Der Kreuzzug als gute Sache?

9. Januar 2012 1

Rezension zu Jonathan Phillips: Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge

Mittelalterliches Gemälde der Belagerung Jerusalems durch die Kreuzfahrer 1099 – Quelle: Wikipedia

Von den sieben oder acht Kreuzzügen, die zwischen 1096 und 1270 die lateinische Christenheit im islamischen Raum führte, war nur der erste militärisch erfolgreich. Er endete tatsächlich mit der Eroberung Jerusalems am 15. Juli 1099, einem Sieg, der gegen alle Wahrscheinlichkeiten und Gesetze der Strategie errungen wurde und darum schon den Zeitgenossen als Wunder erschien. Alle folgenden Unternehmungen der Franken und Normannen im Nahen Osten oder Nordafrika hatten jedoch – vielleicht mit Ausnahme des Dritten Kreuzzuges (1189-92) – mehr oder weniger größere Desaster zur Folge, von denen die Gefangennahme des Heiligen Ludwigs und seines Heeres bei Mansurah im Jahre 1250 noch der empfindlichste Rückschlag war. Schließlich ging nach einer Kette weiterer Niederlagen mit Akkon im Mai 1291 auch die letzte christliche Bastion in der Levante an die übermächtigen Mameluken verloren.

Trotz dieser ernüchternden Bilanz hat sich der Begriff Kreuzzug bis heute in der politischen Rhetorik des Westens, vor allem aber im englischsprachigen Raum, erhalten und bezeichnet gewöhnlich ein quasi religiös inspiriertes Engagement für eine gemeinhin als gut empfundene Sache. So gab es im 19. Jahrhundert sogar schon Kreuzzüge gegen Alkoholismus, Unbildung oder Arbeitslosigkeit.

Der britische Historiker Jonathan Phillips ist nun in seiner globalen Darstellung der wohl aufrüttelndsten Phase des Mittelalters auch derartigen Rezeptionen des Begriffs bis in die Gegenwart gefolgt, wobei es erstaunt, dass sich ausgerechnet in protestantischen Ländern eine ausgeprägte rhetorische Nachgeschichte dieser ursprünglich päpstlichen Idee rekonstruieren lässt.

Seinem Anspruch, eine neue – oder wie es im englischen Original heißt, moderne – Geschichte der Kreuzzüge vorzulegen, ist er allerdings nur zum Teil gerecht geworden. Dafür wirkt seine Darstellung oft zu narrativ. Viel zu häufig lässt sich Phillips auf langatmige Schilderungen der Rivalitäten und höfischen Intrigen im Königreich Jerusalem ein und spart auch keine Affäre aus, in die sich vornehme Damen wie Königin Melisende von Jerusalem oder Eleonore von Aquitannien, der selbstbewussten Gattin König Ludwig VII., offenbar eingelassen hatten. Zuweilen wirkt sein Text sogar launig, wenn er etwa nach einer längeren von ihm zitierten Passage über das schmerzhafte Abschiednehmen der ersten Kreuzfahrer mit der Bemerkung schließt: „Vorwärts, christliche Soldaten!“

Man mag es dem noch recht jugendlich wirkenden Historiker nachsehen, dass er sich in den Details der mittelalterlichen Kriegführung nicht wirklich auskennt – so schreibt er allen Ernstes über die Kämpfe um Antiochia 1098: „Die Christen führten eine Reihe komplexer taktischer Manöver aus und schlugen die Moslems in die Flucht.“ Doch über die Genese des Heiligen Krieges im Kontext der kirchlichen Erneuerung im späten 11. Jahrhundert hätte man als Leser gerne mehr erfahren als nur die dürftigen Skizzen im ersten Kapitel. Dass die Kreuzzüge in einem Schmelztiegel aus „ritterlicher Gewalt, territorialer Expansion, wachsender päpstlicher Macht und dem Verlangen nach Erlösung“ entstanden sein sollen, ist keine wirklich neue Erkenntnis. Auch Phillips Behauptung, Papst Urban II. habe den Kreuzzug im Jahre 1095 erfunden, erscheint doch als eine allzu grobe Vereinfachung, wenn man sich daran erinnert, dass die Kirche schon zuvor bemüht war, dem Kampf der christlichen Ritter in Spanien eine spirituelle Weihe zu verleihen.

Die komplexe Vorgeschichte der Idee des Heiligen Krieges im geistigen Wirkungskreis der cluniazensischen Reformbewegung lässt sich daher nach wie vor noch am besten bei Stephen Runciman nachlesen. Auch die Verwendung neuer islamischer Quellen verleiht Phillips oft sprunghafter Darstellung nicht das erhoffte Gewicht, zumal sich auch die nur wenige Monate zuvor erschienene Geschichte der Kreuzzüge seines Landsmannes Thomas Asbrigde mit diesen Lorbeeren zu schmücken versucht.

