Die Zeichen der Zeit: 1928 – 2011

30. Dezember 2011 0

Ansichten und Einblicke aus Berlin: Eine Rede des großen nationalliberalen Gustav Stresemann

Gustav Stresemann 1926 bei einer Rede vor der Vollversammlung des Völkerbundes – Bild: Deutsches Bundesarchiv

Heute stieß ich auf eine Rede des großartigen nationalliberalen Politikers, Reichskanzlers, Außenministers und Friedensnobelpreisträgers Gustav Stresemann, die er 1928 anlässlich der Reichstagswahl hielt. Man muss nur ungefähr acht bis zehn Worte verändern und die heutige Situation ist genau getroffen:

Als einst die Nationalliberale Partei durch Rudolf von Bennigsen geschaffen wurde, betonte er, daß das innerste Wesen des Liberalismus darin bestehe, die Zeichen der Zeit zu beachten und ihre Ansprüche zu befriedigen. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seit jenen Tagen vergangen. Diese Zeit sah die Gründung des Deutschen Reiches, sie sah Bismarcks Größe und Bismarcks Sturz, sie sah Tannenberg und sah den Zusammenbruch des November. […] Das ganze Zeitalter, dessen Bürger wir sind, ist im Großen gesehen nur ein Zeitalter der Revolution. Unsere Grenzen sind nicht mehr wie einst geschätzt. Uns fehlt die Währung, Heimat und Haus dem ganzen Volk zu sichern. Unsere wirtschaftliche Zukunft ist unsicher, da wir zur Stunde die Grenzen unserer Verpflichtungen nicht kennen, wohl aber genau wissen, wie schwer es für uns ist, unter Schwerstbedingungen uns die Ausfuhr zu erhalten, aus der allein die Kriegsleistungen bezahlt werden können. Innenpolitisch ist das Verhältnis des Reichs zu den Ländern noch nicht endgültig geordnet […] In diesen Zeiten großer bewegender Fragen, von denen unsere Zukunft abhängt, gibt es für uns in Parteien der Partei nur einen Leitstern: die Ansprüche der Zeit zu befriedigen, frei von Illusionen, in sachlicher, nüchterner Arbeit und jener Realpolitik, die in Wirklichkeit das höchste an Idealismus ist, weil sie das heiße Herz da bändigt, wo nur der kühle Verstand uns vorwärts zu bringen vermag. Wir nannten uns die Partei des Wiederaufbaus und haben an diesem Wiederaufbau zäh mitgearbeitet. Wir haben es vorgezogen, lieber Popularität und Mandate zu verlieren, als die bequemen Wege der Opposition zu gehen. Wir haben dem Volke versprochen, nationale Realpolitik zu treiben, haben es getan nach außen und innen, und nur ein Tor kann leugnen, daß das Deutschland von heute ein anderes ist, als das Deutschland, in dem vor fünf Jahren um die Beendigung der Ruhrpolitik gekämpft wurde. Wir wollen auch in Zukunft nicht beiseite stehen. Wir wissen, daß eine Partei allein uns die Zukunft nicht sichern kann. Und wir wissen auch, daß ohne unsere Partei das Reichsschiff den größten Schwankungen ausgesetzt sein wird. Bismarck hat einmal gesagt: „Zu einer ruhigen, dauernden Regierung führt nur der Verzicht auf extreme Meinungen.“ Sorgen wir dafür, daß die sachliche Arbeit einer nationalen Partei, die gleichzeitig Gewähr dafür bietet, daß die großen Grundsätze des Liberalismus an Ansehen in unserem Volk nicht verlieren, gestärkt aus dem Wahlkampf hervorgehen damit sie weiter mitwirke zum Besten unseres Vaterlandes.

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