Sarrazin antwortet seinen Kritikern

7. Januar 2012 17

Rezension zum Vorwort der Taschenbuchausgabe von “Deutschland schafft sich ab”

Thilo Sarrazin bei der Veröffentlichung seines Buches 2010 (Bild: Richard Hebstreit, Quelle: Wikipedia)

Nach 21 Monaten, 22 Auflagen und insgesamt 1,3 Millionen verkauften Exemplaren von Deutschland schafft sich ab im Hardcover-Format, legt der DVA-Verlag zum 6. Januar 2012 die Paperback-Ausgabe des Buchs nach. Besonders spannend: In einem neuen ausführlichen Vorwort lässt der Millionär Thilo Sarrazin das vergangene Jahr Revue passieren.

Den Verkaufserfolg seines Buches haben weder der Autor Thilo Sarrazin, noch der Verlag vorausahnen können, als es darum ging, nur ein Buch über den Sozialstaat zu schreiben. Doch dies war Sarrazin zu wenig. Ihn drängte die Frage nach der Vernetzung unterschiedlicher Faktoren. Darüber hinaus war er frustriert über die Verdrängungsmechanismen, die in Politik und Medien herrschen.

Sarrazin stellt zu Beginn des Vorworts noch einmal die Geschehnisse nach dem Abdruck der Auszüge in Bild und Spiegel dar: SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärte Sarrazin am Telefon, er würde versuchen, den Parteiausschluss zu verhindern. Tatsächlich aber stellte er selbst den Antrag vor dem Parteipräsidium, um Sarrazin aus der Partei auszuschließen.

Auch der gesamte Vorstand der Bundesbank war bereits vor der offiziellen Herausgabe des Buches informiert, Bundesbankpräsident Weber sogar seit Mai 2010. Dem Rest des Vorstandes hatte er rund einen Monat vor der Veröffentlichung Titel und Erscheinungstermin angekündigt – dennoch fragte keiner danach, ob man den Text vorab erhalten könne. So ist es verwunderlich, dass Bundesbankpräsident Weber einen Tag nachdem Bundespräsident Wulff gegenüber N24 sagte, der Vorstand der Bundesbank könnte nun einiges tun, damit die Diskussion Deutschland nicht schade, anfing, ein Gutachten zu erstellen und um die Entlassung des Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin bat.

Das Verhalten der Bundeskanzlerin kann Sarrazin weder verstehen, noch respektieren, aber er wollte niemanden in seinem Amt bedrohen. Seinen abschließenden freiwilligen Rücktritt erklärte Sarrazin damit, dass er letztlich die Ämter des Bundespräsidenten und des Bundesbankpräsidenten vor Schaden bewahren wollte. Denn die Entlassungsaktion entbehrte jeglicher rechtlichen Grundlage; der Rücktritt des Bundespräsidenten oder des Bundesbankpräsidenten wären unvermeidlich gewesen, schreibt Sarrazin selbstbewusst. Für Weber sei es schon peinlich genug gewesen, dass er die erhobenen Vorwürfe öffentlich zurücknehmen musste. Denn das war Teil der Abmachung zwischen Sarrazin und der Bundesbank.

Besonders verärgert scheint Sarrazin über einige Zeitungen zu sein, die schlichtweg durch falsche, beziehungsweise verleumderische Wiedergaben seine Inhalte widerspiegeln. Diese falsche Wiedergabe von Inhalten sei umso stärker in den Medien vertreten, je „liberaler“ oder „linker“ die Organe nach ihrer Selbstbeschreibung waren; insbesondere die Frankfurter Rundschau, der Berliner Tagesspiegel, der Stern und die Süddeutsche Zeitung zeichnen sich hierdurch aus.

Der SZ-Redakteuer Stefan Klein beispielsweise besuchte am 3. Mai 2011 eine Lesung Sarrazins in Waltrop. Als kurze Zeit darauf von einem anderen SZ-Redakteur ein Artikel mit einer „Vielzahl herabsetzender Adjektive“ auf der Onlineseite der SZ erschien, rief Sarrazin Stefan Klein an. Klein erklärte, er habe den Artikel nicht geschrieben, sondern ein Kollege aus der Online-Redaktion. Also rief Klein bei der Onlineredaktion an und erklärte seinem Kollegen, dass er ihn gar nicht in Waltrop gesehen habe. Dieser gab daraufhin zu, gar nicht vor Ort gewesen zu sein, sondern den Artikel im Internet zusammengeschrieben zu haben. Laut Sarrazin nur eines der vielen Beispiele, die er aufführen könne.

