Virtuelle Öffentlichkeit?

29. November 2011 0

Grundlegendes zu Parallel- und Gegenöffentlichkeiten im Internet

Wikipedia – die wohl bekannteste virtuelle Öffentlichkeit (Screenshot Startseite)

Im Internet haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Individuen zu verschiedensten Gruppierungen vernetzt. Diese sind allerdings oft weit verstreut, voneinander getrennt und bewegen sich oft auch nur im eigenen Kreis. Man könnte von regelrechten Parallel- und Gegenöffentlichkeiten sprechen, vor allem wenn sie inhaltlich politisch aufgeladen sind und sich als Gegenbewegung zum sogenannten Mainstream verstehen. Besondere Größe haben dabei eurokritische und islamkritische Spektren erreicht. Letztere habe ich an anderer Stelle versucht, als Bürgerliche Islamkritik zu definieren.

Doch kann man angesichts der im Verhältnis zur Bevölkerung nicht gerade riesigen Gruppierungen überhaupt von Öffentlichkeit sprechen? Einige grundlegende Überlegungen scheinen hier angebracht.

Im Jahr 1962 veröffentlichte der deutsche Philosoph Jürgen Habermas erstmals seine erweiterte Dissertationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. 1 Darin zeigte er auf, wie sich im Laufe des 18. Jahrhunderts in England, Frankreich und dem deutschsprachigen Raum eine literarische Öffentlichkeit entwickelte. Diese hatte ihre Ursprünge in den überall entstehenden Kaffeehäusern, Salons und Tischgesellschaften. Bald transformierte sich die Thematik von rein künstlerischen und literarischen Aspekten hin zu ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen. Durch die daraus entstehende Kritik am Souverän und dem Herrschaftssystem an sich, tauchte eine erste politische Öffentlichkeit auf, allein durch die Kraft des Arguments hierarchisiert. Träger dieser Öffentlichkeit war die ‚bürgerliche Gesellschaft‘, die sich explizit als vom Staat getrennt wahrnahm.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts sieht Jürgen Habermas jedoch eine Trendwende, Öffentlichkeit wird nun durch die starke Kommerzialisierung zunehmend den Einzelinteressen von ökonomischen Machtpositionen unterworfen. Die entstehenden Massenmedien erschweren laut Habermas den Zugang für einen Input in die Öffentlichkeit und lassen den Bürger zum Konsumenten von Information verkommen. Insbesondere die im 20. Jahrhundert aufkommende Werbung und Public Relations machen dem Autor Sorgen. Mit der immensen Erweiterung der Sphäre der Öffentlichkeit sieht Habermas einen Funktionsverlust einhergehen.

Man könnte nun in der Folge Habermas‘ Öffentlichkeit als ein singuläres Phänomen des 18. und 19. Jahrhunderts und der bürgerlichen Gesellschaft begreifen, das zwar zur Befreiung aus dem absolutistischen Staat geführt hat, mit seiner Verschiebung in den Bereich der Wirtschaft allerdings seine Kernfunktionen der allgemeinen Zugänglichkeit verlor.

Ich will in dieser Arbeit hingegen argumentieren, dass sich Öffentlichkeit seit ihrer Entstehung im 18. Jahrhundert nicht nur permanent räumlich ausdehnte, sondern auch strukturell wie technisch ihren lokalen Bezug aufgab. Dadurch bedingt fand ebenfalls eine ‚Entpersonalisierung‘ statt, Öffentlichkeit wurde immer weniger von einzelnen Kommunikatoren abhängig. Öffentlichkeit ist demzufolge nicht mehr zwangsläufig an die Existenz einer bürgerlichen Gesellschaft gebunden. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit scheint also keineswegs abgeschlossen zu sein.

Ob auch die Inhalte von Öffentlichkeit sich wandeln, wird ein weiterer Diskussionspunkt dieser Arbeit sein. Jürgen Habermas‘ Sichtweise einer gänzlich auf Konsum ausgerichteten Bürgerschaft erscheint mir doch etwas kurzsichtig.

Anhand von drei Dimensionen der Öffentlichkeit will ich hier zeigen, wie eine permanente Virtualisierung der Öffentlichkeit stattgefunden hat und immer noch stattfindet. Dazu wird sich ein erster Blick den technischen, strukturellen und organisatorischen Eigenschaften von Öffentlichkeit zuwenden. An zweiter Stelle werden die Teilnehmer – oder auch Kommunikatoren – der Öffentlichkeit untersucht. Zuletzt werde ich die Inhalte daraufhin überprüfen, ob sie noch immer den Kriterien einer politischen Öffentlichkeit entsprechen oder sich genuin anderen – z.B. privaten oder ökonomischen – Themen zuwenden.

Begriffsklärung

Öffentlichkeit wird auch in der Philosophie meist als ein politischer Begriff verstanden. Andere Dimensionen einer Kultur- oder Wissensphilosophie dürfen aber nicht außen vor bleiben. Denn Öffentlichkeit erstreckt sich über viele Bedeutungsvarianten: Als Gegenteil einer geschlossenen Gesellschaft, ist jene öffentlich, zu der (theoretisch) alle Zugang haben. In Abgrenzung zu privaten Gebäuden, sind diejenigen öffentlich, die Einrichtungen des Staates oder seiner Vertretungen beherbergen. Diese Gebäude müssen dafür nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Allgemein wird der Staat als ‚öffentliche Gewalt‘ bezeichnet, worin sich die Tatsache spiegelt, dass er alle seine Staatsbürger vertritt, auch wenn er sich z.B. gegen einzelne von ihnen wendet.

Diese Zuschreibungen und Abgrenzungen zeigen bereits den Unterschied zum privaten Raum, in dem praktisch gesehen ganz andere Regeln gelten können, als z.B. bei der demokratischen Legitimierung von Entscheidungen. Öffentlichkeit ist aber über seine Abgrenzung zum Privaten hinaus eine Konstruktion, die beschreiben soll, was nicht nur ein Individuum, sondern eine beliebig große Gruppe betrifft, also für alle enthaltenen Individuen gelten soll: Die öffentliche Meinung, die im Einzelfall gar nicht existieren kann, da jedes Individuum über ein Thema unterschiedlich denken kann und in der Realität auch größtenteils wird. „Das Subjekt dieser Öffentlichkeit ist das Publikum als Träger der öffentlichen Meinung“, 2 sagt Habermas und zeigt, wie Subjekt und Objekt der Öffentlichkeit identisch gedacht werden können, Öffentlichkeit also reflexiv wirken kann, wenn sie sich nicht explizit gegen einen Souverän oder ähnliches richtet.

Öffentlichkeit, von Habermas vorwiegend als eine Kategorie der Bürgerlichkeit gedacht, definiert er als „die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“, 3 die selbst nicht herrschen und die die herrschende, öffentliche Gewalt auch nicht teilen wollen. Vielmehr unterlaufen sie das Prinzip der Herrschaft also solcher, indem sie mittels Publizität Kontrolle ausüben.

Im zweiten Teil erfahren Sie mehr über die strukturellen und organisatorischen Bedingungen von Öffentlichkeit.

Notes:

  1. Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962, um ein Vorwort erweiterte Neuauflage, Frankfurt/Main 1990
  2. S. 55
  3. S. 86

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