Lobbyistin für die Freiheit?

9. Januar 2012 0

Rezension zu Ulrike Ackermann: Eros der Freiheit

Die Freiheit führt das Volk – Gemälde von Eugène Delacroix, 1830

„Angesichts der Renaissance des Religiösen und der wachsenden Zweifel an den Errungenschaften der westlichen Moderne, die sich in einem prekären Kulturrelativismus spiegeln, ist es höchste Zeit, sich unserer Freiheitstraditionen neu zu vergewissern, nämlich uns selbst darüber aufzuklären, was Freiheit bedeutet und was sie uns wert ist. Im Kern ist das der kostbare Schatz der individuellen Freiheit, wie sie über Jahrhunderte in unserem westlichen Zivilisationsprozess gewachsen ist und immer wieder im Kampf lag mit der vorgeblich politischen Freiheit, die bis heute geneigt ist, gegenüber dem Individuum die Vormundschaft zu übernehmen.“ (S. 10)

Dies ist gewissermaßen das Arbeitsprogramm, das sich Ulrike Ackermann, Deutschlands einzige Professorin für Freiheitsforschung und Projektleiterin des Freiheitsindex 2011 vorgenommen hat. Die Veröffentlichung ihres Essays Eros der Freiheit liegt nun schon einige Jahre zurück, ist aber als kurzweiliges Lehrstück der politischen und der individuellen Freiheit nach wie vor brandaktuell. Denn die Autorin zeichnet auf gut 100 Seiten die Geschichte des europäischen Sonderweges zu den heutigen freien Gesellschaften des Westens nach und versucht so die Möglichkeit zur Selbstvergewisserung zu schaffen.

Vor allem aber überzeugt Ackermann mit einer – für Liberale seltenen – klaren Position gegenüber der politischen Ideologie des Islams: Diese stelle für die freien Gesellschaften des Westens eine große Bedrohung dar, perfektioniere sie doch die Unterwerfung und verhindere so eigenständiges Denken. Diesen Blickwinkel nehmen leider nur sehr wenige derer ein, die sich auf den Liberalismus berufen, wollen sie doch Einwanderern nicht vorschreiben, wie sie sich zu verhalten hätten. Eine solche Leitkultur widerspräche dem Prinzip der Freiheit, argumentieren viele. Sie vergessen dabei jedoch, dass jede Ideologie, lässt man ihr freien Lauf, das Individuum irgendwann unter sich begräbt.

Im Folgenden werden ausschließlich thematisch angeordnete Zitate wiedergegeben, einer Idee Walter Benjamins folgend, eine Rezension auf diesem Wege zu versuchen. Ackermann setzt mit Eros der Freiheit zwar keine neuen ideengeschichtlichen Bausteine, schafft jedoch die Begeisterung für die Idee der Freiheit in jedem aufgeschlossenen Leser zu wecken. Lobbyistengeschwätz nannte ein Rezensent das Buch und traf damit wohl ganz ungewollt den Nagel auf den Kopf: Während sich linke Ideologen beispielsweise bei der Wochenzeitung Die Zeit Mühe gaben, dass Buch zu zerreißen (was Wunder, kritisiert es doch Islam und Sozialismus), ist es für den Freiheitlichen beste Werbung.

„Das Individuum ist allen ideokratischen Totalitarismen suspekt: unberechenbar, triebgesteuert, egoistisch, eigensinnig und anarchisch, will ihm die jeweilige Umma die Zügel anlegen.“ (S. 37)

„Als Geschöpf Gottes ist der Einzelne allumfassend in die Glaubensgemeinschaft eingebunden. Unterwerfung und Gehorsam ihr gegenüber behindern deshalb erheblich jene Individualisierungsprozesse, die der Kulturgeschichte des Westens eigen sind.“ (S. 48)

„Die Untersuchungen belegen, daß die Gründe für fehlgeschlagene Integration weniger in der sozialen Misere der Migrantenmilieus und mangelnder Bildung liegen. Dennoch werden die kulturell-religiösen Ursachen bis heute tabuisiert. Immer noch wird der Hinweis auf die gravierenden Differenzen westlicher und islamischer Kultur und der daraus folgenden unterschiedlichen Wertvorstellungen und Lebensweisen als diskriminierend, ausländerfeindlich oder islamophob gegeißelt.“ (S. 51)

