Stirbt der Euro, soll sein Mahnmal leuchten!

25. November 2011 0

Wolfgang Hübner: Frankfurts Wahrzeichen plötzlich heiß umstritten

Plötzlich heiß umstritten: das "Euro-Mahnmal" in Frankfurt am Main

Was waren die Parteien, Politiker, Banker und viele andere so stolz und glücklich in Frankfurt, als vor einem Jahrzehnt der Euro die D-Mark als Währung ablöste. Und niemand störte sich daran, dass der mit allen Wassern des einträglichen Kunstgewerbegeschäfts gewaschene Kunstprofessor Ottmar Hörl der Stadt auf öffentlicher Fläche in bester Lage vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank seine Euro-Skulptur andiente.

Auch in den vergangenen Jahren nahm daran kaum jemand Anstoß – im Gegenteil: Die in der Dunkelheit attraktiv beleuchtete Hörl-Schöpfung erlangte durch de Medien einen Bekanntheitsgrad, der den des Goethe-Hauses, der Alten Oper und des Römers international, aber auch national längst weit übertrifft. An dieser vielleicht doch etwas fragwürdigen Popularität haben sich bislang übrigens weder Oberbürgermeisterin Roth, noch der Magistrat und auch keine größeren Bevölkerungsgruppen in Frankfurt je gestört. Aber bis vor einiger Zeit schien ja auch die Euro-Währung die Krönung aller Bemühungen um ein geeintes, starker und friedliches Europa zu sein.

Niemand hat das klarer ausgedrückt als die regierende Bundeskanzlerin mit ihrem historischen Wort: „Scheitert der Euro, scheitert Europa!“ Ob Europa, das ziemlich lange ohne den Euro existiert hat, wirklich samt der Währung einiger seiner wichtigsten Staaten „scheitern“ wird, darf zwar optimistisch bezweifelt werden. Aber dass der Euro nicht im Sterben liegt, daran mögen nur noch diejenigen glauben, die im Todesfall dann blamiert bis auf die Knochen dastehen und angstvoll dem Zorn der um ihr Geld und um ihre Illusionen geprellten Massen entgegen zittern werden.

Doch wer stirbt, ist bekanntlich noch nicht tot. Zumal manchmal solch ein Sterben manchmal ziemlich lange dauert und im konkreten Fall dank allermodernster Finanzmanipulationen und Rettungsoperationen auch noch quälend schmerzhaft gerät. Für halbwegs sensible Zeitgenossen verbietet es sich da, schon vor dem letzten Atemzug des Todkranken über dessen Entsorgung öffentlich Worte zu verlieren.

Nicht zu diesen halbwegs sensiblen Zeitgenossen zählt verwunderlicher Weise offenbar Oliver Reese, seines Zeichens Intendant vom Schauspiel Frankfurt. Das verwundert deshalb, weil Herr Reese ungeachtet einiger  unter seiner Verantwortung grobschlächtiger Inszenierungen  als studierter Theater- und Literaturwissenschaftler ein hochgebildeter Mann ist. Gleichwohl hat der Intendant in einem Zeitungskommentar eine scharfe Attacke gegen die Euro-Skulptur geritten, die er als „brachial fantasielos“ und „erschreckend sinnentleert“ bezeichnet und ihre Entsorgung ins Museum (wahrscheinlich ins gerade abgerissene Historische Museum) gefordert, damit sie dort „als Erinnerung an die „sonderbare Idee einer ,City of Euro'“ diene.

Da Herr Reese schon einige Jahre Schauspielintendant in Frankfurt ist und somit in unmittelbarer räumlicher Nähe der grellen Skulptur seines Amtes walten muss, ist seine  harsche Intervention nur so zu verstehen, dass er in keiner Weise mehr an das offensichtlich scheiternde Währungsexperiment Euro erinnert werden möchte. Hinzu  kommt seine unverhohlene Abneigung, ja Abscheu gegen „Eurokunstvater“ Hörl: „Ausgerechnet Ottmar Hörl! Ein kunstgewerblicher Massenproduzent von populärtauglichem Nippes.“ Hörl sei es gelungen, Berlin, wo Reese lange tätig war, „mit seinen Kunterbunt-Bären in einen albernen Blechzoo zu verwandeln.“ Und nicht ganz ohne typisch teutonischen  Sozialneid stellt Reese fest: „Mit seinen Plastik-Dürer-Hasen- Abgüssen verdient er vermutlich gut“.

