Gab es Mohammed wirklich?

6. Januar 2012 30

Rezension zu Tilmann Nagel: Mohammed

Der Prophet Mohammed an der Kaaba, dargestellt ohne Gesicht – türkische Buchmalerei aus dem 16. Jahrhundert

War der Prophet Mohammed eine historische Figur? Hat es den Religionsstifter und arabischen Kriegsherrn, über den bisher keine außerislamischen Quellen gefunden wurden, tatsächlich gegeben? Die Antwort des renommierten Göttinger Emeritus für Islamwissenschaften, Tilman Nagel, ist trotz der schwierigen Quellenlage ein klares Ja. Allerdings entsprach der historische Mohammed durchaus nicht dem hagiographischen Bild, das sich die allermeisten Anhänger des Islam bis heute von diesem angeblich „vollkommensten aller Menschen“ machen.

In seiner knappen biographischen Studie über den arabischen Propheten stellt Nagel eingangs unmissverständlich klar, dass eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dessen Persönlichkeit und ihrer Botschaft nach westlichen Maßstäben nur gelingen kann, wenn sie konsequent in ihren historischen Kontext eingeordnet wird. Für die meisten Moslems dürfte dieser – in der christlichen Theologie längst vollzogene – Schritt allerdings ein schmerzlicher und vielleicht sogar unmöglicher Akt sein. In letzter Konsequenz wird er sogar an den Fundamenten dieser dritten und jüngsten abrahamitischen Religion rütteln, deren zentrales Dogma ja darin besteht, dass im Koran Gottes Wort in unmittelbarer und unveränderlicher Form durch seinen letzten und liebsten Propheten der Menschheit offenbart wurde. Da erscheint es für alle Rechtgläubigen schlicht als Blasphemie, wenn Nagel mit Hilfe zeitgenössischer arabischer Quellen, die er allerdings nicht immer genau nennt, die Genese der einzelnen Suren des Korans eng mit der Biographie Mohammeds verknüpft und sie in den Kontext von dessen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern einzuordnen versucht.

Tatsächlich war der Islam, den der Prophet seinen Anhängern im Laufe seiner letzten 23 Lebensjahre scheibchenweise offenbarte, niemals eine von Anfang an fertige und konsistente Religion, wie es bis heute von einer moslemischen Orthodoxie dargestellt wird. Aus der Perspektive des kritischen Historikers war Mohammeds Botschaft vielmehr erheblichen Wandlungen unterworfen, die sich vor allem aus den damaligen komplexen Frontstellungen und Rivalitäten auf der arabischen Halbinsel erklären lassen und sich selbst nach dem Tod des Propheten im Juni 632 noch lange fortsetzten.

Dem damals in der arabischen Welt weit verbreiteten Hanifentum (Eingottglaube) anfangs verbunden, wandelte sich Mohammeds Lehre nach der so genannten Hedschra aus seiner Heimtatstadt Mekka in eine streng ritualisierte Politideologie, die im medinensischen Exil nicht nur den Tagesablauf eines jeden Gläubigen genau regulierte, sondern auch den militärischen Kampf als vorrangiges Mittel ihrer Subsistenz und Verbreitung forderte.

Nagel stellt unmissverständlich klar, dass Mohammeds Kriege gegen Mekka und andere arabische Clans keine Verteidigungskriege waren, wie es in der islamischen Überlieferung gern behauptet wird: Von Anfang an ging die Aggression von dem Propheten aus, der die rasch wachsende Zahl seiner Anhänger auch mit der Aussicht auf regelmäßige Kriegsbeute bei der Stange zu halten versuchte. Das Gewaltpotential der neuen Ideologie richtete sich mit wachsender Stärke der neuen moslemischen Gemeinde, der so genannten Umma, auch gegen Abweichler und Andersgläubige, wie etwa die drei jüdischen Stämme in Medina, von denen zwei aus ihrer Heimat vertrieben, der dritte sogar massakriert und versklavt wurde.

