Die Linksverteidiger

22. November 2011 0

Cora Theobalt rezensiert Birgit Schulz‘ Film: Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte

Ströbele, Mahler und Schily (v.l.n.r.) – Foto: Bildersturm Filmproduktion

Einst waren sie unzertrennliche Freunde: Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler – drei engagierte Strafverteidiger, die, jeder auf seine Weise, deutsche Geschichte schreiben sollten. Die Wege dieser Männer haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gekreuzt. Zuletzt in dem preisgekrönten Dokumentarfilm Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte von Birgit Schulz.

Jedes Mal waren die Umstände der persönlichen und beruflichen Zusammenkunft andere. So beginnt der Film mit der folgenden fotografisch festgehaltenen Szene: Drei Herren sind zu sehen, zwei davon stehend in Talaren. Dahinter sitzt ein Angeklagter. Die Bildunterschrift lautet: „Die Anwälte und die RAF“. Gemeint sind die jungen Juristen Otto Schily und Hans-Christian Ströbele, die das Mandat für ihren Kollegen Horst Mahler übernommen haben. Letzterer, Mitglied der Roten Armee Fraktion, wird 1970 wegen Bankraubs und Gefangenenbefreiung verhaftet, angeklagt und verurteilt.


Schulz, Birgit (2011): Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte. Bildersturm Filmproduktion, Köln. DVD, 13,99 Euro. Kaufen bei. Amazon.

Chronologisch reflektiert die Dokumentation die Zeit der Studentenbewegung bis in unsere Gegenwart. Sie verfolgt die Proteste und Prozesse der 68er-Ära ebenso wie heutiges politisches Geschehen. Als roter Faden dient dabei vordergründig die fragile Freundschaft der drei Anwälte. Durch die Montage von aktuellen Interviews und Originalvideos sowie Schwarzweißfotos werden ebenfalls die vergangenen Jahrzehnte deutscher Geschichte komprimiert dargestellt.

Bei friedlichen Studentenprotesten gegen den Besuch des persischen Schahs kommt es 1967 in Berlin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Eine Großaufnahme zeigt den Studenten Benno Ohnesorg auf einer Bahre, erschossen vom Polizeihauptmeister und Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras. Für einige radikale Studenten beweist dieser Tod Ohnesorgs den noch immer faschistischen Charakter des deutschen Staates. Daher richtet sich ihr Widerstand und auch der der RAF in erster Linie gegen die Staatsgewalt in der Bundesrepublik und die Brutalität der Amerikaner im Vietnamkrieg.

Ströbele und Mahler teilen diese politische Einschätzung, obwohl Ströbele die Mittel der RAF ablehnt. Bei aller Sympathie für seine beiden Kollegen ist Schily als überzeugter Demokrat dagegen sehr darauf bedacht, auch zu den Zielen der RAF Distanz zu wahren. Dennoch stehen die drei Männer füreinander ein: Mahler erfährt die Unterstützung der beiden anderen besonders, als er seine aus der Verurteilung resultierende vierzehnjährige Haftstrafe antritt.

In ruhigen Sequenzen lässt Schulz die brutalen Ereignisse Revue passieren, die in den Stammheimer Prozessen von 1975 bis 1977 verhandelt werden: Die Anschläge auf zwei Kaufhäuser im Jahr 1968, die blutige Befreiung Gudrun Ensslins und Andreas Baaders aus der Haft 1970 durch die Journalistin Ulrike Meinhof und andere Genossen, die Entführungen und/oder Ermordungen prominenter Repräsentanten der deutschen Gesellschaft. Dazu zählen die Hinrichtungen des Bankiers Jürgen Ponto, des Generalbundesanwalts Siegfried Buback und des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Die drei Protagonisten werden im Laufe des Films nicht nur nach historischen Schlüsselereignissen gefragt. Kinderfotos und Bilder aus der Heimat der Anwälte visualisieren auch ganz persönliche Aussagen zu Kindheits-, Kriegs- und Nachkriegserfahrungen. Ihre individuelle Haltung zur Politik wird in den medialen Auftritten gespiegelt: Fernsehinterviews, Ausschnitte aus politischen Berichten und Schlagzeilen streut Schulz immer wieder in die Interviewsequenzen ein.

Die Wege der drei Männer kreuzen sich nach Mahlers vorzeitiger Haftentlassung 1980 unter anderen Vorzeichen wieder. Schily, Mitbegründer der Grünen, wird später Sozialdemokrat und in der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder Bundesinnenminister. Ströbele, von 1970 bis 1975 Mitglied der SPD, streitet seit 1985 für die Grünen und sitzt für diese noch heute im Bundestag. Und Mahler, der politisch von ganz links nach ganz rechts wechselte, findet man schließlich in den Reihen der NPD wieder. Beim NPD-Verbotsverfahren zwischen 2001 bis 2003 treffen Mahler und Schily als Kontrahenten aufeinander: Mahler vertritt die Partei vor dem Bundesverfassungsgericht, während Schily als Innenminister die Bundesrepublik repräsentiert. Das Verfahren wird eingestellt, Mahler geht als Sieger aus dem Gerichtssaal. Heute sitzt er wegen Volksverhetzung und weiterer Delikte wieder im Gefängnis, die Anwaltskammer Berlin hat ihm zudem seine Zulassung als Rechtsanwalt entzogen.

Die besondere Stärke des Films zeigt sich darin, dass er sich trotz der komplexen historischen und persönlichen Beziehungen jedes wertenden Kommentars enthält; nicht selten sprechen allein Mimik und Gestik der Interviewten Bände. Im Gegensatz etwa zum actiongeladenen und heldenzentrierten Film Der Baader-Meinhof-Komplex von Bernd Eichinger kommt Birgit Schulz in ihrer Dokumentation ohne Effekthascherei aus. Ihre Erzählweise erzeugt eigene Spannung – etwa, wenn sie durch geschickte Montage die Wucht der Bilder und die Brisanz der Aussagen für sich sprechen lässt.

Zum Gelingen dieses Kunstgriffs trägt ebenfalls bei, dass mit Ströbele, Mahler und Schily drei rhetorische Ausnahmetalente vor der Kamera stehen. Aber davon abgesehen, muss „das natürliche Talent zum Nachfragen“, das sich Schily selbst attestiert, ohne Abstriche auch der Regisseurin Birgit Schulz zugesprochen werden. Sie hat ein Zeitreise gedreht, die 2011 verdient mit dem Grimmepreis in der Kategorie Information & Kultur und von der Deutschen Film- und Medienbewertung mit dem Prädikat besonders wertvoll ausgezeichnet wurde.

Zuerst veröffentlicht in: 360° – Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft, 2/2011: Beziehungsweisen. Erhältlich unter: www.journal360.de.

Schulz, Birgit (2011): Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte. Bildersturm Filmproduktion, Köln. DVD, 13,99 Euro. Kaufen bei. Amazon.

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