In beiden Kulturen zu Hause

12. Januar 2012 4

Rezension zu Sabatina James: Nur die Wahrheit macht uns frei. Mein Leben zwischen Islam und Christentum

Sabatina James setzt sich bedrohte und unterdrückte Frauen in islamischen Ländern ein – Copyright: Sabatina e.V.

Walid legt ihr den Strick um den Hals. Immer und immer wieder hat er das getan. Das andere Ende macht er an der Decke fest. Dann lässt er Amina – seine Ehefrau – auf einen Stuhl steigen und zwingt sie, stundenlang so zu stehen. Er gibt ihr zu verstehen: „Wenn du mir noch einmal widersprichst, dann ziehe ich dir beim nächsten Mal den Stuhl unter den Füßen weg.“ Damit Amina eine vernünftige Muslima wird, ist sie von ihrem Vater aus Deutschland in den Libanon verschleppt worden. Ihren Cousin musste sie nicht heiraten. Er war vor der eigentlichen Hochzeit über sie hergefallen und hatte sie vergewaltigt. Aber Walid, ein anderer Verwandter ist noch schlimmer. Seine Familie sperrt Amina tagsüber ein. Erst als ein Fenster nicht verschlossen ist, traut sie sich die Flucht anzutreten. Über die deutsche Botschaft und einigen Tricks schafft sie den Weg wieder zurück nach Köln.

Geholfen hatte ihr dabei Sabatina James. In ihrem Buch Nur die Wahrheit macht uns frei schildert die Frauenrechtlerin ihr eigenes Schicksal. „Ich bin in beiden Kulturen zu Hause, in der westlichen und in der muslimischen. Ich weiß, was es bedeutet, in Pakistan zu leben, was es bedeutet, als pakistanische Frau im Westen zu leben, und was es bedeutet, sich zu integrieren.“ Tagtäglich werden Frauen von ihren Familien zur Ehe gezwungen – und das nicht nur in der arabischen Welt, sondern mitten in Europa. James war eine von ihnen. Nachdem sie sich gegen die Zwangsehe mit ihrem Cousin wehrte, wurde sie von der eigenen Familie verstoßen, geächtet und bis heute verfolgt. Jetzt hilft sie mit ihrem Verein Sabatina e.V. Frauen, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren ist.
Dem Leser gewährt sie nun einen tiefen Einblick in die islamisch-pakistanische Kultur. Ihre Erzählungen sind auf brutale Art ehrlich, unverblümt. Doch nicht nur dort würden Frauen tagtäglich unterdrückt, nein auch mitten in den Parallelgesellschaften der in Deutschland lebenden Muslime. James kritisiert dabei nicht nur den Islam, sondern fordert auch die deutsche Gesellschaft auf, sich nicht länger hinter dem Vorwand der Toleranz zu verstecken und zu erkennen, dass Freiheit ein Geschenk ist, das jeden Tag neu verteidigt werden muss.

Schon in ihrer Heimat Pakistan, als James in der Koranschule die Suren des Korans auswendig lernen musste, fing sie an, sich kritisch mit dem Islam auseinanderzusetzen und das Verhalten des Propheten Mohammed zu hinterfragen. Nach der Zwangsheirat – James‘ Vater fälschte die Unterschrift seiner Tochter auf der Heiratsurkunde, weshalb die österreichischen Behörden die Hochzeit zunächst anerkannten, zumal das ganze pakistanische Dorf bezeugte, dass es eine reguläre Hochzeit zwischen den beiden gegeben hätte – begann sie zusammen mit ihrem Cousin die Bibel zu lesen und sich mit dem Christentum auseinanderzusetzen. Des Nachts, wenn alle schliefen holte sie heimlich ihre Bibel hervor. Ein Verbrechen, das im Islam üblicher Weise mit dem Tod bestraft wird.

Als ihr angeblicher Ehemann dann in Wien in ihrem Wohnzimmer stand, begann ihre Flucht. Eine Flucht, die ganzes Leben dauern wird. Eine Flucht vor der Familie und der pakistanischen Gemeinschaft, deren Alarmsystem in Österreich und in Deutschland hervorragend funktioniert.

Die Autorin springt oft zwischen der Gegenwart in Deutschland und Rückblicken zu Pakistan oder Österreich hin und her – manchmal sehr verwirrend für den Leser. Ebenso verwirrend und teils schwer nachvollziehbar sind einige Gedanken- und Szenensprünge. So muss der Leser wohl nicht nachvollziehen können, warum sich die Autorin einige Seiten lang über die Vereinbarkeit von Sex vor der Ehe mit dem Christentum Gedanken macht, um am Ende erschöpft zu erklären, sie würde nun bis zu ihrer Ehe keinen Sex mehr haben. Auch begegnet sie ihren eigenen bedrückenden Erfahrungen stellenweise mit unpassend scheinender Ironie: So wünscht sie sich – wohl zur Veranschaulichung – einige Male die Grünen-Politikerin Claudia Roth und den Autoren Patrick Bahners herbei.
In den sogenannten Kulturrelativisten Europas sieht Sabatina James eines der größten Integrationsprobleme für Zugewanderte aus dem islamischen Kulturkreis. Sie könne z.B. nicht verstehen, warum nicht klar gefordert würde, dass Migranten gut Deutsch zu sprechen haben. Einen deutschen Kindergarten und eine deutsche Schule besucht zu haben, reiche für diese Zuwanderergruppe eben leider nicht aus.