Die neunte Sure, die Mohammed in seinem vorletzten Lebensjahr empfangen zu haben vorgab, verkündete eindeutig den kaum noch eingeschränkten Djihad selbst gegen die Angehörigen der Schwesterreligionen, die er und seine Anhänger verächtlich die Beigeseller nannten:

„Allah liebt die Gottesfürchtigen. Wenn die heiligen Monate jedoch vergangen sind, dann tötet die Beigeseller, wo immer ihr sie findet! Wenn sie sich bekehren, das rituelle Gebet verrichten und die Läuterungsabgabe abführen, dann lasst sie laufen. Allah verzeiht und ist barmherzig.“

Allenfalls bestehende Verträge mit Christen und Juden seien noch einzuhalten, aber auch dies gelte nicht unbeschränkt, denn als Ungläubige und Unwissende könnten sie vor Allah und seinem Gesandten in Wirklichkeit keinen Vertrag haben. Damit wird, anders als im Christen- und Judentum, die weltweite Verbreitung einer islamischen Lebens- und Werteordnung zum zentralen Ziel der koranischen Ideologie, hinter dem die transzendentale Perspektive der Erlangung des Paradieses mehr und mehr in den Hintergrund geriet.

Schon zu Lebzeiten inszenierte sich Mohammed als die von Allah – seinem „Alter Ego“ (Nagel) – auserwählte Persönlichkeit. Sein kometenhafter Aufstieg zum mächtigsten Mann Arabiens schien ihm darin Recht zu geben. Während aber seine Zeitgenossen und Weggefährten den Propheten noch als eine höchst menschliche Erscheinung gesehen hatten, an dessen Person auch fallweise nicht mit Kritik gespart wurde, setzte schon in den folgenden Jahrhunderten eine beispiellose Apotheose des Propheten ein. Islamische Autoren, wie etwa der Bagdader Gelehrte Ibn Al Gauzi (gest. 1201), überboten sich in ihren Bemühungen, Mohammed als den vollkommensten und unfehlbarsten Menschen darzustellen, der jemals gelebt habe, um damit auch die Vollkommenheit und Wahrheit seiner Lehren zu beweisen.

Schon Ibn Hischam (gest. 828), der zweite Biograph des Propheten, räumte freimütig ein, dass er nicht alle bei Ibn Ishak (gest. 764) zu findenden Episoden aus Mohammeds Leben überliefert habe, weil seine Leser vieles davon als anstößig empfinden könnten. Die Verklärung nahm sogar derart bizarre Formen an, dass die Rangordnung zwischen Allah und seinem Propheten auf den Kopf gestellt zu sein schien. Heißt es doch schon in Sure 33, Vers 56: „Allah und seine Engel vollführten das rituelle Gebet zum Propheten gewandt“.

Bis heute aber verhindert diese Verklärung eine wirkliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit des historischen Mohammeds. Zugleich macht sie die nach Ansicht Nagels längst notwendige kritische Überprüfung des islamischen Dogmengebäudes und ihre Anpassung an moderne Lebenswelten unmöglich. Der Verfasser findet dafür klare Worte und spricht sogar von einer an Autismus grenzenden Selbstbezogenheit der moslemischen Orthodoxie.

Zwei Konsequenzen ergeben sich jedoch aus dieser fast blinden Verehrung des Propheten. Aus religionssystematischer Perspektive muss gefragt werden, ob es sich bei der koranischen Lehre mit ihrer maßlosen Überhöhung des Propheten überhaupt noch um eine monotheistische Religion handelt. Aus der Sicht der freiheitlichen westlichen Gesellschaften aber erscheint es höchst problematisch, wenn sich in Europa in zunehmender Zahl Einwanderer aus dem moslemischen Kulturkreis niederlassen, die bei aller Verschiedenheit islamischer Glaubensvorstellungen gleichwohl im Leben und Wirken des Propheten ihr zentrales Vorbild erblicken. Denn zu diesem Leben gehörte eben auch, wie Nagel unmissverständlich klarstellt, Nötigung, Plünderung, Versklavung und Massenmord.

