Ich glaube, also bin ich – nackt

2. Dezember 2011 0

Die Politik geht vor die Hunde: Konvertieren ohne Verhüllung

Anhänger der WGUSCH-Religion? – Foto: Daniel Stricker / pixelio.de

Ich bin konvertiert. Musste mal sein. Vorgestern, in der Sauna. War höchste Zeit. Jetzt wo Hinz und Kunz voller Glauben sind und sich die Gelehrten und Ungelehrten über Gott und die Welt streiten, als fiele ihnen der Himmel auf den Kopf. Ich wollte bei so viel Frömmigkeit nicht mehr als Ungläubiger auffallen, weder nachts in der U-Bahn oder beim Gemüsehändler. Aber einfach war das nicht, das sage ich Ihnen. Ich konnte mich nur schwer entscheiden. Religionen gibt es mittlerweile ja überall im Sonderangebot. Man muss nur zugreifen, die Preise, außer bei einigen Luxus-Sekten, sind gottlob auch human. Aber dennoch, die angebotenen Hauptreligionen sind für mich als Skeptiker irgendwie nicht das richtige. Die Christen sind mit zu gutgläubig, die Buddhisten zu leichtgläubig und die Islamisten zu strenggläubig. Ich hätte gerne etwas dazwischen gehabt, sozusagen von jedem ein bisschen. Aber das ging natürlich nicht, da hätten mir die Religionsführer ihre heiligen Schriften ins Gehirn geschraubt.

Aber vorgestern in der Sauna war mir das Glück einfach mal hold, andere würden sagen, da hätte ich eine Erscheinung gehabt. Egal, auf jeden Fall saß neben mir ein fülliger Mann, nackt und schwitzend wie ich und lächelte verträumt gegen die beschlagende Tür, während der vierte Aufguss gerad am Abklingen war, also bei knapp 120 Grad Celsius.

Diese Lächeln steckte mich an und so grinsten wir uns kurz darauf gegenseitig an und kamen ins Gespräch. Ich erzählte ihn von meiner Suche nach dem rechten Glauben und er erzählte mir, er hätte ihn erst kürzlich gefunden. Na, das traf sich gut. Nach der kalten Dusche schlürften wir in den Ruheraum und er holte aus seiner Sporttasche ein Müsliriegel und ein Blatt Papier, auf dem stand folgendes:

Die nackte Wahrheit – oder die Wie-Gott-uns-schuf-Lehre (WGUSCH-Lehre)

Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde und siehe da: Adam und Eva waren nackt. Nicht mal ein Feigenblatt verdeckte ihre Scham – bis die Zensur sie etwas Besseres lehrte. Gott aber, so glauben wir, wollte nicht, dass wir Menschen uns verhüllen und mit Stoff beschweren. Denn nackt ist die Wahrheit und nackt sind die Tatsachen.

Wir Mitglieder der WGUSCH-Gemeinde glauben an diese nackte Wahrheit und laufen deshalb ohne zweite Haut herum, blank, wie Gott uns eben schuf. Wir trotzen Kälte und Nässe, tun Buße wenn uns friert und waschen im eisigen Regen oder Schnee unsere Seele rein.

Wir verhüllen uns nicht, denn wir haben vor Gott und den Menschen nichts zu verbergen.

Aber bitte, liebe Mitglieder der WGUSCH-Gemeinde: Achtet die Sitten und Gebräuche, die Gesetze und die Kultur der Menschen, dessen Gäste ihr seid. Verhüllt Euch, wenn sie es Euch befehlen, mit ihren Lumpen und Lappen. Es wird Euch schmerzen, Eure Seele quälen, aber Euren Leib schützen vor denen, die unseren Glauben verhöhnen und missachten wollen.

Macht Euch nicht zu Herrschern über andere. Zürnt nicht den Andersgläubigen, den Strenggläubigen, den Gutgläubigen, den Leichtgläubigen. Bekehrt sie nicht, zieht nicht über sie her und zieht sie auch nicht aus. Denn siehe da, es kommt der Tag (oder die Nacht) da werden sie, von Wolllust gepeinigt und von Gier geschlagen, sich wieder ihre Kleider vom Leibe reißen und zu uns kommen.

Das klang freundlich, einleuchtend und einladend. Und es passte hervorragend zu meinem Zustand und der Umgebung.

Ich fand es nur komisch, dass ich von diesem Glauben noch nichts gehört hatte. Aber auch dafür hatte der nette Herr, der sich jetzt als Oberhirte dieser Gemeinde zu erkennen gab, eine Erklärung.

„Die WGUSCH-Lehre ist so alt wie die Menschheit, Adam und Eva waren die ersten Anhänger, doch die Lehre konnte sich nicht so recht verbreiten. Zu gefährlich lebten deren Mitglieder, sie wurden verfolgt von den anderen und ob Ihrer Nacktheit verflucht und verdammt. So mussten sie sich heimlich treffen. Es gab keine weiteren Schriften, die Lehre wurde von Mund zu Mund verbreitet. Nur hier und da, auf FKK-Geländen zum Beispiel, trafen sie sich heimlich und unerkannt. Erst jetzt, tausende Jahre später, in einer Zeit, in der fast jeder im Internet einen anonymen Blog betreibt, haben sich die treuesten WGUSCH-Glaubensbrüder in die Öffentlichkeit gewagt: www.wie-gott-uns-schuf.de

Aufgeregt zog ich daraufhin einige Zeitungen aus dem Ständer. Die Aufmachergeschichten waren voll mit nackten Menschen, die bei Protesten blank gezogen hatten, selbst in islamisch geprägten Ländern wie Ägypten. Die aufgebrachten Menschen nahmen kein Blatt mehr vor den Mund oder sonstige Körperteile.

Ganz klar ein Zeichen: Diese Religion war eindeutig im Kommen. Da musste ich einfach dabei sein. Also unterschrieb ich noch vor Ort – zog mich aber vorsichtshalber an, als ich die Sauna verließ.

Doch ich freue mich schon auf nächste Woche, wenn wir WGUSCH-Gemeinde-Mitglieder nackt durch Kreuzberg schlendern. Das hat doch was, wo sich in unserem Land immer mehr Menschen aus religiösen Gründen bedeckt halten, wäre es doch alleine für das Stadtbild zum Vorteil, wenn auf der anderen Seite wieder Menschen wie ich herum laufen würden, wie Gott uns schuf. Auf jeden Fall bin ich gespannt, wie unsere Religionsfreiheitskämpfer der Piraten, Grünen und Linken darüber denken

Ich glaube, sie werden jubeln und ebenfalls konvertieren. Aber Glauben heißt nicht wissen.

Leave A Response »