„Ohne Umverteilung verlieren Machthaber und Politiker alles“

19. Dezember 2011 0

Interview mit Jörg Schallehn über ökohumanes Wirtschaften, Geld als Recht und einen Weg aus der Krise

Gibt es einen Weg aus der Krise oder kippt der Euro bald endgültig? – Bild: Kurt F. Dominik / pixelio.de

Jörg Schallehn, seines Zeichens Bankkaufmann und Unternehmer, behauptet, mit einer einfachen und zugleich tiefgreifenden Änderung in unserem Denken über Geld, können wir einen Weg aus der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise finden. Darüber hinaus müssten wir für eine nachhaltige Stabilisierung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ein ökohumanes Denken entwickeln. Auf seinem Blog www.oekohuman.org erläutert er diesen neuen Ansatz tiefgehender. Für Citizen Times sprach Felix Strüning mit Jörg Schallehn über Geld, Sparen, Kredite und Ordnungspolitik nach der Krise.

Citizen Times: Herr Schallehn, Sie sagen, dass die derzeitige Krise von einem grundlegend falschen Verständnis des Geldes herrührt. Wo denken wir da falsch?

Jörg Schallehn: Geld ist Dreh- und Angelpunkt des Güterhandels und des Dienstleistungshandels, sowie aller unserer Handlungen und vor allem unseres Denkens und Fühlens. Damit lassen sich im Geld alle menschlichen Eigenschaften wiederfinden, ob sie günstig oder ungünstig sind. In einer egomanisch geprägten Gesellschaft, wird Geld immer vom Fleißigen zum Egomanen fließen. So entsteht die Schere zwischen Arm und Reich.

Schauen wir zunächst in die Ökonomie: In der Ökonomie, die unser Menschbild vom homo oeconomicus prägt, finden Sie die Annahme, dass Geld eine Ware ist. Manchmal etwas abgeschwächt, ein Warenäquivalent. Jedes Kind weiß aber, dass, wenn es eine Leistung erbringt, die Wohlgefallen bei einem Erwachsenen auslöst, das Kind dafür Geld bekommen kann. Vorher stand vielleicht eine Vereinbarung mit den Eltern. Das Kind verspricht, die Vereinbarung zu erfüllen und die Eltern versprechen Geld. Die Eltern hätten aber auch direkt etwas versprechen können, das sie gekauft haben.

Da ihr Kind aber nicht wusste und nicht sagen wollte welchen Gegenstand es begehrt, wird als eine Art Anrechtsschein auf die Gegenleistung Geld genommen. Die Eltern haben ihrerseits vorher diesen Anrechtsschein für eine Leistung erhalten, die von z.B. einem Arbeitgeber gebraucht wurde. Die Formel lautet demnach: jede Leistung, die eine Nachfrage hat, lässt Geld entstehen. Mit diesem Geld erwirbt sich jeder das Recht eine andere Leistung, die noch nicht aus dem Markt genommen wurde, zu erwerben. Menschen, die etwas leisten, das aber keiner haben will, erwerben kein Recht (Geld), um Waren oder Leistungen aus dem Markt zu nehmen.

Citizen Times: Folgen wir mal Ihrem Gedankengang und nehmen an, dass Geld keine Ware, sondern ein Recht ist. Wieso wären wir dann nicht in der jetzigen Krise gelandet?

Jörg Schallehn: Diese Frage umfasst viele Facetten. Die vier wesentlichen sind rechtlicher, mathematischer, psychologischer und ethischer Natur. Wenn Geld ein Recht ist, steht es unter dem Schutz von wirksamen Gesetzen inklusive der Menschenrechte. Dies hat weitreichende Konsequenzen, die diesen Rahmen sprengen würden.

Citizen Times: Ok. Dann lassen Sie uns bitte wenigstens einige Aspekte klären….

Jörg Schallehn: Mathematisch gesehen ist die Geldmenge begrenzt auf die sich noch im Markt befindenden Waren. Diese Geldmenge wird rechnerisch gekürzt, um die Menge, Geld, die schneller umläuft.

