Mohammed: glorifiziert, mystifiziert, erfunden

10. Januar 2012 27

Rezension zu Hans Jansen: Mohammed. Eine Biographie

Persische Darstellung Mohammeds (rechts) vor seinen frühesten Anhängern. Illustration aus Al-Birunis Kompendium Athar al-Baqiya ‚an al-Qurun al-Khaliya. – Quelle: Wikipedia

Es erscheint schon erstaunlich, dass in einer zunehmend dekonstruktivistisch orientierten westlichen Historiographie, die eine Meisternarration nach der anderen (wie etwa die von Nation oder Freiheit) als kollektive Idiosynkrasie zu entlarven versucht, sich der Islam mit all seinen frommen Mythen bisher beinahe unangefochten behaupten konnte. Während Historiker und Philologen unisono die vier kanonischen Evangelien als hagiographische Berichte einstufen, erscheint das ausschließlich von islamischen Quellen überlieferte Leben des Propheten Mohammed nach wie vor über jeden grundsätzlichen Zweifel erhaben.

Vorbehaltlos referieren europäische Autoren wie etwa Gudrun Krämer in ihrer Geschichte des Islam die bekannten Lebensdaten des Religionsstifters und arabischen Kriegsherren, ohne die problematische Quellenlage überhaupt ein einziges Mal zu erwähnen. Alles was man heute über das Leben Mohammeds zu wissen glaubt, geht anscheinend zurück auf einen moslemischen Autoren (Ibn Ishak), der mehr als hundert Jahre nach dem Propheten gelebt haben soll und dessen Werk über das Leben Mohammeds wiederum erst in einer zweiten – gekürzten – Version eines noch späteren Autoren (Ibn Hisam) aus der Mitte des 8. Jahrhunderts vorliegt.

Wie ein Mahner in der Wüste erscheint da der niederländische Islamwissenschaftler Hans Jansen, der in den erhaltenen Lebensbeschreibungen keine historischen Berichte sieht, sondern sie als religiöse Erbauungsliteratur einstuft. In seiner immerhin beim renommierten Beck Verlag erschienenen Biografie Mohammeds unterzieht er die bisherige Hauptquelle (Ibn Ishak bzw. Ibn Hisam) einer kritischen Analyse, wie sie die moderne Historiographie eigentlich an jede Form von Überlieferung stellen muss, es aber eigenartigerweise, wie der Verfasser und emeritierte Professor der Universität Utrecht betont, im Falle Mohammeds und des Islams bisher unterlassen hat. Über die Gründe kann man da nur spekulieren.

Jansens Hauptthese lautet nun, dass alle bei den beiden genannten Autoren überlieferten Aussagen über das Leben Mohammeds nichts anderes sind als nachträgliche Interpretationen des Korans aus der Perspektive der innerislamischen Auseinandersetzungen des 8. und 9. Jahrhunderts. Es handelt sich hier somit keineswegs, wie oft gerne unterstellt wird, um historisch verbürgte Ereignisse, sondern um Hagiographien, mit denen vor allem zeitgenössische religiöse Bedürfnisse befriedigt werden sollten. Sie sind zudem, wie Jansen mehrfach überzeugend zeigen kann, durchsetzt mit Anachronismen, die alle auf Ereignisse verweisen, von denen zu Lebzeiten des Propheten noch niemand etwas wissen konnte. Oft werden Koranpassagen vorausgesetzt, die erst später vom Propheten offenbart wurden.

Selbst das Gerüst der biographischen Eckdaten stimmt offenbar nicht: Auf nur wenigen Seiten zerfetzt Jansen die bisherige Datierung der Geburt des Propheten auf das Jahr des Elefanten, das eben nicht im Jahre 570 gewesen sein soll, sondern nach byzantinischer Überlieferung (Prokop) schon 18 Jahre vorher. Der Prophet könnte schon im Jahre 552 geboren worden sein, vielleicht aber auch erst 590! Die gängigen Eckpunkte im Leben Mohammeds erscheinen ihm auch eher als Folge einer allzu glatten Zahlensymbolik: Mit 40 Jahren, also als reifer Mann, hatte er seine erste Offenbarung, zehn Jahre lebte er als Religionsstifter in Mekka und weitere zehn Jahre als Oberhaupt einer Gemeinde und Kriegsherr in Medina.

Jansen stellt aber nicht nur die überlieferten Details der islamischen Frühgeschichte in Frage, sondern auch ihren gesamten Kontext: Mekka war offenbar doch keine bedeutende Handelsmetropole, die intensive politische und religiöse Kontakte mit den Arabern in Syrien wahrscheinlich machte, auch für die beliebte islamische Narration einer Zeit der Unordnung (Dschahiliyya) vor dem segensreichen Auftreten des Propheten Mohammeds sieht Jansen keine Anhaltspunkte. Selbst die im Koran erwähnten Details lassen sogar vermuten, dass der Monotheismus in Arabien schon vor Mohammed Dank christlicher und jüdischer Einflüsse keine Randerscheinung mehr war.

Nebenbei widerlegt Jansen, mit einem auch an anderer Stelle sichtbaren Vergnügen, weitere islamische Mythen, wie etwa das zentrale Dogma, dass der Koran in reinstem Arabisch überliefert worden sei. Unter Bezugnahme auf die Argumentationen Christoph Luxemburgs (Anonym) kann er zeigen, dass viele Stellen des so genannten Heiligen Buches überhaupt nur dann einen Sinn ergeben, wenn man als Übersetzer syro-arämische Bedeutungen hinzuzieht. Allein die Schreibweise der meisten im Koran genannten biblischen Gestalten basiert unbestritten auf der damals im Nahen Osten (vor dem Arabischen) dominierenden Umgangssprache. So genannte moslemische Wissenschaftler hat das bisher nie gestört. Aber warum haben es europäische Islamexperten bisher übersehen?

Wie jetzt schon deutlich geworden sein dürfte, enthält Jansens Studie nicht wirklich eine Lebensbeschreibung des Propheten, sondern in Wahrheit ist sie sogar eine Antibiographie. Nach seiner Auffassung hat es den Propheten, den die Moslems längst wie einen Gott verehren, in Wirklichkeit niemals gegeben. Leben und Werk Mohammeds sind, so Jansen, fromme Erfindungen des 8. oder 9. Jahrhunderts, in der sich ein die Trinität ablehnender nahöstlicher Monotheismus zu der eigenen Religion des Islam entwickelte und dazu einen überragenden Religionsstifter benötigte. Mit dieser ketzerischen These wird sich die westliche (noch freie) Islamwissenschaft wohl weiter auseinandersetzen müssen, auch wenn viele so genannte Wissenschaftler bestürzt die Hände über ihren Köpfen zusammenschlagen und das Ungemach beklagen, dass ihnen dabei von einer immer stärker werdenden islamischen Orthodoxie bereitet werden könnte.

Jansens Studie ist da nicht mehr als der berüchtigte Stein, der den ruhig dümpelnden Tümpel der Zunft in ernste Unruhe versetzt. So sehr er allerdings mit guten Gründen den Mythos Mohammed dekonstruieren kann, eine plausible These, was denn nun tatsächlich im siebten Jahrhundert in Arabien und im Nahen Osten geschehen ist, liefert auch er nicht. Natürlich kann der Koran, wie Jansen vermutet, ein ursprünglich christliches Handbuch gewesen sein, das er wegen dessen zahlreicher agonaler Aussagen zunächst im Kontext syro-arabischer Grenztruppen ansiedelt, die damals noch in großer Zahl in byzantinischen Diensten standen. Einen überzeugenden Beweis dafür bleibt er allerdings ebenso schuldig wie Aussagen über die vermutliche Genese dieser neuen Religion.

