Freiheitsindex Deutschland 2011

24. November 2011 2

Studie fragt: Nun sag Deutschland, wie hast du’s mit der Freiheit?

Die Gretchenfrage heute mal anders – Faust und Gretchen im Bild des franz. Malers James Joseph Jacques Tissot (1836–1902)

Gleichheit, Sicherheit oder Gerechtigkeit bedeuten für die Deutschen mehr, als Freiheit. Dies scheint auf den ersten Blick das wesentliche Ergebnis einer Studie des John Stuart Mill Institutes für Freiheitsforschung. Doch der genaue Blick in den 2011 erstmals erstellten Freiheitsindex Deutschland zeigt eine durchaus große Wertschätzung der Freiheit – allerdings mehr bei den Bürgern als in den Medien.

Denn der Freiheitsindex setzt sich aus zwei Teilen zusammen, die durchaus unterschiedliche Ergebnisse liefern: Zum Einen einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, durchgeführt durch das Allensbach-Institut (Teilindex 1+2), zum Anderen einer quantitativen Inhaltsanalyse führender Nachrichtenprintmedien, erstellt durch das Mainzer Institut für Publizistik. 1 Würde man nur die Bürgermeinung zählen – so viel sei vorweggenommen – wäre das Bild deutlich optimistischer:

Der Freiheitsindex kann zwischen den Werten -50 und +50 schwanken, positive Zahlen bedeuten ein Übergewicht der Freiheit. Der folgenden Tabelle sind die (weiter unten diskutierten) einzelnen Aussagen bzw. Items zu entnehmen. Dabei wird die jeweilige Zustimmung in gewichteten Prozent angegeben. 2 Daraus ergibt sich ein Score, der sich aus der Differenz zum theoretischen Mittel von 50 Prozent ergibt. 3

Der Durchschnitt dieses Scores ist bei den beiden Teilindexen, die sich auf die Bürger beziehen, positiv. Erst wenn die Medienmeinung mit einbezogen wird, ergibt sich der in Gänze leicht negative Score von -3 für den Freiheitsindex 2011. Im Citizen Times Interview sah die Leiterin des Forschungsprojektes, Ulrike Ackermann, diese massiven Unterschiede vor allem darin begründet, dass der Fokus bei der Berichterstattung gemeinhin auf negativen Meldungen liege. Eine elitäre Entkopplung der Medien wollte sie indes (noch) nicht bestätigen.

Teilindex Aussage/Item

Zustimmung

Score

Ø-Score

Gesellschaftlicher Stellenwert der Freiheit Jeder ist seines Glückes Schmied

61%

+11

Freiheit vor Gleichheit

52%

+2

Keine staatlichen Verbote gefordert

58%

+8

+7

Subjektiv empfundene Freiheit Politische Meinung kann frei geäußert werden

70%

+20

Fühlen sich persönlich sehr frei

42%

-8

+6

Stellenwert der Freiheit in Medien Perspektive der Freiheit dominiert über Zwang

45%

-5

Perspektive der Freiheit dominiert über Gleichheit

16%

-34

Perspektive der Freiheit dominiert über Verbot

24%

-26

-22

Freiheitsindex 2011

-3

 

Bürger: Freiheit und Verbote sind vereinbar, Tabuzonen erscheinen groß

Die Bürger sind durch scheinbar widersprüchliche Ansichten geprägt. So findet die sprichwörtliche, freiheitliche Aussage „Jeder ist seines Glückes Schmied“ im Gegensatz zur Einschätzung von festgefahrenen Gesellschaftsschichten eine relativ große Zustimmung von 54 Prozent – der höchste Wert seit den 1970er Jahren. 4 Besonders positiv ist dabei die Entwicklung in den neuen Bundesländern, hier stimmten erstmals über 40 Prozent zu, bundesweit vor allem die unter 30-Jährigen (58% West, 56% Ost).

Gleichzeitig wird bei der Frage, ob Gleichheit oder Freiheit zu bevorzugen seien, im Westen von immer weniger Menschen die Freiheit genannt (46%, 2007 waren es noch 51%). Im Osten wird sogar deutlichst der Gleichheit der Vorzug gegeben (55% zu 33% Freiheit). Auf einer Skala von 0 bis 10 verorten die Befragten ihr subjektives Freiheitsgefühl durchschnittlich bei 6,8, hier haben die neuen Bundesländer komplett aufgeschlossen.

Bei der abgefragten Definition von Freiheit muss allerdings kritisert werden, dass kein eigener Text möglich war. Zudem wird ein Aspekt nahezu vollständig unterschlagen: dass Freiheit nur durch Verantwortung möglich ist. Eine fehlende Verantwortungsübernahme kann in der politischen Gemeinschaft nur durch einschränkende Regularien ausgeglichen werden.

