Interview mit Prof. Dr. Ulrike Ackermann zum Freiheitsindex Deutschland 2011
Prof. Dr. Ulrike Ackermann, Projektleiterin des Freiheitsindex Deutschland 2011 – Foto: Uni Heidelberg
Freiheit steht bei den Deutschen nicht so hoch im Kurs, wie die konkurrierenden Werte Gleichheit, Gerechtigkeit oder Sicherheit. Außerdem sehen die meisten Befragten keinen Widerspruch zwischen Freiheit und dem Ruf nach staatlichen Verboten. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des John Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung, gemeinsam mit dem Institut für Demoskopie Allensbach und dem Institut für Publizistik der Universität Mainz. Für Citizen Times sprach Felix Strüning mit der Projektleiterin Prof. Dr. Ulrike Ackermann über den Freiheitsindex Deutschland 2011.
Citizen Times: Frau Ackermann, der von Ihnen veröffentlichte Freiheitsindex Deutschland 2011 zeigt erstaunlicher Weise, dass die Bürger keinen Widerspruch zwischen Verbotsforderungen und ihrem persönlichen Freiheitsempfinden sehen. Woran liegt das?
Ulrike Ackermann: Die gleichzeitige Zustimmung zum eher abstrakten Wert der Freiheit und die dennoch vorhandene Verbotsneigung der Bürger, die sich in unserer repräsentativen Befragung auf sehr konkrete Problemstellungen bezog, hat auch uns vom John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung verwundert. Vermutet hatten wir, dass eine höhere Zustimmung zum Wert der Freiheit auch eine stärke Ablehnung von Verboten beinhalten würde. Dem ist augenscheinlich nicht so. Egal, ob die Befragten ihre Präferenz zugunsten der Gleichheit oder der Freiheit setzen: Der Ruf nach Verboten unterscheidet sich nicht.
Immerhin zeigt sich im abstrakten Freiheitsempfinden ein allgemeiner Wunsch nach mehr Freiheit, welcher allerdings im Alltagshandeln nicht immer gemäß der gesetzten Wertepräferenz für die Freiheit umgesetzt wird. Kurz zusammenfassend könnte man sagen: Menschliches Denken und Handeln sind eben manchmal widersprüchlich.
Citizen Times: Wie erklären Sie sich die z.T. riesigen Unterschiede zwischen tatsächlichen und gefühlten Tabuzonen? Sind wir ein Land der political correctness?
Ulrike Ackermann: Die Freiheit der Meinungsäußerung ist in Umfragen stets ein sehr hoch geschätztes Gut. Doch ist den Bürgern bewusst, dass Differenzen zwischen öffentlichem und privatem Sprachgebrauch bestehen und man sich mit heiklen Aussagen eher zurückhält. Hieraus lässt sich möglicherweise auch der Erfolg von Autoren wie Thilo Sarrazin erklären, die auf diese Diskrepanzen aufmerksam machen.
Citizen Times: In Ihrem Fazit sprechen Sie vom Idealbild des allumsorgenden Vater Staat. Sind das nur die Zeichen der Zeit (Stichwort Euro-Rettung) oder ein allgemeines, andauerndes Zurücklehnen in den Wohlfahrtsstaat?
Ulrike Ackermann: Der Paternalismus, also die Übertragung individueller Verantwortung auf den Staat, hat in Deutschland seit Bismarcks Sozialversicherung eine lange Tradition. Dies ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite kommt in den hohen Zustimmungswerten zum staatlichen Handeln auch zum Ausdruck, dass die befragten Bürger dem Staat überwiegend vertrauen.
Citizen Times: Wie erklären Sie sich den großen Unterschied zwischen der Meinung der Bevölkerung und der Medienberichterstattung in den Teilindexen des Freiheitsindex?
Ulrike Ackermann: Die Verbotsneigung in den untersuchten Medien ist höher als in der Bevölkerung. Möglicherweise hängt das mit deren Eigengesetzlichkeiten zusammen. Will sagen: der Fokus der Berichterstattung liegt gemeinhin auf eher negativen Meldungen gemäß des Mottos “only bad news is good news.” Inwiefern sich eine Differenzierung nach den Teilbereichen Politikteil, Wirtschaftsteil, Feuilleton ausmachen lässt, wollen wir im Freiheitsindex 2012 genauer erforschen. Auch ob sich die Medien weiter von der Bevölkerungsmeinung entfernen, wird sich im nächsten Jahr besser beurteilen lassen.
Citizen Times: Könnte man denn jetzt schon von einer elitären Entkoppelung der journalistischen Leitmedien sprechen?
Ulrike Ackermann: Die Unterschiede zwischen Bevölkerung und Medien in Bezug auf die Verbotsneigung sind zunächst einmal Ergebnis unserer Forschungen. Sicherlich haben Medien Einfluss auf die öffentliche Debatte. Das war jedoch nicht unsere konkrete Fragestellung. Ob das eine, wie Sie vermuten, elitäre Entkoppelung ist, lässt sich wohl erst im Laufe der Zeit erkennen, wenn der Freiheitsindex Deutschland weitere Male aufgelegt wurde und weiteres Vergleichsmaterial vorliegt. Jedenfalls ist das eine interessante Fragestellung für zukünftige Medieninhaltsanalysen.
