„Anti-muslimischer Rassismus“

25. November 2011 1

Leitartikel: Wo hört Kritik auf? Wo beginnt Rassismus?

„Gebet in Kairo“ von Jean-Léon Gérôme, 1865

In Folge der so genannten Dönermorde rückte die Ideologie der „Neuen Rechten“ einmal mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Schon nach dem Amoklauf des Norwegers Anders Breivik sahen sich Blogs wie „Politically Incorrect“ (PI), Parteien wie „Die Freiheit“, Politiker wie Thilo Sarrazin und Publizisten wie Henryk M. Broder heftiger Kritik ausgesetzt – und zwar nicht nur aus dem linken Lager. Doch die entscheidende Frage lautet: Wo hört Kritik auf? Und wo beginnt Rassismus?

„Kritik am Islam zu üben ist populär“

In der öffentlichen Debatte ist einmal mehr die Rede vom „antimuslimischen Rassismus“, der in Deutschland grassieren würde. Der Autor Kamran Safiarian widmet sich derzeit dem Thema in seinem Blog auf der Internetseite des ZDF und behauptet: „Kritik am Islam zu üben ist populär und erscheint vielen unproblematisch. Doch wo hört Islamkritik auf, wo fängt antimuslimischer Rassismus an?“ Blogs wie PI, wo „offen rassistische Hetze gegen Muslime betrieben wird“, seien salonfähig geworden. Beim Lesen der dortigen Beiträge würde offenkundig, „dass es einen Rassismus gibt, der vor allem auf (vermeintliche) Muslime abzielt, sich aber als ‚Kritik‘ tarnt.“

Abgesehen davon, dass Islamkritik alles andere als populär ist (jeder Islamkritiker kann davon ein Liedchen singen): Freilich ist so manches, was auf PI erscheint, sprichwörtlich „harter Tobak“, vor allem, wenn es aus der Feder des Haus- und Hofpolemikers „Kewil“ stammt. Doch die entscheidende Frage lautet: wo hört berechtigte Kritik auf, wo fängt übertriebene Polemik an, und wo führt diese tatsächlich zu Volksverhetzung oder gar Rassismus?

Rassismus als Überlegenheitstotalitarismus

Wikipedia beispielsweise definiert „Rassismus“ im engeren Sinne als „soziale Phänomene anhand pseudowissenschaftlicher Analogieschlüsse aus der Biologie“. Im weiteren Sinne ließe sich Rassismus als ein Überlegenheitstotalitarismus definieren, der einer bestimmten Bevölkerungsgruppe die Überlegenheit über alle anderen zuspricht.

Der Inbegriff des Rassismus: Das KZ Ausschwitz (Bild: Stanislaw Mucha; Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Bild 175-04413)

Im Falle des berühmtesten Rassismus der Menschheitsgeschichte, nämlich jenem im deutschen Nationalsozialismus, waren es die „arischen Herrenmenschen“, die als priviligierte, überlegene Rasse galten. Im Koran beispielsweise werden Muslime als die den anderen Menschen, den Nicht-Muslimen, überlegene Gruppe beschrieben. Und in sozialistischen Systemen sind es die Anhänger des sozialistischen Systems, die faktisch den Systemgegnern übergeordnet werden.

In vielen Fällen bewusste Täuschung

Der Begriff des Rassismus beschreibt also schlussendlich nichts anderes, als eine ideologisch begründete Differenzierung von Menschengruppen in verschiedene Wertigkeiten. Und zweifelsohne galt dies auch im Falle des Zwickauer Neonazi-Trios. Ihre Tat, insbesondere der gezielte Mord an Ausländern, lässt darauf schließen, dass sie diese Menschengruppe als minderwertig betrachteten.

Antimuslimischer Rassismus? Wohl kaum: "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin

Anders verhält es sich jedoch bei Thilo Sarrazin: in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ führte der Ex-Bundesbänker nicht verschiedene Wertigkeiten für Bevölkerungsgruppen ein, nur weil er den Integrationserfolg jeder einzelnen Gruppe analysierte. Selbst die Bewertung, welche Gruppe sich besser integriert und welche schlechter, bedeutete kein Urteil über den Wert des einzelnen Menschen. Genau hier setzt allerdings die Argumentation vornehmlich linker Politiker und Redakteure ein: der Vorwurf des Rassismus ist im Falle Sarrazins folglich zumindest ein Missverständnis, in vielen Fällen aber sicherlich eine bewusste Täuschung.

Die Sozialwissenschaft müsste sich augenblicklich selbst abschaffen

Wenn die empirische Auswertung von Integrationserfolgen, nach Migrantengruppen sortiert, bereits Rassismus wäre, müsste sich die Sozialwissenschaft augenblicklich selbst abschaffen, da somit jegliche wissenschaftliche Analyse des Verhaltens einzelner Bevölkerungsgruppen rassistisch wäre.

