Der nackte Wahnsinn

19. November 2011 0

Leitartikel: Mutige Ägypterin setzt Zeichen für Liberalismus

Eine mutige Frau: die Ägypterin Alia Magda al-Mahdi

Es war zu schön, um wahr zu sein: die Länder Nordafrikas rebellierten gegen ihre Unterdrücker und ebneten den Weg in ein neues, friedliches, offenes, freiheitlich-demokratisches Zeitalter. Und das aus sich selbst heraus.

Der Protest der so genannten „Generation Facebook“ hatte, so die Verlautbarung hiesiger Medien, die frohe Kunde einer neuen Gesellschaftsform, gegründet auf den Werten von Liberalismus und Humanismus, in die trockenen Steppen des islamisch-geprägten Norden Afrikas getragen. Also stürzten die Menschen dort ihre bösen Diktatoren und fanden endlich einen Weg in westlich-anmutende Staatsformen.

Jetzt kommt die Realität

So weit das Märchen. Jetzt kommt die Realität. Die ägyptische Freiheitskämpferin Alia Magda al-Mahdi, die wohl wirklich zu jener „Generation Facebook“ zu zählen ist, hat ihr Heimatland mit einem Skandal erschüttert: sie hat Nacktbilder von sich selbst ins Internet gestellt. Aus politischem Protest.

In Deutschland berichtet Spiegel-Online als erstes Massenmedium über diesen Fall, der tatsächlich vieles von dem, was bislang über die „Arabellion“ berichtet wurde, revidiert. Alia Magda al-Mahdi ist 20 Jahre alt, Studentin der Kunst- und Medienwissenschaften und bezeichnet sich selbst als „säkulare, liberale, feministische, vegetarische, individualistische Ägypterin.“ Hierzulande wäre sie damit ziemlich durschnittlich.

Für europäische Verhältnisse eher altmodisch

Doch mit ihrer aktuellen Aktion scheint sie den Bogen für ägyptische Verhältnisse überspannt zu haben: die Nacktbilder, die sie mit roten Lackschuhen, Nylonstrümpfen und einer Schleife im Haar zeigen, wurden auf der Internetseite der großen Tageszeitung „al-Masri al-Joum“ gezeigt. Doch nach dem Eingang zahlreicher Beschwerde-Mails nahm die Zeitung die Bilder aus dem Netz.

Selbst der Spiegel stellt fest, dass die Bilder für europäische Verhältnisse eher altmodisch wirken. „Doch in der konservativen ägyptischen Gesellschaft, wo sich Paare in der Öffentlichkeit nicht küssen dürfen und Frauen auf der Straße nicht einmal ihre nackten Arme zeigen, hat die Aufnahme eine Lawine der Entrüstung losgetreten.“

Wunsch nach einer züchtigen, islamischen Gesellschaft

Mittlerweile distanzieren sich selbst die Liberalen in Ägypten von den Nacktbildern, da sie in Sorge sind, damit im anstehenden Wahlkampf in Verbindung gebracht zu werden. Die britisch-kurdische Bloggerin Ruwaida Mustafa Raba twitterte dementsprechend: „Ägyptens Liberale werden jetzt als Pro-Nacktheit gesehen, und das könnte ihrem Wahlkampf wirklich schaden“.

Nutzen könnte der Skandal, der hierzulande kaum wahrgenommen wird aber in Ägypten ein großes Thema ist, indes den Islamisten und Salafisten. Denn sie bedienen den Wunsch vieler Ägypter nach einer züchtigen, islamischen Gesellschaft. So hatte sich beispielsweise ein Sprecher der Salafisten erst kürzlich geweigert, im Fernsehen von einer Journalistin ohne Kopftuch interviewt zu werden.

Niemand weiß, wo sie sich befindet

Während solche extremistischen Auswüchse mit Verhaltensweisen aus dem vorletzten Jahrtausend hierzulande von geradezu lächerlich wirkenden Gestalten wie dem deutschen Salafisten Pierre Vogel vertreten werden, sind sie in Ägypten und weiten Teilen Nordafrikas noch heute weit verbreitet. Das zeigt, dass die Werte von Freiheit und Demokratie in diesen Staaten noch längst keinen Siegeszug angetreten haben, sondern bestenfalls in den Kinderschuhen stecken.

Alia Magda al-Mahdi ist derweil untergetaucht. Niemand weiß, wo sie sich befindet. Ihr Freund Karim Amer, ein Blogger-Aktivist, der bereits mehrere Jahre im Gefängnis saß, weil er den ehemaligen Präsidenten Mubarak und den Islam kritisiert haben soll, weiß nicht, wo sie sich befindet und sorgt sich um sie. Doch in einem Interview stellt er sich entschlossen hinter sie: „Ich bin sehr stolz auf sie“, sagte er dem Blog Cyberdissident.org. Und er könne niemals so mutig sein wie sie.

Der allgegenwärtige, gesellschaftspolitische Einfluss des Islam

Tatsächlich sind es Menschen wie Alia Magda al-Mahdi und Karim Amer, wegen denen die Hoffnung berechtigt erscheint, dass Länder wie Ägpyten von sich aus den Weg in freie, demokratische Staatsformen finden könnten. Dementgegen stehen jedoch die mächtigen Statthalter des Islam, denen Freiheit und Demokratie ein Dorn im Auge sind.

Und es zeigt sich auch und vor allem in diesem Fall, was der wahre Grund für die Zustände in Nordafrika ist: der allgegenwärtige, gesellschaftspolitische Einfluss des Islam steht der Entfaltung freiheitlich-demokratischer Staats- und Gesellschaftsformen im Wege.

 

Leave A Response »