Citizen Times: Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Jörg Schallehn: Sie haben einen 50-Euro-Schein, mit diesem kaufen sie einen Gegenstand. Der 50-Euro-Schein bleibt nur kurz in der Kasse des Händlers, weil dieser einem Lieferanten etwas abkauft. Der Lieferant seinerseits hat noch eine Rechnung zu begleichen. Sie sehen Ihr 50-Schein-Schein wechselt laufend seinen Besitzer. Sie haben ihn vorher vieleicht von ihrem Arbeitgeber erhalten. Gewissermaßen wechselt das Recht laufend den Besitzer. Ein Gesetz würde diesem Umstand Rechnung tragen.

Nun gibt nicht jeder seinen Anrechtsschein sofort wieder ab, um sich seine gewünschte Gegenleistung aus dem Markt zu nehmen. Er spart. Er hat gelernt dieses Geld nicht unter das Kopfkissen zu legen, stattdessen bringt er diesen Anrechtsschein zu seiner Bank. Somit wird die Bank zu einer Sammelstelle von Anrechtsscheinen. Hier kommt nun die systemrelevante Funktion einer Bank zum Tragen. Wenn alle sparen, wird der Warenkreislauf unterbrochen. In der menschlichen Natur ist nicht bei jedem Menschen Vorsparen verankert, sondern eben auch Nachsparen, also Kreditaufnahme. Die Bank übernimmt einfach ausgedrückt eine Mittlerrolle. Theoretisch kann sie nicht mehr Kredite vergeben, als andere gespart haben. Gleichzeitig übernimmt die Bank auch die Verantwortung dafür, dass der Kreditnehmer seinen Kredit wieder zurückzahlt.

Die Bank hat im Kern auf die Kreditwürdigkeit (wie hat sich der Kreditnehmer in der Vergangenheit verhalten) und auf die Kreditfähigkeit (welche Leistungsfähigkeit hat der Kreditnehmer heute und in Zukunft) zu achten. Daneben muss die Bank noch auf stimmige Laufzeiten achten, auf ihr Haftungskapital und viele andere Einflüsse.

Aus dem Verhalten von Sparern, sprich der Psychologie, konnte die Bank nun mathematisch ableiten, dass sie mehr Kredite herausgeben kann, als an Spareinlagen vorhanden sind. Denn nicht jeder Sparer holt sein Geld wieder zum vereinbarten Zeitpunkt ab, sondern verlängert die Laufzeit. Damit steht der Bank weiter Liquidität zur Verfügung, die im Zusammenspiel mit der Hereinnahme von Sicherheiten wie z.B. einer Grundschuld und des Kapitaldienstes, die Banken befähigte, sieben- bis neunmal so viel Kredite herauszugeben. Auf diese Weise konnte die Bank, bei Erhöhung ihres Risikos ihren Verdienst ausweiten. Sie sehen, es wird mathematisch schwieriger, denn die Wahrscheinlichkeitsrechnung hält Einzug in die Berechnungen.

Citizen Times: Aber wo liegt jetzt das Problem?

Jörg Schallehn: Das Problem liegt in der richtigen Einschätzung der Marktkräfte und dem Vertrauen, dass die Sparer ihrer Bank gegenüber haben. Wenn viele Sparer ihr Geld zurück haben wollen, dann kommt die Bank zumindest in große Schwierigkeiten. Denken Sie an die Schlangen vor den Bankschaltern. Den Markt und das Risiko richtig einzuschätzen wird auch von Gewinn-Gier beeinflusst, denn Menschen, die eine tolle Idee haben, aber kein Geld, wollen auch Geld (Kredit) von der Bank. Das Risiko für die Kreditgeber steigt. Solange die Bank glaubt, das Risiko alleine tragen zu können, bildet sich keine Alternative.

Als die Banken aber nicht mehr dazu bereit waren, wurde ein neuer Markt geboren: die Börse. Hier kamen Sparer mit Kreditnehmern zusammen. Der Sparer wollte an der tollen Idee mit einem höheren Zins bzw. Gewinn partizipieren.  Dieser Sparer hat das Risiko, auf seinen Anspruch Waren aus dem Markt zu nehmen verzichten zu müssen. Ein Recht was jeder Inhaber von Rechten hat. Daran darf rechtlich auch nie gerüttelt werden.