Viel Lob erfuhr Sarrazin von führenden Wissenschaftlern aus verschiedenen Gebieten, nicht aber von den meisten Migrationsforschern. Diese sahen in Sarrazin nun einen neuen Lieblingsfeind. In einem Interview mit der Welt und der Berliner Morgenpost sagte Sarrazin: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“ Ein Satz, der ihm zusätzlich massive Kritik einbrachte. Heute bezeichnet Sarrazin die Aussage als unpräzise. Er hätte besser sagen sollen, dass „es in höheren Maße gemeinsame Wurzeln heute lebender Juden gibt, als man lange geglaubt hat.“

Sarrazin wehrt sich gegen falsche Behauptungen von Jürgen Tödenhöfer oder von dem CDU-Politiker Armin Laschet. Er habe wohl Laschets „rheinisch-katholisches Gemüt“ gekränkt, als er erläuterte, dass zwischen den Integrationsdefiziten muslimischer Zuwanderer und ihrer Kultur ein Zusammenhang bestehen könnte. Außerdem wirft Sarrazin Laschet unsaubere wissenschaftliche Methoden vor: So würden aus empirisch belegten Tatsachen, die Sarrazin aufführt, bei Laschet „Sarrazins Thesen“. Laschet, so Sarrazin, arbeite mit einer beliebten politischen Strategie: „Fakten, die der eigenen Weltsicht widersprechen, wird der Wahrheitsgehalt abgesprochen, und deshalb werden sie zu üblen Erfindungen oder tendenziösen Verdrehungen des politischen Gegners.“

Güner Balci: „Rede- und Meinungsfreiheit sind eben doch sehr begrenzt.“

Die Geschichte um Sarrazins Besuch in Kreuzberg zusammen mit der TV-Journalistin Güner Balci führt den Autor zu dem Thema muslimischer Migranten. Über mehrere Seiten widmet er sich dem „sehr zornigen Buch“ von Patrick Bahners, Die Panikmacher. In ihm, so wirft ihm Sarrazin vor, verbindet Bahners die Islamkritik mit Antisemitismus, womit Bahners zur „Kernwaffe des deutschen politischen Diskurses“ gegriffen hätte.

Bahners erwecke in Teilen seines Buches den Eindruck, dass ihn Emotionen treiben, die mehr ihn beherrschen, als dass er sie beherrscht. Sarrazin wirft Bahners vor, sich nicht um Frauenrechte, Transferbezug oder der Erscheinung von Gewalt zu kümmern, sondern sich ausschließlich auf den Vorwurf zu konzentrieren, dass es falsch und unmoralisch sei, Muslime zur Assimilation an die europäische Kultur anzuhalten. Weiterhin sei Bahners nicht für die Argumentationsrichtung von Islamkritikern offen, exemplarisch hierfür sei die herabsetzende Behandlung von Menschen, die seine Ansichten nicht teilen. Aus dem Umgang Bahners’ mit den Vorgängen um die Mohammed-Karikaturen folgert Sarrazin, dass Bahners offenbar die Empörung der islamischen Welt über die Karikaturen und ebenso die Nichtempörung über die Auseinandersetzungen teilen würde.

Aufgrund des Verlaufs der Revolutionen im arabischen Raum hat Sarrazin nun Zweifel, ob sich in Europa eines Tages ein gezähmter demokratischer Euro-Islam entwickeln könnte. Seine Zweifel hat auch die Buchautorin Sabatina James (Nur die Wahrheit macht uns frei: Mein Leben zwischen Islam und Christentum) bestärkt, deren abgrundtiefe, gutbegründete Skepsis gegenüber den Chancen eines Euro-Islam bei Sarrazin einen sehr starken Eindruck hinterlassen haben.

Auch mit dem Jahresbericht des Sachverständigenrats Migration setzt sich Sarrazin kritisch auseinander. Die Hauptsorge der Forscher, so befürchtet Sarrazin, gelte offenbar dem Bestreben, durch vermehrte Einwanderung von Arbeitskräften die Lücke zu füllen, die durch anhaltende niedrige Geburtenraten entstanden ist. Kulturelle Belange würden dabei nicht behandelt. Doch Sarrazin meint, es sei ein Irrtum zu glauben, gesellschaftliche Probleme seien dadurch besser beherrschbar, indem man sie gar nicht oder nur indirekt anspricht. Vielmehr sei es notwendig, „vorhandene Integrationsdefizite, deren Ursachen und Lösungsmöglichkeiten klar und offensiv anzusprechen und dabei auch gruppenbezogene Verhaltensdefizite sowie kulturelle Ursachen wie die Religion nicht auszuklammern.“