Tilmann Nagel (2010): Mohammed. Zwanzig Kapitel über den Propheten der Muslime. München: Oldenbourg, 331 Seiten, 29,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

30 Comments »

  1. Nicht die Aishe 6. Januar 2012 at 15:14 - Reply

    Was wir heute von dem wirklichen, dem historischen Mohammed wissen, ist also reichlich wenig. Nur ein bis zwei Jahrhunderte später wurden die ursprünglichen Quellen (die ihrerseits weitgehend auf Mohammeds fragwürdigen Offenbarungen beruhten) weiter überdeckt, zugeschüttet und zugegossen von Fluten neuer Geschichten. Was alos bleibt? Historisch wissen wir heute mit relativer Sicherheit von nur ein paar Schlachten zwischen Mekkanern und Medinern. Und wir wissen Folgendes mit absoluter Sicherheit: Mohammed zog im Jahr 622 von Mekka nach Medina, wo er im Jahre 632 starb – mehr nicht.

    • cicero 6. Januar 2012 at 23:13 - Reply

      Die Chronologie der Anfänge des Islam ist hochgradig korrupt, ich empfehle statt Tilman Nagel vielmehr Hans Jansen: „Mohammed“. Völlig richtig ist aber: Wir wissen in der Tat nur sehr wenig über Mohammed.

  2. Marco Pino 6. Januar 2012 at 15:21 - Reply

    Die Frage, ob es Mohammed überhaupt gegeben hat, ist tatsächlich sehr interessant. Im vergangenen Sommer hatte ich die Chance (bzw die Ehre!), den bekannten Islamkritiker Robert Spencer zu interviewen, damals noch für PI. Spencer kündigte damals sein neues Buch an, in dem er sogar zu dem Schluss kommt, dass es Mohammed so gar nicht gegeben hat. Im Interview sagte er:

    „FF: Ich habe gehört, dass Sie gerade an einem Buch schreiben unter dem Titel “Hat Mohammed existiert?“ Also, bezweifeln Sie das?

    RS: Ja, das tue ich tatsächlich. Auf diese Frage bin ich vor einigen Jahren aufmerksam geworden. Ich erinnere mich, dass ich damals eine sehr detaillierte Diskussion mit dem großen Islam-Gelehrten Ibn Warraq hatte, der argumentierte, dass Mohammed nicht existierte. Und ich habe argumentiert, dass er sehr wohl existierte, auf der Basis, dass er einen sehr kohärenten Charakter hatte, jemand, von dem man sich nur schwer vorstellen kann, dass er fiktiv gewesen sein könnte. Außerdem gab es da unangenehme Elemente in seinem Leben, die auch den Moslems unangenehm zu sein schienen und aus denen sie sich heraus zu reden versuchten. Es erschien schwer nachvollziehbar, dass sie diese Dinge erfunden hätten, aus irgendeinem Grund.

    Doch je mehr ich mich mit der Frage beschäftigt habe, umso mehr habe ich erkannt, während der Nachforschungen für dieses Buch, dass tatsächlich all die Geschichten über Mohammed – sogar die unangenehmen – den Anschein erwecken, auf Grund verschiedenster politischer und religiöser Gründe erfunden worden zu sein. Die ganze Religion wurde entwickelt mit dem Ziel, die politischen Eroberungen der Araber in jener Zeit zu rechtfertigen und ihr Reich zu vereinen. Einer der deutlichsten Hinweise hierfür ist, dass obwohl ihre Eroberungen in den 630ern begannen, es bis zum Jahr 690 überhaupt keine Erwähnung in irgendeinem Artefakt gibt, das sie hinterlassen haben: Münzen, Inschriften, alles mögliche. Keine Erwähnung von Mohammed, dem Koran oder dem Islam. Und daher: wenn man davon ausgeht, dass sie stürmend aus der Wüste kamen, mit dem Koran in der Hand und von Mohammeds Lehren angetrieben, dann müssten sie das doch sicher irgendwo erwähnt haben in all dieser Zeit.

    Das ist eine sehr wichtige Untersuchung. Ich hoffe, dies in meinem Buch klarzustellen, denn es unterstreicht, dass der Islam im Wesentlichen eine politische Ideologie ist und nur zweitrangig eine Religion. Er war an erster Stelle eine politische Ideologie und ein System, und die Religion wurde dann entwickelt, um das zu begleiten und eine Grundlage dafür zu schaffen.“

    http://www.pi-news.net/2011/06/spencer-wir-werden-niemals-kapitulieren/

    • sisera 17. August 2012 at 15:19 - Reply

      ach was??