Anders als bei Tilmann Nagel (Mohammed. 20 Kapitel über den Propheten der Muslime) ist der Koran für Jansen einfach schon vorhanden und wird nicht weiter hinterfragt. Beide Autoren verhalten sich mit ihren Studien beinahe schon komplementär. Während Jansen den (irgendwie zustande gekommenen) Koran als Folie für seine kritische Analyse der Lebensbeschreibungen des Propheten benutzt, verhält es sich bei dem Göttinger Emeritus beinahe umgekehrt, wenn er die Genese des Koran konsequent im Spiegel außerkoranischer Quellen (darunter eben auch Ibn Ishak und Ibn Hisam) analysiert und zu dem Schluss gelangt, dass es den Propheten eben doch gegeben hat.

Allerdings handelte es sich dabei nach seiner Überzeugung um einen ganz anderen Mohammed als jenen Übermenschen, den eine islamische Hagiographie den Gläubigen und der außerislamischen Welt bis heute vermitteln will. Für Nagel scheint es zudem unvorstellbar, wie der gewaltige Korpus der islamischen Überlieferung das Resultat einer absichtlichen Fälschung gewesen sein soll. Wenn man denn fast alles konstruiert hat, so fragt er, warum dann nicht gleich ohne die zahllosen Widersprüche?

Doch in seinem Gegenargument scheint ein Fehler zustecken: Ließe sich denn ein derart gewaltiges Konvolut religiöser und pseudohistorischer Aussagen, dass über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrhunderten entstanden sein dürfte, überhaupt in konsistenter Form entwickeln? Zumal ja die meisten der an diesem Prozess beteiligten Personen von der tiefen Wahrheit ihrer Botschaften überzeugt gewesen sein dürften und alle möglichen Argumente für die Wahrheit ihrer Aussagen benutzten.

Das Erstaunlichste in diesem Zusammenhang ist jedoch, dass über das Leben eines scheinbar so bedeutenden Religionsstifters, dessen Auftreten die nahöstliche Welt – und nicht nur sie – so nachhaltig verändert haben soll, erst hundert oder vielleicht sogar erst zweihundert Jahre später eine erste Lebensbeschreibung auftaucht. Die kanonischen Evangelien wurden etwa nach der Zerstörung Jerusalems niedergeschrieben, 40 Jahre nach dem Tod Jesu, als immer mehr Augenzeugen starben und damit die mündliche Überlieferung verloren zu gehen drohte.

Wie schnell aber Religionsgründer, ob real oder erfunden, im kollektiven Gedächtnis ihrer Anhänger Wurzeln schlagen können, zeigt der bekannte Religionskritiker Richard Dawkins in seinem viel besprochenen und berüchtigten Buch Der Gotteswahn. Darin erwähnt er einen Prediger namens John Frum, der in den 1930iger Jahren auf der Insel Tanna, die zu den Neuen Hebriden gehört, gewirkt haben soll. Obwohl dieser Messias, an dessen Rückkehr die dortigen Menschen noch jahrzehntelang geglaubt haben, schon seit 1940 in amtlichen Dokumenten auftauchte, konnte selbst eine von dem britischen Autoren David Attenborough geleitete Expedition in den 1950iger Jahren nicht klären, ob es John Frum wirklich jemals gegeben hat. Alle Hinweise auf seine Existenz verflüchtigten sich bei näherem Nachfragen zu einem vagen Hörensagen.

Wenn dieser bizarre Effekt schon nach so kurzer Zeit bei einem zugebener Maßen weniger bedeutenden Religionsstifter auftreten konnte, so dürften im Falle Mohammeds die zwei Jahrhunderte nach seinem angeblichen Ableben fraglos eine kolossale Spielwiese für eine religiös inspirierte Fantasie gewesen sein. Im Falle der Frühgeschichte des Islams wird allerdings erst dann Klarheit zu erwarten sein, wenn moslemische und eine immer noch zu unkritische westliche Islamwissenschaft neue Quellen, insbesondere archäologische und numismatische Befunde, erschließen können. So lange aber werden die Mythen über Mohammed und den frühen Islam auch weiterhin in wissenschaftlichen Publikationen nachzulesen sein, während uns dieselben Historiker erzählen, dass Nation, Abstammung und Freiheit zeitgebundene Konstrukte seien, die man einfach nur durch ein neues Narrativ ersetzen müsse.

Hans Jansen (2008): Mohammed. Eine Biographie. München: Beck, 491 Seiten, 24,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

27 Comments »

  1. cicero 10. Januar 2012 at 18:40 - Reply

    Die Mohammed-Biographie von Hans Jansen ist in meinen Augen eines der wichtigsten Bücher, die man zum Islam gelesen haben sollte. Aber nicht deshalb, weil Hans Jansen darin (übrigens mehr am Rande, vor allem im Nachwort) die Meinung vertritt, dass Mohammed vermutlich nicht existiert hat. Das haben andere sehr viel besser untermauert als Hans Jansen, und man fragt sich am Ende des Buches, warum Hans Jansen diese Meinung auf Grundlage dieses Buches formuliert, denn die Argumente in diesem Buch sind nicht auf diese Aussage hin angelegt, sondern „nur“ auf die Aussage, dass es so nicht gewesen sein kann. Nein, dieses Buch ist wegen etwas ganz anderem wichtig:

    (1) Hans Jansen zeigt etwas ganz erstaunliches: Er lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass der Koran gar nicht das zentrale Buch des Islam ist, denn dort stehen nur kontextfreie Verse drin, die erst nachträglich (zu Recht oder zu Unrecht?) auf Mohammeds Lebensgeschichte gedeutet wurden. Das zentrale Buch des Islam ist vielmehr – kaum einer ist sich dessen bewusst, nicht einmal die Masse der Muslime – die Prophetenbiographie nach Ibn Hischam bzw. Ibn Ishaq. Denn in diesem Buch wird das Islam-Puzzle zusammengesetzt, nicht im Koran. Und dieses Buch ist eben KEIN unantastbares und unfehlbares Buch wie der Koran, so dass die theologische Hürde zu einer Islamreform plötzlich deutlich gesenkt erscheint. Wer hätte das gedacht?

    (2) Hans Jansen zeigt akribisch und in allen Einzelheiten die historisch-kritischen Schwierigkeiten mit der Überlieferung von Mohammed auf, und daraus kann man etwas ganz anders, etwas für die Integration von Muslimen viel besseres machen, als die für die Integration wenig hilfreiche Schlussfolgerung, dass Mohammed gar nicht existiert habe: Man kann theologisch abgesichert zeigen, dass die Anfänge des Islam nicht so gewesen sein können, wie es uns die islamische Orthodoxie vortäuschen möchte. Wenn Salafisten u.a. Islamisten sagen, sie wollen genau so leben, wie es Mohammed tat, dann sind diese Leute objektiv und nach Maßgabe der Vernunft im Irrtum; und dazu muss man noch nicht einmal den Koran hinterfragen, sondern nur die islamische (!) Forderung nach dem Gebrauch der Vernunft auf ein nach islamischer Auffassung (!) menschengemachtes Buch anwenden! Wer verstanden hat, was das bedeutet, hält einen sehr mächtigen Hebel in der Hand, um Dogmen, Ansprüche und falsche Rücksichtnahmen wohlbegründet und mit bestem intellektuellen Standing auszuhebeln. Sogar eine Islamreform rückt plötzlich in eine ungewohnt greifbare Nähe.

