Alle meine Kopftücher

24. November 2011 3

Satire: Die Politik geht vor die Hunde | Warum alle Kopftücher heilig sind

Kopftücher können für viele verschiedene Aspekte stehen, für den Autor sind sie (fast) immer heilig – Foto: Christoph S. / pixelio.de

Ich liebe Kopftücher, sie sind mir im Laufe meines Lebens immer mehr ans Herz gewachsen. Ohne meine Kopftücher käme ich mir in dieser kalten und barschen Welt verloren vor. Ich glaube an meine Kopftücher, auch wenn ich heute eher selten damit herumlaufe.

Ich war sechs Jahre alt, als ich mich zum ersten Mal in ein Kopftuch verliebt habe. Das war das schöne und schlichte Kopftuch von Rotkäppchen, die mit Hilfe eines Jägers – und ich glaube heute noch, auch mit Hilfe ihres Kopftuches – den bösen Wolf überlistet hat. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich ein, ja, ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für das Gute, das erfolgreich gegen das Böse kämpft. Ich habe mir das rote Kopftuch aus einem Märchenbuch herausgeschnitten und bewahre es immer noch in meiner Nachttischschublade auf.

Nur wenige Jahre später verliebte ich mich erneut in ein Kopftuch. Das war in Bayern, auf einer Alm. Ein junges Mädchen mit roten Wangen und strahlenden Augen trug es. Es war blau mit weißen Punkten. Noch immer träume ich von diesem Kopftuch, wie ich es dem Mädchen ganz vorsichtig abnahm und es ganz zärtlich küsste. Ich habe es nie gewaschen, wollte den Duft von fettiger Milch und frisch gemähten Gras einfach nicht verlieren. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich ein, ja, ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für die friedliche, sanfte Natur und die reine Seele eines Menschen.

Meine große Schwester trug damals auch ein Kopftuch. Sie war Stewardess bei der Lufthansa und sah mit ihrem hellblauen Kopftuch einfach schick aus, wenn sie morgens zur Arbeit ging. Auch Grace Kelly, Sofia Loren und Jacky Onassis sahen mit ihren tollen Kopftüchern klasse aus. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich ein, ja ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für Erfolg und Karriere.

Ich trug dann auch ab und zu mal ein Kopftuch. Wenn mich Zahnschmerzen plagten. Meine Mutter tunkte die Lappen in eiskaltes Wasser und band ihn mir um den Kopf. Das sah dann nicht so klasse aus, hat aber auch nicht viel geholfen. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich ein, ja ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für den Schutz vor den bösen Mächten der Schmerzen.

Dann, in meiner Pubertät wickelte ich mir eine halbe Tonne Kopftuch um den Schädel. Mit Bommeln, schwarz-weiß gemustert. Arafat-Tücher nannten wir diesen wärmenden Stofffetzen. Er hielt uns den pickeligen Hals warm und die Polizei von der Pelle. Dieses Kopftuch war, ist aber heute nicht mehr ganz so doll, ja ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für Widerstand und Befreiung

Später mit 40 Jahren und immer noch in meiner Pubertät, spielte ich den bösen Buben und zierte mein Gesicht mit einem Piratentuch. Sah albern aus, fanden meine Freunde. Ich fand das super, deckte das Piratentuch doch mein kleines Loch in der Mitte meiner Haarpracht zu. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich, ja ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für Freiheit, Abenteuer und Diebstahl.

Als ich dann endlich erwachsen wurde und auf das Motorrad stieg, hüllte ich meine rote Birne in ein schwarzes Schutztuch. Das sollte mich vor Insekten und Vogelkot schützen, sah mächtig gefährlich aus und brachte mir in der linken Szene den einen oder anderen Applaus. Dieses Kopftuch war und ist heute noch für mich, ja, ich möchte fast sagen, religiöses Symbol für Kraft, Schnelligkeit und Angst vor Fliegen.

Zur Zeit trage ich kein Kopftuch, dafür fast alle meine weiblichen Mitmenschen in meiner Umgebung. Einige sehen ganz hübsch aus, andere wirken eher beängstigend, wie schwedische Gardinen oder Kopfgefängnisse.

Aber gestern ist mir ein Kopftuch begegnet, dass hat mich fast das Leben gekostet. Ich war in der U-Bahn, Station Hermannstraße, nachmittags, voll wie in einer Sardinenbüchse. Bei einem Ruckler verliere ich den Halt an der Stange über mir. Mein rechter Arm schwankt gefährlich in der Luft, in der Abwärtsbewegung bleibe ich mit meinem Manschettenknopf an einem Kopftuch hängen, noch ein Ruckler und ich reiße das Kopftuch mit herunter. Aus Versehen.

Das Geschrei ist groß. Tumultartige Zustände. Die Frau jetzt ohne Kopftuch fängt an zu weinen, verbirgt ihren Kopf mit ihren Händen, Männer stürzen auf mich zu, bespucken mich, beschimpfen mich, prügeln auf mich ein.

Gott sei dank, ist die nächste U-Bahn-Station nicht weit, ich kann aus dem Wagen kriechen, bin noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen.

Also wirklich. Solche religiösen Symbole sind nichts für mich.

3 Comments »

  1. Prof.Kantholz 24. November 2011 at 11:57 - Reply

    „Noch immer träume ich von diesem Kopftuch, wie ich es dem Mädchen ganz vorsichtig abnahm und es ganz zärtlich küsste.“

    Das Mädchen oder das Kopftuch? 😉

    • Felix Strüning 24. November 2011 at 20:19 - Reply

      Tja, wer weiß das schon?

  2. Thomas Böhm 25. November 2011 at 14:23 - Reply

    Na, ja: beides. Erst das Kopftuch, dann das Mädchen, wie es sich gehört…

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