  3. Nicht die Aishe 6. Januar 2012 at 15:44 - Reply

    Ja- das denke ich, ist der Dreh- und Angelpunkt. Wenn man sich von historischer Seitem z.B. die Hadithensammlung ansieht (welche der Wichtigkeit nach dem Koran gleichgesetzt wird), wird klar, dass hier ständig erweitert und ergänzt, hinzugefügt, addiert und subtrahiert wurde- nicht unähnlich dem Neuen und Alten Testament, denn neue Probleme verlangen nach neuen Lösungen und neuen Gesetzen, Riten und Bräuchen, ganz abgesehen von sich wandelnden politischen Konstellationen oder gar Sekten, die bekämpft werden mussten. Im Jahr 870 kennt man 600.000 mohammedanische Überlieferungen (hab mich nicht vertippt!) – Im Jahr 722 gestand ein gewisser Ibn Abi al-Awdsch 4000 Überlieferungen erfunden zu haben – ein einziger Mann – wer will über geschichtliche Wahrheit noch ein einziges Wort verlieren?.

  4. cicero 6. Januar 2012 at 22:53 - Reply

    Die Frage, ob Mohammed existierte oder nicht, ist aus republikanischer Sicht völlig irrelevant. Wenn man zu sehr auf dieser Frage herum reitet, besteht sogar die Gefahr, dass man als Islamfeind statt als Islamkritiker wahrgenommen wird; das sollte man vermeiden. Auch könnte man gutwillige Muslime abstoßen; wenn man den Christen am Anfang der historisch-kritischen Auslegung der Bibel gesagt hätte, dass sie damit zu dem Schluss kommen müssen (!), dass es Jesus nie gab, wäre dieser Weg nie beschritten worden. Es wäre deshalb besser zu sagen, dass man zu diesem Schluss kommen kann, aber nicht muss. Letztlich ist das aber irrelevant. RELEVANT ist doch eine ganz andere Frage: Was machen die gläubigen Muslime aus Mohammed? Hier sollte man sich der Möglichkeiten einer Islamreform bewusst werden. Anders, als viele meinen, gründet sich der Islam nämlich nicht auf ein Buch, sondern auf zwei Bücher! Im Koran findet sich nirgends die Geschichte von Mohammed, sondern viele kontextfreie Verse, von denen lediglich behauptet (!) wird, dass sie im Rahmen der „bekannten“ Geschichte von Mohammed diese oder jene Bedeutung hätten, ohne dass dies aus dem Koran selbst hervor ginge. Wo aber kommt die „bekannte“ Geschichte von Mohammed her? Aus der Propheten-Biographie von Ibn Hischam bzw. Ibn Ishaq. Und jetzt kommt die POINTE: Diese Propheten-Biographie gilt nicht als göttliche Offenbarung. Sie wurde auch nicht auswendig gelernt und damit angeblich „sicher“ überliefert. Es gibt KEIN grundsätzliches Verbot, bei Ibn Ishaq historisch-kritische Fragen zu stellen. Und weil sich die gesamte Interpretation des Koran zentral auf dieses andere Buch stützt, eröffnet sich ein riesiges Feld an Reformmöglichkeiten, selbst wenn man die Hinterfragung des Koran hintan stellt. Das bessere Buch, das entscheidende Buch zum Thema ist nicht Tilman Nagels „Mohammed“, sondern Das Buch „Mohammed“ von Hans Jansen. Die Möglichkeit, dass es Mohammed gar nicht gab, wird dort auch diskutiert (sogar bejaht), aber im Vordergrund stehen viele historisch-kritische Einzelfragen und die Einsicht, wie zahlreiche Koranstellen erst nachträglich (!) so ausgelegt wurden, als ob sie im Rahmen der „bekannten“ Geschichte von Mohammeds diese oder jene Bedeutung hätten – die sie vielleicht ursprünglich gar nicht haben. FAZIT: Die schärfste Islamkritik lautet nicht, dass Muslime gar nicht könnten, selbst wenn sie wollten, wie Stürzenberger sagt; die schärfste Islamkritik lautet vielmehr, dass Muslime sehr wohl können; denn damit werden konkrete Veränderungen auch unter theologischen Gesichtspunkten einforderbar und erhalten intellektuell ein ganz anderes Gewicht. Und wenn die Islamkritik eines braucht, dann intellektuelles Gewicht.

