„Menschliches Denken und Handeln sind manchmal widersprüchlich“

24. November 2011 2

Interview mit Prof. Dr. Ulrike Ackermann zum Freiheitsindex Deutschland 2011

Prof. Dr. Ulrike Ackermann, Projektleiterin des Freiheitsindex Deutschland 2011 – Foto: Uni Heidelberg

Freiheit steht bei den Deutschen nicht so hoch im Kurs, wie die konkurrierenden Werte Gleichheit, Gerechtigkeit oder Sicherheit. Außerdem sehen die meisten Befragten keinen Widerspruch zwischen Freiheit und dem Ruf nach staatlichen Verboten. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung, gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach und dem Institut für Publizistik der Universität Mainz. Für Citizen Times sprach Felix Strüning mit der Projektleiterin Prof. Dr. Ulrike Ackermann über den Freiheitsindex Deutschland 2011.

Citizen Times: Frau Ackermann, der von Ihnen veröffentlichte Freiheitsindex Deutschland 2011 zeigt erstaunlicher Weise, dass die Bürger keinen Widerspruch zwischen Verbotsforderungen und ihrem persönlichen Freiheitsempfinden sehen. Woran liegt das?

Ulrike Ackermann: Die gleichzeitige Zustimmung zum eher abstrakten Wert der Freiheit und die dennoch vorhandene Verbotsneigung der Bürger, die sich in unserer repräsentativen Befragung auf sehr konkrete Problemstellungen bezog, hat auch uns vom John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung verwundert. Vermutet hatten wir, dass eine höhere Zustimmung zum Wert der Freiheit auch eine stärke Ablehnung von Verboten beinhalten würde. Dem ist augenscheinlich nicht so. Egal, ob die Befragten ihre Präferenz zugunsten der Gleichheit oder der Freiheit setzen: Der Ruf nach Verboten unterscheidet sich nicht.

Immerhin zeigt sich im abstrakten Freiheitsempfinden ein allgemeiner Wunsch nach mehr Freiheit, welcher allerdings im Alltagshandeln nicht immer gemäß der gesetzten Wertepräferenz für die Freiheit umgesetzt wird. Kurz zusammenfassend könnte man sagen: Menschliches Denken und Handeln sind eben manchmal widersprüchlich.

Citizen Times: Wie erklären Sie sich die z.T. riesigen Unterschiede zwischen tatsächlichen und gefühlten Tabuzonen? Sind wir ein Land der political correctness?

Ulrike Ackermann: Die Freiheit der Meinungsäußerung ist in Umfragen stets ein sehr hoch geschätztes Gut. Doch ist den Bürgern bewusst, dass Differenzen zwischen öffentlichem und privatem Sprachgebrauch bestehen und man sich mit heiklen Aussagen eher zurückhält. Hieraus lässt sich möglicherweise auch der Erfolg von Autoren wie Thilo Sarrazin erklären, die auf diese Diskrepanzen aufmerksam machen.

Citizen Times: In Ihrem Fazit sprechen Sie vom Idealbild des allumsorgenden Vater Staat. Sind das nur die Zeichen der Zeit (Stichwort Euro-Rettung) oder ein allgemeines, andauerndes Zurücklehnen in den Wohlfahrtsstaat?

Ulrike Ackermann: Der Paternalismus, also die Übertragung individueller Verantwortung auf den Staat, hat in Deutschland seit Bismarcks Sozialversicherung eine lange Tradition. Dies ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite kommt in den hohen Zustimmungswerten zum staatlichen Handeln auch zum Ausdruck, dass die befragten Bürger dem Staat überwiegend vertrauen.

Citizen Times: Wie erklären Sie sich den großen Unterschied zwischen der Meinung der Bevölkerung und der Medienberichterstattung in den Teilindexen des Freiheitsindex?

Ulrike Ackermann: Die Verbotsneigung in den untersuchten Medien ist höher als in der Bevölkerung. Möglicherweise hängt das mit deren Eigengesetzlichkeiten zusammen. Will sagen: der Fokus der Berichterstattung liegt gemeinhin auf eher negativen Meldungen gemäß des Mottos „only bad news is good news.“ Inwiefern sich eine Differenzierung nach den Teilbereichen Politikteil, Wirtschaftsteil, Feuilleton ausmachen lässt, wollen wir im Freiheitsindex 2012 genauer erforschen. Auch ob sich die Medien weiter von der Bevölkerungsmeinung entfernen, wird sich im nächsten Jahr besser beurteilen lassen.

Citizen Times: Könnte man denn jetzt schon von einer elitären Entkoppelung der journalistischen Leitmedien sprechen?

Ulrike Ackermann: Die Unterschiede zwischen Bevölkerung und Medien in Bezug auf die Verbotsneigung sind zunächst einmal Ergebnis unserer Forschungen. Sicherlich haben Medien Einfluss auf die öffentliche Debatte. Das war jedoch nicht unsere konkrete Fragestellung. Ob das eine, wie Sie vermuten, elitäre Entkoppelung ist, lässt sich wohl erst im Laufe der Zeit erkennen, wenn der Freiheitsindex Deutschland weitere Male aufgelegt wurde und weiteres Vergleichsmaterial vorliegt. Jedenfalls ist das eine interessante Fragestellung für zukünftige Medieninhaltsanalysen.

Citizen Times: Glauben Sie, dass mit der zukünftigen Einbeziehung der Gesetzgebung die Elite der Politiker adäquat abgebildet wird?

Ulrike Ackermann: Berücksichtigt haben wir vom John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung gemeinsam mit unseren Partnern vom Institut für Demoskopie Allensbach und vom Institut für Publizistik der Universität Mainz in diesem Jahr zunächst einmal die Meinung der Bevölkerung und die Aussagen der Medien in Bezug auf Freiheit. Im folgenden Jahr möchten wir auch noch die Gesetzgebung untersuchen. Die Leitfragestellung dabei wird sein, wie sich die Zahl der gesetzlich beschlossenen Verbote und Verschärfungen gegenüber der Zahl der Liberalisierungen und Lockerungen von Regulierungen verhält. Dies möchten wir für alle Regulierungen untersuchen, die das Alltagsleben der Bürger betreffen.

Lesen Sie auch die gesamte Analyse des Freiheitsindex Deutschland 2011.

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