Auch die Biologie selbst ließe sich kaum noch moralisch rechtfertigen: das „Juden-Gen“ beispielsweise, das Sarrazin in seinem Buch anführte, gibt es freilich wirklich, zumindest wenn „Juden“ als ethnische Gruppe definiert werden (und nicht als Glaubensgemeinschaft, denn selbstverständlich bedingt der Glaube an eine Religion kein eigenes Gen).

Eine ideologisch begründete Wertung

Wenn das Volk der Juden, das seit Jahrhunderten eine relativ eigenständige, ethnische Gruppe ausmacht, keine eigenen Genmerkmale ausgeprägt hätte, dürfte es auch nicht möglich sein, mit Gentests festzustellen, ob eine Familie aus Bayern oder aus Friesland stammt. Genauso wenig dürfte es möglich sein, mittels eines genetischen Fingerabdrucks zu bestimmen, ob ein Mörder schwarz oder weiß ist, oder ein Vergewaltiger Deutscher oder Afrikaner. Oder ob der berühmte „Ötzi“ nun einem Volk nördlich oder südlich der Alpen angehörte.

Entscheidend für den Tatsbestand des Rassismus ist also nicht die Erkenntnis, dass Menschen unterschiedlich sind und sich in verschiedene Gruppierungen aufspalten, denen empirisch messbar verschiedene Merkmale – sowohl genetisch, als auch in Bezug auf ihr Verhalten – zugeordnet werden können, sondern vielmehr eine ideologisch begründete Wertung (oder Abwertung) einzelner Menschen oder ganzer Menschengruppen.

Das Dilemma des „Antimuslimischen Rassismus“

Alleine durch Kritik ist dieser Tatbestand freilich nicht erfüllt. Die wesentliche Frage lautet vielmehr, wann Kritik in Wertung mündet, und wann eine Wertung pauschalisiert, also auf alle Menschen einer bestimmten Gruppe angewendet wird.

Das Kopftuch: ein islamisches Symbol

Und genau hier zeigt sich das Dilemma des „Antimuslimischen Rassismus“. Natürlich ist „der Islam“, beziehungsweise sind „die Muslime“ keine Rasse. Doch sind die Muslime eine Bevölkerungsgruppe, die mehr als alle anderen dazu neigt, sich abzuschotten und autark aufzutreten. Das Kopftuch beispielsweise ist ein islamisches Symbol, dass muslimische Frauen für jeden ersichtlich in der Öffentlichkeit kennzeichnet und folglich von anderen separiert.

Von Muslimen selbst provoziert

So gesehen ist der „antimuslimische Rassismus“ sogar von den Muslimen selbst provoziert: denn eine Gruppe, die einerseits höchst provokant in einer ihr fremden Mehrheitsgesellschaft die Zeichen ihrer Nicht-Integration zur Schau trägt, darf sich andererseits nicht darüber wundern, dass sie in Studien und Untersuchungen gesondert betrachtet wird.

Mit „Rassismus“ hat das freilich nichts zu tun. Genauso wenig ist es „rassistisch“, wenn die Ergebnisse dieser Studien und Untersuchungen, die zudem nur die Lebenserfahrungen der Menschen mit dieser sich-selbst-abschottenden Gruppe beschreiben, auf Seiten wie PI überspitzt dargestellt werden, so lange dies in einem verfassungskonformen Rahmen geschieht.

„Natürlich gibt es Unterschiede zwischen rechtem und linkem Terror“

Der jüdische Publizist Henryk M. Broder

Die deutsche Gesellschaft leidet weniger an einem „antimuslimischen Rassismus“, als vielmehr an einer „antilogischen Rassismusphobie“. Es muss erlaubt sein und erlaubt bleiben, die Merkmale von Bevölkerungsgruppen wissenschaftlich zu erfassen und auszuwerten. Nur so lassen sich politische Handlungsempfehlungen sinnvoll herleiten.

Was derweil von einseitigen ideoligischen Extremismus-Vorurteilen –  wie jüngst im Rahmen der Döner-Morde inflationär verkündet – zu halten ist, hat der eingangs bereits genannte Henryk M. Broder in seinem aktuellen Welt-Online-Kommentar süffisant auf den Punkt gebracht: „Natürlich gibt es Unterschiede zwischen rechtem und linkem Terror, so wie es einen Unterschied zwischen der SA und der SS gab, der freilich den Opfern dieser Gruppen nicht immer bewusst war, wenn sie blutend oder tot auf dem Pflaster lagen.“

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One Comment »

  1. Dr.Eisendraht 28. November 2011 at 20:16 - Reply

    Dr.Sarrazins Aussage zu dem „Juden-Gen“ stammt nicht aus seinem Buch, sondern aus einem Interview mit der Berliner Morgenpost.

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