Die Rückkehr von KT

16. Dezember 2011 1

Karl-Theodor zu Guttenbergs „Vorerst gescheitert“ kritisch gelesen

Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg auf der 47. Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2011, damals noch Verteidigungsminister und im alten Look – Bild: Kai Mörk

Die Rückkehr des Karl-Theodor zu Guttenbergs hat begonnen. Am 11. September 2011 startet die Operation mit einem Foto, das ihn und seine Frau Stephanie am Ground Zero in New York zeigt. Einige Wochen später tritt KT beim International Security Forum in Halifax nach langer Zeit erstmals wieder öffentlich auf. Mit staatsmännischer Souveränität kritisiert er aus dem amerikanischen Exil die Krisenpolitik der Europäischen Union. Auch sein Aussehen hatte er in den zurückliegenden Wochen verändert: Die Gelfrisur und die Brille sind einem frischen Lothar-Matthäus-Aussehen gewichen. Eine Augenärztin soll ihm gesagt haben, dass er die Brille nicht mehr bräuchte.

In Deutschland beginnt man sich wieder für den ehemaligen Minister zu interessieren. Mitten in diese aufkeimende Debatte platzt dann eine Meldung der Staatsanwaltschaft Hof: Das Ermittlungsverfahren gegen den Freiherren sei gegen die Zahlung von 20.000 Euro eingestellt worden. Kurze Zeit später meldet der Herder-Verlag aus Freiburg, der Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo habe gemeinsam mit zu Guttenberg einen Gesprächsband geschrieben, der in wenigen Tagen erscheinen würde. Um die Inszenierung zu perfektionieren, veröffentlicht Die Zeit Auszüge aus dem Buch: Vorerst gescheitert soll die Antwort auf die vielen kritischen Fragen und Einschätzungen sein, die sich zu Guttenberg in den vergangenen Monaten stellen musste.

„Aufstieg und Fall“


Karl-Theodor zu Guttenberg (2011): Vorerst gescheitert. Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo. Freiburg: Herder, 208 Seiten, 19,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

Da liegt es also. Frisch rasiert, die Brille abgelegt und mit neuer Frisur; so hat sich Karl-Theodor zu Guttenberg für das Cover des Gesprächsbandes ablichten lassen. Sein Blick drückt einen gewissen Ernst aus. Im Gespräch mit di Lorenzo steigen die beiden gleich in den wohl umstrittensten Teil des Lebens des Freiherren ein: Die Promotion. Zu Guttenberg erklärt, wie er den Überblick über 80 Datenträger über die Jahre verloren haben will. Wie er unter der Doppelbelastung zwischen Doktorarbeit und der Verantwortung im Familienunternehmen zu leiden hatte. Di Lorenzo konfrontiert ihn mit den bekannten Vorwürfen: Er soll abgeschrieben haben, seine Doktorarbeit sei ein Plagiat, Fußnoten seien nicht richtig gesetzt worden. Zu Guttenberg sieht diese Unvollkommenheiten ein, spricht von „dem größten Fehler“ seines Lebens und zeigt Reue. Dennoch will er nicht bewusst getäuscht haben, spricht von Fahrlässigkeit, die seinem chaotischen Arbeitsstil zuzuschreiben sei.

Das Ergebnis der Prüfungskommission fällt allerdings anders aus, man wirft ihm eine wissentliche und gewollte Täuschung vor. Für zu Guttenberg ein Grund für persönliche Angriffe: Der Leiter der Kommission sei nicht unabhängig gewesen, die Entscheidung aus politischen Gründen gewollt, da der Kommissionsleiter Richter am Bundesverfassungsgericht werden wolle. Ob fahrlässig oder vorsätzlich, überzeugte Juristen müssen zu dem Ergebnis kommen, dass zu Guttenberg Urheberrechtsverletzungen zumindest billigend in Kauf genommen hat. Vielleicht war es seine Faulheit, die er schon als junger Schüler an den Tag gelegt haben soll. Nie sei es ihm beispielsweise gelungen, Gedichte auswendig zu lernen. In seiner Abizeitung schreibt er, er habe ohne viel Aufwand viel erreicht. So war es vielleicht auf bei seiner Promotion.

Anschließend kommen die beiden auf die Zeit nach den Enthüllungen zu seiner Arbeit zu sprechen. Eine unheimlich turbulente Phase für den damaligen Verteidigungsminister. Auf einer Reise nach Polen erfährt zu Guttenberg von seinem Sprecher von den Vorwürfen, die die Süddeutsche Zeitung am nächsten Tag veröffentlichen will. Bis 15 Uhr habe er für eine Stellungnahme Zeit. Völlig unmöglich, auf einer Auslandsreise eine Stellungnahme zu einer Arbeit abzugeben, die in der kurzen Zeit nicht aufzutreiben ist. Zurück in Deutschland bezeichnet er die Vorwürfe als „abstrus“. Zu diesem Zeitpunkt kann sich zu Guttenberg sicherlich nicht vorstellen, dass die Doktorarbeit einmal im Internet veröffentlicht wird und sich tausende Jäger auf die Jagd nach zweifelhaften Stellen in seiner Arbeit machen werden.

