Ultra-Orthodoxe auf dem Vormarsch

8. Januar 2012 0

CT-Leitartikel: Schleichende Extremisierung in Israel

Blick auf Jerusalem

Der steigende Einfluss ultra-orthoxer Juden in Israel hat in den vergangenen Wochen heftige Kritik in deutschen Mainstreammedien hervorgerufen. Zwar erscheint die Kritik quantitativ überzogen, insbesondere mit Blick auf die zurückhaltende Berichterstattung derselben Medien über fundamentale Kräfte in islamischen Ländern. In der Sache selbst ist sie jedoch durchaus berechtigt.

Ähnlich wie fundamentale Muslime

Ein Aufmarsch ultra-orthodoxer Juden

In einem aktuellen Artikel auf FAZ.net kommt Günter Lerch zu dem Schluss, dass es durchaus Parallelen zwischen den ultra-orthodoxen Juden und fundamentalen Muslimen in Ländern wie dem Iran oder Saudi-Arabien gibt. Offensichtlich wird dies vor allem mit Blick auf die Stellung der Frau sowie der Ablehnung einer freien, pluralen Gesellschaft. Lerch schreibt: „Männer und Frauen sollen, nicht nur in der Synagoge, in der Öffentlichkeit wieder weitgehend getrennt werden, in Bussen etwa oder an Badestränden. Immer häufiger werden Plakate abgerissen, auf denen Frauen abgebildet sind, keineswegs nur in werblicher Absicht. Sollen Frauen überhaupt singen dürfen?, fragen diese Ultras der Religion.“

Forderungen wie diese sind in der Tat beängstigend, selbst wenn nur zehn bis maximal fünfzehn Prozent der Bürger Israels dem ultra-orthodoxen Spektrum zuzuordnen sind. Doch ähnlich wie fundamentale Muslime hierzulande trotzt auch die ultra-orthodoxe Minderheit in Israel der Mehrheitsgesellschaft immer mehr Zugeständnisse ab.

Kontrast zwischen Jerusalem und Tel Aviv

Lerch beschreibt zudem den großen Kontrast zwischen Jerusalem und Tel Aviv: „Das Verhältnis beider Städte ist von Polemik nicht frei, denn in den Augen der Orthodoxen ist die Stadt am Mittelmeer ein wahres Sündenbabel, während umgekehrt die Frommen, vor allem die ‚Ultraorthodoxen‘ in Jerusalem den säkularen Israelis außerhalb häufig als Vertreter eines schieren Obskurantismus gelten.“

Für ultra-orthodoxe Juden ein Ort der Sünde: Tel Aviv (Bild: Matthias@Gloede.org; Quelle: Wikipedia)

Schlussendlich drohe dem einzigen jüdisch geprägten Staat der Erde sogar ein Kulturkampf, der sich bereits in Demonstrationen und Gegendemonstrationen abzeichnet. Zudem sei Israel zwar eine pluralistische Demokratie, aber kein wirklich säkularer Staat. Religiöse Belange seien wichtiger als in anderen Demokratien, eine Ehe könne beispielsweise nur vor einem Rabbiner geschlossen werden.

Eine Insel der Freiheit und der Demokratie

Israel (rot): eine Insel der Freiheit im Nahen Osten (Bild: TUBS; Quelle: Wikipedia)

Tatsächlich könnte der deutliche konstitutive Bezug zum Judentum den ultra-orthodoxen Kräften mittelfristig gar in die Karten spielen, was aus westlich-aufgeklärter Sicht wenig wünschenswert wäre. Denn bislang ist Israel faktisch eine Insel der Freiheit und der Demokratie inmitten einer freiheitsfeindlichen, undemokratischen Region.

Über die Gründe für den Aufstieg der jüdischen Fundamentalisten sei so schnell kein einheitliches Urteil zu finden, meint Günter Lerch abschließend. Vielmehr scheinen diese Gründe aber mehr als offensichtlich: denn die islamische Welt rund um Israel – und darüber hinaus – befindet sich seit Jahren und Jahrzehnten auf dem Weg einer stetigen Extremisierung und Fundamentalisierung. Dennoch war und ist Israel – aller Verfehlungen zum Trotz – zweifelsohne die treibende Kraft in der Region, die sich für eine friedliche Koexistenz von Juden und Muslimen einsetzt.

Die Auslöschung Israels

Wünscht sich die Auslöschung Israels: Irans Ministerpräsident Ahmadinedschad

Dementgegen stehen Staaten wie der Iran, deren Oberhäupter immer und immer wieder die Auslöschung Israels fordern. Es scheint im fernen, friedlichen und zusammenwachsenden Europa gar niemandem mehr bewusst zu sein, was es bedeutet, wenn Länder in der unmittelbaren Nähe nach der Auslöschung der eigenen Kultur streben.

Daher ist es mehr als wahrscheinlich, dass gerade diese ständige Bedrohung, gleichwohl das offenkundige Scheitern jeglicher Friedensbemühungen, zu einer schleichenden Fundamentalisierung in der israelischen Gesellschaft führen, und zwar insbesondere dort, wo die Bedrohung allgegenwärtig ist – nämlich vor allem in Jerusalem.

Freiheit, Pluralismus und Aufklärung bleiben auf der Strecke

Das mag den Vorgang erklären, begrüßenswert ist er trotzdem nicht. Es zeigt sich vielmehr, dass religiöser Fundamentalismus immer dieselben Folgen hat: Freiheit, Pluralismus und Aufklärung bleiben auf der Strecke. Und es erscheint mehr als bedenklich, dass gerade jetzt, im Zeitalter der Hochtechnologie des 21. Jahrhunderts, diese archaischen Sichtweisen weltweit eine Rennaissance erleben.

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