Linker Extremismus im Fokus

19. November 2011 4

Endlich untersucht die Wissenschaft wieder, warum vor allem junge Menschen zu Linksextremisten werden

Antifa-Demonstranten in Berlin – Foto: nick

Vielleicht ist es noch zu früh, eine solche Behauptung aufzustellen, aber der Linksextremismus scheint langsam (wieder) in den Fokus des öffentlichen Interesses zu rutschen. Ähnlich, wie der Islamismus bzw. der Islam selbst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 plötzlich in unzähligen Publikationen thematisiert wurde, widmen nun auch immer mehr Wissenschaftler dem Linksextremismus Aufmerksamkeit. Wie die Ereignisse der letzten Monate, etwa die nächtlich brennenden Autos in Berlin oder die mutmaßlich linksextremistischen Brandanschläge auf die Deutsche Bahn deutlich machen, wird das auch langsam Zeit. Der Verfassungsschutzbericht 2010 weist unter den Linksextremisten eine deutlich gestiegene Gewaltbereitschaft aus – zugleich wird an den Reaktionen der Politik deutlich, dass es bisher kaum gelungen ist, V-Leute in der Szene zu etablieren oder Informanten zu gewinnen. Nicht zuletzt ist die Extremismusklausel der Bundesfamilienministerin als politisches Signal zu verstehen, dass man sich der Dringlichkeit und Bedrohung auch ganz oben bewusst wird.

Nun hat die Bundeszentrale für politische Bildung einen umfangreichen Forschungsband Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland herausgebracht, der vor allem dem Schattendasein des Linksextremismus in den Sozialwissenschaften ein Ende setzen soll, da seit der Wiedervereinigung und 9/11 der Fokus auf Rechtsextremismus und Islamismus lag. Erst Anfang dieses Jahres hatten die beiden Politikwissenschaftler Harald Bergsdorf und Rudolf van Hüllen mit ihrem Buch die Frage gestellt: Linksextrem – Deutschlands unterschätzte Gefahr? Armin Pfahl-Traughber zieht dazu in seiner lesenswerten Rezension folgendes Fazit:

„Da die letzte Gesamtdarstellung zum Linksextremismus mit politikwissenschaftlichem Anspruch 1996 erschien, ist allein schon die Publikation einer solchen Arbeit auf Basis des aktuellen Informationsstandes begrüßenswert. Das Kapitel zu den Denkstrukturen im Linksextremismus beeindruckt durch die inhaltlich kritische Analyse einschlägiger Ideologien und Strukturen, fehlte so etwas doch in der bisherigen Literatur zum Thema.“

Sehr interessant ist auch die neue Studie Jugendliche als Opfer und Täter von Gewalt in Berlin von Dirk Baier und Christian Pfeiffer am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN). Hier wurde (neben den äußerst interessanten Erkenntnissen zu Berlins muslimischen Jugendlichen) erstmals versucht, mittels eines Fragekomplexes linkextreme Einstellungen und Verhalten bei Neuntklässlern zu erfassen.

Interesse & politische Selbstverortung

Grundlegend wurde zunächst erfragt, wie hoch das Interesse an Politik im Allgemeinen sei und wo sich die Schüler auf einer politischen Links-Rechts-Achse verorten. Nur ein Drittel der Befragten interessierte sich überhaupt für Politik, wie zu erwarten waren es mehr, je höher die Schulform war. Sich politisch einzuordnen, gelang 56 Prozent der Neuntklässler überhaupt nicht. Von den übrigen stuften sich 40 Prozent als eher links ein, knapp neun Prozent als eher rechts und gut die Hälfte in der politischen Mitte. Dort lag das politische Interesse mit 55 Prozent leicht über den Linken, fast zehn Prozentpunkte über den Rechten und war rund dreimal so hoch, wie bei denjenigen, die sich nicht auf der Links-Rechts-Achse verorten konnten.

Wurde danach gefragt, welche Partei die Probleme Deutschlands am besten lösen könnte, wussten dies 30 Prozent der Befragten nicht, 13 Prozent meinten, keine Partei sei dazu in der Lage. Gab es eine Identifikation mit einer Partei, war dies vorwiegend bei den Parteien des linken Spektrums: Die Linke 7,5 Prozent, Grüne 16,1 Prozent, SPD 25,5 Prozent, FDP 3,4 Prozent, CDU/CSU 13,7 Prozent, NPD 1,6 Prozent, Andere (mit Schwerpunkt Piraten) 1,6 Prozent.