    • B. Stöger 7. Januar 2012 at 12:26 - Reply

      „Wenn man zu sehr auf dieser Frage herum reitet, besteht sogar die Gefahr, dass man als Islamfeind statt als Islamkritiker wahrgenommen wird; das sollte man vermeiden.“ – Die Frage der Rezension lautete: „Gab es Mohammed wirklich?“ – Ob man bei dem Versuch, diese Frage historisch zu beantworten als Islamfeind dasteht – ist mir gelinde gesagt – egal. Und wenn dem so sein sollte, dass es diesen Wüstenpiraten rein historisch nie gegeben hat – dann sollte man dies ohne Angst und Vorbehalte sagen – denn ich für meinen Teil bin dem ständigen Beugen der Geschichte aus Public Relation Gründen mehr als überdrüssig. Im Übrigen gelte ich auch nicht als Christenfeind, wenn ich historisch dargelege, dass es Jesus als historische Person so auch nicht gegeben hat.

      • cicero 7. Januar 2012 at 15:18 - Reply

        Alles richtig was Sie sagen, ich tendiere auch dazu, dass es Mohammed nicht gab. Aber es kommt sehr darauf an, zu welchem Zweck und in welchem Zusammenhang man etwas sagt. Zur Frage der Integration der Muslime in Deutschland trägt die Erkenntnis, dass es Mohammed gar nicht gab, leider nichts bei, denn die Gläubigen müssen mitsamt ihrem Glauben integriert werden; der Hebel der Islamkritik muss an der Ausgestaltung der Religion angesetzt werden, nicht an der Religion selbst. Das würde ich dann auch eher „Religionskritik“ nennen, und nicht „Islamkritik“. Religionskritik muss es auch geben, aber die hat einen anderen Zweck.

        • B. Stöger 7. Januar 2012 at 16:22 - Reply

          Mal ganz platt gesagt: Die Aufklärung bei uns begann in jenem Moment, als man den Pfaffen die Köpfe herunterschlug – ab da wurde unser Hirn frei!“ – Wenn in Frage gestellt wird, dass es diesen Wüstenkrieger überhaupt gab, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass der eine oder andere Muslim darüber hinaus zu denken vermag und anfängt, seine Religion prinzipiell zu hinterfragen. Und nochmal – Um historische Gegebenheiten aussprechen zu können und dürfen – ist es mir egal, wessen Befindlichkeiten hier tangiert werden – und ob dies nun Islamkritik oder Religionskritik heißt ist nicht von Belang – es könnte schlicht die Wahrheit sein.

          • cicero 7. Januar 2012 at 16:57 -

            Ich muss Ihnen doch vorwerfen, zu einfach zu denken.

            Erstens: Die Aufklärung begann eben nicht mit der Guillotine, sondern erheblich früher. Die ersten Aufklärer waren gottgläubige Menschen und viele sind es bis heute. Noch Voltaire empörte sich darüber, dass man Gott überhaupt infrage stellte.

            Zweitens: Ihr Bild vom Abschlagen der Köpfe vermag nicht für die Aufklärung zu werben; dieser Vorgang ist doch wohl eher ein Malus für die Aufklärung. Sie sollten mit solchen menschenfeindlichen und unästhetischen Bildern bitte nicht so um sich werfen. Danke.

            Drittens: Der Unterschied zwischen Islamkritik und Religionskritik ist wichtig, und sollte von Politikern, die ernst genommen werden wollen, keinesfalls verwischt werden. Islamkritik gehört in die Politik; Religionskritik in einer pluralen Welt hingegen eher nicht. Ob man aufklärungswillige Muslime akzeptiert, oder sie trotz Aufgeklärtheit pauschal ablehnt, nur weil sie Muslime sind, das ist ein ganz erheblicher Unterschied. Wer diesen Unterschied nicht macht, ist bei PI und Stürzenberger besser aufgehoben.

