Politik: ideologisch & beliebig zugleich

25. November 2011 0

Zwischen Ideal und Ideologie (III) – Bausteine für eine freiheitliche Politik im 21. Jahrhundert

In den beiden vorherigen Artikeln dieser Serie wurde gezeigt, dass gerade jetzt der Zeitpunkt für eine am Ideal der größtmöglichen Freiheit des Menschen orientierte Politik ist und dass politische Akteure für ihre Kommunikation Ideologien bzw. ideologische Konstrukte nicht mehr verwenden können. Wenn also ein politischer Akteur eine freiheitliche Politik betreiben will, muss er viel mehr seine eigentlichen Werte und Ideale kommunizieren. Da aber Ideal und Ideologie sehr nah beieinander liegen, soll es nun darum gehen, sich diesem Spannungsverhältnis in einem ersten Schritt zu nähern.

Zwischen Ideal und Ideologie

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Es wird hier zunächst postuliert, dass ein Verhalten gemäß Idealen immer die Bereitschaft aufweist, bei Widerlegung des eigenen Ideals dieses zu modifizieren oder entsprechend anders zu handeln. Wer hingegen einer Ideologie folgt, hinterfragt dieser erstens nicht (mehr) und ist zweitens nicht bereit, ihre Aussagen abzuändern oder zu negieren. Insofern kann eine Ideologie als eine ungesunde Übersteigerung des Verhaltens gemäß Idealen verstanden werden.

Folgendes Beispiel zur Illustration, das vielleicht etwas merkwürdig klingt, aber gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen ist:

Zwei für eine Stadt verantwortliche Politiker haben sich ein umweltbewusstes Leben zum Ideal erhoben, der eine auf rationale Art, der andere steigert sich in eine Umweltschutz-Ideologie hinein. Beide haben zusammen eine stadtweite Mülltrennung in verschiede Gebinde durchgesetzt, um so Wertstoffe der Wiederverwertung zuzuführen. Deswegen müssen für die verschiedenen Müllsorten wöchentlich mehrmals unterschiedliche Müllfahrzeuge durch die Stadt fahren, um die Mülltonnen zu leeren.

Nun veröffentlicht die Stadtreinigung oder irgendein unabhängiges Institut eine Studie, die besagt, dass die vielen verschiedenen Fahrzeuge der Müllabfuhr nicht nur teurer sind, sondern auch noch zu erheblich mehr Umweltbelastung durch Abgase etc. führen. Außerdem müsse der Wertstoffmüll trotz Trennung durch die Verbraucher noch über sehr teure Sortieranlagen laufen, da die Mülltrennung in den Haushalten eben nicht sauber genug erfolge.

Der rationale Umweltschutz-Politiker wird nun höchstwahrscheinlich die haushaltsseitige Mülltrennung abschaffen, eine Mülltonne für alles hinstellen und nur noch ein Fahrzeug leeren lassen. Dadurch spart er (Steuer-)Gelder, schont die Umwelt und beendet zudem noch manch Familienstreit. Der ideologische Umweltschutz-Politiker wird aber weiterhin an dem Dogma der Mülltrennung festhalten, weil sie seiner Ideologie gemäß besser sein muss. Die Realität ist für ihn dabei nur sekundär.

Um den Prozess einer solchen Übersteigerung vom Ideal zur Ideologie abzubilden und vor allem, um eine Art Gegenmittel zu entwickeln, kann man sich des sogenannten Wertequadrats bedienen: 1

Wertequadrat Ideal – Ideologie – Toleranz – Beliebigkeit

Abb. 1: Wertequadrat Ideal, eigene Darstellung

Nimmt man das Ideal bzw. das von Idealen gesteuerte (politische) Handeln als Ursprungswert und übersteigert es, so wird es zur Ideologie. Der wesentliche Unterschied kann dadurch beschrieben werden, dass Ideologien keine anderen Sichtweisen neben der eigenen zulassen und zudem meist von nicht zu hinterfragenden Dogmen geprägt sind. Ein Beispiel dafür wurde weiter oben gegeben.

Deswegen bedarf es nun im Falle einer von Ideologien geleiteten Politik mehr Toleranz zum Ausgleich. Doch auch Toleranz kann übertrieben werden, Politik verliert sich dann in Wert(e)losigkeit oder Beliebigkeit. Um dieser Fähnchen-im-Winde-Politik wieder eine Selbstausrichtung einzuverleiben, muss sie selbst wieder (mehr) von Idealen geleitet werden.

Man kann also sehen, dass nur die Orientierung an Idealen z.B. eine Unterscheidung von Innen und Außen, von Gut und Schlecht überhaupt ermöglicht. Denn wenn eine politische Gemeinschaft nicht weiß, wer sie ist bzw. was sie ausmacht, wird sich keiner für sie einsetzen, wenn sie beispielsweise von außen bedroht wird. Keiner kämpft für die Beliebigkeit, wohl aber für Ideale und auch für Ideologien. Hinzu kommt, dass ohne Bezug auf Ideale keine beständige Politik möglich ist, da keinerlei Orientierung ermöglicht wird.

Auf der anderen Seite folgt eine Politik der Ideologie den immer gleichen Mustern, ohne darauf zu achten, was die jeweilige Situation erfordert und was z.B. Andersdenkende einbringen können. Eine Politik, die das höchste Gemeinwohl zum Ziel hat, sollte also Toleranz praktizieren. An dieser Stelle wird auch deutlich, dass Toleranz und Ideologie sich widersprechen, weshalb Toleranz gegenüber Intoleranz (was eine Ideologie immer hat), natürlich zu Intoleranz führen muss.

Bewegt sich Politik letztlich im Spannungsverhältnis zwischen Ideal und Toleranz, kann sie nur richtig handeln. Betrachtet man allerdings die heutige Politik, wechselt sie wohl eher zwischen Ideologie und Beliebigkeit: Zum Einen wird auf Annahmen linker Ideologie – vor allem: alles muss gleich sein – bestanden, auch wenn die Realität jeden Tag das Gegenteil lehrt. Zum Anderen richtet sich die Politik taktisch an den häufig erscheinenden Umfragen aus – zuletzt am Beispiel Atomkraft und Fukushima wunderbar zu beobachten.

Notes:

  1. Entstehung und Methodik wurden an anderer Stelle bereits ausführlich erklärt, siehe Strüning, Felix: Mehr Mitbestimmung, mehr Partizipation, mehr Politik! In: Citizen Times, 03.01.2011, online verfügbar unter: http://www.citizen-times.eu/mehr-mitbestimmung-mehr-partizipation-mehr-politik/, abgerufen am 19.09.2011.

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