Nun verdient auch der Chef des hochsubventionierten Frankfurter Schauspiels eher gut, was durch erhebliche Einnahmen der Stadt aus der Versteuerung von allerlei moralisch anfechtbaren Bankgeschäften nicht gerade erschwert wird. Das hindert  jedoch Reese, der sich als Occupy-Sympathisant zu erkennen gibt, nicht daran, „diese Skulptur“ als „eine präpotente Abbildung eines inzwischen zusammengekrachten Geldzentrismus“ zu schmähen. Damit hat der Amateur-Finanztheoretiker Reese nicht nur einen begrüßenswert griffigen Ausdruck für das Euro-Abenteuer formuliert, sondern auch ganzen Generationen von Politikern, Ökonomen und Leitartiklern eine so schallende Ohrfeige verpasst, dass neben dem unheilbaren Patienten Euro auch noch andere ernste Krankheitsfälle zu befürchten sind.

Mit Ottmar Hörl, einem gebürtigen Hessen und Absolvent der Städel-Schule in Frankfurt, hat sich der Intendant allerdings einen Künstler zum Feind gemacht, der sich als ausgesprochen politisch und progressiv  versteht. Deshalb reagiert Hörl nicht nur empört auf Reeses Kritik, sondern holt – aktuell gerade besonders erfolgversprechend – tief beleidigt den ultimativ wirksamen Hammer heraus, um seinen Gegner ins Abseits zu stellen: „Das ist eine Frechheit, was Herr Reese da fordert und erinnert mich an den Nationalsozialismus, als vermeintlich Starke die Meinung Schwächerer zerschlagen wollten“.

Im Gegensatz zum 1964 geborenen Reese ist Hörl ein alter 68-er und weiß deshalb, welches Panzerfaust-Argument eingesetzt werden muss, um allzu kecke Nachgeborene wieder hinter die Bühne zu treiben. Unterstützung erfährt Hörl auch vom Vorsitzenden des Vereins, dem die Skulptur gehört: „Diese Arroganz der Kulturleute nervt mich, denn auch Kultur lebt vom Geld“. Die gerade mit ganz anderen Sorgen belastete EZB lässt nicht ohne Ironie verlauten, kein gesteigertes Interesse an der Skulptur zu haben: „Manche Geschenke mag man eher als andere“.

Und was macht die Stadt Frankfurt respektive ihre derzeit Verantwortlichen?

Die sind hin- und hergerissen. Der Tourismuschef gibt zu bedenken, die Skulptur sei „ein Symbol für unsere Stadt und deswegen auch für den Tourismus von großer Bedeutung“. Das Kulturdezernat hingegen  gibt Widersprüchliches von sich, offenbar ist man dort nicht sicher, wer von den Konfliktparteien die stärkeren Truppen ins Feld zu führen vermag, wenn die Entscheidungsschlacht um den von gelben Sternen umkränzten blauen Riesen-Euro vor der EZB auf dem Spielplan stehen wird.

Als Termine dafür in  Frage kommen entweder das Ableben der Euro-Währung nach längerer schwerer Krankheit oder der Umzug der Zentralbank ins Ostend, wo der spektakuläre Neubau sichtlich in die Höhe schießt.  Da derzeit mehr für die erste Möglichkeit spricht, die zugleich das Ende der zweiten Möglichkeit bedeuten würde, ist es dringend angebracht, schon jetzt mit aller Leidenschaft zu plädieren: Lasst Hörls Euro-Skulptur in der ohnehin auf unabsehbare Zeit vom Occupy-Zeltlager enteigneten Anlage stehen als Mahn- und Grabmal für einen großen Traum, der als Alptraum endete!

Wir haben in Deutschland weltweit die mit Abstand meisten Mahnmale, die an Niederlagen, Staatsverbrechen und Massenmorde erinnern, da kommt es auf eines mehr oder weniger doch nun wirklich nicht an. Und wird das nicht in all dem Unglück über die geplatzte Währung doch ein wunderbares Nachspiel sein: Der Euro ist Geschichte, doch Nacht für Nacht glüht – selbstverständlich atomstromfrei und ungezählte Schulklassen sowie schadenfroh fotografierende Chinesen anlockend – die Erinnerung an diese Währung mitten in Frankfurt, also mitten in Deutschland und Europa!

Text: Wolfgang Hübner (Fraktionsvorsitzender der FREIEN WÄHLER im Frankfurter Stadtparlament „Römer“)

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