    Natürlich: Damit es zu einer Islamreform kommt, müssen Muslime die Sache erst noch selbst in die Hand nehmen. Damit das geschieht, sollte man ihnen allerdings nicht ständig mit dem (übrigens falschen) Gedanken vor der Nase herumwedeln, dass die historisch-kritische Methode zwangsläufig zu der Erkenntnis führen *müsse*, dass es Mohammed gar nicht gab. Das ist nur eine von mehreren möglichen Schlussfolgerungen, bei Jesus ist es nicht anders. Dass nur ein Ex-Muslim ein „guter“ Muslim sei, ist eine irregeleitete Maxime, die aus der Unkenntnis der Reformmöglichkeiten des Islam erwächst. Nur Leute wie Stürzenberger sagen sowas. Der wedelt ja auch ständig mit dem Koran herum, in dem von Mohammed kaum etwas steht, und glaubt tatsächlich, dass Mohammed so gewesen wäre, wie es die islamische Orthodoxie es behauptet. Andererseits: Man darf auch nicht so tun, als ob eine solche Reform bereits stattgefunden hätte. Sie hat nicht. Damit es zu dieser Reform kommt, bedarf es der Kritik. Der Islamkritik. Einer Islamkritik, die den Muslimen Wege aus ihrem Dilemma aufzeigt, statt alle Türen zuzuschlagen.

    Vgl. auch folgenden CitizenTimes-Artikel:
    http://www.citizentimes.eu/2011/02/07/wir-muslime-geniesen-hier-ein-maximum-an-religionsfreiheit/
    „Der Islam verändert Europa aber Europa verändert auch die Muslime. Mittlerweile kann man von einer neuen säkularen Strömung sprechen. Die Gründung von neuen Verbänden wie dem Verband Demokratisch-Europäischer Muslime (VDEM) in Aachen ist ein Beispiel. Weitere sollen folgen. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es immer mehr Verbände unter der Überschrift “Reform-Islam”. Ich bin sehr optimistisch, was die Europäisierung des Islam angeht.“

    • Rationalist64 13. Januar 2012 at 17:54 - Reply

      Wissenschaft und Religion sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Religiöse Überzeugungen und sog. „Offenbarungen“ lassen sich wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen. (Übrigens sehr interessant in „Gotteswahn“ von Dwarkin zu lesen, wie die sog. „Gottesbeweise“ von Thomas v. Aquin „zerpflückt“ werden.) Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit religiösen Inhalten muss daher zwangsläufig immer im Agnostizismus münden. Deswegen erwartet zu viel, wer annimmt, Wissenschaft könne eine Rolle bei einer Islam-Reform spielen. Dies kann im Islam nur von innen heraus bewerkstelligt werden.

      Schon deshalb sollte darauf verzichtet werden, der historischen Forschung irgendwelche Vorgaben zu machen; etwa, bestimmte Schlussfolgerungen zu unterlassen, die politisch als „wenig hilfeich“ bewertet werden oder einer Gruppe nicht mit bestimmten „Gedanken vor der Nase zu wedeln“.

      Die Gedankenfreiheit und die Freiheit der Wissenschaft (Art. 5 Abs. 3 GG) sind hohe Rechtsgüter. Jede Forderung nach Selbstzensur oder gesteuerter Wissenschaft ist abzulehnen.

      • cicero 15. Januar 2012 at 13:50 - Reply

        @Rationalist:

        Antwort steht unten 🙂

        Ich hänge sie hier nicht direkt an, damit die Zeilen nicht zu kurz umgebrochen werden.

  2. cicero 11. Januar 2012 at 21:35 - Reply

    CitizenTimes legt ja eine ganz überraschende Schlagzahl vor! Ich bedanke mich jedenfalls für die vielen Beiträge, vor allem aber auch für die prompt nachgelieferte Rezension zu Hans Jansen: Mohammed.

  3. cicero 15. Januar 2012 at 13:49 - Reply

    @Rationalist64:

    Ihr Denken ist nicht falsch und Ihre Absichten sind gut, aber Sie haben doch einiges missverstanden. Ich will es im Einzelnen aufdröseln:

    (1) Nirgendwo wurde verlangt, der Forschung Beschränkungen aufzuerlegen. Es wurde jedoch darauf hingewiesen, dass politische (!) Akteure, wie z.B. Islamkritiker, bei Muslimen das Gegenteil des Erstrebten erreichen werden, wenn sie diesen vorgaukeln, die historisch-kritische Methode führe zwangsläufig (!) zu der Auffassung, dass es Mohammed gar nicht gab. Dann wenden sich Muslime nämlich ab und verharren in einem Steinzeit-Islam. Wem nützt das? Was soll das? Kein vernünftiger Mensch wird dem Köhlerglauben anhängen, dass sich Muslime in Scharen vom Islam abwenden werden. Eine Islamreform durch Bildung und gebildete Interpretation der islamischen Offenbarung hat bedeutend größere Chancen.

    (2) Die Freiheit der Forschung wird im Gegenteil verteidigt, wenn man darauf hinweist, dass aus der historisch-kritischen Methode eben NICHT zwangsläufig folgt, dass es Mohammed gar nicht gab. Wenn politische Akteure diese Meinung verbreiten sollten, dann beschränken sie die Freiheit der Forschung. So etwas tut man nicht.

    (3) Die Auffassung, dass Wissenschaft und Religion zwei verschiedene Dinge seien, die nichts miteinander zu tun hätten, mag richtig sein, hat aber nichts mit unserem Problem zu tun. Eine rational nicht hinterfragbare Offenbarung will (laut Koran) rational ausgedeutet (!) werden. Und über diesen Weg hat die historisch-kritische Methode sehr wohl etwas zur Ausgestaltung (!) einer Religion beizutragen. Darum kümmert sich ein Richard Dawkins natürlich nicht, weil er sich nur dafür interessiert, die Offenbarung als solche zu hinterfragen. Das ist Religionskritik, nicht Islamkritik. Hier geht es aber um Islamkritik.

    (4) Die Prophetenbiographie nach Ibn Hischam bzw. Ibn Ishaq ist doch gerade KEIN Offenbarungsbuch. Das ist doch die Pointe. Ein Denkfehler bei vielen Islamkritikern ist, dass sie von vielen Dingen, die nur bei Ibn Ishaq stehen, meinen, dass sie im Koran stünden. Sie fallen damit voll auf die nach Mohammed (sollte es ihn gegeben haben) erfolgte Konstruktion des orthodoxen Islam herein, der suggeriert, all diese Dinge seien offenbart. Sind sie nicht,sie stehen so nicht im Koran. Es ist viel weniger offenbart, als manche meinen. Und mit dem wenigen kann man dann auch noch fertig werden, wenn man erst einmal angefangen hat. Wer weiß, wie die Entwicklung bei der Interpretation der Bibel gelaufen ist, sieht hier genug Möglichkeiten.

    (5) Wenn man den Islam kritisieren will, und möchte, dass Muslime einen Islam entwickeln, der sich mit der Aufklärung ebenso verträgt wie das moderne Christentum, der sollte vielleicht besser nicht nur von Richard Dawkins eine Ahnung haben …

  4. Rationalist64 16. Januar 2012 at 22:39 - Reply

    Es hat niemand behauptet, aus der kritisch-historischen Forschung folge „zwangsläufig“, dass es Mohammed nie gegeben habe. Vielmehr wird von einzelnen Wissenschaftlern die These vertreten, dass der im Koran genannte „Gesandte“ historisch ursprünglich mit Jesus identisch war. (Ob die in der Biographie von Ibn Ishaq genannnten Begebenheiten sich ereignet haben, oder der dort beschriebene „Mohammed“ auf eine (oder mehrere) historische Person(en) – und falls ja, welche – zurückgeht, muss zur Zeit offengelassen werden. Dafür liegen nicht genügend Forschungsergebnisse vor.)

