Die islamische Renaissance

3. Dezember 2011 3

Leitartikel: Vom Sieg der Islamisten und der Schwäche des Westens

Eine der wichtigsten Instanzen in der islamischen Welt: die Universität von Kairo

Wie in Tunesien und Marokko gingen auch in Ägypten die Islamisten als Sieger aus der Wahl hervor. Zwar fand bisher nur eine von drei Wahlen statt, was dem komplizierten ägyptischen Wahlsystem geschuldet ist, doch muss davon ausgegangen werden, dass sich das Ergebnis bei den kommenden beiden Wahlen nicht wesentlich anders darstellen wird.

Die großen Sieger

Die großen Sieger sind die Muslimbrüder, die für die Einführung der Scharia angetreten sind. Sie errungen nach aktuellen Hochrechnungen mehr als 40 Prozent der Stimmen. Noch radikaler sind die Salafisten, die es wohl auf ein Viertel der Stimmen brachten. Damit haben die Islamisten bei der ersten freien Wahl in Ägypten zusammen gut zwei Drittel der Wählerstimmen erreicht. Das sind sogar deutlich mehr, als in anderen nordafrikanischen Staaten.

Erschreckend ist dies vor allem angesichts der Tatsache, dass Ägypten vor einigen Jahrzehnten zwar kein freier, liberaler Staat war, aber doch eine recht freie, liberale Gesellschaft. Nun scheint sich jedoch zu wiederholen, was 1979 im Iran geschah: die Islamisten übernehmen die Macht und es kommt zu einer Renaissance des Islam.

Der westlichen Gesellschaft in allen Punkten unterlegen

Machtübernahme im Iran: Ajatollah Chomeinis

Auch der Iran war Jahrzehntelang weit entfernt von der streng-orthodoxen Gestalt der Gegenwart. In den Jahrzehnten vor der Machtübernahme duch die Islamisten hatte sich eine gut gebildete Bürgerschaft entwickelt. Auch heute noch wünschen sich viele Iraner eine Gesellschaft nach westlichem Vorbild. Doch seit der Übernahme durch das Mullah-Regime wäre die einzige Möglichkeit des Bürgertums, die Macht der herrschenden Fundamentalisten zu brechen, faktisch die Revolution. Und ähnlich wie hierzulande ist auch in islamischen Ländern das Bürgertum nur schwer bis gar nicht zu Protesten und Revolutionen zu bewegen.

Hat die Überlegenheit des Westens anerkannt: Kemal Atatürk

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Kemal Atatürk versucht, sein Heimatland, die Türkei, zu verwestlichen. Die Politik Atatürks war von der Erkenntnis gezeichnet, dass der Islam als Gesellschaftsform der aufgeklärten, westlichen Gesellschaft in quasi allen Punkten unterlegen war.

Die historische Schwäche des Westens

Jahrhundertelang hatte sich der Islam ausgebreitet, bis 1683 eine verheerende Niederlage vor Wien den Untergang einleitete. Der Westen setzte sich aufgrund technologischer Überlegenheit durch und kolonialisierte Weite Teile der vormals von islamischen Kriegern eroberten Ländereien. Der Islam hatte, so schien es, den Krieg der Kulturen verloren. Attatürks Politik der Verwestlichung des vormals so stark expandierenden osmanischen Reiches war nichts weiter als ein Eingeständnis dieser Unterlegenheit.

Umso bemerkenswerter ist es, dass nun der Islam als Gesellschaftsform eine Renaissance erfährt. Sein Siegeszug ist der historischen Schwäche des Westens geschuldet: linke Kräfte führen seit Jahrzehnten in zahlreichen Ländern einen Krieg gegen die eigene, nationale Identität. Der Kolonialismus beispielsweise wird als historische Verfehlung definiert, obwohl Eroberungen und Landnahmen bis dahin das selbstverständliche Ziel eines jeden Volkes war, gleich ob westlich, islamisch, afrikanisch oder fern-östlich.

Die direkte Folge der Kulturrevolution in westlichen Ländern

Kulturrevolution in Deutschland: Berliner Hausbesetzer (Bild: Kurt Jotter)

Der neuerliche Siegeszug des Islam ist – auch hierzulande – die direkte Folge der Kulturrevolution in westlichen Ländern. Er ist Ausdruck der Schwäche des Westens und seiner selbstverschuldeten Unfähigkeit, für Werte wie Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Aufklärung zu werben. Angesichts der Art und Weise, wie gerade in westlichen Ländern die eigene Identität und die historischen Errungenschaften des eigenen Kulturkreises verklärt, teilweise gar verteufelt werden, kann das nicht verwundern.

Mit dem Islam befindet sich nun ein totgeglaubter Totalitarismus wieder auf dem Vormarsch. 20 Jahre nach dem Sturz des russischen Kommunismus wäre es daher dringend notwendig, dass sich der Westen endlich wieder seiner Stärken besinnt, anstatt diese weiter mittels Kulturrelativismus, Wertelosigkeit und Hypertoleranz abzuschaffen, und zwar zugunsten einer neuen, geostrategischen Bedrohung.

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