Heute kämpft die 29-jährige Sabatina mit Sätzen wie „Eine Frau, die ein Kopftuch trägt, kann keine Feministin sein“, auf Podiumsdiskussionen für die Aufklärung in Deutschland. Mit ihrer Organisation hilft sie entführten Frauen, um sie aus islamischen Ländern wieder zurück nach Europa zu bringen. Da können selbst deutsche Behörden manchmal sehr hinderlich sein.

Sabatina James: Nur die Wahrheit macht uns frei. Mein Leben zwischen Islam und Christentum. Pattloch, 288 Seiten, 16,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

4 Comments »

  1. B. Stoeger 12. Januar 2012 at 20:05 - Reply

    Das ist eine sehr seltene Zusammenkunft: Schönheit, Mut und Intelligenz – Respekt Frau Sabatina!

  2. cicero 12. Januar 2012 at 22:13 - Reply

    „Eine Flucht vor der Familie und der pakistanischen Gemeinschaft, deren Alarmsystem in Österreich und in Deutschland hervorragend funktioniert.“

    Von unseren Politikern habe ich bis heute keine konstruktiven Vorschläge gehört, wie solche Strukturen, die zunächst einfach nur traditionalistisch und nicht spezifisch islamisch sind, gestört und zerstört werden können.

    Wieder tappt die politische Korrektheit in die eigene Falle: Es mag ja nun sein, dass hier weniger Islam im besonderen als vielmehr Traditionalismus eine Rolle spielt, es mag ja sein … nehmen wir es einfach mal für einen Moment an … aber etwas gegen diese Zustände tun sollte man dann trotzdem!!! Mit ein paar Aufklärungsbroschüren an der Schule und Dialüg ist es nicht getan. Sanktionen müssen her, die spürbar sind. Außerdem Maßnahmen, die solche Strukturen unterhöhlen und zersetzen. Maßnahmen, die Aussteigern (auch männlichen!) den Ausstieg erleichtern.

    Zudem muss die Religion eingespannt werden. In Italien hat z.B. die kath. Kirche in Süditalien bzw. Sizilien verfügt, dass nur noch der Ortspriester Taufpate sein darf. Und schwupps: Gab es keine „Paten“ mehr! Das sieht auf den ersten Blick ein wenig kindisch aus, aber die symbolische Tiefenwirkung in der süditalienischen Gesellschaft ist enorm. Die Mafia und die katholische Kirche sitzen jedenfalls definitiv nicht mehr in einem Boot. Könnten islamische Geistliche nicht etwas ähnliches tun? Ja, ich meine schon, dass man da etwas erwarten könnte.

    Drehen wir den Spieß doch einfach um: Wenn der Islam nicht schuld sein soll, dann müsste er doch aktiv an der Problembewältigung mitwirken … fordern wir das ein!

    Islamische Ehen, die nicht auf Freiwilligkeit beruhen, müssen als annulliert gelten, der Ehemann muss als Ehebrecher eingestuft werden.

    Islamische Geistliche, die Zwangsehen abgesegnet haben, müssen als aktive Ehebrecher eingestuft werden.

    usw.

  3. aishe 14. Januar 2012 at 18:37 - Reply

    Jeder kann sich Imam nennen deswegen würde sich auch keine gebunden fühlen.Ausnahmen die von der DITIB bezahlten-die kriegen ihre Predigten aber sowieso immer aus der Türkei(reine Politik also!).

  4. cicero 14. Januar 2012 at 23:32 - Reply

    @aishe:

    Auch viele andere Moscheevereine bekommen ihre Imame aus den Herkunftsländern, z.B. Marrokkaner, Iraner usw. Nein, ich glaube nicht, dass sich jeder einfach Imam nennen kann. Ich meine, die selbsternannten Imame sind klar in der Minderheit.

    Eine der ganz großen Nebelkerzen in unserer veröffentlichten Meinung ist ja, dass der Islam anders als das Christentum keine Hierarchie und keine Struktur kennen würde – doch das ist falsch. Die Strukturen sind nur anders, heterogener, nationaler, oder auf Laienordens-ähnlichen Gruppen basierend.

    Strukturen gibt es also auch, nur andere. Im schiitischen Islam oder den Ahmadijja oder der Ditib oder anderen nationalen Islamstrukturen kann man sogar von Hierarchien sprechen.

    Die Strukturen sind höchst intransparent, und es ist schade, dass die islamkritische Szene es bis jetzt nicht geschafft hat, eine Art Islam-Kataster für Deutschland ins Netz zu stellen, das mal alles transparent macht und Überblick verschafft.

Leave A Response »