    Ich glaube aber nicht, dass eine „Reform“ des Islams davon abhängt, ob die Existenz eines „Propheten Mohammed“ bewiesen oder widerlegt wird. Und was sollte man auch reformieren? Der Koran ist in weiten Teilen unzusammenhängend, unverständlich und irrational.

    Im Übrigen ist er der Versuch, einer patriarchalischen, frühmittelalterlichen Gesellschaft von Wüsten- und Wanderhirten eine Ordnung zu geben.

    Der einzig rationale Umgang mit dem Koran ist, ihn als Zeitdokument des Frühmittelalters zu betrachten. Das kann man aber auch jetzt schon (und konnte es schon die ganze Zeit).

    Die Frage der Historizität Mohammeds hat hierfür keine Bedeutung.

  5. cicero 17. Januar 2012 at 23:41 - Reply

    @Rationalist64:

    Danke für diese Diskussion, vielleicht können wir die Argumente noch ein Stück weiter zuspitzen, um den Kern der Sache wirklich zu erfassen:

    Zunächst d’accord: Die Frage nach der Bedeutung der Existenzfrage von Mohammed für die politische Frage der Integration ist von uns jetzt soweit abgefrühstückt.

    Sie schreiben: „Und was sollte man auch reformieren? Der Koran ist in weiten Teilen unzusammenhängend, unverständlich und irrational.“

    Aber da möchte ich doch fragen: Ist nicht gerade dieser Umstand die Grundlage für eine Reform? Wenn der Koran in sich geschlossen und in sich logisch wäre, ja, dann gäbe es keine Chance. Aber es ist ja gerade nicht so. Da ist vieles unklar und interpretationsbedürftig. Allein schon der Ruf mancher Muslime, man müsse verschiedene Koranstellen in der Zusammenschau sehen, ist bereits ein großer Schritt mitten ins Interpretieren hinein. Und die Erkenntnis, dass der große Zusammenhang der islamischen religiösen Erzählung, den die Prophetenbiographie herstellt, kein Teil der Offenbarung ist, unterstreicht Ihre Aussage einmal mehr: Die Offenbarung ist löchrig wie ein Schweizer Käse, von Mohammed und seien (Misse-)Taten ist im Koran kaum die Rede.

    Ich möchte auch fragen: Ist es denn im Christentum wirklich so viel anders? Wie ist denn die Reform im Christentum gelaufen? Immer in dem Sinne, dass man besser erkannt zu haben glaubte, was Christentum am Anfang (angeblich) bedeutete.

    Beispiel: Bis zum II. Vatikanischen Konzil z.B. war es christ-katholische Glaubenslehre, dass der Staat christlich sein muss, das christliche Sittengesetz 1:1 umsetzen muss (also eine Art von Scharia), und am besten von einem Monarchen von Gottes Gnaden geleitet wird. Von solchen uralten (!) Lehren hat sich die Kirche verabschiedet, mit dem Argument, dass es zwar uralt aber dennoch ein Irrtum war, solches in Jesus hinein zu interpretieren, und eine Demokratie zudem eine ganz neue Situation ist, die ganz andere Antworten als frühere Zeiten braucht. Ich behaupte: Es ist vom Prinzip her gar nicht so viel anders. Auch die biblische Offenbarung ist ein Schweizer Käse.

    Sie schreiben, dass der Islam eine Religion von „Wüsten- und Wanderhirten“ sei.

    Aber Hans Jansen diskutiert, ob die Verlegung der Gründung des Islam in die Wüste nicht eine dieser nachträglichen Konstruktionen ist. In vielen Punkten sieht der Islam eher nach einer Stadtreligion aus. Bei Ohlig ist es sogar ganz klar: Eine Stadtreligion. Raum Damaskus bzw. von dort Vertriebene in Merv. Woher sollten „Wüstenbewohner“ auch so viel Platon in ihren Koran hinein verarbeiten können? Und wo Platon ist, da sind Anknüpfungspunkte an westliches Denken (nicht mehr und nicht weniger).

    Sie schreiben: „Der einzig rationale Umgang mit dem Koran ist, ihn als Zeitdokument des Frühmittelalters zu betrachten.“

    Schon richtig, wenn man vollrational sein möchte. Aber dass Gläubige (Muslime, Christen, wer immer) auf der Grundlage ihrer irrationalen Glaubens-Prämissen (die so löchrig sind wie ein Schweizer Käse, s.o.) ebenfalls ein rationales (!) Lehrgebäude aufzubauen versuchen, hat eine große Bedeutung! Überlegen Sie doch mal: Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft sind religiös. Dennoch kommen wir mit ihnen aus. Das funktioniert deshalb, weil diese religiösen Menschen immerhin teilrational sind. Kann man von Muslimen mehr verlangen als von Christen? Ich meine: Nein. Man muss von Muslimen dasselbe verlangen wie von Christen, aber mehr dann doch nicht.

    Schlussfrage:

    Was erwarten Sie eigentlich realistisch von Islamkritik? Ich meine, nehmen wir für einen Moment an, die Medien würden alle auf eine Islamkritik umschalten, deren Stoßrichtung von Ihnen festgelegt werden könnte – was wäre dann das anzustrebende Ziel?

    Realistischerweise scheidet eine Massenbekehrung von Muslimen zu … (zu was eigentlich?) aus. Massenausweisungen ebenfalls. Was bleibt dann noch? Ich meine, das einzig realistische, was bleibt, ist eine Forcierung einer Islamreform. Und mit Forcierung meine ich nicht das, was die CDU gerade veranstaltet, das dürfte klar sein. Wer einen Islamunterricht auf Kindergartenniveau in Absprache mit Betonkopf-Verbänden installiert, realisiert keine Reform, sondern das Gegenteil.

    Hier noch ein Artikel von einem Ex-Terroristen, der genau so eine Reform anstrebt:
    http://bit.ly/vvp7vI
    Man sieht: Muslime können das.

  6. Rationalist64 18. Januar 2012 at 21:59 - Reply

    Es ist ein brauchbarer Ansatz zu fragen: Wie ist eigentlich der Katholizismus in Deutschland/Europa gezähmt worden? – Noch im 15./16. Jhdt. unterschied sich der Katholizismus nicht wesentlich vom heutigen (Mainstream-)Islam, war vielleicht in der einen oder anderen Beziehung noch „einen Zacken “ schärfer: Erwähnt seien nur Religionskriege, Gegenreformation, Ketzerverfolgungen und Hexenverbrennungen, die Art und Weise der „Christianisierung“ der amerikanischen Kontinente (mit weitgehender , religiös begründeter Ausrottung und Versklavung der indianischen Urbevölkerung) etc.

    Jeden Zentimeter Fortschritt in Richtung auf mehr Rationalität und Humanität machte die katholische Kirche aber nicht auf Grund kritischer Selbstreflexion, sondern alles wurde durch äußere Einflüsse, namentlich die europäische Aufklärung, Reformation, Humanismus, Säkularisierung, bürgerliche Befreiungsbewegungen, Liberalismus und nicht zuletzt den Marxismus, erzwungen. Unter dem Einfluss der genannten geistigen Strömungen wurde der Katholizismus mit der Zeit von den Menschen (inkl. der getauften Katholiken) immer weniger ernst genommen. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts sah sich die kath. Kirche zu Reformen gezwungen, um nicht ihren letzten Rest an Einfluss zu verlieren und den Sturz in die (geistesgeschichtliche) Bedeutungslosigkeit zu verhindern.