Realitätsverweigerung wirft Sarrazin auch dem Grünen-Chef Cem Özdemir vor, der verneint, dass Integrationsprobleme der muslimischen Bevölkerung auf den Islam zurückzuführen seien, sondern ausschließlich soziale Ursachen für diese Probleme verantwortlichen macht. Der Autor führt das Zurückbleiben der muslimischen Bevölkerung im Bildungsbereich hingegen auf ein im Islam verwurzeltes kulturelles Problem zurück: „Die Herkunft aus dem islamischen Kulturkreis ist von den durchschnittlich schlechteren Bildungsleistungen nämlich in der Praxis kaum zu trennen.“

Sarrazin führt an, dass nach den Ergebnissen von PISA-Test muslimische Zuwanderkinder nicht nur in Europa durchschnittlich schlechter abschnitten, sondern auch in ihren Heimatländern einige Klassenstufen unter dem Niveau europäischer Schulklassen zurückblieben. Er folgert daraus, dass die in Europa dominierende Einwanderung aus der Türkei, Afrika, Nah- und Mittelost das Bildungsniveau auf Dauer nach unten ziehen wird.

Es sei aber die Aufgabe der Politik, bei den Kindern, die bereits da sind und die in bildungsferne Einwanderungsgruppen hineingeboren werden, eine „bestmögliche kompensatorische Bildungspolitik zu betreiben.“

Der ehemalige Bundesbanker sieht eine Bestätigung seines Buchs auch in einem Gutachten des Expertenrats Herkunft und Bildungserfolg. Dieses prognostiziert einen Leistungsabfall, weil der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund stetig ansteigt.

Sarrazin hält diese Prognose allerdings für unpräzise, denn er führt den Leistungsabfall auf die Struktur der regionalen und sozialen Herkunft der Kinder mit Migrationshintergrund zurück.

Dem Argument, die vorgetragenen Fakten über muslimische Zuwanderung würden die muslimischen Migranten verletzen, ihre Gefühle könnten durch die Debatte gekränkt werden und die Erörterung von Fakten sei geeignet, Vorurteile in der Mehrheitsgesellschaft zu wecken, entgegnet Sarrazin, dass hierdurch in Zukunft Äußerungen nicht mehr an ihrem sachlichen Kern, sondern an ihren unerwünschten Folgen zu messen wären. Dies käme dem Sieg der politischen Korrektheit über die Wahrheit gleich. Falls beruflich gut integrierten Migranten die Erörterung dieser Tataschen peinlich sei, empfiehlt Sarrazin, auf die weniger gut integrierten Mitbürger einzuwirken, statt mit dem Finger auf jene zu zeigen, die die Fakten angesprochen haben.

Letztlich sieht sich Sarrazin genötigt, sich gegen die Angriffe des Herausgebers der FAZ, Frank Schirrmacher, insbesondere in Bezug auf seine Thesen zur Intelligenzforschung zu verteidigen. Die Wissenschaft sei sich darüber einig, dass ein Teil der menschlichen Intelligenz vererbbar ist. Schirrmacher allerdings offenbare „ein tiefes Unverständnis für den Kern der Darwinschen Entwicklungslehre“. Die Ausdifferenzierung und die Entwicklung der Lebewesen erfolge durch natürliche Selektion. Dieser Prozess findet in der Natur und damit auch bei den Menschen statt. Wer dem widerspricht, so Sarrazin, lehne die gesamte moderne Evolutionstheorie ab und solle sich doch gleich den Kreationisten anschließen. Im Ergebnis sieht Sarrazin das Grundgerüst seiner Argumentation nicht in Frage gestellt.

Thilo Sarrazin (2012): Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen (Taschenbuch). DVA, 512 Seiten, 14,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

17 Comments »

  1. B. Stöger 7. Januar 2012 at 12:14 - Reply

    “Der ehemalige…” sollte es hier noch weiter gehen?

    • Felix Strüning 8. Januar 2012 at 13:32 - Reply

      Ja, danke für den Hinweis. Jetzt ist der Artikel wieder vollständig.

