland hat sich entwickelt. Man sieht mehr Migranten, in der Bank, bei der Polizei, im öffentlichen Leben. Das Land befindet sich im Lernprozess; die Öffnung muss jedoch gesteuert werden und darf nicht ausufern. Mir ist egal, wo die Zuwanderer herkommen, man mus sie aber als gleichberechtigte Bürger behandeln und man muss ihnen klipp und klar sagen, was geht in der Gesellschaft, und was nicht. Man muss eine Balance halten. Die Fehler mit den Indern dürfen sich nicht wiederholen (kaum ein Inder wollte die Deutsche Greencard, die Sprache lernen, der Weg in die USA war einfacher). Die Wirtschaft braucht junge Leute; man darf nicht verhaftet bleiben in den alten Vorstellungen der Gesellschaft, sonst wird man zum Globalisierungsverlierer. Länder die wirtschaftlicher gesund sein wollen, merken das.

Was ist Ihre Agenda? Warum schreiben Sie Bücher, publizieren, gehen auf Deutschland-Safari?

Ich habe keine Agenda, ich bin kein Politiker. Ich wache früh auf, esse ein gutes Frühstück und lege los, egal wie die Reaktion ausfällt. Ich bin auch kein Brückenbauer, ich hasse das Wort. Ich sage was ich denke und habe Anspruch und Recht darauf. Ich will mir auch nicht den Mund verbieten lassen.

Sind Sie ein deutscher Ägypter oder ein ägyptischer Deutscher?

Weder noch. Ich bin ein Mensch, der in Deutschland lebt. Ich habe aber auch schon in Japan gelebt und viele Kulturen haben Einfluss auf mich. Ich bin ein Bürger der Welt und verstehe nicht, warum man immer Dinge klassifizieren muss.

Wie haben Sie die hysterischen Reaktionen nach der Veröffentlichung des Sarrazin-Buchs „Deutschland schafft sich ab“ aufgenommen? Was haben Sie von der medialen Hetz-, bzw. Menschenjagd, auf den Autor gehalten?

Ich habe damals versucht, mich zurückzuhalten. Am Anfang habe ich keine Stellungnahmen dazu abgegeben, aber als ich sah, was für eine Schlammschlacht im Gange war, habe ich mich doch geäußert. Ich habe die Thesen gelassen genommen. Es waren seine Ideen und Äußerungen, basierend auf seiner Art zu rechnen und zu interpretieren. Er hat das Recht, das zu kommentieren. Hätten wir in Deutschland nicht ein so vergiftetes Klima, wären die Reaktionen anders gewesen. In manchen Thesen stimme ich vollkommen mit ihm überein, manche Sachen fand ich komplett daneben. Aber in einer Demokratie muss diese Diskussion geführt werden, doch ohne die Hetze wie bei ihm. Im Ergebnis hat es ihm jedenfalls genutzt, sowohl finanziell, als auch dahingehend, dass er jetzt eine größere Anhängerschaft hat. Er hat wie Henkel das Recht, seine Meinung abseits vom Mainstream zu formulieren, wir brauchen solche Leute. Hinsichltich seiner Genetik-Äußerungen verbietet mir meine bescheidene arabische Intelligenz, einen Kommentar abzugeben. Jedenfalls hoffte ich, dass das Buch und die Diskussion zu einer langfristigen Stimulation führen, leider war es nur eine kurzfristige.

Herr Abdel-Samad, für Sie als gebürtigen Ägypter und Weltbürger: Warum ist das Klima in Deutschland so vergiftet?