    Und genau aus diesem Grund darf die Islamkritik nicht nachlassen und auch keine Zugeständnisse machen. Etwas ändern kann (und wird) sich im Islam nur dann, wenn der Islam ständiger Kritik und damit dem Zwang der Selbstechtfertigung ausgesetzt ist. Es wird keine „Massenbekehrung“ geben. (Auf die unausgegorenen Thesen Stürzenbergers zu einem „Verbot“ des Islams u.ä. will ich hier erst gar nicht vertieft eingehen.) Es kann aber erreicht werden, dass es unter dem Eindruck der Kritik zu einer schleichenden Veränderung kommt, d.h. einem im Laufe der Zeit immer kritischer werdenden Blick auf die eigene Religion. Um ihren Einfluss und ihre privilegierte Stellung nicht zu verlieren, ist es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis sich dem auch die islamischen Kleriker und Theologen anschließen.

    Wie äußert sich der Ex-Radikale in dem von Ihnen zitierten Beitrag:

    „Aber die Hauptursache für den Erfolg der Radikalen ist die Tatsache, dass die meisten islamischen Institutionen in England schlicht und einfach nicht über Theologie reden wollen. Sie weigern sich, die schwierige und oft komplexe Frage nach dem Stellenwert der Gewalt im Islam anzugehen; stattdessen wiederholen sie das Mantra, dass der Islam eine friedvolle Religion und der Glaube eine persönliche Angelegenheit sei, und hoffen, dass sich diese ganze Debatte irgendwie in nichts auflösen wird.

    Das hat den Radikalen auf dem Territorium religiösen Denkens freies Spiel gelassen.“

    Nichts wäre gewonnen, wenn Salman Rushdie darauf verzichtet hätte, die „Satanischen Verse“ zu veröffentlichen oder wenn Westergaard seine Mohammed-Karikaturen nicht gezeichnet hätte. Und nichts ist gewonnen, wenn die Wissenschaft in vorauseilendem Gehorsam darauf verzichtet, bestimmte Fragen zu stellen.

    Wir dürfen in der Kritik nicht nachlassen.

  7. cicero 18. Januar 2012 at 23:23 - Reply

    @Rationalist64:

    Super-Beitrag! Wir sind jetzt auf einer Ebene. Die Frage, wie es denn mit der Reform der katholischen Kirche gelaufen ist, kann in der Tat die Blaupause für die Frage sein, wie es mit dem Islam laufen sollte bzw. könnte.

    Ich stimme auch vollkommen zu: Die Kirche hat nicht aus eigenem Antrieb Reformen angepackt, sondern immer nur durch Druck. Der Druck muss also aufrecht erhalten werden, und dazu gehört das ganze Spektrum der Kritik. Soweit so gut.

    Ich möchte aber diesen Druck aber etwas näher analysieren: Ist es wirklich nur Druck von außen? Zwei Punkte dazu:

    (a) Die Aufklärung entfaltete sich schrittweise, und ebenso schrittweise reformierte sich die Kirche. Man hat nicht damit begonnen, Jesus oder Maria infrage zu stellen. Am Anfang ging es z.B. gegen Ablasshandel und Reliquienverehrung. Auch Luther hat erst schrittweise von diesem und jenem Abstand genommen. Voltaire entrüstete sich noch darüber, dass es einer wagt, Gott infrage zu stellen. Die Aufklärung war der Kirche sozusagen immer einen Schritt voraus, aber eben immer nur *einen* Schritt.

    Der Islam hat nun ein echtes Problem, weil er alle Schritte auf einmal machen muss. Weil kein Mensch Denkschritte überspringen kann, wissen Muslime häufig gar nicht, welche theologischen Reform-Möglichkeiten sie haben. Sie können das gar nicht. Zudem haben sie die Befürchtung, es ginge darum, den Islam zu verbiegen.

    Wie könnte man diesen Problemen begegnen?

    (a1) Wenn man Muslimen deutlich macht, dass man vom Islam nicht mehr verlangt, als vom Christentum. Auf die Frage, ob die kath. Kirche sich „angepasst“ hat oder die Religion verraten hat, kann man wohl getrost antworten: Nein.

    (a2) Wenn man (anders als früher bei der Kritik an der Kirche) den Muslimen zusätzlich zur Kritik auch theologisch vertretbare Auswege aufzeigt. Sozusagen eine konstruktive Kritik, die einkalkuliert, dass Muslime die theologischen Möglichkeiten gar nicht sehen. (Der Ex-Terrorist im NZZ-Artikel oben hat damit begonnen, sie zu sehen.)

    (b) Druck kam während der Aufklärung nicht nur von außen, sondern vor allem auch von innen. Ein Atheist, der die Kirche anklagt, dass es Gott nicht gäbe, ist für die Kirche bei weitem nicht so gefährlich, wie ein Theologe, der sagt, dass es in der Urkirche keine Fürstbischöfe gab. Denn der Theologe tut damit zweierlei:

    (b1) Er delegitimiert den theologischen Standpunkt der Kirche von innen.
    (b2) Er bietet gleich auch noch eine bessere Alternative an, zeigt einen Ausweg.

    Damit antwortet er auf die obigen Probleme a1 und a2, aber von einem viel besseren Standpunkt aus, nämlich als Gläubiger: Mit b1 nimmt er die Angst, die Religion würde „angepasst“; das Gegenteil ist der Fall: Die Religion wird durch die Reform näher an die Wahrheit geführt. Mit b2 werden wie oben Auswege aufgezeigt.

    Meiner Meinung nach sind Reform-Muslime wie Bassam Tibi, Seyran Ates oder Yasar Nuri Öztürk wichtiger als Westergaard und Salman Rushdie. Aber gut: Es muss beides geben, man sollte das nicht gegeneinander ausspielen.

    Fazit:

    Es müsste eine forcierte Islamreform geben und eine konstruktive Islamkritik.

    Forcierung heißt: Stärkung der Reformkräfte, Schwächung der Betonköpfe. Die einen brauchen Geld und Zuwendung, die anderen das Gegenteil. Sodann einen Schulunterricht für alle Kinder über: Rationalität, Weltanschauungen, Religionen, Philosophie, Humanismus, Aufklärung, historische Reformprozesse, historisch-kritische Methode, und theologische Möglichkeiten einer Reform.

    Konstruktive Islamkritik heißt: Muslimen bei aller Kritik verdeutlichen, dass sie eine Chance haben, als Muslime im Pluralismus akzeptiert zu werden, wenn sie gewisse Bedingungen erfüllen, zu denen man ihnen zudem auch Wege aufzeigen sollte. Hämische Kritik wie auf PI gehört da nicht dazu. Eher eine helfende Haltung, die zugleich erwartet, dass die Hilfe auch angenommen wird. „Tough Love“ würde man in USA sagen.

    Ich sehe das nicht als Zugeständnisse an.

    PS: Die kath. Kirche kann noch weitere Reform-Ideen geben. Z.B.: In welches Buch muss man schauen, wenn man wissen will, was die kath. Kirche glaubt? In die Bibel? Keinesfalls! Sondern in den Katechismus! Ein Buch, in dem die offizielle Lehre mit dem Siegel der Lehrautorität in halbwegs moderner, unzweideutiger Sprache festgehalten ist. Bei der kath. Kirche würde keiner kommen können und sagen: Das mit der Pille ist ein Übersetzungsfehler oder wurde falsch interpretiert. Es steht glasklar und beglaubigt drin, und man weiß, was man kritisieren kann.

    Demgemäß könnte der Staat von allen Religionsgemeinschaften verlangen, dass sie Katechismen in diesem Sinne ausarbeiten. Diese ewige Mündlichkeit und Klein-Klein-Thematisiererei in unzähligen verstreuten Fatwas könnte eine solche Zusammenfassung gut gebrauchen. Jeder Verband hat dann seinen eigenen Katechismus. Der nächste Vorteil wäre auch schon klar: Die Unterschiede der Verbände würden plötzlich klar zutage treten. Und noch ein Vorteil: Bei Änderungen in der Lehre würde dies sofort auffallen. Was schriftlich mit Siegel festgehalten ist, kann man nicht mehr so schnell ändern. Der Übergang von der mündlichen zur schriftlichen Lehre ist enorm wichtig.