  2. S. Maurer 7. Januar 2012 at 18:36 - Reply

    Fehler im 4. Absatz:

    “So ist es verwunderlich, dass Bundesbankpräsident Weber einen Tag nachdem Bundespräsident WULFF gegenüber N24 sagte, der Vorstand der Bundesbank könnte nun einiges tun, damit die Diskussion …”

    • Felix Strüning 7. Januar 2012 at 21:06 - Reply

      Danke für den Hinweis, das ist richtig. Tatsächlich ist Noch-Bundespräsident Chriatian Wulff seit dem 30. Juni 2010 im Amt, also bereits zum Erscheinungszeitpunkt von Deutschland schafft sich ab.

  3. Rene 8. Januar 2012 at 12:56 - Reply

    sehr interessant! Ein großes Dankeschön an Herrn Sarrazin, für soviele Mühe beim sammeln der Fakten. Auch das Theater hinterher um seine Person, soviel Kreuz findet man bei einem Politiker selten. Viele rennen beim ersten Gegenwind davon. Harr Sarrazin ist der einzige Politiker, den ich als glaubwürdig bezeichnen würde. Ansonsten wird doch alles nur zurechtgelegt und/oder gelogen das sich die Balken biegen. Die eigene Kasse wiegt da wesentlich mehr, als das Interesse des Steuerzahlers. Da werden Milliarden zum Fenster herausgeprügelt um die Vision einiger durchzuprügeln, koste es was es wolle. Ist ja auch nicht ihr Geld.

  4. Christopher 8. Januar 2012 at 13:34 - Reply

    Nochmal: das mit dem “Judengen” hätte Herr Sarrazin nicht relativieren müssen. In Shlomo Sand`s :Die Erfindung des jüdischen Volkes, ab ca. S. 400, kann man lesen, dass seit Ewigkeiten u.a. auch jüdische Genforscher weltweit versuchen, das sog. “Cahane-Gen” (Rabbiner-Schicht) nachzuweisen.Dies ist aus Sicht der Diaspora mehr als verständlich, wenn auch in sich latent rassistisch, sorry, ethnozentrisch.

  5. gerd 8. Januar 2012 at 18:38 - Reply

    Gerade der Özdemir muss reden….
    Cem Özedemir, der Prominenteste unter ihnen, zog im letzten Jahr mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter ein.

    “Eine Moschee in einem Wohhaus ist unzumutbar”, sagt Özdemir. Die Wohnung sei nicht dafür geschaffen, dass dort regelmäßig hundert Leute verkehrten. Die Gebetsrufe seien im ganzen Haus zu hören, durch Freitagsgebete, Beerdigungszeremonien oder Korankurse sei das Haus ständig belagert, sagen andere Hausbewohner.
    http://www.taz.de/!23544/

    Aber wenn sich ein Urdeutscher beschwert dann ist er natürlich gleich ein Nazi und soll doch wegziehen.

    • Felix Strüning 8. Januar 2012 at 20:20 - Reply

      Es kommt das brisante Detail hinzu, dass es eine kurdische Moschee war, über die sich Özdemir damals (2008) beschwerte. Es könnten also auch politische Motive gewesen sein…

  6. VillaM 9. Januar 2012 at 17:01 - Reply

    Was soll der blöde Spruch:
    ” Der Millionär Thilo Sarrazin”.
    VillaM

  7. Björn 10. Januar 2012 at 09:41 - Reply

    Bezeichnend ist doch bei jeder Diskussion , wieviel Haß dem Thilo immer wieder entgegenschlägt .
    Was hat der überhaupt verbrochen ausser mal ein paar Fakten auf den Tisch zu legen ??

  8. Clarissa 14. Januar 2012 at 22:06 - Reply

    Die linken Medien können lügen, keiffen und zetern wie sie wollen………der grosse Teil der Bevölkerung ist trotzdem Sarrazins Meinung!

  9. Josef Berger 15. Januar 2012 at 08:54 - Reply

    Deutschland ist schon eine eigenartiges Volk in EUROPA
    geworden,besonders in der Medienlandschaft.
    Mit Toten kann man sich leider nicht streiten,denn
    sonst würde (müsste)man Heute in D/ Orianna Fallaci vor Gericht zerren.
    Gegensätzlicher könnten die grössten deutschen Medien zu Italienischen
    gar nicht sein, und das ist gut so.
    Italien:Der letzte Schrei der politischen Korrektheit
    http://dolomitengeistblog.wordpress.com/2011/12/19/italiender-letzte-schrei-der-der-politischen-korrektheit/
    Der Blogger Klaus Kufner, auch von der links- ideologischen Kaste eines Bahners,
    bezeichnte die Artikel als
    Zitat:
    Ich antworte auf diesen unglaublich islamophoben und rassistischen Text mit einem Link:xxx
    Siehe Kommentarbereich

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