DIK: Nix Islamophobie!

28. Dezember 2011 4

Ansichten und Einblicke aus Berlin: Warum der Staat nicht für die Islamophobie zuständig ist

Die Deutsche Islam Konferenz im 2011er Plenum – Bild: Dirk Enters / Deutsche Islam Konferenz.

Seit längerem beobachte ich die verschiedenen Publikationen, die hierzulande zum Thema der sogenannten Islamophobie oder Islamfeindschaft veröffentlicht werden. Tonangebend sind die Deutschen Zustände, ein Langzeitforschungsprojekt zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF-Survey) unter der Leitung von Wilhelm Heitmeyer. Schon 2010 habe ich diesen selbsternannten Vorurteilsforschern in einer Metastudie nachgewiesen, dass sie das Phänomen der Ablehnung des Islams nicht nur künstlich aufblasen, sondern dass sie vor allem einen Fehler machen: Sie unterstellen die Feindlichkeit gegenüber Muslimen als Gläubigen, als Menschen. Die Deutschen und in ähnlichem Maße alle Europäer lehnen aber vorwiegend den Islam als Ideologie ab.

Just diese Verwechslung wird nun wieder instrumentalisiert, und zwar derart, dass von Versehen keine Rede mehr sein kann: Das 2011er Update des GMF-Surveys erwartend, habe ich die aktuellen Islamophobie-Veröffentlichungen studiert. Darunter eine unscheinbare Meldung der Deutschen Islam Konferenz (DIK), dass die AG Präventionsarbeit mit Jugendlichen sich in einem Zwischenbericht auf drei grundlegende Definitionen geeinigt habe. Keine große Leistung, muss man kritisch festhalten, zumal als Arbeitsbegriffe nur Muslimfeindlichkeit und Antisemitismus bei allen Beteiligten Zustimmung fanden. Islamismus, das dritte Feld der AG Prävention, wollten die Muslime so nämlich nicht stehen lassen:

„Einzig in der Frage, ob der islamistisch begründete Extremismus weiterhin Islamismus genannt werden soll, konnte kein Konsens erzielt werden. Während viele Teilnehmer, hierunter vor allem Vertreter der Sicherheitsbehörden, am etablierten Begriff des Islamismus festhielten, präferierten andere, unter anderem islamische Verbände, die Bezeichnung ‚religiös begründeter Extremismus unter Muslimen‘.“ 1

Der eigentliche Hammer kommt aber erst noch. Sucht man sich nun jenen Zwischenbericht als PDF (in höchst offiziellem BMI-Style) heraus, dann findet man zunächst, dass es sich bei der angeblichen Muslimfeindlichkeit um ein Gefühl der Muslime selbst handelt:

„Menschen in Deutschland fühlen sich bisweilen aufgrund ihrer (tatsächlichen oder manchmal auch bloß zugeschriebenen) Religionszugehörigkeit zum Islam von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt. Diese Ablehnung kann von unterschwelligen Vorbehalten über massive Ressentiments bis hin zu direkter Ausgrenzung oder gar zu verbalen, in Einzelfällen auch tätlichen Angriffen reichen. Sie wird insbesondere im schulischen oder beruflichen Umfeld empfunden, äußert sich aber z.B. auch explizit im Internet.“ 2

Keine besonders wissenschaftliche Herangehensweise, könnte es sich doch zumindest hypothetisch ebenso um eine besondere Opfermentalität dieser Migrantengruppe handeln. Dieser Verdacht wird dadurch erhärtet, dass Vertreter von muslimischen Organisationen ebenso wie Vorurteilsforscher Teilnehmer der AG Prävention sind, nicht aber irgendwelche (vermeintlich) Islamophoben. Es wird also nur das Gefühl der Diskriminierung geschildert, nicht aber, ob faktisch auch eine vorliegt, insbesondere in Bezug auf andere Migrantengruppen.