  8. Peter Schulze 22. Januar 2012 at 19:50 - Reply

    Fragen wie: Litt Mohammed an einer schweren Psychose? Gibt es den historischen Mohammed überhaupt? Ist der Ur-Koran auf syro-aramäisch geschrieben? …sind für die seriöse Islamkritik nicht besonders relevant. Diese hat herauszufinden, welches Credo für die gläubigen Muslime ergibt sich aus den Kanonischen Schriften wie Koran; Sunna; Sira und Fatwas. Welche Handlungsanweisungen (z.B. Tötungsbefehle gegen Ungläubige) ergeben sich daraus? Wie sieht die ideale muslimische Gesellschaft – der islamische Gottesstaat – aus? Welche Auswirkungen hat es, wenn göttliches Recht – Scharia- weltliches Recht ersetzt? Was bedeutet Dschihad? Streben die Muslime eine Islamisierung Europas, ja der Welt an?

    • cicero 22. Januar 2012 at 20:48 - Reply

      @Peter Schulze:

      Man sollte unterscheiden zwischen:

      (a) Was Muslime de facto glauben. (Meist die orthodoxe Variante.)

      (b) Was auf Grundlage von Koran, Prophetenbiographie etc. seriös und unter Anwendung der Vernunft geglaubt werden *könnte*. Und ich behaupte: Das ist nicht dasselbe, was der orthodoxe Islam wenige Jahrhunderte nach Mohammed zu lehren begonnen hat.

      Islamkritik sollte den orthodoxen Islam kritisieren und aufzeigen, dass eine liberale Interpretation seriös und vernünftig möglich ist. Und zwar auf der Grundlage von Koran etc. (ganz recht, das ist ernst gemeint, wenn Sie es nicht für möglich halten, sind Sie ein Opfer der Suggestionen des orthodoxen Islam).

    • Rationalist64 23. Januar 2012 at 22:54 - Reply

      Aufgabe der Islamkritik ist auch (wenn nicht sogar zuvörderst), sich mit den Grundaxiomen des Islam auseinanderzusetzen. Sollte sich nun herausstellen, dass der gesamte Islam nur auf Märchen, Fehlübersetzungen und Erfindungen beruht, dann bricht auch das darüber errichtete „Lehrgebäude“ zusammen und wird obsolet.

  9. cicero 24. Januar 2012 at 22:41 - Reply

    @Rationalist64:

    Das glauben Sie doch selber nicht! Auch das Christentum kann historisch-kritisch vollkommen ins Unbestimmte aufgelöst werden, aber zusammen gebrochen ist es bis jetzt noch nicht. Mein Gott, wie naiv! Sorry, aber so funktioniert diese Welt nicht …

    Wenn Sie etwas erreichen wollen, dann müssen Sie das intelligenter anstellen. Jetzt habe ich schon in mehreren Kommentaren an Sie hingeschwätzt, aber sie verharren immer noch in einem solchen Köhlerglauben?! Die Tatsache, dass Millionen von Menschen in Europa Muslime sind, muss ganz einfach akzeptiert werden, wie wollen Sie das denn auch ändern? Mit Gewalt? Vergessen Sie’s. Mit der Prämisse, dass der Islam entweder ganz schrecklich und unveränderbar oder aber gar nicht ist, und dazwischen gäbe es nichts, sind Sie unweigerlich auf der Stürzenberger-Breivik’schen Schlussfolgerungs-Rutschbahn in den Extremismus hinein.

    Es kommt darauf an, was man aus dem Islam in Europa macht. In diesem Punkt gibt es sehr viele Möglichkeiten.

  10. Rationalist64 25. Januar 2012 at 13:11 - Reply

    @ Cicero

    Bei allem paternalistischen Gebaren müssen Sie es akzeptieren, dass es auch Menschen mit abweichenden Auffassungen gibt, die sich von Ihnen nicht überzeugen lassen – auch wenn das in Ihren Augen „verstockt“ sein sollte (wie man im Mittelalter „uneinsichtige“ Häretiker zu bezeichnen pflegte).

    Mir geht es einfach um die historische Wahrheit.

    Sie fordern eine weitgehende Einschränkung der Redefreiheit und der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung, weil die Ausübung dieser Rechte irgendwelchen Versuchen einer äußeren Lenkung des Islams im Wege stehen könnte. Sollte dies wirklich die Vorbedingung des Entstehens eines „gemäßigten Islams“ sein, fragt es sich, wo da eigentlich noch ein Fortschritt sein soll. Nebenbei gesagt, ist dies auch ein sehr fragwürdiges Verständnis von Religionsfreiheit. Es ist allein Sache der „Gläubigen“, wie sie den Inhalt ihrer Religion definieren, nicht aber irgendwelcher externer Steuerer.

    Wissenschaftliche Forschung kann und darf keine Rücksicht nehmen auf irrationale oder nicht belegbare religiöse Vorstellungen. So musste sich etwa auch die offizielle kirchliche Lehre an die Erkenntnis gewöhnen, dass die Erde um die Sonne kreist und keine Scheibe ist.

    Ihre Behauptung, ich wolle „Millionen Muslime“ in Europa „mit Gewalt“ „ändern“, ist absurd. Ich möchte vielmehr nur wissenschaftliche Forschungsergebnisse und daraus abgeleitete Theorien öffentlich verbeiten – das ist alles. Es ist einfach nur die Ausübung grundgesetzlich garantierter Rechte (Art. 5 Abs. 1 und 3 GG). Ob und in welcher Weise andere sich in ihren religiösen Vorstellungen davon beeinflussen lassen, ist deren Sache. Eine bewusste ode gezielte Lenkung anderer liegt mir fern.

    Zu einer Veränderbarkeit des Islam habe ich gar keine Aussage gemacht. Im Gegenteil – die historische Forschung legt vielmehr ganz erheblich Veränderungen des Islams in seiner Frühzeit nahe. Wenn Sie versuchen, hier auf Krampf einen Bezug zum geisteskranken Psychopathen Breivik herzustellen, ist dies der plumpe und leicht zu durchschauende Versuch, unliebsame Meinungsäußerungen mundtot zu machen. Sie müssen an Ihrer Diskussions“kultur“ noch arbeiten.

    By the way: Sie haben in einem Ihrer obigen Kommentare erwähnt, Rushdie und Westergaard, die Ziel vielfältiger Mordaufrufe und -anschläge waren, seien
    weniger „wichtig“. Wieso halten Sie es eigentlich für unwichtig, wenn Bürger in unserer Mitte versteckt und stark bewacht leben müssen, nur weil sie von ihren Grundrechten Gebrauch gemacht haben?

  11. cicero 25. Januar 2012 at 20:51 - Reply

    @Rationalist64:

    Also Rationalist sind Sie schon mal keiner, sonst würden Sie mir das Wort nicht im Munde verdrehen.

    Ich habe an keiner Stelle gesagt, dass ich irgendwelche „Rechte einschränken“ möchte.

    Ich habe an keiner Stelle zu erkennen gegeben, dass ich Fälle wie Westergaard für „unwichtig“ halte.

    Was ich wirklich gesagt habe (und was Sie wirklich gesagt haben) kann jeder oben selbst nachlesen.

  12. cicero 28. Januar 2012 at 19:36 - Reply

    @Rationalist64:

    Ich verwahre mich auch gegen den Vorwurf, den Islam von außen „lenken“ zu wollen oder ihn „steuern“ zu wollen. Vielmehr geht es darum, Muslimen Möglichkeiten aufzuzeigen, von denen sie nichts wissen. Die Ergreifung oder Nichtergreifung dieser Möglichkeiten liegt ganz bei den Muslimen selbst.