Citizen Times: Glauben Sie, dass mit der zukünftigen Einbeziehung der Gesetzgebung die Elite der Politiker adäquat abgebildet wird?
Ulrike Ackermann: Berücksichtigt haben wir vom John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung gemeinsam mit unseren Partnern vom Institut für Demoskopie Allensbach und vom Institut für Publizistik der Universität Mainz in diesem Jahr zunächst einmal die Meinung der Bevölkerung und die Aussagen der Medien in Bezug auf Freiheit. Im folgenden Jahr möchten wir auch noch die Gesetzgebung untersuchen. Die Leitfragestellung dabei wird sein, wie sich die Zahl der gesetzlich beschlossenen Verbote und Verschärfungen gegenüber der Zahl der Liberalisierungen und Lockerungen von Regulierungen verhält. Dies möchten wir für alle Regulierungen untersuchen, die das Alltagsleben der Bürger betreffen.
Lesen Sie auch die gesamte Analyse des Freiheitsindex Deutschland 2011.













Freiheit ohne staatlichen Paternalismus?
Es gibt kein Problem moderner Gesellschaften, dass auf Basis antipaternalistischer Prämissen gelöst werden könnte. Vermeintliche Antipaternalisten gehen von der etwas eigentümlichen Annahme aus, dass bei der Etablierung freiheitsermöglichender, -erhaltender und -beschränkender institutioneller Arrangements die Absicht das Wohl der Adressaten zu fördern keine Rolle spielen sollte. Dass auf Basis solcher Prämissen keine Form der demokratisch legitimierten Politik in die Praxis umgesetzt werden könnte, sollte jedoch jedem klar sein, denn woran sollten Institutionen sich orientieren, wenn nicht am Wohl der Adressaten und wie sollten Gesetze in Massengesellschaften durchgesetzt werden, wenn nicht über Institutionen? Der Denkerpaternalismus libertärer Freiheitsapologeten, wie Ackermann, zeichnet sich durch eine besonders gute, vermeintlich empirisch informierte, Kenntnis darüber aus, wie die freie Selbstverständigung freier Bürger über das, was sie jeweils unter Freiheit verstehen sollen, ausgestaltet ist und ausgestaltet sein sollte. Die „antiparentalistische“ Unterstellung man habe nicht genug Mut sich seines Verstandes zu bedienen oder sei zu faul die Last der Freiheit zu tragen, die an das Kantische Donnerwort vom imperium paternale erinnert, scheint jedoch nicht so recht zu passen zu der gängigen quasiempirischen Annahme jeder wüsste am besten Bescheid über das eigene Wohl und alles würde sich schon fügen, wenn man den Adressaten und dem Markt nur die „Freiheit“ von staatlicher „Bevormundung“ lasse. Besser passen solche paternalistischen Anmaßungen der „best off“ gegenüber den „worst off“ zu einem Freiheitsbegriff, der die „Freiheit“ unter einer Brücke zu schlafen gleichsetzt mit der Freiheit in einer Villa zu logieren. Dass die Teilnehmer der Umfrage sich für Verbote ausgesprochen haben und trotzdem Freiheit wertschätzen konnten, zeugt weniger von akratischem Handeln, sondern zeigt nur, dass sie nicht von einem so reduzierten und abstrakten Freiheitsverständnis ausgehen wie Ackermann. Problematisch an derartigen liberal-libertären Argumentationen und Doktrinen sind nicht nur die desaströsen Konsequenzen ihrer Umsetzung für diejenigen, die mit Ihrer „Freiheit“ alleingelassen werden sollen, sondern auch, dass der „Freiheitsbegriff“ ausgerechnet von solchen öffentlich okkupiert wird, die ihn mit paternalistischer Motivation zur Desavouierung paternalistisch motivierter freiheitsermöglichender und -erhaltender Institutionen verwenden. Es entbehrt nicht der Ironie, dass Ackermann ausgerechnet vom „Mill Institut für Freiheitsforschung“ kommt, denn Mill war entgegen selektiver Lesarten weder strikter Antipaternalist noch hat er einen rein negativen Freiheitsbegriff vertreten. Anstatt Mills Namen im Namen eines reduktionistischen und inadäquaten Freiheitsverständnisses zu instrumentalisieren, würde ich solchen, die sich selbst als „Freiheits“forscher missverstehen empfehlen mal ein Buch über Paternalismus zu lesen – anstatt schlechte Bücher über “Freiheit” zu schreiben, denn aus Frau Ackermanns Ausführungen kann man schließen, dass sie nicht nur nicht weiß worüber sie redet wenn sie über Freiheit redet, sondern auch, dass sie nicht einmal über ein rudimentäres Verständnis von Paternalismus verfügt. Freiheit, Paternalismus und Gleichheit – wohl verstanden und adäquat konzeptualisiert – stellen keine Widersprüche dar, zumindest für solche Menschen, die „Freiheit“ nicht dort unterstellen, wo eine solche Unterstellung nichts anderes darstellt als eine illegitime Zumutung.