Wenn es kein Gesetz gibt, das eine Transparenz herstellt, die Manager der Banken den Überblick verlieren und nicht dafür haften, wie geschehen, zahlen auch die, die das Risiko niemals eingegangen wären, die einfachen Sparer und Steuerzahler.

Citizen Times: Womit wir beim rechtlichen Aspekt wären?

Jörg Schallehn: Auch zur mathematischen Aufgabenstellung ließe sich noch sehr viel sagen. Hier liegt u.a. aus meiner Sicht auch die Daseinsberechtigung einer wahren Ökonomie, die die sie beeinflussenden Wissenschaftsgebiete wie z.B. Psychologie oder Rechtswissenschaft im Studium mit einschließt.

Im Kern kann man festhalten: Wenn Geld ein Recht ist, würden Gesetze den Fleißigen und Ehrlichen vor dem starken, Luftblasen produzierenden Menschen schützen. Eine Blasen-Wirtschaft entsteht u.a. aus diesem Mangel an Schutz. Hinzu kommt noch das psychologische Phänomen: der Mensch ist grundsätzlich ein lernendes und sich entwickelndes Wesen und er unterscheidet sich von anderen Wesen dadurch, dass er Ja und Nein zu seiner Bestimmung sagen kann. Einfach ausgedrückt, kann er im Gegensatz zum Baum ausprobieren, ob auch etwas anderes geht. Dadurch kommt es im Menschen zu Verzerrungen, die sich im Selbstwertgefühl niederschlagen. Wieder einfach gesagt, er kann seine Leistung richtig oder falsch einschätzen, er kann sie gut oder schlecht, subjektiv oder objektiv einschätzen. Und von der Einschätzung seiner Leistung hängt es ab, welchen Lohn (Geld) er verdient.

Wir erinnern uns: Geld entsteht durch eine Leistung, die eine Nachfrage hat. Im Zusammenspiel mit seiner Einschätzung und der Fremdeinschätzung entsteht das Spiel mit den Margen, hier liegen Fairness und Betrug nebeneinander, so wie Freiheit und Verantwortung. Darüber hinaus ist Schuld ein wunderbares Mittel,  Menschen zu dominieren. Hier liegt wiederum die Schnittstelle zur Ethik.

An dieser Stelle können Einsichten genügen: behandele jeden so, wie du selbst behandelt werden willst oder es gibt Gesetze, die den Rahmen für solche Erkenntnisse vorgeben.

Citizen Times: Ok, kommen wir zurück zur aktuellen Lage. Wie kommen wir denn nun mit Ihrem Denkansatz wieder aus der Krise heraus?

Jörg Schallehn: Es gilt eine Bestandsaufnahme zu machen, die herausfindet, wer, wie mit was an der falschen Annahme partizipiert hat. Im Ergebnis wird es um Ausgleich gehen. Wie dieser Ausgleich stattfinden sollte, kann ich nur andeuten. Wenn wir uns die Hitparade der Milliardäre und Halbmilliardäre anschauen und den Reichtum der größten Unternehmen hinzu addieren, werden wir feststellen, dass die Schulden in der Welt diesem Ergebnis sehr nahe kommen. Frei nach der Annahme, dass das Geld ist nicht weg ist, sondern dass es nur jemand anders hat.

Ich wage hier eine These: hätte Gaddafi die Zeichen der Zeit z.B. vor fünf Jahren erkannt und von seinen, in den Medien kolportierten 80 Milliarden, 60 Milliarden in sein Volk investiert, würde er heute noch regieren und leben. Er hätte sich und seiner Familie gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, langfristig große Teile wieder zurück zu bekommen. Mit dieser These würde ich arbeiten und alle Machthabenden und Politiker versuchen davon zu überzeugen. Wenn das nicht gelingt, werden viele Machthabende und Politiker zumindest ihre Macht verlieren. Dies steht im Zusammenhang mit meiner obigen Aussage, dass Macht nur vom Volk verliehen wird.

Citizen Times: Diese Umverteilung klingt ein wenig nach sozialistischen Ideen. Wie würde denn dann ein dauerhafter ordnungspolitischer Ansatz aussehen, der den von Ihnen benannten Prinzipien folgt?

Jörg Schallehn: Alle politischen Kräfte dienen der Qualität statt der Quantität und dem Logos statt dem Nomos.