    Es ist auch kein Verstoß gegen die Religionsfreiheit. Es ist im Gegenteil in meinen Augen ein sehr fragwürdiges Verständnis von Religionsfreiheit, den lieben Nächsten rettungslos in Irrtümern verharren zu lassen.

  13. Rationalist64 29. Januar 2012 at 19:13 - Reply

    @ Cicero

    Von der Forderung nach „freiwilliger“ Selbstzensur zur Einschränkung von Rechten ist es nur ein winziger Schritt. Offiziell gibt es zwar Redefreiheit, aber man möchte sich doch bitte bei der Kritik „Zurückhaltung“ auferlegen, um niemandes „Gefühle zu verletzen“. Es gibt zwar Forschungsfreiheit, aber bestimmte Ergebnisse soll man besser „unter dem Deckel halten“, weil sich sonst irgendjemand auf den Schlips getreten fühlen könnte. So etwas ist von der Wirkung her wie eine Einschränkung von Rechten, man nennt es nur anders (beschönigt es).

    Sie haben gepostet:

    „Meiner Meinung nach sind Reform-Muslime (…) wichtiger als Westergaard und Salman Rushdie.“

    Wieso eigentlich?

    Westergaard und Rushdie halten die Fackel der Freiheit hoch – mit ihnen soll unser aller Redefreiheit angegriffen und ausgelöscht werden. Sie haben daher unsere uneingeschränkte Solidarität und Unterstützung – ohne Relativierungen – verdient.

    Selbstverständlich ist der Versuch, die Mohammedaner zu belehren, Ihr gutes Recht.

    Allerdings befürchte ich, dass dieser Versuch auf einem verfehlten Verständnis von Religion beruht. Was bedeutet denn schon „Irrtümer“ in Bezug auf eine Religion. Religionen beruhen auf unbelegten (und unbelegbaren) Annahmen und Prämissen. Was man glaubt (oder nicht), hat nichts mit Rationalität zu tun. Deswegen kann es auch keine Rationalisierung von Religionen geben.

    Und letztlich sollen sie wegen mir „rettungslos in Irrtümern verharren“ -solange sie sich an unsere Gesetze halten. Das ist Religionsfreiheit.

  14. cicero 29. Januar 2012 at 21:07 - Reply

    @Rationalist64:

    Sie schreiben: „Religionen beruhen auf unbelegten (und unbelegbaren) Annahmen und Prämissen. Was man glaubt (oder nicht), hat nichts mit Rationalität zu tun. Deswegen kann es auch keine Rationalisierung von Religionen geben.“

    Genau das ist der Knackpunkt:

    Zwar sind die Prämissen irrational – aber was man daraus ableitet, kann bzw. sollte (auch nach den Vorstellungen der Religionen selbst!) „in sich“ rational sein. Das ist natürlich nicht die volle Rationalität, aber wenn es reicht, um eine Religion zur westlichen Welt kompatibel zu machen, ist das gut genug. Auch die Veränderungen des Christentums liefen auf genau dieser Schiene ab, schrittweise von Thomas v. Aquin bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil.

    So kann man z.B. nicht rational zeigen, dass Jesus auferstand (Prämisse), aber man kann sehr wohl rational folgern, dass Hexenverbrennungen wohl eher nicht im Sinne von Jesus waren. Wer wollte bestreiten, dass diese Erkenntnis nützlich ist?

    Zudem unterliegt auch die Frage, was denn zu den Prämissen gehört und was nicht, einer rationalen Prüfung. Im konkreten Fall des Islam würde es schon viel (wenn auch noch nicht genug) helfen, wenn es mehr Klarheit darüber gäbe, was im Koran steht, und was nur woanders steht.

    Die großen Umbrüche im Christentum sind jedenfalls immer von Gläubigen ausgegangen: Bernhard von Clairvaux, Thomas von Aquin, Martin Luther, Konzilstheologen usw. usf.; fundamentale Kritiker des Christentums haben hingegen eher das Gegenteil des Erwünschten bewirkt. Im Ostblock ist die Kirche stockkonservativ geblieben.

    Was ich auch noch loswerden wollte: CitizenTimes ist keine wissenschaftliche Fachzeitschrift für Islamwissenschaften, sondern ein politisches Magazin. Deshalb stehen hier andere Fragen im Vordergrund. Die freimütige Äußerung von Erkenntnissen von Teilen der Wissenschaft ist noch kein politisches Statement und keine politische Tat.

    Legen Sie doch bitte einmal Ihr politisches Konzept vor, wie Sie die Probleme zu lösen gedenken. Ihr letzter Satz, dass Muslime glauben können was sie wollen, solange sie sich an die Gesetze halten, ist hoffnungslos naives Wunschdenken im Sinne der Grünen. Sind Sie ein Grüner? Nein. Sie wissen selbst, dass ein nichtreformierter Islam die Gesetze nicht einhalten wird, weil seine Vorstellungen zu weit weg davon sind.

    Sie müssen neben der Verfassung und liberalen Idealen auch die Verfassungswirklichkeit und das Machbare im Auge behalten. Ideale weisen den Weg, sind aber niemals ganz erreichbar.

  15. Rationalist64 30. Januar 2012 at 23:09 - Reply

    @ Cicero

    Um zunächst Ihre Frage nach der Parteizugehörigkeit zu beantworten:

    Ich bin kein Grüner, sondern sehe mich als (parteilosen) Liberalen. Gerade deshalb lege ich allergrößten Wert darauf, dass die verfassungsmäßig garantierten Freiheitsrechte nicht nur „auf dem Papier“ stehen dürfen, sondern auch tatsächlich wahrgenommen werden können. Dies wäre aber dann nicht der Fall, verlangte man von jeder Religionsgemeinschaft, ihr Bekenntnis an dasjenige der christlichen Amtskirchen angleichen zu sollen.

    Ein „Recht auf Religionsfreiheit“ gibt es in diesem pauschalen Sinn im Grundgesetz nicht. Nach Art. 4 Abs,. 1´, 1. Alt. GG gibt es die Freiheit des Glaubens, nach Art. 4 Abs. 1, 2. Alt. GG gibt es die Freiheit des religiösen Bekenntnisses und Art. 4 Abs. 2 GG gewährt die Freiheit der Religionsausübung.

    Alle diese Rechte werden schrankenlos gewährt, d.h. sie stehen insbesondere nicht unter einem Gesetzesvorbehalt.

    Was die Freiheit des Glaubens und die Freiheit des religiösen Bekenntnisses anbelangt, so wird durch deren Ausübung nicht in die Rechte Dritter eingegriffen, noch werden staatliche Gesetze verletzt.

    Probleme kann es bei der Freiheit der Religionsausübung geben, wenn die Ausübung in die Rechte Dritter eingreift oder staatliche Gesetze verletzt.

    Jedoch sind auch nach Ansicht islamischer Theologen die Mohammedaner in einem nicht-islamischen Land gehalten, sich an die Gesetze des Gastlandes zu halten. Im Konfliktfall muss dann die Freiheit der Religionsausübung zurückstehen, erforderlichenfalls muss die Einhaltung der Gesetze vom Staat zwangsweise durchgesetzt werden. Wobei hier in jedem Einzelfall eine Abwägung zwischen widerstreitenden Rechtsgütern vorzunehmen ist.

    Die Weiterentwicklung religiöser Bekenntnisse sollte der inneren Autonomie der Religionsgemeinschaften überlassen bleiben. Überhaupt sind nach meinem Geschmack in Deutschland Staat und Religionsgemeinschaften viel zu stark miteinander verwoben. Ich bin Anhänger eines strikten Laizismus.