Linksextreme Einstellungen bei Jugendlichen

Da es nach den KFN-Autoren kein etabliertes Instrument zur Messung von linksextremistischen Einstellungen gibt, wurde ein eigener Befragungskomplex entwickelt, der erstmals an Berliner Schülern 1 erprobt wurde. Die Verhaltensweisen von Linksextremisten seien dabei relativ klar zu benennen, anders sehe es aber bei Einstellungen aus. Um der Komplexität des Phänomens gerecht zu werden, fügten die Forscher den vier beim Verfassungsschutz erfassten Dimensionen Anti-Faschismus, Anti-Kapitalismus, Anti-Repression und Anti-Militarismus noch zwei weitere ideologische hinzu: Zum Einen wurde die Befürwortung des Kommunismus bzw. der Wunsch nach Abschaffung des Staates erfasst. Zum Anderen stand die Gewaltbefürwortung gegenüber Institutionen und Akteuren im Fokus.

Wie man Tabelle 1 entnehmen kann, fanden anti-kapitalistische und anti-faschistische Aussagen die größte Zustimmung bei bis zu fast der Hälfte der Befragten. Allerdings muss man bereits hier methodenkritisch anmerken, dass manche Aussagen (Items) eher Gemeinplätze bedienen (z.B. zur Dimension Anti-Kapitalismus), andere wiederum auch von Menschen mit libertären Ansichten bestätigt würden (z.B. zur Dimension Kommunismus oder Anti-Repression).

Dimension Item

Zustimmung

Anti-Kapitalismus Heutzutage werden die Menschen von den Reichen und Mächtigen ausgebeutet.

39,2%

Die Wirtschaft macht die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer.

47,9%

Kommunismus Wirklich frei können wir nur dann sein, wenn der ganze Staat abgeschafft wird.

10,6%

Anti-Repression Polizei und Staat bespitzeln uns auf Schritt und Tritt.

13,6%

Die Polizei macht uns das Leben schwer, anstatt uns zu helfen.

14,7%

Anti-Militarismus Es darf zukünftig kein Euro mehr für das Militär ausgegeben werden.

16,1%

Gewaltbefürwortung Gegen die Unterdrückung von Staat und Polizei muss man gezielt Gewalt einsetzen.

13,8%

Es ist richtig, wenn die Luxusautos der Reichen angezündet werden.

7,0%

Wenn die Polizei am 1. Mai mit ihren Truppen anrückt, sind Steine und Brandsätze die richtige Antwort.

13,6%

Anti-Faschismus Nazis sollten auch mit Gewalt bekämpft werden.

46,4%

Rechte Parteien und Kameradschaften sollten verboten werden.

40,0%

Tabelle 1: Zustimmung zu linksextremen Einstellungen. Als Zustimmung wurden die Antworten 5-7 auf seiner siebenstufigen Skala (1=stimmt nicht, 7=stimmt genau) gewertet. Quelle: Baier & Pfeiffer (2011: 159) (Auszug).

 

Bildet man nun den Mittelwert aus der Zustimmung zu den einzelnen Items liegt dieser bei 2,99. Nur eine Minderheit der Berliner Jugendlichen würde demzufolge linksextremistische Einstellungen haben. In drei Gruppen aufgeteilt, lehnen 83,9 Prozent der Befragten linksextremistische Einstellungen ab (Mittelwert unter 4), 13,7 Prozent stimmen eher zu (Mittelwert zwischen 4 und 5,5) und 2,3 Prozent stimmen voll zu (Mittelwert über 5,5).

Wenig überraschend sind die Zusammenhänge mit anderen Einstellungen: Jugendliche, die sich der sogenannten Antifa oder einer Autonomen-Gruppe zurechnen (1,3% bzw. 1,8%), sind siebenmal linksextremer als die anderen Schüler. Auch die Einstellung gegenüber der Polizei korreliert stark mit Linksextremismus, was aber teilweise redundant ist, da Linksextremismus auch mit der Feindschaft gegenüber Sicherheitsbehörden erfasst wurde. Neuntklässler, die sich eher als politisch links einstuften und mit der Linkspartei sympathisieren, neigen ebenfalls eher zu linksextremistischen Einstellungen.