Es gibt zwei Gründe. Zum einen liegt es am Islam: Muslime vertragen keine Kritik und sind schnell beleidigt. Zum anderen liegt es auch an der deutschen Gesellschaftsordnung: Es kommen viele Leute aus unterschiedlichen Kulturkreisen nach Deutschland, das schafft Ängste. Wenn man sie (die Deutschen) zum Islam fragt, erklären diese, dass das Thema unfair behandelt wird, Probleme nicht angesprochen werden. Wenn man Muslime zum Thema befragt, erklären diese, unfair behandelt zu werden, der Islam werde immer auf das Thema Terror reduziert. Es ist wie im Nahostkonflikt mit den Israelis und den Palästinensern. Die Medien in Deutschland sind meiner Meinung nach hier von ganz kritisch bis ganz verharmlosend oder sogar verniedlichend. Hinsichtlich der Politik glaube ich, dass wenn die Personen, die in der Verantwortung stehen – die Politiker – die Probleme nicht angehen, es nur eine Frage der Zeit ist, bis andere Gruppen dies tun. Es gibt Blogs im Internet, die extrem unfair mit dem Thema umgehen und sich sehr auf das Emotionalisieren verstehen, wonach die „Musels“ an allem schuld seien. Und das heißt? Sollen wir in die Schlacht ziehen und alle rausschmeißen? Und dann? Es gibt aber auch Migranten, die süchtig sind nach diesen Blogs. Viele Muslime lesen diese Blogs und fühlen sich dann bestätigt, dass sie hier immer diskriminiert werden.

Es gab damals – im Nachgang zu Breivik – Stimmen, die Henryk M. Broder eine Mitschuld geben wollten an dem Massaker, aufgrund von Broders islamkritischen Äußerungen. Was sagen Sie dazu?

Es war lächerlich. Der Schriftsteller ist verantwortlich für das, was er schreibt, nicht für das, was daraus gemacht wird. Auch ich wurde gefragt, ob ich ein schlechtes Gewissen hätte, weil meine Islamkritik solche Leute (Breivik) motiviert hätte. Ich habe gesagt: Gläubige Muslime, die sich als moderat bezeichnen, werden einen Terorranschlag dergestalt kommentieren, dass die Attentäter den Koran missverstehen. Wenn man dieses Buch – den Koran – vor Missbrauch nicht schützen kann, wie soll das dann bei meinen Schriften gehen? Die ganze Geschichte war lächerlich. Wenn man Henryk M. Broder für Breivik mitverantworlich machen will, muss man automatisch alle Islamophilen, die Kurt Westergaard kritisiert haben (wegen seiner Karikaturen), auch verantwortlich machen für das Attentat auf Westergaard, da diese Leute die Stimmung gegen Westergaard aufgeheizt haben.

Wann geht es auf die nächste Deutschlandsafari?

Henryk M. Broder und ich sind 2012 extrem eingespannt. So eine Safari kostet viel Energie und – trotz des Spaßes – viele Monate Zeit.

Ich bin mir sicher, dass sich viele freuen würden über eine erneute Safari.

Das merken wir täglich an den vielen Zuschriften.

Eine Frage zur Safari-Szene (z.B. hier auf Youtube, ab ca. Minute 10:00) beim NPD-Bezirksverband Neukölln, als Sie sich die Hände mit Erfrischungstüchern abwischten, nachdem Sie den NPD-Funktionären die Hand zum Abschied gegeben haben: War das geplant?

Es kann sein, dass Henryk M. Broder das geplant hatte, aber die Serie lebt davon, dass nichts getextet oder gestellt ist. Sie funktioniert auch nur so. Andernfalls wird das lahm. Außerdem lebt die Serie von den Gästen; diese sind an Kuriosität eigentlich nicht zu überbieten.

Haben Sie während der beiden Safaris das Land und die Menschen mehr zu schätzen gelernt?

Ja. Ich glaube ich habe jetzt ein Deutschland kennengelernt, das extrem liebenswürdig ist. Ich war überall, 60.000 Kilometer durchs Land und festgestellt, dass es hier verschiedene Typen und Mentalitäten gibt. Ein Faden zieht sich jedoch durch Deutschland, die Ästethik, die Architektur und die Art wie die Menschen miteinander umgehen. Es gibt auch viele dumme Deutsche, aber die sind das Salz in der Suppe.

Abschließend: Ist die Arabellion nach dem Sieg der Islamisten in Ägypten gescheitert?

Nein, das ist sie nicht. In spätestens 2 Jahren wird es freie Wahlen geben. Da gehe ich jede Wette ein.

