Ich, der unbezahlte Sozialarbeiter

21. November 2011 0

Ordnung muss sein | Geistige Verführer und andere Spaßvögel

Proteste gegen den umstrittenen salafistischen Islamprediger Pierre Vogel in Koblenz 2011 – Foto: Schängel (CCLizenz)

Vielleicht hätte ich einmal Streetworker werden sollen, ein kleines Zahnrad in dieser gewaltigen Integrationsindustrie, die nur darauf bedacht ist, die Quelle ihrer Arbeit zu erhalten: Integrationsprobleme. Dann würde ich zumindest bezahlt werden für die kleinen und großen Späße, die ich mir erlaube. Ja, vielleicht wäre ich ein hervorragender Sonderbeauftragter für perspektivlose muslimische Jugendliche geworden. Arbeit gäbe es ja genug in Berlin, oder zumindest in Neukölln.

Einen dieser Späße erlaubte ich mir vergangenes Wochenende: Im Bus begannen zwei offenbar miteinander befreundete Jugendliche damit, sich und ihre Mütter auf Übelste zu beleidigen. Ich mischte mich ein, wollte von den beiden wissen, ob sie gläubige Muslime seien. Sie bejahten das – einer unterstrich es sogar mit einen „al-ḥamdu li-llāh“ – das arabische „Gott sei Dank“.

Daraufhin wollte ich von beiden wissen, warum sie sich nicht dementsprechend benehmen würden. Ja, warum sie ihre Aussagen ständig mit einem „Wallah“ (arab.: „Bei Allah“) als glaubwürdiger darstellen müssten. Steht im Koran nicht, nimm Allahs Namen nur in den Mund, wenn es dir genehmigt ist? Ob das wirklich im Koran steht weiß ich nicht, in meinem Exemplar habe ich bisher keine solche Phrase gefunden.

Das ist auch egal. Es machte Eindruck auf die beiden, die nun begannen, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen – und sich gegenseitig dazu anhielten nun ordentlich miteinander zu sprechen. Zum Abschied versprachen sie mir abschließend, ein Leben als fromme Muslime zu führen.

Junge Muslime sind oft auf der Suche nach Wissen und Autorität. Empirische Untersuchungen ergaben, dass viele junge Muslime kaum etwas über ihre Religion wissen. Muslim zu sein, heißt für die Mehrzahl, sich mit dem Islam zu identifizieren, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Auf der Suche nach Wissen stoßen sie oft auf die Internetvideos einschlägig bekannter Prediger, wie etwa des Salafisten Pierre Vogel. Der junge Mann vermittelt den Eindruck, einer von ihnen zu sein. In Wirklichkeit nutzt er die vorhandenen Sehnsüchte der jungen Muslime nach Führung und Autorität aus. Kein Wunder, dass die Masche zieht. Weder im Elternhaus noch in der Schule erleben die jungen Muslime Wissen und Autorität in einem. Damit machen sie es geistigen Verführern wie Pierre Vogel so einfach.

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