Zwei Fakten sind jedoch von besonderem Interesse, weil sie so von den Medien (und anderen) gerne unterschlagen werden: Befragte, die sich als politisch eher rechts einordneten, stimmten den linksextremistischen Einstellungen auch stark erhöht zu. So galten 23,3 Prozent derjenigen, die mit der NPD sympathisieren, als eher linksextrem, ebenso 21,2 Prozent der Linkspartei-Sympathisanten. Bei den anderen Parteien traf das nur auf maximal halb so viele zu. Hier beweisen sich wieder einmal die verwandten Denkmuster und Ideologien des Links- und Rechtsextremismus bzw. des Internationalen Sozialismus und des National(en) Sozialismus. Der andere interessante Aspekt betrifft die ethnischen Gruppen: Migranten sind gleich häufig linksextrem eingestellt, wie Deutsche.

Linksextremes Verhalten

Neben linksextremen Einstellungen wurden auch Verhaltensweisen abgefragt, unterschieden nach niedrigschwelligem Verhalten und Straftaten. Tabelle 2 weist die Befragten aus, die auf einer fünfstufigen Skala tendenziell linksextremes Verhalten zugaben. Legt man hier die Maximalwerte zugrunde, 2 hat sich immerhin ein Fünftel der Befragten mindestens gelegentlich tendenziell linksextrem verhalten, 5,1 Prozent sogar häufiger.

Verhalten

selten/manchmal

oft/sehr oft

Tragen linker Buttons/Sticker

5,8%

1,4

Lesen linker Texte (nicht für die Schule) der Autoren Lenin, Mao, Che Guevara, Trotzki, Abu-Jamal.

11,9%

2,9%

Hören linker Musik der Gruppen Rasta Knast, WIZO, Betontod, Terrorgruppe.

5,3%

2,0%

Besuch linker Webseiten: Indymedia, Kommunistische Plattform, Marxistisches Forum, Cuba Si.

2,8%

0,7%

Tabelle 2: Niedrigschwelliges linksextremes Verhalten auf einer fünfstufigen Skala (1=nie, 5=sehr oft), Werte für nie nicht aufgeführt. Quelle: Baier & Pfeiffer (2011: 161) (Auszug).

 

Wieder fallen Angehörige von Antifa- und Autonomen-Gruppen besonders negativ auf, 27,8 Prozent zeigten häufig niedrigschwelliges linksextremes Verhalten. Von den Jugendlichen, denen zuvor linksextreme Einstellungen zugeschrieben wurden, handelten 26,2 Prozent häufig tendenziell linksextrem.

Linksextreme Straftaten wurden wesentlich weniger begangen bzw. zugegeben. Einige abgefragte Straftaten wurden zudem von so wenigen Jugendlichen begangen oder wiesen keinen deutlichen Bezug zum Linksextremismus auf, dass sie hier nicht aufgeführt werden (vgl. Tabelle 3).

Straftat

Ausgeübt

Absichtlich jemanden geschlagen oder verletzt, weil er rechts war.

3,1 %

Absichtlich Dinge beschädigt, weil sie Personen gehörten, die rechts waren.

2,5%

Absichtlich ein von Rechten bewohntes Haus/einen rechten Jugendclub beschädigt.

0,9%

Einen Farbbeutel auf ein Haus, ein Auto oder ähnliches geworfen, um gegen die Großunternehmer und Millionäre zu protestieren.

0,9%

Ein leer stehendes Wohnhaus, Fabrikgebäude oder ähnliches besetzt.

3,7%

Tabelle 3: Linksextreme Straftaten. Quelle: Baier & Pfeiffer (2011: 162), eigene Darstellung.

 

Insgesamt gaben 7,6 Prozent an, mindestens eine der abgefragten Straftaten in ihrem Leben begangen zu haben. Antifa-Mitglieder und insbesondere Autonome traten wieder stark erhöht in Erscheinung (6,6% bzw. 34,2%). Linksextrem eingestellte Jugendliche wurden zu 44,6 Prozent straffällig und Jugendliche, die häufig niedrigschwelliges linksextremes Verhalten auswiesen zu 21,2 Prozent.

