Diekmann for President!

8. Januar 2012 1

Die Meinung der Anderen: Hans-Olaf Henkel über den Streit zwischen Bild-Zeitung und Bundespräsident

Eine Kampagne der Bild-Zeitung – Bild: Springer

Wer kontrolliert eigentlich einen Chefredakteuer, der offensichtlich die Bodenhaftung verloren hat? Jeder der Macht ausübt, braucht einen Boss. Der Vorstandsvorsitzende hat seinen Aufsichtsrat, der ihm regelmäßig auf die Finger schaut, der Fußballspieler wird täglich von seinem Trainer beurteilt, die Arbeit des Lehrers wird vom Schulleiter überwacht. Doch wer passt auf die Aufpasser auf? Sobald Mächtige niemandem mehr Rechenschaft abgeben müssen, können sie gefährlich werden. Leider gibt es den aufgeklärten und gütigen Diktator nur im Märchen, weshalb eine auf gegenseitige Kontrolle angelegte Staatsform wie die Demokratie allen anderen vorzuziehen ist.

Doch trifft man, wie der aktuelle Fall Wulff vs. Diekmann zeigt, selbst in Demokratien Mächtige, die niemanden haben, der ihnen korrigierend ins Steuer greift, wenn sie sich einmal verfahren sollten.

Der Bundespräsident ist ein Amtsträger, der zwar nicht viel Macht besitzt, dafür aber auch niemanden „über sich“ hat. Schon deshalb ist es wichtig, dass er charakterlich in Ordnung und unabhängig ist.

Auch der Chefredakteur einer Zeitung muss unabhängig sein. Zu Recht lehnen es die Chefs oder Eigentümer der Medienunternehmen ab, sich in redaktionelle Belange einzumischen. Im Gegensatz zum Bundespräsidenten hat der Chefredakteur einer Massenzeitung große Macht, die er zum Beispiel dazu benutzt, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, damit sie immer schön auf dem Teppich bleiben und nicht abheben.

Trotz der „Unabhängigkeit der Redaktion“, auf die von Verlagsseite regelmäßig hingewiesen wird, haben die Verleger natürlich dafür zu sorgen, dass ihre Chefredakteure, wie andere Mächtige auch, auf dem Teppich bleiben und nicht abheben.

Eine Person mit viel Macht, aber ohne Kontrollinstanz, kann nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gefährlich werden. Ich konnte das früher an mir selbst beobachten, dass ich immer dann, wenn ich mich für besonders erfolgreich hielt, übermütig wurde. Gott sei Dank gab es den Aufsichtsrat bei der IBM, das Präsidium beim BDI oder die Mitgliederversammlung bei der Leibniz-Gemeinschaft, die ihren Präsidenten wenn nötig wieder auf den Teppich holten. Während ich solche Dämpfer immer als wichtigen Hinweis empfunden habe, konnte ich bei manchen Kollegen hautnah miterleben, wie sie, von den eigenen Visionen berauscht, auf Mahnungen nicht mehr hörten und, mangels Kontrolle der Aufsichtsräte, die Bodenhaftung verloren und den Unternehmenskarren gegen die Wand fuhren.

Egal ob in der Wirtschaft oder in Chefredaktionen, die Warnzeichen für sich entwickelnden Größenwahn sind mehr oder weniger die gleichen: Die Verwandlung beginnt manchmal im Äußerlichen, mit harmlosen Änderungen in der Erscheinung des Chefs, die auf ungewöhnlichen Eitelkeitszuwachs hindeuten. Da wachsen plötzlich gegelte Schweinslöckchen immer länger über den Hemdkragen, da prangt eine besonders markante Edelbrille auf der Nase oder taucht auf Wangen und Kinn ein sorgfältig gepflegter Drei- bis Siebentagebart auf. Auch um die neu gestylte Persönlichkeit herum machen sich Veränderungen bemerkbar: Personenkult bricht aus, und die epidemische Unterwürfigkeit der Mitarbeiter, die ängstlich bewundernd zu diesem Egomanen mit Dressman-Attitude aufblicken, lässt sich kaum mehr durch dessen ständige „Teamarbeit“-Rhetorik und unablässiges „Wir“ überdecken – mit der er eigentlich den Majestätsplural meint.

Zugegeben, das Fehlen eines Aufsichtsgremiums, wie es in der freien Wirtschaft üblich ist, erhöht das Risiko sich entwickelnden Größenwahns bei Chefredakteuren. Wenn man dann auch noch vom Papst empfangen wird, kann es zu einer massiven Verschlimmerung der Krankheit kommen, was sich darin zeigt, dass man sich selbst für unfehlbar zu halten beginnt. Man macht nicht nur angeblich alles richtig, sondern sorgt auch dafür, dass an die große Glocke kommt, wenn andere Mächtige etwas nicht richtig machen. Dann schwärzt man sie nach Kräften an, was die eigene Sonne umso heller zum Strahlen bringt. Je tiefer man andere stürzen lässt, umso höher steigt man in der eigenen Selbstachtung. Nicht auszudenken, wenn einem irgendwann der vermeintlich Höchste, der Bundespräsident, vor die Flinte läuft.

Bekanntlich ist dieser Fall eingetreten, der Zerknirschung des Gedemütigten entspricht auf der anderen Seite das Hochgefühl ausgeübter Macht. Den Triumph, vom Bundespräsidenten eine persönlich vorgebrachte Entschuldigung gleichsam zu Füßen gelegt zu bekommen, kostete sein Chefredakteur erst im Stillen aus, um dann den noch größeren Triumph, das Non plus ultra seiner millionenfach gedruckten Überlegenheit, einzufahren, nämlich die scheinbar erteilte Gnade öffentlich wieder zurückzunehmen und den Bundespräsidenten endgültig bloßzustellen. Dass dabei der Anstand auf der Strecke bleibt, fällt dem Chefredakteur und seiner Claque gar nicht mehr auf.

Zu Recht beschweren sich die Medien regelmäßig über Aufsichtsgremien, die wegschauen, wenn deren Vorstände die ihnen anvertrauten Banken, Industrie- und Handelsunternehmen an die Wand fahren. Was aber, wenn der Chef eines Medienunternehmens offensichtlich toleriert, dass sein Chefredakteur ein ihm anvertrautes Blatt zu Zwecken seiner Selbstverherrlichung missbraucht, sei es um einen weiteren Skalp am Gürtel präsentieren zu können, sei es um seinen persönlichen Rachegelüsten nachzugehen, wie im „Spiegel“ vom 17. 12. 2011 nachzulesen? Da soll eine Beschwerde über den Chefredakteuer beim Verlagschef ein Angriff auf die Pressefreiheit sein? Wie sonst bremst man einen in Allmachtsphantasien schwelgenden Chefredakteur?

Die letzte Hoffnung bleibt, auf die Pressekollegen zu setzen. Vielleicht dämmert es ihnen, dass sich hier mitten unter ihnen jemand als „Retter der Pressefreiheit“ hochstilisiert, der sie beschädigt. Meine Erfahrung zeigt jedoch: sie flicken weiterhin lieber Politikern oder Unternehmern am Zeug als einem von ihnen. Sollen sie Diekmann doch gleich zum Präsidenten hochschreiben!

Zuerst erschienen bei journalistenwatch.com.

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