Einen Tag darauf geht es zum Truppenbesuch nach Afghanistan. Zu Guttenberg besucht den Außenposten Op North, an dem ein ehemaliger Bundeswehr-Freund mit seiner Truppe dient. Einen Tag später sterben genau dort bei einem Attentat zwei Bundeswehr-Soldaten. Zu Guttenberg erfährt erst wieder in Berlin von dem Vorfall. Jetzt beginnt die schwierigste Zeit als Minister. Kommunikationsdesaster, wie das im Ministerium, passieren. Einige Journalisten warten vor dem Verteidigungsministerium in Berlin, wollen eine Stellungnahme vom Minister. Zu Guttenberg lässt sie ins Ministerium holen, erklärt vor dieser kleinen Gruppe, er würde vorübergehend auf die Führung des Doktortitels verzichten. Einige hundert Meter weiter sitzt die Hauptstadtpresse im Haus der Bundespressekonferenz. Im Gespräch mit di Lorenzo erklärt zu Guttenberg nun, er habe nicht an die wartenden Journalisten der Bundespressekonferenz gedacht. Wer aber an diesem 17. Februar 2011 in der Pressekonferenz war, weiß, dass zu Guttenbergs Sprecher noch vor dem Beginn der Sitzung lange telefoniert hatte und dann dem Sprecher der Bundesregierung Steffen Seibert etwas ins Ohr geflüstert hatte. Als die Hauptstadt-Journalisten von der Erklärung erfuhren, verließen Sie die Konferenz.

Der Freiherr sagt im Gespräch, er habe der Bundeskanzlerin den Rücktritt angeboten, die habe aber abgelehnt. Schließlich kommt es doch zum Rücktritt, nachdem die gefallenen Soldaten beerdigt sind und zu Guttenberg die Gelegenheit hat, mit den Hinterbliebenen zu sprechen. Dies sei ihm sehr wichtig und ein Herzensanliegen gewesen. An diesen Stellen des Buches überzeugt er mit einer sprachlichen Intensität, die er auch schon während seiner Amtszeit an den Tag gelegt hat.

Im Frage-Antwort-Spiel widmen sich die beiden nun Guttenbergs Beziehung zur Truppe, den Abläufen nach der Kunduz-Affäre und wie er zu einer anderen Einschätzung der Lage gekommen ist. Er bespricht das Zusammenspiel mit Zeitungen und dem Boulevard. Selbst einige Anekdoten von seinem Umzug kommen hier zur Sprache, wie sich beispielsweise ein sehr aufdringlicher Fotograf in den Umzugswagen der Familie zu Guttenberg setzte, um exklusive Bilder zu haben. Diese Seiten lassen einen tiefen Einblick in die Seele des Freiherren als Verteidigungsminister zu. Fast die Hälfte des Buchs ist mit diesem ersten Kapitel auch schon gefüllt. Ob er sich damit wirklich den Fragen der Öffentlichkeit stellen wollte, kann bezweifelt werden. Vielmehr ist es als Vergangenheitsbewältigung zu verstehen und nicht umsonst schließt es mit der Sehnsucht: „in manchen Momenten bin ich froh, wenn ich mal nicht mit der Vergangenheit konfrontiert werde. Ich konzentriere mich jetzt nur noch auf Dinge, die mir Freude machen.“

„Herkunft und Prägung“

Nun folgt der Leser dem Freiherren ein gutes Stück in seine Vergangenheit. Im Leben des jungen Karl-Theodor ist die Trennung der Eltern ein einschneidendes Erlebnis. Dennoch gelingt es den beiden Elternteilen, dass ihre beiden Söhne oft genug auch bei der Mutter sein können. Zu Guttenberg beschreibt, wie er als leidenschaftlicher Reiter darüber nachdachte, eine Profikarriere anzufangen. Doch die vielen Turniere an denen er oft am Wochenende teilnehmen müsste, haben ihn davon abgehalten. Stattdessen sitzt er mit führenden Persönlichkeiten am Essenstisch. Politiker und bedeutende Unternehmer gehen auf der Burg Guttenberg ein und aus. Für den jungen Karl-Theodor eine faszinierende Zeit, in der er kaum etwas davon versteht, was dort am Essenstisch besprochen wird.