  5. cicero 6. Januar 2012 at 23:03 - Reply

    Ein paar Einzelgedanken:

    Es gibt die These, dass die Überhöhung von Mohammed erst durch die Begegnung mit dem Christentum zustande kam: Jesus ist für Christen der Sohn Gottes, Mohammed hingegen „nur“ ein Mensch; das führte zu einem theologischen „Aufrüsten“, das Mohammed praktisch auch eine göttliche Stellung verschaffte, auch wenn ständig betont wird, er sei nur Mensch.

    Die Judenmorde, die einen erheblichen Stolperstein darstellen, werden nur bei Ibn Ishaq überliefert, im Koran kommen sie nicht vor. Hans Jansen ist der Auffassung, dass sich hier spätere Auseinandersetzungen und Legendenbildungen widerspiegeln würden, d.h., es gibt eine Chance, diesen Mist historisch-kritisch aus dieser Religion heraus zu nehmen, ohne die Religion selbst anzutasten. Das Leben des Mohammed ist übrigens in vielen Punkten nach dem Leben Jesu konzipiert, z.B.: Dreimal wird Jesus von Petrus verraten, und dreimal wird Mohammed von jüdischen Stämmen verraten (mit entsprechender Reaktion: Jesus der Schwächling vs. Mohammed der Siegertyp; für diese Darstellung mussten dann in der theologischen Fiktion einige Stämme dran glauben).

  6. Bazillus 7. Januar 2012 at 00:18 - Reply

    Ich kann zu dieser Situtation nun gar nichts beitragen; deshalb bin ich hier mal stumm, habe aber nur eine Frage: War die arabische Halbinsel nach dem angeblichen Todesjahr Mohammeds, welches ja feststehen soll, tatsächlich „judenrein“? Wenn diese Tatsache für den Fall, dass sie historisch einwandfrei nachgewiesen werden könnte, der Realität entspricht, könnte diese doch den Rückschluss zulassen, dass dieser Umstand das Werk einer Führungspersönlichkeit gezielt herbeigeführt worden ist. Vielleicht kann mich da jemand aufklären?

    • cicero 7. Januar 2012 at 15:12 - Reply

      Laut Hans Jansen „Mohammed“ ist es so, dass es auf der arabischen Halbinsel vermutlich niemals Juden gab, denn die Vertreibungen bzw. Morde sind seiner Meinung nach nachträgliche Konstruktionen. Sein Hauptargument ist, dass die jüdische Weltgemeinde von diesen schockierenden Vorgängen keine Aufzeichnungen überliefert hat, was für das Judentum ungewöhnlich wäre. Dort wird so etwas normalerweise überliefert, weil die Erinnerung einen religiösen Zweck erfüllt.

    • Pressburg 15. Februar 2012 at 16:21 - Reply

      Die arabische Halbinsel war zu besagter Zeit, also erste Hälfte 7.Jh. nicht judenfrei, wie Sie es ausdrücken, sondern MOSLEMFREI.
      Der Islam ist für diese Zeit nicht nachweisbar, da stimmen so gute wie alle (nichtmuslimischen) Islamforscher, einschliesslich Josef van Ess, in der Zwischenzeit zu. Selbst Mekka ist für das 7. Jahrhundert nicht nachweisbar, der einzige koranische Bezug, ein rätselhaftes Bakka, wurde erst im 9.Jh. als Mekka umgedeutet.
      Der Islam stammt mit Sicherheit aus Ostpersien und nicht von der arabischen Halbinsel. Dahin verfrachteten ihn spätere Legenden, einschl. der historisch nirgendwo fassbare Mohammed.
      Darf ich Ihnen unbescheidenerweise einen Blick in meine homepage www. islamfacts.info empfehlen?

  7. Bazillus 7. Januar 2012 at 00:21 - Reply

    sorry, „… Berichtigung „… statt „das Werk einer“ sollte es richtig heißen „durch eine…“

  8. Rationalist64 8. Januar 2012 at 22:16 - Reply

    @ Nicht die Aishe (6. Januar 2012 15:44)

    Hallo,

    ich beschäftige mich schon seit einiger Zeit mit der Thematik der Historizität der Person des „Propheten“ Mohammed. Welche Quelle gibt es für das Geständnis eines Ibn Abi al-Awdsch im Jahr 722 n.u.Z., 4000 Ahadith erfunden zu haben?

