Klischee ade? Von wegen!

23. November 2011 1

Warum Männer und Frauen so sind wie sie sind, erklären Gülseren Ölcüm und Tobias Müller anhand eines modernen Geschlechter-Klassikers

Wie verschieden sind Mann und Frau? – Foto: Thommy Weiss / pixelio.de

Die Vernunftbegabung des Menschen, die ihn zu einem autonomen Leben befähigen soll, ist eine der zentralen Ideen aufklärerischen Denkens. Wie man sie auch dieser Tage mithilfe biologistischer Verkürzungen über den Haufen werfen kann, zeigt einer der aktuell publikumswirksamsten Beziehungsbestseller.

Frauen riechen, fühlen und schmecken besser als Männer. Schließlich mussten sie Kinder hüten und Früchte sammeln, während die Männer Tiere erlegten, sich dann gemütlich vor das Lagerfeuer hockten und in die Flammen starrten. Kommunikation ist bekanntlich nicht so ihr Ding, denn Männern sind einfach keine Sprachgenies. Frauen hingegen reden und reden und reden – ohne Punkt und Komma. Männer wollen ihr Erbgut verteilen, Frauen kuscheln. Eigentlich sind wir also immer noch Steinzeitkinder, deren Urinstinkte sich nicht wesentlich weiterentwickelt haben. Und daher sind wir Männer und Frauen nun einmal, wie wir sind – nämlich grundverschieden. Wozu also diese ganze Gleichstellungsdebatte? Frauen sollten einfach akzeptieren, dass ihr räumlich-visuelles Vorstellungsvermögen mickrig im Vergleich zum männlichen ist. Und wenn man länger zusammenbleiben will, sollte eine Frau niemals versuchen, eine Stadtkarte zu lesen. Oder?


Allan und Barbara Pease (2010): Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Ganz natürliche Erklärungen für eigentlich unerklärliche Schwächen. Berlin: Ullstein Verlag, 432 Seiten, 8,95 Euro. Kaufen bei: Amazon.

All diese angeblichen Fakten mögen Otto Normalverbraucher merkwürdig vorkommen, ging er doch seit geraumer Zeit davon aus, dass wir uns prinzipiell aufgrund unseres Menschseins gleichen. Diese Prämisse stellen auch Allan und Barbara Pease in ihrem seit 1998 kursierenden, jüngst neu aufgelegten Bestseller Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken nicht infrage. Aber die beiden wenden ein: „Außer der Tatsache, dass sie [Männer und Frauen] der gleichen Spezies angehören, gibt es keine nennenswerten Gemeinsamkeiten zwischen ihnen.“ Selbstredend wird dies von dem Autorenehepaar nicht einfach behauptet, sondern auf evolutionär bedingte, unterschiedliche Funktionsweisen des männlichen und weiblichen Gehirns zurückgeführt. Diese Unterschiede seien „wissenschaftlich belegt und können nicht bestritten werden“. Abgesehen davon, dass jedem wissenschaftlich gesinnten Zeitgenossen bei derartigen Dogmatisierungen die Haare zu Berge stehen, nehmen es Pease und Pease mit den akademischen Standards selber nicht so genau. Eindeutig nachvollziehbare Verweise auf die von ihnen angeführten neurobiologischen, psychologischen und soziologischen Studien sucht man vergebens.

Sieht man über diese formalen Schwächen hinweg, was bei einem Sachbuch noch vertretbar erscheint, erhellt sich das Bild nicht substantiell. Denn zu stilistischer Klasse haben es die Autoren lediglich in puncto Redundanz gebracht. So wiederholt sich das Ehepaar beständig und verweist etwa ein ums andere Mal darauf, dass sich Frauen und Männer auch aufgrund funktionaler Notwendigkeiten, die sich aus dem gemeinsamen Leben während der Steinzeit ergaben, zu gänzlich unterschiedlichen Wesen entwickelt hätten. Um die aus den unzureichend bibliographierten Studien abgeleiteten Thesen visuell aufzupeppen, greifen die Autoren immer wieder auf Merkkästchen, Gehirnabbildungen und Comics zurück, wobei oft nicht einsichtig wird, welchem Zweck diese dienen: der Belustigung oder der Hervorhebung von Tatsachen? Man ist sich allzu oft nicht sicher.