Insgesamt, so schlussfolgern die KFN-Forscher, können nur rund ein Prozent der Berliner Jugendlichen als linksextrem eingestuft werden, weil sie linksextremen Einstellungen zustimmen und gleichzeitig häufig niedrigschwelliges linksextremes Verhalten aufweisen und/oder linksextreme Straftaten begehen. Hinzu kommt:

„Obwohl also relativ viele Jugendliche niedrigschwellige linksextreme Verhaltensweisen oder Straftaten ausführen, scheint dies häufig nicht ideologische motiviert zu sein. Der Anteil sehr linksextrem eingestellter Jugendlicher fällt mit 2,3% eher gering aus.“

Von den Risikofaktoren scheint linksextremes Verhalten typisch für Jugenddelinquenz und Jugendgewalt zu sein: Vor allem erlebte Gewalt im Elternhaus, ein delinquenter Freundeskreis, eine hohe Risikobereitschaft und ein erhöhter Alkoholkonsum führen zu Linksextremismus.

Aussagen über eine jugendtypische Protesthaltung und Delinquenz hinaus können mit dieser Studie also noch nicht getroffen werden. KFN hat jedoch einen deutlich erhöhten Forschungsbedarf ausgewiesen. Aus bildungspolitischer Sicht muss außerdem betont werden, dass die geringe ideologische Untermauerung von potenziellen linksextremistischen Straftätern viele Ansätze zur Prävention bietet. Hier sind Politik, Bildungseinrichtungen und Zivilgesellschaft nun aufgerufen, dringend Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen.

Notes:

  1. An anderer Stelle ebenfalls bei saarländischen Schülern.
  2. Es handelt sich hier nicht um Einstellungen, sondern Verhaltensweisen. Deswegen muss man bereits von niedrigschwelligem Verhalten sprechen, wenn ein Befragter ein abgefragtes Verhalten häufig ausübt, ein anders aber z.B. gar nicht.

4 Comments »

  1. Anmerkung 19. November 2011 at 16:11 - Reply

    Das Label der Dimension Kommunismus spiegelt nicht die Fragestllung wieder. Ablehnung des Staates ist ja gerade kein Kennzeichen dieser Ideologie.
    MfG
    Ein Leser

  2. Emmett Grogan 20. November 2011 at 07:44 - Reply

    @Anmerkung. Nicht ganz, denn auch der Kommunismus kennt das Ziel des Absterben des Staates. Das ist bei der praktischen Verwirklichung zum Gegenteil kommt und – aufgrund der unzureichenden marxistischen Gesellschaftsanalyse – auch zwingend kommen muss – ist eine andere Sache.

  3. Felix Strüning 21. November 2011 at 22:41 - Reply

    Deswegen ja auch mein Hinweis auf die Ungenauigkeit. Die Abschaffung des Staates würde jemand mit libertären Einstellungen (wenn es so etwas unter Jugendlichen überhaupt gibt) ebenfalls bejahen. Vielleicht sollte man das Label daher eher als Anarchie betiteln. Oder als Europäische Union im Sinne Wolfgang Schäubles 😉

  4. Anmerkung 22. November 2011 at 00:30 - Reply

    Danke fürs freischalten der Anmerkung,
    Ich möchte mich für diese vorzeigbare Seite bedanken, kritisch aber ohne die Vorschlaghammerrethorik einiger anderer Diskussionsorte. Hier kann mal auch einen Guti hinversenden ohne dass der seine Vorurteile bestätigt kriegt.

    Danke für dieses Gleichgewicht im Netz,

    Teilweise ist eine Ablehnung von konservativen oder einfach nur pro marktwirtschaftlichen Positionen ein einfaches runterbeten von
    politischen Versatzstücken und leicht verdaulichen Analysehäppchen. Bei anderen webseiten wird die Welt dann auch immer sehr monocausal gesehen.
    Eigentlich müsste die Linke an vorderster Stelle gegen Machokulturen und dreligöse Intoleranz kaschieren. Eine historisch bedingte Angst vor dem Furor teutonicus verblendet hier eine Analyse der wirklichkeit.
    Eine Vorschlaghammerrethorik bestärkt solche Filter.

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