    • Nicht die Aishe 9. Januar 2012 at 15:58 - Reply

      Hallo – eine konkrete Quelle bzgl. Ibn Abi al-Awdsch kann ich nicht angeben – ich lese amüsanterweise gerade ein Buch mit dem Titel :“Die größten Lügen der Geschichte..“ von Frank Fabian. Dort wird der mythische und der historische Mohammed beleuchtet (neben anderen Lichtgestalten wie Cesär und Alexander der Große usw.) – und hier steht eben:“… das Mohammed Bild wandelte sich in einem Ausmaß, dass man nur stauenen kann. Zeitweise blieb nichs von dem ursprünglichen Mohammed übrig. Er mutiert zu einer ähnlich süßen Gestalt wie Jesus, er wurde vergöttert, mit Geheimphantasien umwoben, verehrt, in den Himmel gehoben und mit Legenden umkränzt. Fälschungen über Fälschungen erblickten die Welt. … und dann die Erwähnung des Ibn Abi al-Awdsch mit seinen 4000 gefälschten Überlieferungen.
      Und danke, dass Sie auch nicht bereits sind, aufgrund von Befindlichkeiten die Wahrheit zu verfälschen oder bei bestimmten „Themen“ zu taktieren.
      Und der Satz:“ Nicht selten wird die Geschichte von denen gefälscht, die sie machen!“ ist m.E. mehr als wahr. In der bisherigen Geschichtsschreibung wurde die Wahrheit allzuoft zu einer Hure degradiert, mit der jeder schlafen konnte, wenn er nur über genügend gut bezahlte, professionelle Lügner verfügte. Geschichte ist das Fundament, auf dem wir alle ruhen. Wenn dieses Fundament gedüngt ist mit Lügen, Halbwahrheiten und Unwahrheiten ruht unsere Zivilisation auf tönernen Füssen.

    • Pressburg 15. Februar 2012 at 16:24 - Reply

      Mc Donald, Development of Muslim Theology, Jurisprudence and Constitutional Theory. New York 1903

  9. Rationalist64 8. Januar 2012 at 23:21 - Reply

    Wissenschaft hat die Aufgabe, nach der Wahrheit zu forschen. Sie kann nicht danach fragen, was gesellschaftlich oder politisch „relevant“ ist und etwa aus taktischen Gründen Fakten unterschlagen oder verfälschen.

    Seit ca. 10 Jahren macht sich in diversen Wissenschaftssparten zunehmend Unbehagen darüber breit, dass in der Orientalistik keine Forschung stattfindet, sondern nur noch vorhandenen vermeintlichen „Autoritäten“ nachgebetet wird.

    Eine Gruppe interdisziplinär arbeitender Wissenschaftler um Ohlig, Popp, Puin und Ibn Warraq, zu denen auch der unter dem Pseudonym Luxenberg tätige Sprachforscher gehört, hat sich zu dem Neztwerk „Inarah“ zusammen geschlossen, um die Entstehungszeit des Islam nach der kritisch-historischen Methode zu erforschen.

    Ausgangspunkt ist der Umstand, dass es aus der mutmaßlichen Entstehungszeit des Islam im ersten Drittel des 7. Jhdt n.u.Z. keine Quellen und Belege gibt. Die ersten schriftlichen Quellen datieren aus dem frühen 9. Jhdt. n.u.Z. und können sich nur auf mündliche Überlieferungen berufen. Nach der kritisch-historischen Methode können diese Quellen nicht als glaubhaft und zuverlässig angesehen werden. (Al-Bukhari, der im 9. Jhdt. eine Sammlung der mündlich überlieferten Ahadith erstellte, bewertete nur 4000 von 600.000 als glaubwürdig!).