Bereits mit zwölf Jahren hält er seine erste Rede, bei irgendeinem Verein. Schon früh vertritt er seinen Vater bei den verschiedensten Veranstaltungen, selbst auf Beerdigungen. Auch werden er und sein Bruder bald in Entscheidungsprozesse im Familienunternehmen eingebunden. Entscheidungen, die ihn reich gemacht haben. Denn Maßstäbe, die an ihn angelegt werden, will er gerecht werden. Auf diesen Seiten protzt zu Guttenberg nur so von Selbstverliebtheit und hier kommt auch das egozentrische Element des Buchs zum Ausdruck, das er über die Jahre an den Tag gelegt hat und das bei vielen Lesern Kritiker hervorruft. Auch hier lässt der letzte Satz des Kapitels den Schluss zu, dass es sich mehr um eine Vergangenheitsbewältigung handelt: „Ich bin durch das, was sich in diesem Jahr abgespielt hat, auch schwer gezeichnet. Die Erinnerung daran fällt mir nicht leicht.“

„Politik und Parteien“

In seinem neuen Leben hat er im Rahmen eines Think-Tanks nun die Möglichkeit, an einem Programm zu schreiben, „selber zu schreiben“, darauf legt er Wert. Zu Guttenberg erklärt in aller Kürze die Zusammenhänge internationaler Kapitalflüsse, die nur wenige Menschen verstünden. Er sieht sich jetzt offenbar als einen der wenigen. Daher steht er auch heute noch zu der Entscheidung, Opel in die geregelte Insolvenz zu schicken, statt mit Milliarden Euro an Steuergeldern zu retten. Dass er sich auf seinen Auftritt in Halifax gründlich vorbereitet hatte, lässt er auf vier Seiten erkennen, in denen Guttenberg die gemachten Fehler in der Krise darlegt, um anschließend möglichen Auswege darzustellen. Die Gedanken sind zwar von zwei renommierten Professoren übernommen und keineswegs von Guttenberg selber entwickelt. Doch die klare Sprache zeugt davon, dass er sich auch kritisch mit der Thematik auseinandergesetzt hat und hier sachlich wieder den Wirtschaftsminister geben kann. Überhaupt kann damit zu rechnen sein, dass zu Guttenberg nach dem Interview einen erneuten Blick auf den Gesprächsband geworfen und fast jede seiner Antworten überarbeitet hat.

Die Vorwürfe gegenüber seiner Partei, der CSU, haben nach dem Bekanntwerden für teilweise sehr heftige Reaktionen bei seinen alten Mitkämpfern geführt. So führt zu Guttenberg aus, warum die Politikverdrossenheit immer weiter zunimmt und es Zeit für eine starke „politische Kraft der Mitte“ werde. Deren Programm erläutert er in Eckpunkten von der Klimapolitik bis zur Integrationspolitik. Einen Schwerpunkt legt er dabei auf Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Gleichzeitig will er neue Anreize für junge Menschen schaffen, die sich in der Politik engagieren wollen, wie höhere Diäten. Auf diesen Seiten kann einem ernsthaft der Gedanke kommen, zu Guttenberg arbeite bereits an dem Aufbau und den Strukturen einer neuen Partei. Er formuliert nicht nur ein klares Programm, sondern wägt auch die Möglichkeiten ab, dieses dem Volk näher zu bringen; wie beispielsweise durch Besuche bei „Wetten das?“.

„Gegenwart und Zukunft“

Auf den letzten 10 Seiten lässt Guttenberg keinen Zweifel mehr darüber aufkommen, dass er den Weg wieder nach Deutschland suchen wird. Allerdings wolle er noch einige Zeit in den Vereinigen Staaten bleiben und es genießen, unerkannt mit dem Vorstadtzug durch die Landschaft zu fahren und auch als ganz normaler Gast an Veranstaltungen teilzunehmen, ohne dass ein Platz für ihn in der ersten Reihe reserviert sein muss. Ob er den Weg in die Politik finden wird, bleibt fraglich. Er hat sich alle Wege offen gehalten, auch die Wirtschaft steht ihm offen, obwohl KT dies finanziell nicht tun müsste. Äußern will er sich in Zukunft weiterhin zu politischen Themen, doch wohl eher erst nach 2013.

Am Ende bleibt beim Leser nur eine Enttäuschung, nämlich, dass die auf dem Schutzumschlag angekündigten Schlagabtausche zwischen di Lorenzo und zu Guttenberg ausgeblieben sind. Wer zu Guttenberg jedoch vermisst und mal wieder eine volle Ladung davon braucht, für den sollten die 20 Euro trotzdem kein Hindernis sein.

Karl-Theodor zu Guttenberg (2011): Vorerst gescheitert. Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo. Freiburg: Herder, 208 Seiten, 19,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

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