Eine wichtige Stimme ist verstummt

10. Januar 2012 2

Wolfgang Hübner: Zum Tod des Freiheitsdenkers Roland Baader

Präzise Vorhersage im Jahr 2004: Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise

Am 8.Januar verstarb mit Roland Baader (im Alter von 71 Jahren) einer der größten Freidenker der Gegenwart. Baader war Diplom-Volkswirt, freier Publizist und regelmäßiger Autor des Magazins „eigentümlich frei“. Als Vertreter des klassischen Liberalismus und der Österreichischen Schule widmete er sich in seinen Büchern und Artikeln insbesondere der Wirtschafts- und Währungspolitik. Im Jahr 2004 sagte Baader in seinem Buch „Geld, Gold und Gottspieler – Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise“ als einer von wenigen Ökonomen die Ereignisse der folgenden Jahre sehr präzise voraus. In Gedenken an das leider viel zu wenig beachtete Lebenswerk dieses großen Freidenkers veröffentlicht CitizenTimes einen Nachruf des Fraktionsvorsitzenden der Frankfurter Freien Wähler, Wolfgang Hübner.

Eine wichtige Stimme ist verstummt

Der Winterurlaub 2004/05 wird mir nicht nur wegen der in dieser Zeit stattgefundenen Tsunami-Katastrophe in Asien mit ihren schrecklichen Folgen in Erinnerung bleiben, sondern auch wegen einer außergewöhnlich anregenden Buchlektüre: Damals las ich Roland Baaders neues Buch „Geld, Gold und Gottspieler“. Das 2004 erschienene Buch trug den Unheil verheißenden Untertitel „Am Vorabend der nächsten Wirtschaftskrise“.

Das klang zugegeben etwas reißerisch. Doch inzwischen wissen wir alle, wie richtig und vorausschauend dieser Untertitel war. Roland Baader, der in diesen Tagen nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren verstorben ist, behandelte in dem immer noch und mehr denn je lesenswerten Buch die Probleme des verstaatlichten Geldes und die beliebige politische Manipulation der Währungen. Es ist eine scharfe und scharfsinnige Auseinandersetzung mit jenem „monetären Sozialismus“, der unter unseren Augen Europa und die Welt in eine verhängnisvolle Entwicklung treibt.

Baader, ein herausragender Vertreter der sogenannten „Österreichischen Schule“ der Ökonomie, erinnert in dem Buch daran, was Geld tatsächlich ist: „Geld ist und bleibt also nur das, was der freie Markt als Geld geschaffen hat, nämlich Gold (und zum Teil Silber). Alles andere ist das Ergebnis von Taschenspielertricks mit der Gutgläubigkeit der Menschen.“ Diese im Buch umfassend begründete Erkenntnis ist gerade heute, da eine Krisenkonferenz zur Euro-„Rettung“ die nächste jagt, von größter Bedeutung. Baaders Buch endet mit dem düsteren Satz: „Das ökonomische und politische Chaos, das aus der Währungszerstörung resultiert, führt unvermeidlich zur Tyrannei.“

Eine solche Voraussage hört niemand gerne. Aber es ist die Voraussage eines Denkers, der sein Buch 2004 mit einem Untertitel versah, der nur wenige Jahre später die Realität völlig zutreffend kennzeichnete. Gerade die so verzweifelten wie immer abenteuerlicher werdenden Bemühungen, die politische Kunstwährung Euro zu „retten“, lassen befürchten, dass auch die Warnung vor einer neuen, wie auch immer gearteten Tyrannei mitsamt Massenverarmung alles andere als Schwarzmalerei ist.

Roland Baader hat sich vom Desaster des „real existierenden Sozialismus“ 1989/90 nie blenden lassen. In vielen Schriften hat sich der Nationalökonom und Sozialphilosoph mit dem sogenannten Sozialstaat und seinen vielfältigen Abgründen und Perversionen auseinandergesetzt: „Dem nicht totalitären Staat steht als Herrschaftsinstrument nur Bestechung zur Verfügung. Er muss Teilen seiner Bürger – oder allen – unter Strafandrohung oder Zwang MJittel entziehen, und damit größeren Wählerschichten Versprechungen und Geschenke machen, also Stimmenfang betreiben.“ Und er zitiert einen Satz, der das prägnant zusammenfasst: „Der Wohlfahrtsstaat ist eine Methode, die Leute mit ihrem eigenen Geld vom Staat abhängig zu machen.“

Jeder, der auch nur kommunalpolitisch tätig ist, sich aber einen wachen, kritischen Blick auf die Realität bewahrt, kann die Richtigkeit dieser zugespitzten, doch keineswegs überspitzten Formulierung bestätigen.