Des Weiteren wird der Leser beharrlicher mit Alltagssituationen konfrontiert, die jeder schon einmal so oder so ähnlich erlebt hat. Durch die stark verallgemeinernden Thesen – gesprochen wird von „Durchschnittsmann“ und „Durchschnittsfrau“ – nistet sich ein Aha-Gefühl ein; man fühlt sich schnell bestätigt. Hierüber gerät leicht in Vergessenheit, dass so manche These diskriminierend und vorurteilsbeladen und nicht im Geringsten zuende gedacht ist. Hierzu gehört etwa die Annahme, dass Frauen gewisse Berufe nicht ausüben könnten, da ihnen natürlicherweise ein „ausgeprägtes Raumvorstellungsvermögen fehlt“.

Der Grund für die sozialen Geschlechterunterschiede ist den Autoren zufolge nicht darin zu sehen, dass Frauen und Männern von Kindesbeinen an bestimmte Präferenzen näher gelegt werden als andere, sondern in der unterschiedlichen biologischen Ausstattung. Der Mensch wird demzufolge bereits im Mutterleib in derartigem Umfang programmiert, „dass hauptsächlich unsere Hormone und die Verkabelungen in unserem Gehirn für unsere Ansichten, Vorlieben und unser Verhalten verantwortlich sind“. Wir wollen den Spieß an dieser Stelle nicht umdrehen und behaupten, dass jede menschliche Handlung das Ergebnis gesellschaftlicher Umstände oder gar eine gänzlich freie sei. Aber diese Möglichkeit entsprechend dem Pease-Tandem zu vernachlässigen, erscheint äußerst fragwürdig. Ein bewusstes Ausscheren aus der urgeschichtlichen Funktionszwangsjacke ist bei ihnen definitiv nicht möglich.

Macht man sich all diese Unzulänglichkeiten bewusst, so fragt man sich unweigerlich, warum die Verfasser, die von Beruf Kommunikationstrainer sind, mit über 25 Millionen verkauften Büchern rund um den Globus auf den Bestsellerlisten zu finden sind. Offenbar sehnen sich Frau und Mann angesichts der komplizierten Welt nach einfacher, einprägsamer Orientierung. Die Autoren geben jedoch mit ihren Ratschlägen ein fatales Signal, indem sie geschlechtsspezifische Typen und Masken entwerfen, die scheinbar so und nicht anders in der Realität vorkommen sollen. Darüber hinaus behindern sie mit ihren situationsbezogenen Handlungsratschlägen die eigentliche Kommunikation zwischen Mann und Frau. Sie lassen keinen Spielraum für individuelle, der jeweiligen zwischenmenschlichen Beziehung angepasste Lösungen.

Die Autorin und der Autor dieser Rezension fühlten sich bis zuletzt nicht ins rechte Licht gerückt. Weder sah er sein Repertoire darin erschöpft, „zu jagen und Beute nach Hause zu bringen“, in die Flammen zu starren und sich fortzupflanzen, noch sah sie ihre Erfüllung darin, Früchte zu sammeln, den Mann nach der anstrengenden Jagd zuhause zu pflegen und die Kinder großzuziehen. Vielleicht lässt sich also doch nicht alles mit der von Pease und Pease so geschätzten Evolutionstheorie erklären. Diesen Umstand kann man bedauern – oder es mit Immanuel Kant halten und dafür plädieren, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, um sich in der komplexen Wirklichkeit zurechtzufinden.

Zuerst veröffentlicht in: 360° – Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft, 2/2011: Beziehungsweisen. Erhältlich unter: www.journal360.de.

Allan und Barbara Pease (2010): Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Ganz natürliche Erklärungen für eigentlich unerklärliche Schwächen. Aus dem Englischen von Anja Giese. Erweiterte Neuausgabe. Berlin: Ullstein Verlag, 432 Seiten, 8,95 Euro. Kaufen bei: Amazon.

One Comment »

  1. Josc 3. Februar 2013 at 15:24 - Reply

    Das Leugnen der biologischen Ursachen der Wesensunterschiede zwischen Mann und Frau findet scheinbar immer Anhänger, obwohl in der Wissenschaft kein Zweifel an eben diesen Unterschieden besteht.

    Warum stellen Sie diesen Sachverhalt ins Abseits? Sind Sie nicht an der Wahrheit interssiert?

    Dass kulturelle Sozialisation einen Einfluss auf die kindliche Entwicklung hat, ist bis zu einem gewissen Grad sicherlich auch für Geschlechterrollen richtig, wissenschaftlich aber bis heute nicht belegt.

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