„Wenn die Kritiker der Globalisierung heute die Kolonialisierung traditioneller Gesellschaften und anderer Kulturen durch die kapitalistische Wirtschaft brandmarken, wenn sie fremde Lebenswelten vor dem Einbruch der dekadenten, kapitalistischen Moderne schützen und konservieren möchten, so ist das gegenüber den Menschen der Dritten Welt geradezu zynisch. Denn gerade sie wollen einen höheren Lebensstandard und von den Früchten partizipieren, die der westliche Kapitalismus beschert. Die Geschichte hat darüber hinaus gezeigt, daß à la longue der kapitalistische Weltmarkt autoritäre Regime destabilisiert und den Weg zur Demokratie ebnet, die barbarischsten Nationen zivilisieren kann, wie Karl Marx voraussagte.“ (S. 25)

„In der Verherrlichung des Fremden, Ursprünglichen, des nicht von der Moderne, ihrer Vernunft und dem Kapitalismus Glattgeschliffenen manifestiert sich bis heute das schlechte Gewissen angesichts der europäischen Kolonialgeschichte. Doch zugleich waltet ein Paternalismus, der in den sogenannten unterentwickelten Völkern nur die verantwortungslosen Opfer sieht. Mit dieser Projektion kettet der gut gemeinte Multikulturalismus aber Frauen, Männer und Kinder gerade an Lebensformen und Traditionen, von denen sich diese oft befreien wollen. So reproduziert die kulturelle und ethnische Identitätspolitik erneut die Unterschiedlichkeiten, obwohl sie doch vorgeblich die Gleichheit befördern möchte, und konserviert damit im Namen des Antirassismus just jene Vorurteile, die man mit Rasse und Volkszugehörigkeit verbindet.“ (S. 60f.)

„Marxismus und Kommunismus hatten im Gegensatz dazu das Kollektiv auf ihre Fahnen geschrieben und den Ehrgeiz, die Gesellschaft von Grund auf umzugestalten, sie mit Staat und Wirtschaft zu verschmelzen, ein Himmelreich auf Erden, in dem dem neu zu schaffenden Kollektivmenschen der gerechte Anteil im geschichtlichen Jenseits versprochen wurde.“ (S. 26)

„Karl Marx war davon überzeugt, daß die neuen Kräfte der Gesellschaft, um ein gutes Werk zu verrichten, nur neue Menschen brauchen.‘ Da diese nicht vom Himmel fallen, sahen sich die Kommunisten dazu auserwählt, das ‚falsche‘ Bewußtsein der Menschen zu korrigieren und die den enuen Werten des Kollektivs entsprechend zu erziehen.“ (S. 118f.)

„In Massenbewegungen steigern sich naturgemäß die Affekte, und das Denken wird zunehmend gehemmt. Die Irrationalität tobt und überschreitet immer wilder Grenzen, die die Vernunft ursprünglich gesetzt hatte. Das Ich verliert seine Konturen und verschwindet im machtvollen Wir.“ (S. 124)

„Freiheit wird in Deutschland nicht als Eigenverantwortung, Risikobereitschaft, Selbsttätigkeit und Gestaltungsoption des Individuums begriffen, sondern erschöpft sich weiterhin in der sozialen Sicherheit, die Vater Staat den Bürgern lange Zeit garantieren konnte. Selbst der Preis der staatlichen Bevormundung ist ihnen dafür offensichtlich nicht zu hoch.“ (S. 16)

„Offensichtlich ist ihnen [den Deutschen] die freiheitliche Verfaßtheit des Landes so abstrakt geworden, daß ihnen die Wertschätzung und die Bedeutung ihrer individuellen Freiheit abhanden gekommen ist. Anders ist nicht zu verstehen, warum eine Politik der zunehmenden Übergriffe des Staates Gängelung, moralischen Bevormundung und dreisten Interventionen ins private Leben mit derartiger Langmut hingenommen werden. Indem die Bürger die zunehmende Verrechtlichung privater Freiräume akzeptieren, billigen sie dem Staat die Rolle des Tugendwächters und intervenierenden Pädagogen anstandslos zu.“ (S. 66)

„Der Grund dafür [dass negative Freiheit selten Begeisterung hervorruft] liegt ganz offensichtlich darin, daß sie mit Bedacht keine Handlungsanweisung liefert, wie der Einzelne sein Glück finden soll. Sie bleibt ethisch neutral, wie sie sich moralischer Vorschriften und Tugendlehren enthält.“ (S. 150)

Ulrike Ackermann (2008): Eros der Freiheit: Plädoyer für eine radikale Aufklärung. Klett-Cotta, 167 Seiten, 19,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

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