Was würden Sie Ihren Eltern in Deutschland zeigen?

Den Olympiapark und insbesondere den Olympiahügel in München. Ein Beweis, dass die Zivilisation auf den Trümmern des Kreiges so einen schönen Park  gebaut hat, wo die Menschen das Leben genießen können. Wenn ich dort bin denke ich, dass dies das neue Detuschland ist.

Herr Abdel-Samad, vielen Dank für das Gespräch!

Tipp: „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“ in der ARD-Mediathek

Artikelbild: Ausschnitt aus einer Folge „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“

3 Comments »

  1. Marl Karx 12. Januar 2012 at 14:35 - Reply

    Teil des Dilemmas der seriösen Islamkritik ist ja auch, dass ihre Vorreiter wie Broder, Abdel-Samad oder inzwischen auch Herr Pino aus ihrem Selbstverständnis als Journalist heraus nicht direkt Partei ergreifen, die Gegenseite solche Hemmungen jedoch nicht kennt. Man denke an die Piratenpartei-Werbekampagne zwei Wochen vor der Wahl in Berlin…

  2. cicero 12. Januar 2012 at 21:21 - Reply

    Abdel-Samad (augenscheinliche) Untreue zur Republik ist schwer zu fassen, aber erstens meint er es gar nicht so (zwinker-zwinker), und zweitens ist er ja auch erste Einwanderer-Generation, und so gesehen fast schon überintegriert.

    Was mich an Abdel-Samad aber schon länger irritiert ist seine Haltung, mal eben hier und dort oberflächlich ein wenig Kritik und Witz zu üben, und zu meinen, dass sei es dann schon. Bei Abdel-Samad fehlt mir die Tiefenkomponente. Der Ernst. Oder er ist eben nur ein Komiker, dann aber ein wirkungsloser, weil ideenloser.

    Die Zustände nach der Arabellion hätten schon einen ernsteren Kommentar verdient, als dass schon alles gut gehen würde (mit Augenzwinkern). Auch das Thema Euro-Islam fertigt Abdel-Samad so ab. Witzigkeit ist gut und schön, aber Witz funktioniert eigentlich nur dort gut, wo es auch eine ernste Grundlage gibt. Die sehe ich bei Abdel-Samad so nicht.

    Die völlig unbekannten Gründer und Mitglieder des leider sehr totgeschwiegenen Verbandes Demokratisch-Europäischer Muslime (http://www.vdem.eu/) finde ich viel interessanter: Die tun nämlich wirklich etwas, und etwas ernstes, mit Langzeitwirkung und Lösungskompetenz. Aber sie wurden nicht zur Islamkonferenz eingeladen, der Witzbold Abdel-Samad hingegen schon. Unsere Politiker werden wissen warum.

    @Marl Karx: Kritik wird wirksam, indem sie in die Köpfe geht. Die Idee, unbedingt selbst eine Partei gründen zu müssen, bis man den Bundeskanzler stellt und alles nach eigenen Wünschen ändern kann, ist komplett irregeleitet. So funktioniert das nicht. Es gibt viele Wege, wirksam zu werden. Der parteipolitische Weg ist nur einer davon. Schauen Sie mal die CDU an: Auch das ist eine Partei. Sogar an der Regierung. Aber was machen die? Grüne Politik. Obwohl die Grünen nicht an der Regierung sind. Und warum machen die das? Weil der Geist so ist wie er ist in der Gesellschaft.

  3. Mme. Haram 29. April 2012 at 05:21 - Reply

    @cicero
    der letzte Teil Ihres Kommentars trifft den Nagel auf den Kopf.

    Was allerdings an der vdem so toll sein soll, ist mir schleierhaft. Zitat aus ihrem Plädoyer: „Der Islam ist eine vernunftorientierte Religion. Er möchte nicht, dass die Menschen unnötig eingeengt oder sinnlose Handlungen vollführen.“
    Ist das ein Rekordversuch, den größtmöglichen Unsinn in den wenigsten Worten unterzubringen?

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