Überraschend ist, dass viele Befragte in zahlreichen Lebensbereichen staatliche Verbote fordern bzw. befürworten. Insbesondere hat sich seit 2003 der Ruf nach Verboten in folgenden Bereichen erhöht: Rechtsradikale Parteien (54% in 2003, 71% in 2011), Kreditvergabe bei bestehenden Schulden (36%, 52%) sowie hohe Parteispenden (32%, 46%). Insgesamt stieg der Anteil derjenigen, die mindestens eines von 21 der zur Auswahl gestellten Verbote forderten, in den letzten acht Jahren von 35 auf 43 Prozent. Besonders spannend hierbei: Zwischen denjenigen, die Freiheit oder Gleichheit bevorzugen, gibt es keinerlei statistisch bedeutsamen Unterschied. In manchen Bereichen, etwa dem Verbot von linksradikalen Parteien, fordern dies sogar deutlich mehr Personen, die der Freiheit den Vorzug geben.

Schließlich ging es darum festzustellen, ob ein Unterschied zwischen tatsächlichen und gefühlten gesellschaftlichen Tabuzonen wahrgenommen wird. Dazu wurde bei verschiedenen Items danach gefragt, ob es erstens verboten sein sollte, das zu sagen (tatsächliches Tabu) und zweitens ob man sich damit den Mund verbrennen könne (gefühltes Tabu). Wie zu erwarten, tat sich hier ein großer Spalt auf. Dieser war besonders groß bei folgenden Aussagen, die die Befragten also als nicht politisch korrekt markierten:

Aussage

Tatsächliches Tabu

Gefühltes Tabu

Man sollte die Mauer wieder aufbauen

32%

61%

Atomkraft ist eine gute Sache

18%

46%

Die Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg

16%

67%

Entwicklungshilfe ist herausgeworfenes Geld

16%

46%

Es gibt zu viele Moslems in Deutschland

12%

68%

Angesprochen auf diese markanten Unterschiede, vermutete die Freiheitsindex-Initiatorin Ulrike Ackermann,

„dass Differenzen zwischen öffentlichem und privatem Sprachgebrauch bestehen und man sich mit heiklen Aussagen eher zurückhält. Hieraus lässt sich möglicherweise auch der Erfolg von Autoren wie Thilo Sarrazin erklären, die auf diese Diskrepanzen aufmerksam machen.“

Presse: elitäre Entkopplung vom Volkswillen?

Um dem Freiheitsindex ein weiteres Meinungsspektrum hinzuzufügen, wurden Beiträge aus Welt, FAZ, SZ und Spiegel quantitativ untersucht. Im Fokus stand, wie bestimmte gesellschaftliche Aufgaben (z.B. Umweltschutz) bezüglich ihrer Verantwortung dargestellt wurden. In über drei Viertel der Fälle wurde hier der Staat in der Verantwortung gesehen, nur neun Prozent der Artikel nahmen vor allem die Bürger in die Pflicht. Diese Ergebnisse widersprechen damit dem Selbstverständnis vieler Parlamentarier, wie es etwa die Studie DEUPAS 2010 darlegte.

Auch die von den Artikelschreibern eingenommenen Perspektiven, also dem Leser nahegelegte Weltdeutungen, bevorzugten Zwang, Verbote, Gleichheit und Sicherheit dreimal so oft, wie Freiheit. Erhoben wurde außerdem, wie über Gesetze im Beobachtungszeitraum berichtet wurde. Zu knapp 60 Prozent ging es um Verschärfungen, aber nur zu zwölf Prozent um Lockerungen. Dies sagt freilich nicht nur etwas über die Medienperspektive aus, sondern auch über die tatsächlichen rechtlichen Entwicklungen.

Vergleicht man nun die Perspektive der Medien mit der Einstellung der Bürger, so ergibt sich, dass letztere deutlich optimistischer bezüglich der Freiheit sind und noch deutlicher von der häufig in Medien vertreten Perspektiv des gesellschaftlichen Zwangs abweichen.

Update November 2012: Der Freiheitsindex Deutschland 2012 liegt vor!

Notes:

  1. Im nächsten Jahr soll außerdem eine Auswertung von neu erlassenen Gesetzen erfolgen.
  2. Unentschiedene Befragte wurden herausgerechnet, um die gegensätzlichen Positionen zu verdeutlichen.
  3. Wenn je gleich viele Menschen die gegensätzliche Meinung vertreten würden, würden 50% z.B. der Aussage zustimmen, jeder ist seines Glückes Schmied. Deswegen wird dieses Mittel als Nullpunkt definiert.
  4. Anknüpfen können die Forscher bei einigen Fragen an eine ausführlich Allensbach-Umfrage von 2003, die damals zeigte, dass in den 1990er Jahren mit dem Zusammenbruch des Ostblocks wieder mehr Menschen an die Freiheit glaubten. Außerdem liegen mehrere einfache Umfragen zum Vergleich vor.

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