In der folgenden Diskussion des gesuchten Arbeitsbegriffes werden Islamophobie, Islamfeindlichkeit, anti-muslimischer Rassismus, anti-muslimische Ressentiments etc. abgelehnt, weil sie z.T. zwar etabliert seien, als Sammelbegriff aber den Kern des Phänomens nicht erfassten. Denn der schließlich gewählte Begriff Muslimfeindlichkeit verdeutliche vor allem eines:

„Schließlich hat der Begriff der ‚Muslimfeindlichkeit‘ den Vorzug, von vornherein klar zu stellen, dass es nicht etwa um Ressentiments gegenüber einer Religion geht, sondern um eine feindselige Haltung gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen. Deshalb ist auch der säkulare Rechtsstaat in der Lage und in der Pflicht, zur Überwindung entsprechender Haltungen beizutragen.“

Der kritische Leser und Kenner der sogenannten Vorurteils-Umfragen ist nun mehr als verwundert, bewiesen doch die bisherigen Studien genau das Gegenteil: Die größte Zustimmung fanden immer Aussagen, die den Islam selbst als fanatisch, rückwärtsgewandt, benachteiligend und gewalttätig gegenüber Frauen, Ungläubigen oder Homosexuellen beschrieben. Persönliche Überfremdungsgefühle gegenüber Muslimen fanden eine weit geringere Zustimmung und ein direkter Zusammenhang mit einer allgemeinen Fremdenfeindlichkeit konnte nicht nachgewiesen werden.

Eine weitere Überraschung liegt im letzten Satz des Zitats. Eine Erklärung dieses nicht sofort verständlichen Argumentes findet sich in dem dazu gehörigen Vortrag von Heiner Bielefeldt, der wiederum zur GMF-Survey-Forschergruppe gehört:

„[W]ährend der säkulare Rechtsstaat ausdrücklich keine Kompetenz in Sachen religiöser Wahrheit hat und deshalb über das angemessene Islamverständnis zumindest theologisch keine verbindlichen Aussagen treffen darf, kommt dem Staat durchaus die Aufgabe zu, stereotypische Vorstellungen, die gegen Menschen – als Individuen und Gruppen – gerichtet sind, kritisch zu thematisieren und zu ihrer Überwindung beizutragen.“

Versuchen wir das mal zu übersetzen:

  1. Der Staat darf seinen Bürgern nicht vorschreiben, ob sie den Islam als Religion oder Ideologie ablehnen oder gar hassen. Denn er darf nicht darüber urteilen, ob ein Verständnis einer Religion wahr ist oder nicht. Wir können den Islam also menschenfeindlich bezeichnen. Soweit, so gut.
  2. Dem Staat kommt die Aufgabe zu, der Ablehnung von Menschen wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit entgegenzuwirken. Würden wir also Muslime als Gläubige ablehnen, müsste der Staat etwas tun. Dann gilt aber auch: Lehnen Muslime Andersgläubige, Frauen oder Homosexuelle ab, muss der Staat ebenso etwas tun.

Fassen wir nun zusammen, bleibt dem deutschen Staat in Sachen Islamophobie wenig zu tun, da es eben keine Muslimfeindlichkeit ist. Was die Einstellungen der hier lebenden Muslime betrifft, steht allerdings noch einiges an. Die Schaffung der DIK an sich ist schon Beweis genug dafür. Allerdings muss man Bielfeldt in einem Punkt Recht geben: Die Existenz der angeblichen Muslimfeindlichkeit wird in der öffentlichen Diskussion kaum noch angezweifelt. Und zwar nicht, weil sie großartig belegt ist, sondern weil ihre Lobby einfach besser funktioniert als die sogenannte islamkritische Szene.

Notes:

  1. Vgl. DIK, 16.11.2011.
  2. S. 3

4 Comments »

  1. cicero 28. Dezember 2011 at 18:34 - Reply

    Ähnliche Verhältnisse wie bei der Klimaforschung: Politik und Medien züchten sich ein paar Lieblingswissenschaftler (Potsdamer Klima-Institut, hier nun Heitmeyer), die dann das Feld beherrschen. Andersdenkende gehen auf Tauchstation oder werden verfehmt. Wissenschaft ist es dann natürlich nicht mehr.

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