Citizen Times: Auch das müssen Sie bitte erläutern…

Jörg Schallehn: Ich würde hierfür einen neuen Begriff einführen, der die Vielfalt genauso unterstützt wie die Einheit eines Staates oder in unserem Fall Europas. Denn Geld einigt auch in einer gemeinsamen Währung, in der sich die Staatengemeinschaft verpflichtet, den Anforderungen zu jeder Zeit gerecht zu werden. Dieser Begriff heißt Öko-Human.

Der erste Teil, das Öko, bezieht sich gleichermaßen auf Ökologie, Ökonomie und Ökumene im ethischen Sinne. Durch die Verbindung dieser Begriffe bringen wir zum Ausdruck, dass eine gesunde Wirtschaft die Naturgesetze aufgreift und sich nachhaltig an diesen ausrichtet. Ökonomie wird nämlich dann ökologisch, wenn sie sich an den natürlichen Kreisläufen orientiert. Sie ist ethisch und nachhaltig, wenn sie die Ressourcen für künftige Generationen achtet und erhält und – sofern möglich – wiederherstellt.

Der Begriff Human verbindet zwei unterschiedliche Ebenen: Den Menschen als lernendes Wesen, das Bewusstsein schafft und Bewusstsein erweitert, und den Menschen als Teil der in ihm wirkenden Naturgesetze. Anpassung und Differenzierung, Kommunikation und Kooperation, Verteidigung und Durchsetzung (als Ausdruck des Willens zu überleben) sind ebenso wie Würde, Sinngebung und Begeisterung Voraussetzung dafür, dass Leben erhalten wird und sich weiter entwickelt. Der Mensch als Teil der Natur und der Gesellschaft ist am Wirtschaftsprozess beteiligt, weil der Mensch handeln will, symbolisiert durch seine Hände.

Citizen Times: Und beides zusammen bedeutet dann?

Jörg Schallehn: Öko-Human bedeutet, eine Balance herzustellen zwischen Eigennutz und Gemeinnutz. Dies führt zum Gesamtnutz und damit zu einem Gewinn für alle. Öko-Human unterstützt ein natürliches Wachstum, das sich in drei Arten von Renditen widerspiegelt: einer ökonomischen, einer ökologischen sowie einer Sinn-Rendite. Voraussetzung hierfür ist vor allem wachsendes Bewusstsein einhergehend mit der Verbindung von umfassend verstandener Macht und Ethik, sowie der damit verbundenen Übernahme von Verantwortung.

Diese Politik schafft einen lebensbejahenden Rahmen in der Legislative, sie bringt Gesetze hervor, die einer natürlichen Ordnung entsprechen und den unbewussten Handelnden schützen. Der Bewusste und der Unbewusste werden entsprechend ihrer Anlagen und Potentiale gefördert. Die Steuergesetzgebung wird vereinfacht, so gibt es zum Beispiel nur noch die Umsatzsteuer. Ein Grundeinkommen mit Anforderungen wäre auch denkbar.

Die Judikative erhält Vollmachten, die der unabhängigen Aufgabe entsprechen. Eine entsprechende Reife des Bewusstseins ist dafür allerdings erforderlich. Diese Reife wird durch ein übergeordnetes Gremium laufend überprüft, ähnlich wie bei den Berufspiloten. Frei nach dem Motto: an den Früchten kann man sie erkennen.

Die Exekutive handelt ohne die übliche Lobby, hier gilt es, in die Tiefe zu gehen. Da die Natur Machtkonzentration als Prinzip kennt, ergibt sich ein natürlicher Interessenkonflikt, der nur durch Reife und Anspruch an sich selbst in Balance gehalten werden kann.

Schließlich kann man sich zu den vorgenannten und bekannten Aspekten der Gewaltenteilung noch die Monetative denken. Sie hat ausschließlich die Erhaltung der Geldqualität im Fokus, hierzu braucht es neben einem gut funktionierenden Immunsystem vor allem Transparenz.

Schließlich sollte es eine Art Kirche geben als philosophische, ethische und kulturelle Qualitätsinstanz, die die Aufgabe hat, alles Leben zu schützen, das Geborene und das Ungeborene für alle Generationen.

Mehr zu Jörg Schallehn und der Idee des OekoHuman unter www.oekohuman.org.

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