    Zu den Problemen der Reichweite der Rechte aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG habe ich übrigens dieser Tage einen Beitrag auf „Wissen bloggt“ verfasst.

    http://www.wissenbloggt.de/?p=9278#comments
    (dort #20).

  16. cicero 31. Januar 2012 at 20:08 - Reply

    @Rationalist64:

    Sie missverstehen mich weiter konsequent und verweigern es, Argumentationen geistig mitzuvollziehen, die ich leicht verständlich an Ihre Ansichten anzuschließen versucht habe. Statt dessen spulen Sie immer wieder stur das simple Programm einer Bilderbuch-Demokratie ab, in der gesellschaftliche Entwicklungen irrelevant seien, solange man nur stur die geltenden Gesetze exekutiert (und hier fiel dann bei Ihnen doch das Wort: Zwang). Wie wollen Sie denn Demokratie erzwingen, wenn immer weniger Menschen Demokraten sind? Auf diesem Weg werden Sie garantiert scheitern.

    Die Christensekte war in Rom sogar verboten, und es wurde auch damals versucht, mit Zwang die geltenden Gesetze durchzusetzen. Es wurde auch ausgiebig über den Glauben der Christianer gelacht, denn man war natürlich griechisch-römisch aufgeklärt. Doch am Ende war die Christensekte zur Staatsreligion geworden. Wie ist das bloß zugegangen? Darüber lohnt es sich, intensiv nachzudenken. Irgend etwas müssen die damals aufgeklärten Menschen völlig übersehen haben. Der Islam ist eine intellektuelle Herausforderung und braucht eine intellektuelle Antwort. Und die haben Sie nicht. Um genau zu sein: Sie glauben sogar, Sie müssten eine solche Antwort gar nicht geben.

    Sie behandeln das Problem auf dem Niveau eines Streifenpolizisten, der nur seine Gesetze kennt und diese stur exekutiert. Neben einem zu einfachen Demokratiemodell haben Sie auch ein völlig falsches Denkmodell davon, was Religion ist und wie sie funktioniert. Das einzige, was Sie kapiert haben, ist, dass die Religionen nicht wahr sind. Um in der Realität etwas zum Besseren zu bewegen, ist das aber unendlich zu wenig an Einsicht. Sie sind schlicht nicht kompetent.

  17. Rationalist64 1. Februar 2012 at 21:05 - Reply

    Lieber „Cicero“, wieso fangen Sie eigentlich immer an, andere Diskutanten wüst zu beschimpfen, wenn jemand eine von der Ihrigen abweichende Meinung vertritt?

    Rekapitulieren wir doch einmal den Ausgangspunkt unserer Diskussion: Sie sprachen sich dagegen aus, dass die Forschungsergebnisse zur Historizität Mohammeds veröffentlicht werden, da dies – nach Ihrer Auffassung – die Mohammedaner davon abschrecken könne, einen „gemäßigten“ Islam zu entwickeln. Wenn Sie den neuesten Beitrag von Norbert Pressburg auf diesem Blog gelesen haben, werden auch Sie einsehen, wie unsinnig diese Forderung ist. Wie es scheint, wird es auch in der deutschen Islamwissenschaft zur mittlerweile überwiegend vertretenen Auffassung, dass Mohammed eine rein literarische Figur ist (man könnte auch sagen: Eine Erfindung arabischer Märchenerzähler). Eine wie auch immer geartete „Rationalisierung“ des Islams kann doch wohl unmöglich auf widerlegten Lügen basieren!

    Außerdem: Wo sind denn Ihre Konzepte für eine „Rationalisierung“ des Islams? Soll man darüber dikutieren, ob Frauen vielleicht nicht nur halb so viel Wert sind wie Männer – sondern vielleicht 60 oder 75% soviel wert? Oder ob es für Ehebruch nur noch 50 statt 100 Peitschenhiebe geben soll?

    Nein, mein lieber Cicero, hier sind aus der Sicht eines aufgeklärten Menschen keine Kompromisse möglich.

    Noch eine Bemerkung zur Christianisierung des Römischen Reichs: Im 3. Jhdt. n.u.Z. stellten die Christen keineswegs die Mehrheit der Bevölkerung. Ein despotischer Kaiser, Konstantin, der seine halbe Familie ermorden ließ und nicht einmal getauft war, begründete das „Bündnis von Thron und Altar“. Der Inhalt der christlichen Lehre wurde von Konstantin auf dem Konzil von Nicäa vorgeschrieben. Sein Nachfolger, Theodosius, machte das Christentum zur Staatsreligion und ließ alle anderen Religionen verbieten und verfolgen. Dafür, dass der christliche Klerus Privilegien, „Pfründe“ und dotierte Posten erhielt, legitimierte die Kirche im Gegenzug die weltliche Macht. Angesichts des Niedergangs der christlichen Kirchen in Europa gibt es Bestrebungen, das Bündnis von Thron und Altar durch ein Bündnis von Thron und Minarett zu ersetzen, das aber genauso funktionieren soll. Auch deshalb bin ich strikt gegen jede staatliche Vereinnahmung und Lenkung des Islams von außen.

  18. cicero 2. Februar 2012 at 18:20 - Reply

    @Rationalist64:

    Vielen Dank für Ihre letzte Antwort, niveauloser ging’s ja wohl nicht mehr.

  19. cicero 2. Februar 2012 at 18:51 - Reply

    @Rationalist64:

    Sie schrieben über mich: „Sie sprachen sich dagegen aus, dass die Forschungsergebnisse zur Historizität Mohammeds veröffentlicht werden“.

    Das ist unzutreffend. Ich fasse es einfach nicht, wie Sie nach der obigen Diskussion erneut mit solchen plumpen Unterstellungen kommen können. Schämen Sie sich.

  20. Felix Strüning 2. Februar 2012 at 20:49 - Reply

    Ich möchte die beiden Diskutanten Rationalist64 und Cicero an dieser Stelle bitten, die bisher sehr sachlich geführte Diskussion abzubrechen, da sie droht, sich auf persönliche Befindlichkeiten zu beschränken.

    Herzlichen Dank!

  21. cicero 2. Februar 2012 at 20:57 - Reply

    @Felix Strühning:

    Einverstanden. Es ist ohnehin kurz vor Schluss.

  22. SearchDog 26. Januar 2014 at 14:06 - Reply

    Guten Tag

    Zuerst einmal, danke für die Beiträge. Habe sowohl diesen hier, als auch den über Tilman Nagels Buch als sehr wertvoll empfunden. Ich habe im Mai eine mündliche Prüfung über eine Leseliste und hätte hier eine Bemerkung/Frage, die zu diskutieren sich vielleicht lohnen würde.

    Jansen geht, wie bereits diskutiert, davon aus, dass Mohammed in späteren Zeiten literarisch konstruiert wurde um die realen Bedingungen der arabischen Expansion entsprechen legitimieren zu können. Nagel negiert eine solche Auffassung und fügt hinzu, dass in einem solchen Fall nur ein absolutes Bild des Propheten ohne die entsprechenden Wandlungen und Makel Sinn gemacht hätte. Dieses Argument ist meines Erachtens sehr interessant, jedoch habe ich nirgends eine entsprechende Gegenantwort von Jansens oder auch der saarbrücker Schule gefunden.

    Die Frage ist also:
    Wie gehen die Verfechter der These, dass Mohammed nachträglich literarisch geschaffen wurde und nie real existiert hat, mit dem Vorwurf um, dass das erschaffene Bild von Mohammed mit seinen Makeln überhaupt nicht den damaligen Bedürfnissen entspricht?

    Lg SearchDog

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