Arabellion: Europas Stunde der Wahrheit?

23. Dezember 2011 1

Rezension zu Peter Scholl-Latour: Arabiens Stunde der Wahrheit

Demonstranten in Kairo am 29. Januar 2011 – Bild: Ramy Raoof / Wikipedia

Wenn der ewige Reisende und Weltdeuter Peter Scholl-Latour in seinem neuen Buch über die so genannte Arabellion erklärt, er habe die Ereignisse auf dem Kairoer Tahirplatz Ende Januar 2011 nur wie Millionen andere gewöhnliche Konsumenten bewegter Bilder in Paris verfolgt und er sei eben auch nicht mit der Eigenschaft der „Ubiquität“ ausgezeichnet, so klingt dies doch eher wie eine Koketterie. Tatsächlich kennt der Autor die seit Anfang 2011 vom politischen Aufruhr geprägten Regionen des Magreb und des Nahen Ostens wohl wie kaum ein zweiter Europäer.

Seit zwei Menschenaltern schon bereist der gebürtige Bochumer und notorische Verächter aller Schreibtischjournalisten die islamische Welt zwischen Rabat und Damaskus und kann daher mit gewohnter Eloquenz persönliche Erinnerungen, Zusammenhänge und Einsichten präsentieren, die man kaum jemals in einem ARD-Brennpunkt wiederfindet.

Bücher von Peter Scholl-Latour sind allerdings Geschmacksache: Wer seine eigenwillige Mischung aus Reiseschriftstellerei, ausschweifenden historischen Versatzstücken und durchaus treffenden Charakterisierungen prominenter und weniger prominenter Figuren mag, wird auch bei diesem Buch auf seine Kosten kommen. Beginnend mit Algerien und Tunesien liefert der Verfasser eine beeindruckende historisch-politische Tour d’horizon durch die arabische Welt, bei der auch sein Umweg über den Sudan und die südliche Sahelzone nicht weiter stört.

Wie gewohnt würzt Peter Scholl-Latour seine Betrachtungen mit Seitenhieben auf die Europäer und ihre scheinbar realitätsfernen Konzepte, wobei allerdings seine wohlwollenden Kommentare über den international gesuchten sudanesischen Präsidenten Omar el Bashir und Ibrahim el Zayat (Was machte der eigentlich im Sudan?) befremden.

Erstaunlich zurückhaltend zeigt sich Peter Scholl-Latour bei der Einschätzung der zukünftigen politischen Entwicklung im arabischen Raum. Die Ernüchterung der anfangs noch euphorisierten westlichen Korrespondenten und Mainstreammedien über die jüngsten Wahlergebnisse kommentiert er mit der Gelassenheit eines Elder Statesman: Die Araber müssen ihren eigenen politischen Weg gehen, auch wenn zunächst religiöse Fundamentalisten die Oberhand gewinnen. Westliche Demokratievorstellungen helfen hier seiner Ansicht nach kaum. Auch wenn Peter Scholl-Latour dem Islam als Religion nur wenig abgewinnen kann, bewundert er doch seine ungebrochene Vitalität als politische Ideologie, die es versteht, die Massen zu mobilisieren. Der Westen hat dem kaum etwas Vergleichbares entgegen zu setzen.

Wenn es tatsächlich eine bereits absehbare Konsequenz aus dem Umsturz in Arabien gibt, dann wohl die, dass der bisher noch von den gestürzten Diktatoren gehemmte Strom moslemischer Migranten sich nun ungebremst über Europa ergießen dürfte. Mit Dutzenden von Millionen Menschen muss sogar schon in naher Zukunft gerechnet werden. Das Mittelmeer wird nach Ansicht von Peter Scholl-Latour für sie kein Hindernis sein und dieser gigantische Exodus wird das Erscheinungsbild Europas für immer verändern. Insofern könnte sein Buch auch Europas Stunde der Wahrheit heißen.

Peter Scholl-Latour (2011): Arabiens Stunde der Wahrheit. Aufruhr an der Schwelle Europas. Berlin: Propyläen, 382 Seiten, 24,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

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