Immerhin lässt sich aus den zitierten Schriften, darunter die des nahöstlichen Chronisten und Gelehrten Osama ibn Munqidh, glaubwürdig das allmähliche Wiedererstarken des Djihad-Gedankens in der islamischen Welt nachvollziehen, den sich befähigte Kriegerfürsten wie Nur ad Din oder Saladin für ihre imperialen Zwecke zunutze machten. Wenigstens versäumt Phillips nicht darauf hinzuweisen, dass der Djihad anders als im Christentum von Anfang an eine Säule des koranischen Glaubens bildete, zur Zeit des Ersten Kreuzzuges aber in der nahöstlichen Welt fast in Vergessenheit geraten war . Den frühen Eroberungszügen des Islam im 7. und 8. Jahrhundert verliehen sie in der Tat eine gewaltige Schwungkraft und der Verfasser erwähnt sie wenigstens als Teil einer langen Vorgeschichte der Kreuzzüge.

Die Fronten zwischen den Konfessionen verliefen jedoch nie so eindeutig, wie es die religiöse Rhetorik auf beiden Seiten glauben machen wollte. Religionsübergreifende Allianzen waren nicht ungewöhnlich und spätestens seit der Zeit des Zweiten Kreuzzuges (1148/49) entfremdete sich das Byzantinische Reich, zu dessen Rettung Papst Urban II. einst in Clermont Ferrant aufgerufen hatte, von den Lateinern bis hin zur offenen Feindschaft.

Phillips Geschichte der Kreuzzüge hat ihre Vorzüge da, wo er in seinen beiden letzten Kapiteln die Rolle und den Wandel der Kreuzzugsidee in den vergangenen Jahrhunderten auf beiden Seiten der ideologischen Frontstellung nachvollzieht. So ließ es sich der protestantische Hohenzollernmonarch Wilhelm II., in seiner Jugend ein begeisterter Leser Sir Walter Scotts, nicht nehmen, auf seiner bombastischen Orientreise 1898 wie ein Kreuzfahrer in Jerusalem einzumarschieren, um nur kurze Zeit später auch dem Grab Saladins in Damaskus seine Reverenz zu erweisen. Im Ersten Weltkrieg rief er sogar die Moslems unter britischer Herrschaft zum Djihad gegen das Empire auf. Das Weltreich wiederum, deren allerchristliche Monarchen bis 1947 immerhin auch das politische Oberhaupt der Mehrheit aller Moslems in der Welt waren, hatte seinen letzten Kreuzzug bereits 1854/55 auf der Krim geführt. Der damalige Gegner war jedoch das orthodoxe Russland, der Gendarm Europas und notorische Feind des Westens und dessen liberaler Ideen. An der Seite Londons aber stand damals das rückständige Osmanische Reich, in dem Christenverfolgungen keine Seltenheit waren.

Jonathan Phillips (2011): Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge. München: DVA, 638 Seiten, 29,95 Euro. Kaufen bei: Amazon.

One Comment »

  1. cicero 10. Januar 2012 at 18:42 - Reply

    Die Kreuzzüge sind ein herrliches Beispiel, wie man die Politische Korrektheit gegen sich selbst ins Feld führen kann – und sollte.

    Die Politische Korrektheit fordert ja, dass man die Kriege im Namen des Islam nicht auf den Islam „an sich“ beziehen dürfe – nun gut! Dem kann man im Prinzip und theoretisch sogar zustimmen, denn der Islam war an seinem Anfang ganz anders, als die islamische Orthodoxie sich das vorstellt (vgl. Hans Jansen: Mohammed).

    Allerdings dürfen dabei zwei Dinge nicht unter den Tisch fallen: (a) Dasselbe muss natürlich auch für die Kreuzzüge gelten. Es kann nicht sein, dass sich Nichtmuslime (sogar selbst wenn sie keine Christen sind) ständig für Kreuzzüge entschuldigen müssen, Muslime jedoch umgekehrt nicht. (b) Der Islam der Gegenwart muss sich deutlich von dem damaligen Islam absetzt, so wie sich das Christentum von in seinem Namen begangenen Kriegen absetzt. Hierfür wäre z.B. ein Schuldbekenntnis hilfreich, wie es der Papst im Jahr 2000 oder die ev. Kirche in inflationärer Form abgegeben haben: Zwar ist nicht die Religion schuld (das sagt der Papst auch), aber die Schuld der Gläubigen incl. Religionsführern wird anerkannt und um Entschuldigung gebeten.

    Wir wissen: (a) und (b) sind derzeit noch nicht gegeben.

    Wie reagiert man nun richtig auf das Fehlen von (a) und (b)? Indem man selbst zum Chauvi wird und (a) und (b) für das Christentum fallen lässt? Nein! Auf keinen Fall! Sondern indem man die Politische Korrektheit gegen diese selbst ausspielt, und (a) und (b) einfordert! Das intellektuelle Standing dafür ist bombensicher, keine Politische Korrektheit kann einem dabei an den Karren fahren.

    Was die Kreuzzüge selbst anbelangt: Jeder weiß, wie es wirklich war: Es war eine krude Mischung von gut und böse, wie immer in der Geschichte. Nichts, was für politische Debatten der Gegenwart taugt.

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