Baader schreibt weiter: „Doch weil der nicht-totalitäre Herrschaftsapparat die Loyalität seiner Bürger und Wähler verliert (und somit seine Herrschaftslegitimation), wenn er seine Untertanen allzu sehr aussaugt, braucht er dringend ein betrügerisches Geld, das er nahezu beliebig vermehren und mit dem er sich uferlos verschulden kann. Er braucht ein Geld, das er sich mit ‚weniger schmerzhaften‘ Methoden aneignen kann – eben das ‚Scheingeld‘ und die ‚lautlose‘ Verschuldung (Staatsverschuldung). Dass diese aktuelle Lasterleichterung den Leuten später umso größere Schmerzen bereiten wird, kümmert die Regierenden nicht; geht es doch hauptsächlich darum, für einige Jahre am Ruder zu bleiben. Mit dem, was irgendwann später eintritt, mögen sich andere herumschlagen.“

Im Licht der heutigen Ereignisse waren das Worte, die vielen Menschen, wenngleich viel zu wenigen, die Augen öffnen sollten für das Drama, das in unserer Zeit zur Tragödie Europas und auch des sich noch so sicher wähnenden Deutschlands zu werden droht. Wer Baader gelesen hat oder endlich liest, mag diese Tragödie nicht abwenden können, er wird aber immerhin verstehen, was tatsächlich geschieht und warum das geschieht.

Baader war auch ein Mann mit erfolgreicher beruflicher Laufbahn, dazu ein bekennender Christ und, so wird es vielfach geschildert, ein liebenswerter Mensch. In Erinnerung werden nicht nur seine zahlreichen Schriften bleiben, sondern auch ein Mann, für den Freiheit und freiheitliches Denken und Leben keine Phrase waren, sondern verkörpertes Sein. Aus dem Jahr 1992 stammt der Text Baaders, der zeigt, wen unser Land und alle, die er aufgeklärt hat, verloren haben:

„Ich träume von einem vollbesetzten Bundestag (wohl nur bei Abstimmung über Diäten-Erhöhung möglich). Plötzlich erhebt sich einer der Abgeordneten, allen anderen als aufrechtes Mannsbild bekannt, und tritt ans Mikrofon. Lange schaut er schweigend ins Hohe Haus, bis gespannte Stille eingetreten ist. Dann sagt er:

Meine Damen und Herren: Ich bin ein glühender Anhänger des demokratischen Rechtsstaats; ich bekenne mich zur freiheitlichen, individualistischen und christlichen Kultur, Tradition und Zivilisation des Abendlandes und der freien westlichen Welt. Und genau aus diesem ernsten Grund sage ich allen hier versammelten Volksvertretern, allen Parteien, Politikern und Regierungsmitgliedern: Ich brauche Euere Subventionen und Transferzahlungen nicht; ich will nicht Euer Kinder-, Mutterschafts- und Sterbegeld, nicht Eure tausend Almosen und milden Gaben, die Ihr mir vorher aus der Tasche gezogen habt – und mir und meinen Kindern noch in fünfzig Jahren aus der Tasche ziehen werdet. Ich brauche keine subventionierte Butter, kein Quoten-Rindfleisch und keine preisgarantierte Milch, keine EG-genormten Planwirtschafts-Erbsen und keine ministergelisteten Medikamente; ich brauche keinen Schwerbeschädigten-Ausweis für meine Plattfüße und keinen Almosen-Freibetrag für meine pflegebedürftige Großmutter, auch keine Kilometerpauschale und keinen Kantinen-Essensbon über eine Markdreißig. All‘ Euere Wahlfang-Pfennige und -Scheine könnt Ihr Euch an den Hut stecken. Aber: Laßt mich dafür auch in Frieden. Ich bin nicht Euer Buchhalter, Statistiker und Belegsammler, der die Hälfte seiner Lebenszeit damit zubringt, Euere Schnüffel-Bürokratie zu befriedigen, der von einem Paragraphen-Knäuel zum anderen taumelt und sich wie eine gehetzte Ratte durch alle Kanalwindungen Euerer kranken Steuergehirne windet. Schickt Euer Millionenheer von Faulärschen und parasitären Umverteilern nach Hause, Euere Vor- und Nachdenker moderner Wegelagerei und Strauchdiebeskunst, Euere Bataillone von Steuerfilz-Produzenten, Labyrinth-Pfadfindern und Paragraphen-Desperados, Euere Funktionärs-Brigaden von Verordnungs-Guerilleros und Stempelfuchsern, all‘ die nutzlosen Formularzähler und Arbeitsverhinderungs-Fürsten. Laßt mich einen festen, eindeutigen und ein-für-alle-mal fixierten Steuersatz zahlen, und bezahlt damit eine angemessene Verteidigungs-Armee und ein verläßliches Rechtswesen, aber haltet Euch ansonsten heraus aus meinem Leben. Dies ist mein Leben; ich habe nur eines, und dieses eine soll mir gehören. Ich bin niemandes Sklave, niemandes Kriecher und niemandes Liebediener. Ich bin ein freier Mann, der für sein Schicksal selbst und allein verantwortlich ist, der sich in die Gemeinschaft einfügt und die Rechte anderer genauso respektiert wie er seinen eigenen Pflichten nachkommt, der aber keine selbsternannten Ammen und scheinheilige Gute Onkels, keine ausbeuterischen Wohltäter und von mir bezahlte Paradiesverkünder braucht. Was ich brauche, das sind: Freunde, Familie und rechtschaffene Christenmenschen, in guten und in schlechten Zeiten; und ich bin Freund, Familienglied und Christ, auch dann, wenn es anderen schlecht geht; aber dazu brauche ich keine Funktionäre und Schmarotzer, keine bezahlten Schergen und staatsversorgte Wohltäter. Dazu brauch ich nur die mir Nahestehenden und den Herrgott. Hier stehe ich. Gott helfe mir! Ich kann nicht anders!“

Roland Baader war kein Mitglied der FREIEN WÄHLER. Aber er war ein freier Mann und Geist. Solche Menschen werden in Frankfurt wie überall mehr denn je gebraucht. Ich bin dankbar, diesem Mann und seinem Geist wenigstens in den Büchern von Roland Baader begegnet zu sein.

Wolfgang Hübner, 10. Januar 2012

Die CitizenTimes-Redaktion empfiehlt als Lektüre die großen Werke dieses genialen Freidenkers. Mit Blick auf die Wirtschaftskrise ist nebst dem bereits thematisierten Buch „Geld, Gold und Gottspieler – Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise“ vor allem das letzte Werk Baaders mit dem Titel „Geldsozialismus – Die wirklichen Ursachen der globalen Depression“ empfehlenswert.

2 Comments »

  1. Marco Pino 10. Januar 2012 at 13:57 - Reply

    Mein Beileid an Familie und Freunde. Der Tod Roland Baaders ist ein großer Verlust für den klassischen Liberalismus im deutsch-sprachigen Raum.

    Vielen Dank auch an Wolfgang Hübner für diesen nachdenklich-stimmenden Nachruf.

  2. cicero 10. Januar 2012 at 19:18 - Reply

    Von Roland Baader hatte ich „Kreide für den Wolf. Die tödliche Illusion vom besiegten Sozialismus“ gelesen und einiges dabei gelernt. Es ist schon traurig, wieviele Menschen heute wieder den alten Ideen anhängen. Aber es ist wohl kaum sozialistische Überzeugung, die dahinter steht, sondern Unbildung, allzu einfaches Denken. Um zu erkennen, dass man eine Kuh vielleicht melken, auf keinen Fall jedoch schlachten darf, bedarf es schon mindestens eines weiteren Gedankenschrittes. Noch einen weiteren Gedankenschritt braucht man, um zu erkennen, dass eine Kuh sogar mehr Milch gibt, wenn man sie nicht nur nicht schlachtet, sondern sogar pflegt. Freiheitliches Denken hat es auch deshalb schwer, weil es ein wenig Denkarbeit erfordert, um zu verstehen. Wenn die Bildung sinkt und die Medien auf „blöd“ schalten, wird es in der Tat schwierig.

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