    Die in „Inarah“ vernetzten Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Islam aus einer vor-trinitarischen Spielart des Christentums aus dem ostsyrisch/ostpersichen Raum um die Stadt Merw hervorgegangen ist. Der Koran war demnach ein in syro-aramäischer Sprache verfasstes Liturgiebuch („qerunya“). Mit „Mohammed“, der im gesamten Koran gerade viermal erwähnt wird (Jesus – „Isa“ – dagegen über 100 mal), war als Gerundium „mohammedun“ – „der Gesalbte“ ursprünglich Jesus (Entsprechung zum griechischen „christos“) gemeint. Das Jahr 622 n.u.Z. bezeichnet demnach den Beginn der arabischen Selbstherrschaft durch den Sieg des byzantinischen Kaisers Heraklios über die Perser. (Heraklios habe die zuvor von den Persern eroberten Gebiete – Ägypten, Palästina, Syrien – nach seinem Sieg nicht wieder in Besitz genommen, sondern sie arabischen Verbündeten als Statthaltern [persich: koraish] überlassen.) Erst zur Wende des 8. zum 9. Jhdt. n.u.Z. sei der „Prophet Mohammed“ im Zuge der arabischen Nationalisierung des Christentums erfunden worden.

  10. Felix Strüning 10. Januar 2012 at 12:34 - Reply

    Ich habe unseren Rezensenten gebeten, sich in diese Debatte mit einzubringen. Er tat dies dankenswerter Weise promt mit einer Rezension zu dem oben erwähnten Buch von Hans Jansen, in dem die Existenz Mohammeds gänzlich negiert wird: http://www.citizentimes.eu/2012/01/10/mohammed-glorifiziert-mystifiziert-erfunden/

    • cicero 10. Januar 2012 at 18:53 - Reply

      Danke, das war eine gute Idee.

  11. cicero 10. Januar 2012 at 18:49 - Reply

    Um die Debatte noch etwas zu bereichern: Hier ein kostenlos als PDF herunterladbarer Beitrag eines Islamwissenschaftlers, der am Ende trotz allem FÜR die Existenz von Mohammed plädiert, wenn auch anders, als sich das orthodoxe Muslime vorstellen.

    http://www.epoc.de/alias/islamwissenschaften/wahrheit-und-fiktion/1116308

  12. cicero 10. Januar 2012 at 19:00 - Reply

    Als weiterer Beitrag zur Debatte hier noch ein Link auf einen kostenlos als PDF herunterladbaren Artikel eines Islamwissenschaftlers, der sich trotz allem FÜR die Existenz von Mohammed ausspricht. Nicht meine Meinung, aber man muss immer alle Seiten sehen. Für die Integration ist die Frage ohnehin von untergeordneter Bedeutung.

    http://www.epoc.de/alias/islamwissenschaften/wahrheit-und-fiktion/1116308

  13. Pressburg 14. Oktober 2012 at 13:49 - Reply

    Man beachte bitte die Kernpunkte der 1000 Seite über Mohammed und urteile selber:

    1.)Nagel spricht von „der außerordentlich vielfältigen arabisch-islamischen Quellen“, er stellt niemals die Frage nach der Zuverlässigkeit und damit auch Verwertbarkeit „der außerordentlich vielfältigen arabisch-islamischen Quellen“, denn in Wirklichkeite gehen sein“vielfältigen Quellen“ auf eine einzige zurück: Ibn Ishaq, der nicht einmal im Original, sondern in einer Kommentierung eines Ibn Hischam vorliegt. (Die Hadithe als Quellen Mohammeds nimmt nicht einmal Nagel Ernst.)

    2.) Für Nagel ist der Koran das „vielschichtige(n) Selbstzeugnis Mohammeds“ , denn es könne kein Zweifel bestehen, dass die Verse von Mohammed selber stammen.

    Genau dies glaubt niemand mehr, denn weitgehender Konsens ist: Teile des Korans sind vor-mohammedanisch und noch im 8.Jahrhundert gab es nachweisliche Redaktionen des Koran. Der Koran hat keinen exklusiven Autor, er ist das -im übrigen unfertige und bruchstückhafte – Ergebnis eines jahrhundertelangen Prozesses.

  14. Anonymous 2. Mai 2015 at 06:57 - Reply

    Endlich mal ein Beitrag der nicht zur Hetze dient,danke 🙂

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